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Jede Kulturepoche, die in sich ein vollständig durchgebildetes Ganze vorstellt, spricht sich nicht nur im staatlichen Zusammenleben, in Religion, Kunst und Wissenschaft kenntlich aus, sondern sie drückt auch dem geselligen Dasein ihren bestimmten Stempel auf. So hatte das Mittelalter seine nach Ländern nur wenig verschiedene Hof- und Adelssitte und Etikette, sein bestimmtes Bürgertum.
Die Sitte der italienischen Renaissance ist hievon in den wichtigsten Beziehungen das wahre Widerspiel. Schon die Basis ist eine andere, indem es für die höhere Geselligkeit keine Kastenunterschiede mehr, sondern einen gebildeten Stand im modernen Sinne gibt, auf welchen Geburt und Herkunft nur noch dann Einfluss haben, wenn sie mit ererbtem Reichtum und gesicherter Musse verbunden sind. In absolutem Sinne ist dies nicht zu verstehen, indem die Standeskategorien des Mittelalters bald mehr, bald weniger sich geltend zu machen suchen, und wäre es auch nur, um mit der ausseritalienischen, europäischen Vornehmheit in irgendeinem Rangverhältnis zu bleiben; aber der allgemeine Zug der Zeit war offenbar die Verschmelzung der Stände im Sinn der neuern Welt.
Von erster Wichtigkeit war hiefür das Zusammenwohnen von Adligen und Bürgern in den Städten mindestens seit dem 12. Jahrhundert1), wodurch Schicksale und Vergnügungen gemeinschaftlich wurden und die Anschauung der Welt vom Bergschloss aus von vornherein am Entstehen verhindert war. Sodann liess sich die Kirche in Italien niemals zur Apanagierung der jüngern Söhne des Adels brauchen wie im Norden; Bistümer, Domherrnstellen und Abteien wurden oft nach den unwürdigsten Rücksichten, aber doch nicht wesentlich nach Stammtafeln vergeben, und wenn die Bischöfe viel zahlreicher, ärmer und aller weltlichen Fürstenhoheit in der Regel bar und ledig waren, so blieben sie dafür in der Stadt wohnen, wo ihre Kathedrale stand, und bildeten samt ihrem Domkapitel ein Element der gebildeten Bevölkerung derselben. Als hierauf absolute Fürsten und Tyrannen emporkamen, hatte der Adel in den meisten Städten allen Anlass und alle Musse, sich ein Privatleben zu schaffen (S. 163 f.), welches politisch gefahrlos und mit jeglichem feinern Lebensgenusse geschmückt, dabei übrigens von dem der reichen Bürger gewiss kaum zu unterscheiden war. Und als die neue Poesie und Literatur seit Dante Sache eines jeden2) wurde, als vollends die Bildung im Sinne des Altertums und das Interesse für den Menschen als solchen hinzutrat, während Condottieren Fürsten wurden und nicht nur die Ebenbürtigkeit, sondern auch die eheliche Geburt aufhörten, Requisite des Thrones zu sein (S. 45), da konnte man glauben, ein Zeitalter der Gleichheit sei angebrochen, der Begriff des Adels völlig verflüchtigt.
Die Theorie, wenn sie sich auf das Altertum berief, konnte schon aus dem einen Aristoteles die Berechtigung des Adels bejahen oder verneinen. Dante z. B. leitet noch3) aus der einen aristotelischen Definition, »Adel beruhe auf Trefflichkeit und ererbtem Reichtum« seinen Satz her: »Adel beruhe auf eigener Trefflichkeit oder auf der der Vorfahren.« Aber an andern Stellen gibt er sich damit nicht mehr zufrieden; er tadelt sich4), weil er selbst im Paradies, im Gespräch mit seinem Ahn Cacciaguida, der edlen Herkunft gedacht habe, welche doch nur ein Mantel sei, von dem die Zeit beständig abschneide, wenn man nicht täglich neuen Wert hinzusetze. Und im Convito5) löst er den Begriff nobile und nobiltà fast gänzlich von jeder Bedingung der Geburt ab und identifiziert ihn mit der Anlage zu jedem sittlichen und intellektuellen Vorrang; ein besonderer Akzent wird dabei auf die höhere Bildung gelegt, indem die nobiltà die Schwester der filosofia sein soll.
Je konsequenter hierauf der Humanismus sich die Anschauungsweise der Italiener dienstbar machte, desto fester überzeugte man sich auch, dass die Abstammung über den Wert des Menschen nicht entscheide. Im 15. Jahrhundert war dies schon die herrschende Theorie. Poggio in seinem Gespräch »vom Adel«6) ist mit seinen Interlokutoren - Niccolò Niccoli und Lorenzo Medici, Bruder des grossen Cosimo - schon darüber einverstanden, dass es keine andere Nobilität mehr gebe als die des persönlichen Verdienstes. Mit den schärfsten Wendungen wird manches von dem persifliert, was nach dem gewöhnlichen Vorurteil zum adligen Leben gehört. »Vom wahren Adel sei einer nur um so viel weiter entfernt, je länger seine Vorfahren kühne Missetäter gewesen. Der Eifer für Vogelbeize und Jagd rieche nicht stärker nach Adel als die Nester der betreffenden Tiere nach Balsam. Landbau, wie ihn die Alten trieben, wäre viel edler als dies unsinnige Herumrennen in Wald und Gebirge, wobei man am meisten den Tieren selber gleiche. Eine Erholung dürfe dergleichen etwa vorstellen, nicht aber ein Lebensgeschäft.« Vollends unadlig erscheine das französische und englische Ritterleben auf dem Lande oder in Waldschlössern, oder gar das deutsche Raubrittertum. Der Medici nimmt hierauf einigermassen die Partei des Adels, aber - bezeichnend genug - nicht mit Berufung auf ein angeborenes Gefühl, sondern weil Aristoteles im V. Buch der Politica den Adel als etwas Seiendes anerkenne und definiere, nämlich eben als beruhend auf Trefflichkeit und ererbtem Reichtum. Allein Niccoli erwidert: Aristoteles sage dies nicht als seine Ueberzeugung, sondern als allgemeine Meinung; in der Ethik, wo er sage was er denke, nenne er denjenigen adlig, welcher nach dem wahren Guten strebe. Umsonst hält ihm nun der Medici den griechischen Ausdruck für Adel, nämlich Wohlgeborenheit, Eugeneia entgegen; Niccoli findet das römische Wort nobilis, d. h. bemerkenswert, richtiger, indem selbiges den Adel von den Taten abhängig mache7). Ausser diesen Raisonnements wird die Stellung des Adels in den verschiedenen Gegenden Italiens folgendermassen skizziert. In Neapel ist der Adel träge und gibt sich weder mit seinen Gütern noch mit dem als schmachvoll geltenden Handel ab; entweder tagediebt er zu Hause8) oder sitzt zu Pferde. Auch der römische Adel verachtet den Handel, bewirtschaftet aber seine Güter selbst; ja wer das Land baut, dem eröffnet sich von selbst der Adelsrang9); »es ist eine ehrbare, wenn auch bäurische Nobilität.« Auch in der Lombardie leben die Adligen vom Ertrag der ererbten Landgüter; Abstammung und Enthaltung von gewöhnlichen Geschäften machen hier schon den Adel aus10). In Venedig treiben die Nobili, die regierende Kaste, sämtlich Handel; ebenso sind in Genua Adlige und Nichtadlige sämtlich Kaufleute und Seefahrer und nur durch die Geburt unterschieden; einige freilich lauern auch als Wegelagerer in Bergschlössern. In Florenz hat sich ein Teil des alten Adels dem Handel ergeben; ein anderer Teil (gewiss der weit kleinere) erfreut sich seines Ranges und gibt sich mit gar nichts ab als mit Jagd und Vogelbeize11).
Das Entscheidende war, dass fast in ganz Italien auch die, welche auf ihre Geburt stolz sein mochten, doch gegenüber der Bildung und dem Reichtum keinen Dünkel geltend machen konnten, und dass sie durch ihre politischen oder höfischen Vorrechte zu keinem erhöhten Standesgefühl provoziert wurden. Venedig macht hier nur eine scheinbare Ausnahme, weil das Leben der Nobili durchaus nur ein bürgerliches, durch wenige Ehrenrechte bevorzugtes war. Anders verhält es sich allerdings mit Neapel, welches durch die strengere Ausscheidung und die Pompsucht seines Adels mehr als aus irgendeinem andern Grunde von der geistigen Bewegung der Renaissance abgeschnitten blieb. Zu einer starken Nachwirkung des langobardischen und normannischen Mittelalters und des spätfranzösischen Adelswesens kam hier schon vor der Mitte des 15. Jahrhunderts die aragonesische Herrschaft, und so vollzog sich hier am frühsten, was erst hundert Jahre später im übrigen Italien überhandnahm: die teilweise Hispanisierung des Lebens, deren Hauptelement die Verachtung der Arbeit und die Sucht nach Adelstiteln war. Der Einfluss hievon zeigte sich schon vor dem Jahre 1500 selbst in kleinen Städten; aus La Cava wird geklagt: der Ort sei sprichwörtlich reich gewesen, so lange dort lauter Maurer und Tuchweber lebten; jetzt, da man statt Maurerzeug und Webstühlen nur Sporen, Steigbügel und vergoldete Gürtel sehe, da jedermann Doktor der Rechte oder der Medizin, Notar, Offizier und Ritter zu werden trachte, sei die bitterste Armut eingekehrt12). In Florenz wird eine analoge Entwicklung erst unter Cosimo, dem ersten Grossherzog, konstatiert; es wird ihm dafür gedankt, dass er die jungen Leute, welche jetzt Handel und Gewerbe verachteten, zur Ritterschaft in seinem Stephansorden heranziehe13). Es ist das direkte Gegenteil jener frühern florentinischen Denkweise14), da die Väter den Söhnen eine Beschäftigung zur Bedingung des Erbes machten (S. 108).
Aber eine besondere Art von Rangsucht kreuzt namentlich bei den Florentinern den gleichmachenden Kultus von Kunst und Bildung auf eine oft komische Weise; es ist das Streben nach der Ritterwürde, welches als Modetorheit erst recht in Schwung kam, als es bereits jeden Schatten von eigentlicher Geltung eingebüsst hatte.
»Vor ein paar Jahren«, schreibt Franco Sacchetti15) gegen Ende des 14. Jahrhunderts, »hat jedermann sehen können, wie sich Handwerker bis zu den Bäckern herunter, ja bis zu den Wollekratzern, Wucherern, Wechslern und Halunken zu Rittern machen liessen. Weshalb braucht ein Beamter, um als Rettore in eine Landstadt gehen zu können, die Ritterwürde? Zu irgendeinem gewöhnlichen Broderwerb passt dieselbe vollends nicht. O wie bist du gesunken, unglückliche Würde! von all der langen Liste von Ritterpflichten tun diese Ritter das Gegenteil. Ich habe von diesen Dingen reden wollen, damit die Leser inne werden, dass das Rittertum gestorben ist16). So gut wie man jetzt sogar Verstorbene zu Rittern erklärt, könnte man auch eine Figur von Holz oder Stein, ja einen Ochsen zum Ritter machen.« - Die Geschichten, welche Sacchetti als Beleg erzählt, sind in der Tat sprechend genug; da lesen wir, wie Bernabò Visconti den Sieger eines Saufduells und dann auch den Besiegten höhnisch mit jenem Titel schmückt, wie deutsche Ritter mit ihren Helmzierden und Abzeichen zum Besten gehalten werden u. dgl. Später moquiert sich Poggio17) über die vielen Ritter ohne Pferd und ohne Kriegsübung. Wer die Ehrenrechte des Standes, z. B. das Ausreiten mit Fahnen, geltend machen wollte, hatte in Florenz sowohl gegenüber der Regierung als gegen die Spötter eine schwere Stellung18).
Bei näherer Betrachtung wird man inne, dass dieses von allem Geburtsadel unabhängige verspätete Ritterwesen allerdings zum Teil Sache der blossen lächerlichen, titelsüchtigen Eitelkeit ist, dass es aber auch eine andere Seite hat. Die Turniere dauern nämlich fort, und wer daran teilnehmen will, muss der Form wegen Ritter sein. Der Kampf in geschlossener Bahn aber, und zwar das regelrechte, je nach Umständen sehr gefährliche Lanzenrennen ist ein Anlass, Kraft und Mut zu zeigen, welchen sich das entwickelte Individuum - abgesehen von aller Herkunft - nicht will entgehen lassen.
Da half es nichts, dass schon Petrarca sich mit dem lebhaftesten Abscheu über das Turnier als über einen gefährlichen Unsinn ausgelassen hatte; er bekehrte die Leute nicht mit seinem pathetischen Ausruf: »man liest nirgends, dass Scipio oder Cäsar turniert hätten19)!« Die Sache wurde gerade in Florenz förmlich populär; der Bürger fing an, sein Turnier - ohne Zweifel in einer weniger gefährlichen Form - als eine Art von regelrechtem Vergnügen zu betrachten, und Franco Sacchetti20) hat uns das unendlich komische Bild eines solchen Sonntagsturnierers aufbehalten. Derselbe reitet hinaus nach Peretola, wo man um ein Billiges turnieren konnte, auf einem gemieteten Färbergaul, welchem dann durch Bösewichter eine Distel unter den Schwanz gebunden wird; das Tier nimmt den Reissaus und jagt mit dem behelmten Ritter in die Stadt zurück. Der unvermeidliche Schluss der Geschichte ist die Gardinenpredigt der über solche halsbrechende Streiche empörten Gattin21).
Endlich nehmen die ersten Medici sich des Turnierwesens mit einer wahren Leidenschaft an, als wollten sie, die unadligen Privatleute, gerade hierin zeigen, dass ihr geselliger Kreis jedem Hofe gleichstehe22). Schon unter Cosimo (1459), dann unter Pietro dem ältern fanden weitberühmte grosse Turniere in Florenz statt; Pietro der jüngere liess über solchen Bestrebungen sogar das Regieren liegen und wollte nur noch im Harnisch abgemalt sein. Auch am Hofe Alexanders VI. kamen Turniere vor. Als Kardinal Ascanio Sforza den Türkenprinzen Dschem (S. 140, 148) fragte, wie ihm dies Schauspiel gefalle, antwortete derselbe sehr weise: in seiner Heimat lasse man dergleichen durch Sklaven aufführen, um welche es, wenn sie fielen, nicht schade sei. Der Orientale stimmt hier unbewusst mit den alten Römern zusammen, gegenüber der Sitte des Mittelalters.
Abgesehen von diesem nicht unwesentlichen Anhalt der Ritterwürde gab es auch bereits, z. B. in Ferrara (S. 81) wahre Hoforden, welche den Titel Cavaliere mit sich führten.
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