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leonardo

Giorgio Vasari über Leonardo da Vinci

Die Lebensgeschichte des umfassendsten Genies der Renaissance

Leonardo da Vinci

Geboren am 15. April 1452 in Vinci bei Empoli. Gestorben am 2. Mai 1519 auf Schloß Cloux bei Amboise

Reiche und manchmal übernatürliche Gaben sehen wir oft von der Natur mit Hilfe der himmlischen Einflüsse über einzelne Menschen ausgebreitet. Bisweilen aber vereinigen sich wie ein ungeheures Geschenk in einer einzigen Persönlichkeit Schönheit, Liebenswürdigkeit und Kunstbegabung so herrlich, daß jede ihrer Handlungen glücklich erscheint, alle anderen Sterblichen hinter ihr zurückbleiben und sich deutlich offenbart: ihre Leistung ist von Gott gespendet, nicht aber durch menschliche Kunst erworben. Dies erkannte man bei Leonardo da Vinci. Sein Körper war mit nie genügend gepriesener Schönheit geschmückt, in allen seinen Handlungen zeigte er die größte Anmut, und er besaß so vollkommene Fähigkeiten, daß er auch das Schwierigste, was er unternahm, mit Leichtigkeit löste. Seltene Kraft verband sich in ihm mit Gewandtheit, sein Mut und seine Kühnheit waren erhaben und groß, und der Ruf seines Namens verbreitete sich so weit, daß er nicht nur von der Mitwelt, sondern noch viel mehr von der Nachwelt gepriesen wurde.

Wirklich wunderbar und gottbegnadet war Leonardo, der Sohn des Ser Piero da Vinci. Er würde als Gelehrter in den Wissenschaften Großes geleistet haben, wenn er weniger unbeständig und wandelbar gewesen wäre. Doch unternahm er viele Dinge und ließ die begonnenen sehr bald wieder liegen. So machte er in der Rechenkunst in wenigen Monaten unglaubliche Fortschritte und trug seinem Meister dauernd Zweifel und Einwände vor, die diesen oft in Verwirrung setzten. Auch die Musik begann er zu studieren und entschloß sich dann bald, das Lautenspiel zu lernen. Und da sein Sinn aufs Höchste gerichtet und voll der schönsten Gedanken war, improvisierte er zu diesem Instrument wundervolle Gesänge. Wenn er so auch vielerlei Dinge trieb, unterließ er es doch nicht, zu zeichnen und Reliefs zu verfertigen, eine Beschäftigung, die mehr als andere seinem Sinn entsprach. Sein Vater Piero, der dieses sah und die Hoheit seines Geistes erkannte, nahm eines Tages eine Anzahl seiner Zeichnungen und brachte sie seinem Freunde Andrea del Verrochio mit der dringenden Bitte, ihm zu sagen, ob Leonardo, wenn er sich der Zeichenkunst widme, es darin zu etwas bringen könne.

Andrea erstaunte über die außerordentlichen Anfänge des Knaben und ermunterte Piero, ihn diesen Beruf wählen zu lassen, worauf jener den Leonardo in die Werkstatt des Andrea sandte. Der Knabe trat hier mit großer Begeisterung ein und übte nun nicht nur einen Beruf, sondern alle, die in das Gebiet der Zeichenkunst gehören. Er hatte einen so glücklichen und wunderbaren Verstand, daß er ein trefflicher Geometer wurde, der nicht nur als Bildhauer arbeitete, sehr jung schon einige lachende weibliche Köpfe aus Ton formte, die in Gips vervielfältigt wurden, und ebenso einige Kinderköpfe, die von Meisterhand gebildet zu sein schienen, sondern auch in der Baukunst viele Zeichnungen zu Grundrissen und Gebäuden entwarf. Trotz seiner Jugend war er der erste, der Vorschläge machte, um den Arnofluß in einen Kanal von Florenz bis Pisa zu fassen. Ebenso fertigte er Zeichnungen zu Mühlen, Walkmühlen und anderen Maschinen an, die durch Wasser getrieben werden, und da er die Malerei zu seinem eigentlichen Beruf wählte, übte er sich viel im Zeichnen nach der Natur. Bisweilen formte er Modelle verschiedener Figuren in Erde, legte darüber weiche Lappen, in Gips getaucht, und bemühte sich mit äußerster Geduld, sie auf ganz feine oder schon gebrauchte Leinwand nachzuzeichnen, indem er sie schwarz und weiß mit der Spitze des Pinsels bewunderungswürdig ausführte. Auf Papier zeichnete er so fleißig und sauber, daß keiner ihn hierin je an Zartheit erreicht hat. – Gott hatte über diesen Geist eine solche Anmut ausgegossen, verbunden mit einer außerordentlichen Darstellungsgabe und einem klaren Verstand, dem sein stets zuverlässiges Gedächtnis überall zu Hilfe kam. Er konnte in Zeichnungen seine Gedanken so deutlich ausdrücken, daß er imstande war, jeden noch so starken Geist durch seine Reden zu besiegen und durch seine Gründe zu verwirren.

Täglich verfertigte er Modelle und Zeichnungen, um zu zeigen, wie man mit Leichtigkeit Berge abtragen und durchbohren könne, um von einer Ebene zur anderen zu gelangen; wie mit Hebebäumen, Haspen und Schrauben große Lasten zu heben und zu ziehen seien, in welcher Weise man Seehäfen ausräumen und durch Pumpen Wasser aus den Tiefen heraufholen könne. Solche schwierigen Dinge erdachte sein Geist ohne Unterlaß, und es gibt von diesen Gedanken und Bemühungen eine Menge Zeichnungen.Handschriften mit Zeichnungen Leonardos sind noch zahlreich erhalten, zum Teil noch unveröffentlicht. Die berühmteste ist der sogenannte Codex Atlanticus in Mailand. Außerdem verlor er viel Zeit damit, daß er geordnete Schnurgeflechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum andern verfolgen konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb. Unter diesen Zeichnungen und Modellen war eins, mit dem er mehrfach den zahlreichen sachverständigen Bürgern, die damals Florenz regierten, zeigte, daß er den Tempel San Giovanni hochheben und die Freitreppen unterschieben könne, ohne ihn zu beschädigen. In der Unterhaltung war Leonardo so angenehm, daß alle Menschen sich zu ihm hingezogen fühlten. Obgleich er eigentlich fast nichts besaß und wenig arbeitete, hielt er sich doch immer Diener und Pferde, an denen er eine große Freude hatte. Ebenso behandelte er alle anderen Tiere mit großer Liebe und Geduld. Oftmals, wenn er an einen Platz kam, wo man Vögel verkaufte, nahm er sie eigenhändig aus ihrem Käfig, zahlte den verlangten Preis und ließ sie dann fliegen, um ihnen die verlorene Freiheit wiederzugeben. Deshalb war die Natur ihm so freundlich, daß bei allem, worauf er Herz und Sinn auch wandte, ihm kein anderer an Bestimmtheit, Lebendigkeit, Güte, Lieblichkeit und Anmut gleichkam.

Leonardo begann viel aus Liebe zur Kunst, beendete aber fast nie etwas, denn es schien ihm, die Hand könne nie zu der Vollkommenheit in der Kunst gelangen, die seinem Geist vorschwebte. Seine Einfälle waren so vielfältig, daß er auch über Naturvorgänge nachdachte, sich bemühte, die Beschaffenheit der Pflanzen kennenzulernen, und die Bewegung des Himmels, den Lauf des Mondes und der Sonne beobachtete. Er kam, wie gesagt, in seiner Kindheit zu Andrea del Verrochio in die Lehre. Dieser arbeitete an einer Tafel der Taufe Christi, und Leonardo malte darin einen Engel, der einige Gewänder hält. Trotz seiner Jugend führte er diese Gestalt so vollendet aus, daß sein Engel die Figuren des Andrea bei weitem übertraf. Dies war der Grund dafür, daß der Meister keine Farben mehr anrühren wollte, voll Zorn, daß ein Kind mehr verstehe als er.Das Bild mit der Taufe Christi jetzt in den Uffizien in Florenz.

Man erzählt: eines Tages besuchte den Ser Piero da Vinci in seinem Landhaus einer seiner Bauern, brachte ihm einen von ihm selbst aus einem Feigenbaum des Gütchens gearbeiteten runden Schild und bat ihn, in Florenz irgend etwas darauf malen zu lassen. Piero tat es gerne, weil der Bauer im Vogel- und Fischfang viel Übung hatte und er sich oftmals in diesen Dingen seiner Hilfe bediente. Er ließ den Schild nach Florenz bringen, gab ihn Leonardo, ohne zu sagen, wem er gehörte, damit er etwas darauf male. Dieser nahm den Schild eines Tages vor, sah, daß er krumm, schlecht und plump gearbeitet war, bog ihn am Feuer zurecht und ließ endlich durch einen Drechsler aus diesem ungeschickten Werk ein feines und gleichmäßiges formen. Darauf grundierte er ihn mit Gips, bereitete ihn nach seiner Weise zu und fing an, darüber nachzudenken, was er wohl darauf malen könne, um den, der sich ihm entgegenstellte, zu erschrecken und dieselbe Wirkung hervorzubringen wie einst das Haupt der Medusa. Zu diesem Zweck brachte er in sein Zimmer, das er allein betrat, Eidechsen, Grillen, Schlangen, Schmetterlinge, Heuschrecken, Fledermäuse und andere seltsame Tiere dieser Art und schuf aus diesem wunderlichen Haufen durch verschiedenartige Zusammenstellungen ein gräßliches und erschreckliches Untier. Aus dem geöffneten Rachen sprühte giftiger Atem, Feuer aus den Augen und Rauch aus den Nüstern, während es aus einem dunkeln, zerborstenen Felsen hervorkam, so daß es wirklich ungeheuerlich und schrecklich erschien. Bei seinem übergroßen Eifer für die Arbeit hatte er gar nicht bemerkt, welchen unerträglichen Gestank die inzwischen verstorbenen Tiere im Zimmer verbreiteten. Als das Werk vollendet war, um das sich weder der Bauer noch der Vater mehr gekümmert hatten, forderte Leonardo diesen auf, den Schild gelegentlich abholen zu lassen, er seinerseits sei damit fertig. Ser Piero begab sich deshalb eines Morgens zu der Wohnung des Sohnes und klopfte an die Tür. Leonardo öffnete und bat ihn, ein wenig zu warten. Er eilte ins Zimmer zurück, stellte den Schild auf die Staffelei in rechtes Licht, ließ durch das Fenster nur einen matten Schein hereinfallen und rief den Vater, um das Werk zu besichtigen. Ser Piero dachte im ersten Augenblick nicht an Derartiges, und da er nicht glaubte, den Schild, sondern ein gemaltes Untier vor Augen zu haben, fuhr er unwillkürlich zurück. Leonardo aber hielt ihn und sagte: »Das Werk ist brauchbar für den Zweck, für den es gearbeitet wurde. Nehmt es und tragt es fort, das ist die Wirkung, die man von einem Kunstwerk erwartet.« Dem Vater erschien die Sache mehr als wunderbar, er lobte den launigen Einfall, kaufte, ohne etwas zu sagen, einen anderen Schild, worauf ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz gemalt war, und gab ihn dem Bauern, der sich ihm dafür zeitlebens verpflichtet fühlte. Den Schild Leonardos dagegen verkaufte er für hundert Dukaten an Kaufleute in Florenz, durch die dieser bald in den Besitz des Herzogs von Mailand gelangte, der dreihundert Dukaten dafür bezahlte.

Auch kam Leonardo der phantastische Gedanke, als Ölbild den Kopf der Medusa mit einer Frisur von ineinander geschlungenen Schlangen zu malen, die seltsamste und wunderlichste Erfindung, die man sich nur denken kann. Da das Werk aber Zeit erforderte, ließ er es, wie so viele andere Dinge, unvollendet liegen. Wunderbar ist, wie dieses Genie, das das Bestreben hatte, die Gegenstände, die es schuf, plastisch hervortreten zu lassen, so mit den dunklen Schatten ging, um den Grundton der noch dunkleren herauszufinden, wie er nach einem Schwarz suchte, das schwärzer war als die übrigen und zu deren Schattierung geeignet wäre und durch das die Lichter noch glänzender erschienen. Endlich entdeckte er jene ganz dunklen Tinten, in denen gar kein Licht mehr ist, besser geeignet, die Nacht als den schwächsten Schein des Tageslichtes nachzubilden. Dies alles aber geschah, um den Gegenständen mehr Rundung zu geben und die Kunst zur Grenze und Vollendung zu führen.

Ein besonderes Vergnügen machte es ihm, wenn er Menschen mit ungewöhnlichen Gesichtszügen, Bärten oder Haarschmuck begegnete. Er hätte solchen den ganzen Tag nachgehen können, und ihre Gestalt prägte sich ihm so ein, daß er sie zu Hause zeichnete, als ob sie vor ihm ständen. In dieser Weise hatte er viele männliche und weibliche Köpfe ausgeführt. – Eine Tafel mit der Anbetung der Könige wurde von ihm angefangen; sie enthält viel Schönes, besonders an Köpfen, blieb aber unvollendet, wie seine anderen Arbeiten auch.

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Im Jahre 1494 war Giovan Galeazzo, Herzog von Mailand, gestorben, und Lodovico Sforza wurde zum Nachfolger gewählt. Dieser fand großes Vergnügen am Lautenspiel, und Leonardo wurde deshalb ehrenvoll berufen. Er nahm ein Instrument mit, das er selbst fast ganz aus Silber in Form eines Pferdekopfes verfertigt hatte, eine seltsame und neue Gestalt, berechnet, dem Klang mehr Stärke und Wohllaut zu geben. Dadurch übertraf er alle Musiker, die nach Mailand gekommen waren, um dort zu spielen. Außerdem war er zu seiner Zeit der beste Improvisator im Reimen. Der Herzog, durch die wunderbaren Gaben Leonardos entzückt, verliebte sich in seine Talente so sehr, daß es fast unglaublich war. Er bat ihn, eine Altartafel zu malen, eine Geburt Christi, die als Geschenk Lodovicos an den Kaiser gesandt wurde.Die Madonna in der Felsgrotte im Louvre in Paris. Ein zweites Exemplar in London.

Für die Dominikanermönche in Santa Maria delle Grazie in Mailand schuf er noch ein Abendmahl von seltener und wunderbarer Trefflichkeit. Den Köpfen der Apostel gab er so viel Majestät und Schönheit, daß er das Haupt des Heilandes unausgeführt ließ, überzeugt, er vermöge ihm nicht jene himmlische Göttlichkeit zu verleihen, die für ein Bild Christi erforderlich sei. Das Werk verblieb so, als ob es vollendet wäre, und ist immerdar von den Mailändern wie von den Fremden hochgepriesen worden. Leonardo war darin aufs beste gelungen, den Argwohn auszudrücken, der die Herzen der Apostel erfaßt hat, die wissen möchten, wer ihren Meister verraten hat. Aus den Gesichtern aller spricht Liebe, Furcht und Zorn, aber auch der Schmerz, daß sie die Seele Christi nicht verstehen, und dies ist ebenso wunderbar wie der Trotz, Haß und Verrat, den man an Judas erkennt, überdies sind die geringsten Einzelheiten des ganzen Werkes mit unglaublicher Sorgfalt gearbeitet, sogar das Gewebe des Tischtuches ist so wiedergegeben, wie man es in feinstem Leinenzeug nicht besser sehen könnte.

Man erzählt, der Prior des Klosters habe Leonardo sehr ungestüm gedrängt, das Werk zu vollenden. Ihm schien es seltsam, den Künstler bisweilen einen halben Tag in Betrachtung verloren zu sehen. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn er gleich Arbeitern, die den Garten umhacken, den Pinsel niemals aus der Hand gelegt hätte. Dies aber genügte ihm nicht. Er beschwerte sich auch bei dem Herzog und drängte ihn so lange, bis dieser sich gezwungen sah, Leonardo rufen zu lassen und ihn freundlichst zur Arbeit anzuspornen, wobei er ihm würdig versicherte, er tue dies nur auf die Zudringlichkeit des Priors. Leonardo kannte den klaren Verstand und den Takt des Fürsten, deshalb entschloß er sich, mit ihm ausführlich über die Sache zu sprechen, was er bei dem Prior nie getan hätte. Er äußerte sich weitläufig über die Kunst und machte ihm verständlich, daß erhabene Geister bisweilen am meisten schaffen, wenn sie am wenigsten arbeiten, nämlich in der Zeit, wo sie erfinden und vollkommene Ideen ausbilden, die dann der Verstand erfaßt und die Hände ausdrücken und formen. Zwei Köpfe, fügte er hinzu, fehlten ihm noch: der des Erlösers, nach dem er auf Erden nicht suchen wolle und der, wie er glaube, seiner Phantasie niemals in jener Schönheit und himmlischen Anmut vorschweben könne, die der Mensch gewordenen Gottheit entspreche; der andere, über den er nachdenke, sei der des Judas. Ihm scheine unmöglich, passende Gesichtszüge für jenen Jünger zu finden, dessen trotziger Geist nach so zahlreichen empfangenen Wohltaten zu dem Entschluß fähig gewesen wäre, seinen Meister, den Schöpfer der Welt, zu verraten. Nach diesem jedoch wolle er suchen, und wenn er keinen anderen finde, so bliebe ihm immer noch der lästige und zudringliche Prior. Dies brachte den Herzog sehr zum Lachen, und er gab Leonardo tausendmal recht. Der arme Prior aber, in Verwirrung geraten, beschäftigte sich fortan mit seinen Gartenarbeiten und ließ den Künstler in Frieden; dieser führte den Kopf des Judas so trefflich zu Ende, daß er das wahre Bild des Verrats und der Unmenschlichkeit ist; das Haupt Christi dagegen blieb unvollendet. Die Herrlichkeit dieses Gemäldes, die Zusammenstellung wie die fleißige Ausführung erweckten beim König von Frankreich den Wunsch, es in sein Reich bringen zu lassen. Er suchte auf alle Weise nach Baumeistern, die es mit Holzbalken und Eisen fest genug zu binden vermöchten, damit man es unbeschädigt fortbringen könne, der möglichen Kosten achtete er nicht, so groß war sein Verlangen danach. Weil es jedoch auf die Mauer gemalt war, verging schließlich seiner Majestät die Lust dazu, und es blieb in Mailand.

Während er an diesem Werk arbeitete, machte Leonardo dem Herzog den Vorschlag, ein Pferd in Bronze von staunenerregender Größe zu verfertigen und darauf den verstorbenen Herzog zum Andenken darstellen zu lassen.Das Denkmal sollte den Vater des Herzogs, den Markgrafen Francesco Sforza, darstellen. Er begann und vollendete das Modell, aber in solcher Größe, daß es niemals ausgeführt werden konnte. Und wie oftmals. Neid die Menschen zu boshaftem Urteil bewegt, gab es verschiedene, die meinten, Leonardo habe es gleich anderen seiner Arbeiten begonnen, damit es nicht vollendet werde. Seine Größe war Ursache, daß unglaubliche Schwierigkeiten entstanden, als es in einem Stück gegossen werden sollte, und man könnte wohl glauben, der Ausgang habe einigen Menschen jenen Gedanken eingegeben, weil sehr viele seiner Arbeiten nicht zum Schluß kamen. Doch wahrscheinlich wurde sein erhabener, herrlicher Geist durch allzu großes Streben gehindert, so daß sein Trachten, Trefflichkeit über Trefflichkeit und Vollkommenheit über Vollkommenheit zu erringen, die Schuld daran trug und, wie Petrarca sagt, »Verlangen das Werk hemmte«. Wer das von Leonardo in Ton ausgeführte Modell jenes Denkmals betrachtete, gestand, nie etwas Schöneres und Stolzeres gesehen zu haben. Es erhielt sich, bis die Franzosen mit ihrem König Ludwig nach Mailand kamen und es zerstörten. Auch ein kleines, sehr vollkommenes Wachsmodell desselben Werkes ist verlorengegangen, zugleich mit einem Buch über die Anatomie der Pferde, das Leonardo zu eigenem Studium gearbeitet hatte.

Mit noch größerer Sorgfalt beschäftigte er sich mit der Anatomie des Menschen, ein Studium, bei dem er und Marcantonio della Torre sich gegenseitig unterstützten.Marcantonio della Torre, berühmter Anatom (1482 bis 1512). Dieser Marcantonio, ein ausgezeichneter Philosoph, der damals in Pavia Vorlesungen hielt und darüber schrieb, war einer der ersten, der mit der Lehre des Galen die medizinischen Fragen zu erläutern begann. Hierbei bediente er sich des Geistes, des Werkes und der Hand Leonardos. Dieser füllte ein ganzes Buch mit Rötel- und Federzeichnungen nach menschlichen Körpern, die er zum Teil eigenhändig sezierte, und zu jedem Blatt schrieb er Erläuterungen in schlechter Schrift, die verkehrt mit der linken Hand geschrieben ist und die niemand, der keine Übung hat, versteht, weil sie nur im Spiegel gelesen wird. Wer jene Schriften aber liest, dem scheint es unglaublich, daß dieser göttliche Geist so trefflich zugleich über die Kunst und über Muskeln, Nerven, Adern und alles andere mit solcher Sachkenntnis sprechen konnte. Einige andere Schriften Leonardos, wiederum mit der linken Hand verkehrt geschrieben, handeln von der Malerei und den verschiedenen Arten der Zeichnung und der Farbgebung.Der Traktat über die Malerei, 1498 vollendet, wurde in der deutschen Übersetzung von Heinrich Ludwig durch Marie Herzfeld unter dem Titel »Das Malerbuch Leonardo da Vincis« (Jena 1909) herausgegeben. Zu dieser Zeit kam der König von Frankreich nach Mailand, und auf seine Bitten, irgend etwas Wunderbares zu machen, schuf er einen Löwen, der einige Schritte gehen konnte und dann und wann die Brust öffnete, die voller Lilien war.

Leonardo kehrte nach Florenz zurück. Dort erfuhr er, die Servitenbrüder hätten dem Filippino das Bild für den Hauptaltar der Nunziata übertragen, und äußerte: solch ein Werk würde er auch gern übernommen haben. Als Filippino dies hörte, zog dieser liebenswürdige Mensch sich von der Sache zurück, und die Mönche übertrugen Leonardo das Bild. Sie nahmen ihn ins Haus, gaben ihm den Unterhalt für sich und alle seine Angehörigen, was er lange Zeit geschehen ließ, ohne etwas anzufangen. Endlich aber verfertigte er einen Karton, worauf die Madonna, die heilige Anna und das Christuskind so schön abgebildet waren, daß nicht nur alle Künstler, sondern jeder sich zur Bewunderung verpflichtet fühlte, der sie anschaute. Zwei Tage lang sah man Männer und Frauen, jung und alt wie zu einem glänzenden Fest nach dem Zimmer wallfahren, um das Wunderwerk Leonardos zu sehen.

Auch begann Leonardo für Francesco del Giocondo das Bildnis der Mona Lisa, seiner Frau, zu malen. Vier Jahre Mühe wandte er dabei auf, dann ließ er es unvollendet, und es befindet sich jetzt zu Fontainebleau im Besitz des Königs Franz von Frankreich. Wer sehen wollte, wie weit es der Kunst möglich ist, die Natur nachzuahmen, der erkannte es an diesem schönen Kopfe. Alle kleinen Einzelheiten waren darin aufs feinste abgebildet, die Augen hatten Glanz und Feuchtigkeit, wie wir es im Leben sehen, ringsumher bemerkte man die rötlich-blauen Kreise und das Geäder, das man nur mit der größten Zartheit ausführen kann. Bei den Brauen sah man, wo sie am vollsten, wo sie am spärlichsten sind, wie sie aus den Poren der Haut hervorkommen und sich wölben, so natürlich, als es nur zu denken ist. An der Nase waren die feinen Öffnungen rosig und zart aufs treuste nachgebildet. Der Mund hatte, wo die Lippen sich schließen und das Rot mit der Farbe des Gesichts sich vereint, eine Vollkommenheit, daß er nicht wie gemalt, sondern wirklich wie Fleisch und Blut erschien. Wer die Halsgrube aufmerksam betrachtete, glaubte das Schlagen der Pulse zu sehen. Kurz, man kann sagen, dieses Bild war in einer Weise ausgeführt, die jeden vorzüglichen Künstler und jeden, der es sah, erbeben machte. Mona Lisa war sehr schön, und Leonardo brauchte noch die Vorsicht, daß, während er malte, immer jemand zugegen sein mußte, der sang, spielte und Scherze trieb, damit sie fröhlich bleiben und nicht ein trauriges Aussehen bekommen möchte, wie es häufig der Fall ist, wenn man sitzt, um sein Bildnis malen zu lassen. Über diesem Angesicht dagegen schwebt ein so liebliches Lächeln, daß es eher von himmlischer als von menschlicher Hand zu sein schien; und es galt für bewundernswert, weil es dem Leben völlig gleich war.Jetzt im Louvre in Paris.

Durch die herrlichen Werke dieses göttlichen Meisters war sein Ruhm so gewachsen, daß jeder, der an der Kunst Freude hatte, ja ganz Florenz Verlangen trug, daß er daselbst irgend etwas zu seinem Gedenken hinterlassen möchte. Man sprach davon, ihm ein bedeutendes Werk zu übertragen, damit der Geist und die Anmut, die alle seine Arbeiten zeigten, der Stadt zur Zierde gereichen möchten. Die Gonfalonieri und ersten Bürger verhandelten untereinander, da in jener Zeit der große Ratssaal neu erbaut worden war. Man hatte ihn mit großer Schnelligkeit beendet und bestimmte nunmehr durch ein öffentliches Dekret, Leonardo solle daselbst ein schönes Bild malen. Piero Soderini, der damalige Gonfaloniere der Justiz, übergab ihm die Arbeit. Um sie auszuführen, begann Leonardo in Santa Maria Novella, im Saal des Papstes, einen Karton, worin er die Geschichte von Niccolò Piccinino, Feldhauptmann des Herzogs Filippo von Mailand, darstellte. Er zeichnete darin einen Trupp Reiter, die um eine Fahne kämpfen, und dieses Werk wurde als meisterhaft anerkannt wegen der bewundernswerten Überlegung, mit der Leonardo diese stürmische Szene ordnete. Wut, Zorn und Rachsucht erkennt man in den Menschen ebenso wie in den Pferden. Zwei dieser Tiere sind mit den Vorderfüßen ineinander verschränkt und fallen sich mit den Zähnen an, wütend wie die um die Fahne kämpfenden Reiter. Einer der Soldaten hat mit beiden Händen das Ende der Standarte gefaßt, treibt das Pferd zur Flucht, wirft mit den kraftvollen Schultern den Körper zurück, umklammert den Schaft der Fahne und sucht sie so gewaltsam den Händen von vier Kriegern zu entreißen, die sie verteidigen. Jeder hält sie mit einer Hand, in der anderen schwingen sie die Schwerter, um den Schaft abzuhauen, während ein alter Krieger mit rotem Barett mit einer Hand ebenfalls den Schaft ergriffen hat. Mit der anderen hebt er einen krummen Säbel in die Höhe und führt schreiend vor Wut den Streich, um den Soldaten die Hände abzuhauen, die zähnebleckend in wilder Stellung ihre Fahne zu verteidigen suchen. Außerdem sind auf der Erde zwischen den Füßen der Pferde noch zwei andere Krieger verkürzt gezeichnet: der eine liegt auf dem Boden, der andere hat sich über ihn geworfen, hebt den Arm hoch empor und setzt ihm mit gewaltiger Kraft den Dolch an die Kehle. Jener dagegen verteidigt sich mit Armen und Beinen, um dem Tod zu entgehen. Es läßt sich kaum sagen, wie schön Leonardo die verschiedene Kleidung der Soldaten, den Helmschmuck und andere Zieraten gezeichnet und welche Meisterschaft er bei den Umrissen und der Gestaltung der Pferde gezeigt hat, denn besser als irgend sonst ein Meister wußte er diesen Tieren Wildheit, richtiges Muskelspiel und anmutige Schönheit zu verleihen. Zur Ausführung seines Kartons hatte sich Leonardo ein ungemein kunstvolles Gerüst verfertigen lassen, das sich hob, wenn man es zusammenzog, und sich senkte, wenn man es auseinanderzog. Da er das Bild in Öl auf die Mauer malen wollte, machte er eine so dicke Mischung, um die Mauer damit zu leimen, daß sie im weiteren Verlauf beim Malen in diesem Saal derartig durchzuschlagen begann, daß er die Arbeit nach kurzer Zeit aufgab, weil er erkannte, daß sie zugrunde gehen würde.Der Karton selbst ist verloren, doch besitzen wir Beschreibungen und Teilkopien.

Leonardo ging mit Giuliano de' Medici nach Rom zur Zeit der Wahl Papst Leos, der sich viel mit Philosophie und mehr noch mit Alchimie beschäftigte. Dort verfertigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er flüssig war, sehr zarte Tiere, die er mit Luft füllte; blies er hinein, so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer seltsamen Eidechse, die der Winzer von Belvedere fand, machte er Flügel aus der abgezogenen Haut anderer Eidechsen, die er mit Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitterten, wenn sie lief. Dann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie in eine Schachtel und jagte damit alle seine Freunde in Furcht und in die Flucht. Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können. Diese trug er in ein großes Zimmer, brachte in eine anstoßende Stube ein paar Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte. So zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und mit Luft erfüllt wurden, und während sie, anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt, sich mehr und mehr im Raum ausbreiteten, verglich er sie mit dem Genie. Dergleichen Torheiten trieb er unzählige, beschäftigte sich mit Spiegeln und versuchte auf, die sonderbarste Weise Öle zum Malen und Firnisse zu finden, um die vollendeten Werke zu erhalten.

Zwischen Leonardo und Michelangelo herrschte große Abneigung, und der Wettbewerb zwischen beiden war schuld, daß Michelangelo Florenz verließ, wobei ihn der Herzog Giuliano entschuldigte, da er vom Papst wegen der Fassade von San Lorenzo berufen worden war. Als Leonardo dies hörte, ging er auch von dannen und begab sich nach Frankreich, wo der König mehrere Werke von ihm besaß und ihm sehr gewogen war.Schon 1506 in Mailand trat Leonardo in den Dienst des Königs von Frankreich. 1516 folgte er dann dem Ruf Franz' I. und siedelte nach dem Schlößchen Cloux bei Amboise über. Der König wünschte, Leonardo möchte den Karton von der heiligen Anna malen.Jetzt im Louvre in Paris. Dieser hielt ihn wie gewöhnlich lange mit Worten hin. Endlich, alt geworden, lag er viele Monate krank, und als der Tod ihm nahte, wollte er sich mit allem Fleiß in dem katholischen Ritus und der richtigen Lehre der heiligen christlichen Religion unterweisen lassen. Er beichtete reuevoll unter vielen Tränen, und obwohl er nicht mehr auf den Füßen stehen konnte, ließ er sich doch, von den Armen seiner Freunde und Diener unterstützt, das heilige Sakrament außerhalb des Bettes reichen. Der König, der ihn oft und liebevoll besuchte, kam bald nachher zu ihm. Leonardo richtete sich ehrfurchtsvoll empor, um im Bett zu sitzen, schilderte ihm sein Übel mit allen Umständen und klagte, daß er gegen Gott und Menschen gefehlt habe, da er in der Kunst nichts getan hätte, wie seine Pflicht gewesen wäre. Diese Anstrengung rief einen stärkeren Anfall hervor, der der Vorbote des Todes war. Der König erhob sich und hielt ihm das Haupt, um ihm eine Hilfe und Gunst zur Erleichterung seines Übels zu erweisen. Da erkannte Leonardos göttlicher Geist, es könne ihm größere Ehre nicht widerfahren, und er verschied in den Armen des Königs im siebenundsechzigsten Jahre seines Lebens.

Sein Tod verursachte allen, die ihn gekannt hatten, größte Betrübnis. Nie war der Malerei von einem Künstler mehr Ehre gemacht worden. Der Glanz seines schönen Angesichtes erheiterte jedes traurige Gemüt, und seine Rede konnte die hartnäckigste Meinung zu Ja und Nein bewegen. Jedes heftige Ungestüm wußte er durch die Kraft zurückzuhalten, die in ihm wohnte. Mit seiner Rechten bog er das Eisen eines Mauerrings oder eines Pferdehufs, als ob sie Blei wären. Mit natürlicher Freigebigkeit bot er seinen Freunden Aufnahme und Bewirtung, gleichviel ob sie arm oder reich waren, wenn nur Geist und Tugend sie zierten. Das unbedeutendste, schmuckloseste Zimmer verschönte und verherrlichte er durch jede seiner Handlungen. Und wie die Stadt Florenz durch die Geburt dieses Künstlers eine große Gabe empfing, erlitt sie durch seinen Tod einen mehr als herben Verlust. In der Kunst der Ölmalerei wurde von ihm eine gewisse Schattierung erfunden, durch die die neueren Künstler ihren Gestalten große Kraft und Rundung geben. Was er in der Bildhauerei vermochte, zeigte er an den drei Bronzefiguren über der nördlichen Tür von San Giovanni. Sie wurden von Giovan Francesco Rustici gegossen, aber nach Angabe Leonardos entworfen und sind in Zeichnung und Ausführung das schönste Gußwerk, das in neuerer Zeit gesehen wurde. Leonardo danken wir die Anatomie der Pferde und die noch viel vollkommenere des menschlichen Körpers. Und obgleich er mehr durch Worte als durch Taten gewirkt hat, wird um seiner vielen göttlichen Vorzüge willen sein Name und sein Ruf niemals verlöschen.

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