Ich sende Liebe

Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Ich glaube an die Kraft der Liebe.
Ich sende Liebe zu Donald Trump, Kim Jong-un und Wladimir Putin.

Fear is a bad guide.
I believe in the power of love.
I am sending love to Donald Trump, Kim Jong-un and Vladimir Putin.

Alles Liebe und Gute für 2012

Gedicht zum Neuen Jahr

Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit,
Ein bißchen mehr Güte und weniger Neid,
Ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß,
Ein bißchen mehr Wahrheit – das wäre doch was!

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh’,
Statt immer nur Ich ein bißchen mehr Du,
Statt Angst und Hemm

ung ein bißchen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel, ein bißchen mehr Licht,
Kein quälend Verlangen, ein bißchen Verzicht,
Und viel mehr Blumen, solange es geht,
Nicht erst auf Gräbern – da blüh’n sie zu spät!

Peter Rosegger

Ludwig van Beethoven – 9. Sinfonie

Ode an die Freude

Angst vor Mitgefühl kann tödlich sein

Angst vor Mitgefühl kann tödlich sein

Der 73 Jahre alte Psychiater Arno Gruen über die fatalen Folgen der Wettbewerbsgesellschaft für die Psyche des Einzelnen. Ein Plädoyer für die Empathie.

Das Abendblatt besuchte den Autor und Therapeuten in Zürich

Von Lutz Wendler

Zürich

ABENDBLATT: Sie praktizieren seit 50 Jahren als Therapeut und schreiben parallel Bücher, in denen Sie aufzeigen, dass viele Menschen in unserer Zivilisation unter der Art leiden, wie wir miteinander umgehen.

ARNO GRUEN: Wir leben in einer Zivilisation, die nicht das Miteinander, sondern das Gegeneinander kultiviert. Unsere Gesellschaft ist auf Macht, Herrschen, Besitz gegründet. Wir sehen alles als Wettbewerb. Man braucht andere Menschen, um erfolgreich zu sein, man muss praktisch auf sie treten. Erfolg besteht darin, dass andere versagen. Das Mitgefühl geht dabei verloren. In vielen sogenannten primitiven Kulturen sind dagegen das Miteinander und das Füreinandersorgen gang und gäbe.

ABENDBLATT: Welche Folgen hat eine solche Anpassungsleistung in unserer Gesellschaft?

GRUEN: Viele Studien zeigen, dass dort, wo der Gehorsam extrem ist, das Mitgefühl kaputtgemacht wird. Schon in den 50er-Jahren gab es eine berühmte Untersuchung in Yale. Der Psychologe Stanley Milgram wollte den Gehorsam dort studieren, wo der Gehorsam alles möglich gemacht hatte: in Deutschland. Zuvor aber machte er einen Test in Yale/Connecticut, wo die Menschen nicht vom Gehorsam imprägniert sind. Die Probanden sollten angeblichen Prüflingen nach Anweisung “von oben” elektrische Stromstöße geben, damit die besser lernten. Die Strafenden wussten nicht, dass sie Schauspieler vor sich hatten, die Schmerzen simulierten. Zwei Drittel der Versuchspersonen führten alle Anweisungen aus. Milgram war entsetzt, dass dies in Amerika möglich war, sodass er auf einen Versuch in Deutschland verzichtete. Der Test wurde jedoch von anderen in weiteren Ländern wiederholt. Die Ergebnisse waren immer in etwa gleich: Ungefähr zwei Drittel sind so gehorsam, dass sie, obwohl sie fühlen, dass ein anderer leidet, das ausführen, was man ihnen befiehlt.

ABENDBLATT: Ein Schlüsselwort in Ihrer Arbeit ist Empathie, also die Fähigkeit zum Mitgefühl. Macht sie unser Menschsein aus? Mehr als die kognitiven Fähigkeiten?

GRUEN: Absolut. Die kognitiven Fähigkeiten sind wichtig, werden aber in unserer Gesellschaft als Maß aller Dinge angesehen, während das Gefühlsleben nur eine geringe Rolle spielt. Ungeachtet der Tatsache, dass wir das Mitfühlen schon im Mutterleib erleben. Was die Mutter fühlt und wie sie mit ihrem Kind kommuniziert, ist empathisch – und das Nervensystem, das die Muskeln steuert, ist das System, durch das Empathie ausgedrückt wird.

ABENDBLATT: Kann denn das, was unser Menschsein ausmacht, komplett verloren gehen?

GRUEN: Ich habe mit Mördern in einem englischen Gefängnis gearbeitet. Ein Mann, den ich interviewte und der Leuten den Hals durchgeschnitten hatte, als wäre es Salami, der erzählte mir ohne Gefühlsregungen, dass er im Alter von drei Jahren von seiner Mutter zur Strafe mit kochendem Wasser übergossen worden sei. Er zeigte dabei kein Gefühl von Schmerz oder Wut, überhaupt nichts. Es gab in diesem Gefängnis jedoch einen interessanten Versuch: Man ließ Häftlinge gemeinsam mit professionellen Schauspielern Shakespeare-Dramen einstudieren. Es war bewegend, an Schwerverbrechern zu beobachten, wie das Mitgefühl in ihnen aufstieg. Es wurde danach für sie schwierig, mit dem zu leben, was sie anderen angetan hatten. Einige versuchten, sich das Leben zu nehmen. Das aber war der Anfang einer Genesung. Wenn sich die Fähigkeit der Empathie wiedererwecken lässt, dann ist das hoffnungsvoll.

ABENDBLATT: Aber ohne Hilfe werden sie zur Gefahr . . .

GRUEN: Menschen, die Angst vor ihrem eigenen Mitgefühl haben, sind in der Lage zu töten, wenn andere sie daran erinnern. Nehmen Sie als Beispiel den SS-Mann Klaus Barbie, den man den “Schlächter von Lyon” nannte. Er sagte in einem Interview, bevor er von den Franzosen vor Gericht gestellt wurde, zum Mord an dem Widerstandskämpfer Jean Moulin, den er verhört und gefoltert hatte: “Ich fühlte, dass er ich war.” Barbie glaubte also, diesen Mann töten zu müssen, weil er den Teil von ihm repräsentierte, den er an sich hasste. Menschen wie Barbie wurde in der Kindheit die Menschlichkeit ausgetrieben. Sie erhielten nur dann Unterstützung, wenn sie keine Gefühle zeigten, kein Mitgefühl hatten.

ABENDBLATT: Wie kommt es, dass wir Schmerzen von denen gelindert haben wollen, die uns diese Schmerzen zugefügt haben?

GRUEN: Kinder benötigen jemanden, durch den sie sich sehen können. Wenn früh etwas falsch läuft, bekommt ein Kind keinen Zugang zu seinen eigenen Werten und Wahrnehmungen und wird abhängig von denen, die es bestimmen: von Eltern, Lehrern, dem Staat. Die Autorität, der das Kind und später der Erwachsene sich beugt, gibt ihnen das Gefühl, dass sie jemand sind – von der Autorität werden sie darin bestätigt, weil sie gehorsam sind.

ABENDBLATT: Wie sieht eine seelisch gesunde Erziehung aus?

GRUEN: Das Wichtigste ist es, dass man dem Kind entgegenkommt und nicht glaubt, das Kind strebe Macht über uns an, wenn es sich nicht so verhält, wie es uns gefällt. Wenn wir so denken, dann ist auch das die Folge unserer kognitiven Prägung und unserer gesellschaftlichen Vorstellung vom Gegeneinander. Das bedeutet auch im Umgang mit unseren Kindern die Idee vom Kampf. Man darf also nicht lieb sein, wenn sie schreien, sondern muss hart bleiben, weil man glaubt, dass sie einen sonst beherrschen. Ein Gegenbeispiel hat der Ethnologe Eibl-Eibesfeldt in Neuguinea gefilmt, wo eine Mutter durch richtiges Handeln zeigt, wie man Kinder zum Teilen motiviert: indem man sie selber entscheiden lässt. Das meint, dass ein Kind aus eigener Kraft zum Teilen kommt und nicht durch Gehorsam. Wir hätten uns eingemischt und die Entscheidung erzieherisch vorgemacht. So bringen wir uns um die Einsicht, dass Kinder von sich aus eine richtige Entscheidung treffen können.

ABENDBLATT: Hält Konformismus die Gesellschaft zusammen?

GRUEN: Leider, das ist das Problem. Die Ordnung muss aufrechterhalten, die Gesellschaft stabilisiert werden. Aber das funktioniert nicht: Die Prozesse, die alles wieder auseinanderbringen, haben ja mit Wettbewerb zu tun, mit der Negierung der Mitmenschlichkeit. Und das treibt die Gesellschaft auseinander. Selbst Freud war der Meinung, man müsse das Innere im Griff haben. Er glaubte, unsere Instinkte seien eine Gefahr für das Gemeinschaftliche. Und deshalb müsse schon das Kind lernen, seine instinktuellen Triebe zu bändigen. Aber was in primitiven Gesellschaften passiert, ist das Gegenteil davon. Wenn sich ein Kind in Einklang mit seinen Wahrnehmungen, seinem Erleben, seinen Trieben entwickelt, dann entwickelt sich auch die Empathie, und es handelt nicht destruktiv gegen allgemeines Wohl. Wir dagegen sind in unserem Modell gefangen: Einerseits muss man Law and Order sichern, sonst fällt alles auseinander. Andererseits ist die innere Dynamik unserer Gesellschaft etwas, was Law and Order dauernd gefährdet, weil sie Menschen erzeugt, die voller Wut und Hass sind – permanenter Wettbewerb lässt das Menschsein nicht zu.

ABENDBLATT: Gibt es in der Psychotherapie eine Heilung?

GRUEN: Well, ich denke, sie kann zu einer tiefen Änderung führen, weil der Patient die eigenen Kräfte entdeckt und sie entwickeln kann, sodass etwas ganz Neues in dem Menschen möglich wird. Aber es ist ein langer, mühsamer Weg. Es hat viel mit intensivem Schmerz zu tun, mit dem man sich nicht leicht konfrontiert. Aber da kann man durch.

ABENDBLATT: Ihr aktuelles Buch “Ich will eine Welt ohne Kriege” haben Sie jungen Menschen gewidmet. Glauben Sie an die Kraft der Jugend, aus festgefahrenen Denk- und Handlungsmustern auszubrechen?

GRUEN: Ich denke, die Pubertät ist eine Phase, in der man rebellieren kann. Man fängt neu an, nicht alles in unserer Welt als gegeben hinzunehmen. Insofern gibt die Jugend uns allen eine Chance für einen Neubeginn.

ABENDBLATT: Wie sollen ältere Menschen, speziell Eltern, mit der Rebellion umgehen?

GRUEN: Es braucht ja keine Rebellion zu geben. Aber wenn die Jugendlichen anfangen, etwas infrage zu stellen, sollten die Erwachsenen erst mal zuhören. Und wenn Eltern das können, dann ist das schon der Beginn einer neuen Erfahrung. Beide Seiten können davon profitieren.

Arno Gruen, “Ich will eine Welt ohne Kriege”, Klett-Cotta, 126 Seiten; 12 Euro. Weitere wichtige Werke von Arno Gruen: “Der Verrat am Selbst” (1986), “Der Wahnsinn der Normalität” (1987), “Falsche Götter” (1993), “Der Verlust des Mitgefühls” (1997), “Der Fremde in uns” (2000), “Hass in der Seele” (2001).

erschienen am 7. November 2006

Quelle: Abendblatt

Die Traurigkeit

traurig

Die Traurigkeit

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: ‘Wer bist du?’

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. ‘Ich? Ich bin die Traurigkeit’, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

‘Ach, die Traurigkeit!’ rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

‘Du kennst mich?’ fragte die Traurigkeit misstrauisch.

‘Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.’

‘Ja, aber…’, argwöhnte die Traurigkeit, ‘warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?’

‘Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?’

‘Ich… ich bin traurig’, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. ‘Traurig bist du also’, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.

‘Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.’

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. ‘Ach, weißt du’, begann sie zögernd und äußerst verwundert, ‘es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter den Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.’

Die Traurigkeit schluckte schwer. ‘Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestautenTränen sprengen fast ihre Köpfe.

Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.’

‘Oh ja’, bestätigte die alte Frau, ’solche Menschen sind mir schon oft begegnet.’

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. ‘Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zubauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut.

Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.’ Die Traurigkeit schwieg.

Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. ‘Weine nur, Traurigkeit, flüsterte sie liebevoll, ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern.

Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.’

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen.

Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: ‘Aber… aber – wer bist eigentlich du?’

‘Ich?’ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. ‘Ich bin die Hoffnung.’

Quelle des Textes: per e-mail von Petra zugesandt bekommen

Bild von Ulrike Grosse-Festert – Fotocommunity