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Georg Christoph Lichtenberg - Aus den Sudelbüchern

Georg Christoph Lichtenberg (* 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt; † 24. Februar 1799 in Göttingen) war ein Mathematiker, Naturforscher und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik im Zeitalter der Aufklärung. Lichtenberg gilt als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus.

Über viele Jahre hat Lichtenberg ab 1764 in Schreibheften, von ihm selbstironisch „Sudelbücher“ genannt, in aphoristischer Form unzählige Gedankensplitter (spontane Einfälle, Lesefrüchte, Reflexionen zu fast allen Wissensgebieten und naturwissenschaftliche Feststellungen) notiert, die postum veröffentlicht wurden. Sie belegen seine Aufgeschlossenheit für alles Neue, die enzyklopädische Weite seines Geistes und in besonderer Weise seine Fähigkeit zur skeptischen Beobachtung und ironischen Formulierung. Da heißt es etwa:

„Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“
„Es ist wahr, alle Menschen schieben auf, und bereuen den Aufschub. […]“
„Die Sand-Uhren erinnern nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit, sondern auch zugleich an den Staub in welchen wir einst verfallen werden.“
„Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“
„Einen Finder zu erfinden für alle Dinge.“
„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“
Er hielt dort auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse fest. So schrieb er beispielsweise über die von ihm eingeführten Bezeichnungen positive und negative Elektrizität:

„[…] Mein +E und -E ist ebenfalls angenommen worden auch schon von Ausländern.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Christoph_Lichtenberg


 

Sudelbuch A


[A 1] Der große Kunstgriff kleine Abweichungen von der Wahrheit für die Wahrheit selbst zu halten, worauf die ganze Differential- Rechnung gebaut ist, ist auch zugleich der Grund unsrer witzigen Gedanken, wo oft das Ganze hinfallen würde, wenn wir die Abweichungen in einer philosophischen Strenge nehmen würden.
[A 2] Es ist eine Frage ob in den Wissenschaften und Künsten ein Bestes möglich sei, über welches unser Verstand nicht gehen kann. Vielleicht ist dieser Punkt unendlich weit entfernt, ohnerachtet wir bei jeder Näherung weniger vor uns haben.
[A 3] Um eine allgemeine Charakteristik zustande zu bringen, müssen wir erst von der Ordnung in der Sprache abstrahieren, die Ordnung ist eine gewisse Musik, die wir festgesetzt, und die in wenigen Fällen (z. E. femme sage, sage femme) einen sonderbaren Nutzen hat. Eine solche Sprache die den Begriffen folgt müssen wir erst haben, oder wenigstens für besondere Fälle suchen, wenn wir in der Charakteristik fortkommen wollen. Weil aber unsere wichtigsten Entschlüsse, wenn wir sie ohne Worte denken, oft nur Punkte sind, so wird eine solche Sprache ebenso schwer sein zu entwerfen, als die andere, die daraus gefolgert werden soll.
[A 4] Die Gesichter der Menschen sind oft bis zum Ekelhaften häßlich. Warum dieses? Vermutlich konnte die nötige Verschiedenheit der Gemüts-Arten nicht erhalten werden ohne eine solche Einrichtung; man kann dieses als eine Seelen-Charakteristik ansehen, welche zu lesen wir uns vielleicht mehr befleißigen sollten. Um einigen Grund in dieser schweren und weitläufigen Wissenschaft zu legen müßte man, bei verschiednen Nationen, die größten Männer, die Gefängnisse und die Tollhäuser durchsehen, denn diese Fächer sind so zu reden die 3 Hauptfarben, durch deren Mischung gemeiniglich die übrigen entstehen.
[A 5] Wenn man, wie die Metaphysiker oft verfahren, glaubt man verstehe etwas, das man nicht versteht, so kann man dieses nennen affirmative nescire.
[A 6] Pythagoras konnte einer einzigen Erfindung halber hundert Ochsen opfern, Kepler würde bei seinen vielen Entdeckungen zufrieden gewesen sein, wenn er 2 gehabt hätte.
[A 7] Bei einem großen Genie gehet das in einem Augenblicke vor, was oft bei einem andern ganze Stunden dauert. Ein gewisser Mensch, der eben keine großen Gaben hatte, hielt einen zum Betrug mit der Feder nachgemachten Druck eine Stunde wirklich dafür, andere sahen es im ersten Augenblick.
[A 8] Die Elastizität der Körper (und es wird wohl keine völlig harten oder völlig weichen geben) ist gleichsam das Leben derselben, wir bekommen dadurch ein Gefühl ihrer Gegenwart durch das Gehör, Gesicht und öfters das Gefühl, ein Körper, welcher dieses Lebens beraubt ist, würde, unkenntlich und unbrauchbar, seine Lücke ausfüllen. Die elastischen Kräfte der Körper sind die Dolmetscher wodurch sie so zu sagen mit uns sprechen.
[A 9] Es ist schwer anzugeben, wie wir zu den Begriffen gekommen sind die wir jetzo besitzen, niemand, oder sehr wenige werden angeben können, wenn sie den Herrn von Leibniz zum erstenmal haben nennen hören: weit schwerer aber wird es noch sein, anzugeben, wenn wir zum erstenmal zu dem Begriff gekommen, daß alle Menschen sterben müssen, wir erlangen ihn nicht so bald, als man wohl glauben sollte. So schwer ist es den Ursprung der Dinge anzugeben, wenn wir hierin (etwas) in Dingen außer uns zustande bringen wollen?
[A 10] Da schon Herr Goguet leugnet, daß wir die Geometrie dem Nil zu danken hätten, sondern vielmehr der frühzeitigen guten Einrichtung des ägyptischen Staats, der unmöglich [ohne] eine Geometrie lang hätte bestehen können, so ist die Frage, ob man wirklich durch die Einteilung der Felder auf die Geometrie gekommen sei oder ob man eine schon vorher gefundene Theorie angewendet habe? Diese Einteilung kann freilich nicht ohne Geometrie verrichtet werden, und der dümmste Bauer wird auf geometrische Lehrsätze verfallen, wenn er ein Feld in gleiche Teile teilen wollte. Allein ein Volk kann es hierin sehr weit bringen ohne ohne jemals auf den Satz von der Gleichheit der Dreiecke zu verfallen. Unsere Kunstgärtner sind keine Geometers, allein sie wissen sich aus allen Fällen oft sehr geschickt zu helfen. Es wäre eine Frage, was wohl im gemeinen Leben am geschicktesten die Menschen auf wichtige geometrische Sätze zu führen. Gewiß ist es, daß man nicht von der graden Linie darauf gekommen sei.
[A 11] Die Erfindung der wichtigsten Wahrheiten hängt von einer feinen Abstraktion ab, und unser gemeines Leben ist eine beständige Bestrebung uns zu derselben unfähig zu machen, alle Fertigkeiten, Angewohnheiten, Routine, bei einem mehr, als bei dem andern, und die Beschäftigung der Philosophen ist es, diese kleinen blinden Fertigkeiten, die wir durch Beobachtungen von Kindheit an uns erworben haben, wieder zu verlernen. Ein Philosoph sollte also billig als ein Kind schon besonders erzogen werden.
[A 12] Am Ende der Sammlung von Leibnizischen Schriften, die Herr Raspe in Hannover besorgt hat, steht eine Abhandlung unsers großen Weltweisen von der Characteristica universali, wo verschiedene schöne Sachen von ihm selbst vorkommen. Er sagt unter anderem, er habe in allen Wissenschaften, die er gelernet hätte, gleich erfinden wollen, auch wenn er öfters mannigmal die principia noch nicht inne gehabt hätte, dieses habe ihn endlich bewogen, auf die ersten Grundstriche der Wissenschaften zurückzugehen und daher sich aus allen Fällen durch eigene Regeln herauszuhelfen. Bei dieser Gelegenheit, fährt er fort, Incidi in contemplationem admirandam, quod scilicet excogitari possit quoddam Alphabetum cogitationum humanarum, et quoad litterarum hujus alphabeti combinatione et vocabulorum ex ipsis factorum analalysi omnia inveniri et dijudicari possent. Eine Art, wie dieses zu bewerkstelligen sei, sagt er, habe er schon, nur fehle es ihm noch an geschickten Zeichen. Es ist dieses diejenige Wissenschaft, wovon ein undeutliches Gefühl die Menschen auf die Cabbala gebracht hat, welches aber lauter elende Irrwege waren. Jacobus Bohemus hat unter seiner Natursprache vielleicht etwas ähnliches verstanden. Niemand, sagt Leibniz, würde mehr hierin haben leisten können, als Joachim Jung aus Lübeck, ein großes und tiefsinniges Genie, das aber wenig bekannt geworden ist. Dabei äußert er einige sehr artige Gedanken: er sagt numerus est quasi figura metaphysica, et arithmetica statica universi, qua rerum potentiae explorantur.
[A 13] Wenn wir auf einen Gegenstand hinsehen, so sehen wir noch viele andere zugleich mit, aber weniger deutlich. Es ist die Frage, ob dieses Gewohnheit ist, oder ob es eine andere Ursache habe? Im ersten Fall müßten wir uns auch angewöhnen können Dinge deutlich zu sehen, ohnerachtet wir unsere Augen nicht unmittelbar darauf wenden.
[A 14] Man könnte in einer besonderen Wissenschaft die niedrigeren Stufen so wohl als die höheren der Dinge betrachten, wie sie jetzo sind, und das Größte und kleinste darinnen bestimmen.
[A 15] So wie das Ohr Verhältnisse mißt, so berechnet vielleicht die Zunge Flächen von Körpern.
[A 16] Eine geringe Veränderung in der gemeinsten Verknüpfung der Dinge kann unsere Abstraktion leicht so sehr verwirren, daß man mit leichter Mühe Taschenspieler-Künste aus den gewöhnlichsten Dingen herauslockt, wenn man kleine Umstände verändert. Ein artiges Stück der Taschenspieler, da sie 2 Personen (fig.1) mit Bindfaden die Hände binden, dann durch einander schlingen, und hernach die Personen von einander bringen, ohne einen Bindfaden zu zerschneiden oder aufzuknüpfen, gründet sich auf so gemeine Kunstgriffe, oder ist vielmehr einerlei mit ihnen, daß man über die Einfalt der ganzen Erfindung erstaunt. Es ist nämlig völlig einerlei mit folgender Aufgabe. Den zusammenhängenden Bindfaden ab aus dem Zylinder cd zu bringen ohne ihn [um] den Ring n noch das Brett gh zu werfen. Antwort. Man drückt ihn durch den Ring durch bis a an c kommt alsdann fällt er von selbst herunter, und wird nach der punktierten Richtung cs herausgezogen nichts ist einfältiger und gemeiner und dennoch ist es einerlei mit dem oben angeführten Kunststück, welches öfters von sehr erfahrenen Leuten mit Verwunderung angesehen wird. Der Zylinder cd wird der Arm und der Ring n zum Band das um ihn gebunden wird; was aber dabei allen Menschen den Zusammenhang zu übersehen schwer macht ist, daß man die Ringe, die der Bindfaden um die Hand formiert, als fest anliegend der denkt, da sie doch würklich als sehr weit abstehend von der Hand müssen angesehen werden, weil der Faden durchgestreckt wird. Aus dem Gesichts-Punkt der 2ten fig. betrachtet ist dieses Stück gar nicht unter die Taschen-Spieler-Stücke zu rechnen. Auf eben diese Art lassen sich oft Dinge von großer Schwierigkeit entwickeln, und mit sehr bekannten in gleiche Reihe stellen. Und leichte Sachen bekommen eine geheimnisvolle Dunkelheit, wenn man gewisse Umstände nach einem gewissen Gesetze ändert, diese beiden Methoden ließen sich mit Nutzen zur Erfindung der Wahrheit gebrauchen und die erste wäre die umgekehrte der andern, und eine Art von Integration derselben.
[A 17] Die Bemühung ein allgemeines Principium in manchen Wissenschaften zu finden ist vielleicht öfters ebenso fruchtlos, als die Bemühung derjenigen sein würde, die in der Mineralogie ein erstes Allgemeines finden wollten durch dessen Zusammensetzung alle Mineralien entstanden seien. Die Natur schafft keine genera und species, sie schafft individua und unsere Kurzsichtigkeit muß sich Ähnlichkeiten aussuchen um vieles auf ein Mal behalten zu können. Diese Begriffe werden immer unrichtiger je größer die Geschlechter sind, die wir uns machen.
[A 18] In Werken des Geschmacks ist es sehr schwer weiter zu kommen, wenn man schon einigermaßen weit ist, weil leicht hierin ein gewisser Grad von Vollkommenheit unser Vergnügen werden kann, so daß wir nur diesen Grad zum Endzweck unserer Bemühungen setzen weil dieser unsern ganzen Geschmack ausfüllt, in andern Stücken, die nicht bloß auf das Vergnügen ankommen, verhält es sich ganz anders, daher haben wir in den letzteren den Alten es weit zuvorgetan, in den ersten aber sind wir noch tief unter ihnen, ohnerachtet wir sogar Muster von ihnen vor uns haben. Dieses kommt daher, das Gefühl des neueren Künstlers ist nicht scharf genug, es geht nur bis auf die körperliche Schönheiten seines Musters, und nicht auf die moralischen wenn ich so reden darf. Man kann das Gesicht eines redlichen Menschen sehen, man kann es aber auch gewissermaßen fühlen, das letztere ist das erstere verbunden mit einer Rücksicht auf das moralische Gute, womit wir in ihm oft die Mienen begleitet sehen. Was ich hier sagen will wird wohl jeder verstehen für den ich eigentlich schreibe. Solange der Künstler nur bloß nach den Augen zeichnet, wird er nie einen Laokoon herausbringen, der etwas mehr als Zeichnung hat, der mit Gefühl verfertigt ist. Dieses Gefühl ist dem Künstler unumgänglich nötig, aber wo soll er es lernen und wie? Unsre Ästhetiken sind bei weitem noch nicht praktisch genug.
[A 19] Die größten Dinge in der Welt werden durch andere zuwege gebracht, die wir nichts achten, kleine Ursachen, die wir übersehen, und die sich endlich häufen.
[A 20] Es ist nicht so angenehm, wenn uns andere von einem Taschenspieler erzählen, als ihn selbst zu sehen, weil uns bei dem ersten immer ein Grad von Unglauben zurückbleibt, oder wir denken, die erzählende Person sei nicht fein genug gewesen, wie sie die Sache betrachtet habe.
[A 21] Rousseau nennt mit Recht den Akzent die Seele der Rede (Emile p. 96 T. 1.) und Leute werden von uns oft für dumm angesehn und wenn wir es untersuchen, so ist es bloß der einfache Ton in ihren Reden. Weil nun dieses bei den Schriften wegfällt, so muß der Leser auf den Akzent geführt werden, dadurch daß man deutlicher durch die Wendung anzeigt, wo der Ton hingehört, und dieses ist es, was die Rede im gemeinen Leben vom Brief unterscheidet und was auch eine bloß gedruckte Rede von derjenigen unterscheiden sollte, die man wirklich hält.
[A 22] Der Einfluß des Stils auf unsere Gesinnungen und Gedanken, von dem ich an einem andern Ort geredet habe, zeigt sich sogar bei dem sonst genauen Linnaeus, er sagt die Steine wachsen, die Pflanzen wachsen und leben, die Tiere wachsen leben und empfinden, das erste ist falsch, denn der Wachstum der Steine hat keine Ähnlichkeit mit dem Wachstum der Tiere und Pflanzen. Vermutlich hat ihn das Steigende des Ausdrucks, den er bei den letzten gespürt hat, auf den Gedanken gebracht, auch die erstem mit unter diese Klasse zu bringen.
[A 23] Die Versart den Gedanken anzumessen ist eine sehr schwere Kunst, und eine Vernachlässigung derselben ist ein wichtiger Teil des Lächerlichen. Sie verhalten sich beide zusammen wie im gemeinen Leben Lebens-Art und Amt.
[A 24] Was mögen dieses wohl für verborgene Gesetze und Wege sein, durch welche die Natur die Triebe in dem nämlichen Tier abändert und ihn seine vorige vergessen macht. Das Hühnchen kriecht unter seine Glucke. Es wird endlich selbst eine Glucke und kriecht nicht mehr unter, sondern läßt unter sich kriechen. Bei allen Tieren ist der äußere Zustand ihres Körpers und die Veränderung der sinnlichen Werkzeuge derselben allzeit eine Funktion ihrer Handlungen und ihrer Lebensart. Bei dem Menschen ist dieses zwar auch wahr, allein indem eine der veränderlichen Größen zunimmt, kann die andere abnehmen und umgekehrt.
[A 25] Da alle Glieder der Tiere eine sehr weisliche Absicht ihres großen Schöpfers zeigen, so fragt sich, warum die Menschen oft Gewächse, Glieder ohne Absicht bekommen.
[A 26] Die Esel haben die traurige Situation, worin sie jetzo in der Welt leben, vielleicht bloß dem witzigen Einfall eines losen Menschen zu danken, dieser ist schuld, daß sie zum verächtlichsten Tier auf immer geworden sind und es auch bleiben werden, denn viele Eselstreiber gehen deswegen mit ihren Eleven so fürchterlich um, weil es Esel, nicht weil es träge und langsame Tier sind.
[A 27] Plato sagt das poetische Genie werde durch die Harmonie und die Versart rege gemacht, und dieses setze den Dichter in den Stand ohne Überlegung seine Gedichte zu verfertigen. Plato thou reason'st well, ein jeder wird dieses bei sich verspürt haben, wenn er mit Feuer Verse gemacht hat, vielleicht könnten wir durch ähnliche Kunstgriffe unsre übrige Fähigkeiten ebenso in Bewegung setzen, hauptsächlich auch die Ausübung der Tugend. Eine große Fertigkeit im Dividieren und zwar nach der Methode, die man über sich dividieren heißt, die ich bei jemand bemerkte, brachte mir zuerst den Lusten zur Rechenkunst bei; ich dividierte mehr der eiförmigen Gestalt der Auflösung willen, als aus einer andern Absicht. Ich habe junge Mathematicos gekannt (Herrn Klügel und Herrn von Hahn) die oft ein solches Vergnügen darin (fanden) die Worte Calcul und Vues in dem Calcul auszusprechen, daß ich nicht zweifle, daß kleine Neben-Ergötzlichkeiten, die sie in dergleichen Vorstellungen fanden, ihren Fleiß munter erhalten haben.
[A 28] Wenn wir uns eine Philosophie entwerfen wollen die uns im Leben nützen soll, oder wenn wir allgemeine Regeln zu einem beständig vergnügten Leben geben wollen, so müssen wir freilich von dem abstrahieren, was eine gar zu große Verschiedenheit in die Betrachtungen bringt, ohngefähr wie wir in der Mechanik oft tun, wenn wir Friktion und andere dergleichen besondere Eigenschaften der Körper vergessen um uns die Berechnung nicht zu schwer zu machen, oder wenigstens nur einen Buchstaben an ihre Stelle setzen. Kleine Unglücksfälle bringen ohnstreitig eine große Ungewißheit in diese praktische Regeln hinein, daher müssen wir uns dieser entschlagen, und uns nur gegen die Bezwingung der größeren wenden. Dieses ist ohnstreitig der wahre Verstand verschiedner Sätze der stoischen Philosophie.
[A 29] Der Aberglauben gemeiner Leute rührt von ihrem frühen und allzu eifrigen Unterricht in der Religion her, sie hören von Geheimnissen, Wundern, Wirkungen des Teufels, und halten es für sehr wahrscheinlich daß dergleichen Sachen überall in allen Dingen geschehen könnten. Hingegen wenn man ihnen erst die Natur selbst zeigte, so würden sie leichter das Übernatürliche und Geheimnisvolle der Religion mit Ehrfurcht betrachten, da sie hingegen jetzo dieses für etwas sehr Gemeines halten, so daß sie es für nichts Sonderliches halten, wenn ihnen jemand sagte, es wären heute 6 Engel über die Straße gegangen. Auch die Bilder in den Bibeln taugen nicht für Kinder.
[A 30] Es gibt keine Synonyma, die Wörter die wir dafür halten haben ihren Erfindern gewiß nicht Einerlei sondern vermutlich Species ausgedruckt. Büttner.
[A 31] Die Schnecke baut ihr Haus nicht, sondern es wächst ihr aus dem Leib.
[A 32] Man könnte die Gewohnheit eine moralische Tradition nennen, etwas, was den Geist nicht leicht über die Dinge hinstreichen läßt, sondern ihn damit verbindet, so daß es ihm schwer wird, sich davon los zu machen.
[A 33] Aus den Träumen der Menschen, wenn sie dieselben gnau anzeigten, ließe sich vielleicht vieles auf ihren Charakter schließen. Es gehörte aber dazu nicht etwa einer sondern eine ziemliche Menge.
[A 34]Vom 1. Juli 1765 an. Jeder Gedanke hat gewiß bei uns eine besondere relative Stellung der Teile unsers Körpers, die ihn allemal begleitet, allein Furcht oder überhaupt Zwang ersticken und hemmen sie oft ohnerachtet sie freilich nicht allemal so heftig sind, daß sie andern in die Sinne fallen, so sind sie doch da und der Geist zeigt sich desto freier je weniger er diese äußere Bewegungen an sich halten darf, denn ein solches Zurückhalten schadet dem freieren Fortgang der Gedanken ebensosehr als der Zorn, den man nicht darf ausbrechen lassen. Daher sieht man warum in einer Versammlung von den vertrautesten Freunden die guten Gedanken sich selbst nach und nach herbeiführen.
[A 35] Am 4ten Juli 1765 lag ich an einem Tag, wo immer heller Himmel mit Wolken abwechselte, mit einem Buche auf dem Bette, so daß ich die Buchstaben ganz deutlich erkennen konnte, auf einmal drehte sich die Hand, worin ich das Buch hielt, unvermutet, ohne daß ich etwas verspürte, und weil dadurch mir einiges Licht entzogen wurde, so schloß ich es müßte eine dicke Wolke vor die Sonne getreten sein, und alles schien mir düster, da sich doch nichts von Licht in der Stube verloren hatte. So sind oft unsere Schlüsse beschaffen, wir suchen Gründe in der Ferne, die oft in uns selbst ganz nahe liegen.
[A 36] Eine sehr nützliche und wichtige Frage, die wir allezeit an uns selbst tun sollten, ist ohnstreitig diese: Wie kann ich dieses Ding oder den gegenwärtigen Augenblick am besten nützen? Das Maximum das hier stattfindet wird sich wohl schwerlich allemal sogleich finden lassen, zwischen allen den möglichen Verrichtungen,die sich mit gleichen Kräften in einem Augenblick tun lassen, ist eine große Verschiedenheit, und eine ebenso große zwischen denjenigen die sich mit der stärksten Kraft die in meiner Macht stehet, in einem jeden Augenblick tun läßt. Das Maß des inneren Werts unserer moralischen Handlungen wird also wohl dieses sein, daß wir sie so weit treiben bis auf den Punkt, da sie uns verdrüßlich werden würden, wenn wir ihn überschritten, alsdenn sind wir versichert, daß wir die größte Kraft angewendet haben, und dieses tun auch tugendhafte Leute würklich, ohne es zu wissen. Die größte Kraft aber am besten zu gebrauchen ist eine Sache die schwerer zu bestimmen ist, und solange wir hier noch keine Tafel über unserer Pflichten haben, wo sie nach ihrem Wert geordnet sind, so wird sich wohl schwerlich das perfice te mit einigem Nutzen anwenden lassen, alsdann werden wir berechnen können, wenn in jeder Handlung die wir unternehmen, das was darin Gott, uns selbst und andere Geschöpfe angeht die größte Summe geben.
[A 37] In den Fragen im gemeinen Leben, wie man etwas am besten tun könnte, wird ein gewisses Maximum gesucht.
[A 38] Man sollte in der Woche wenigstens einmal diätetische Predigten in der Kirche halten, und wenn diese Wissenschaft auch von unsern Geistlichen erlernt würde, so könnte man doch geistliche Betrachtungen einflechten, die sich gewiß hier sehr gut würden anbringen lassen, denn es ist nicht zu glauben (wie) geistliche Betrachtungen mit etwas Physik vermischt die Leute aufmerksam erhält, und ihnen Gott stärker darstellt, als die oft übel angebrachten Exempel seines Zorns.
[A 39] Wir würden gewiß Menschen von sonderbarer Gemüts-Art kennen lernen, wenn die großen Striche die jetzo Meer sind, bewohnt wären, und wenn vielleicht in einigen Jahrtausenden unser gegenwärtiges festes Land Meer und unsere Meere Länder sein werden, so werden ganz neue Sitten entstehen, über die wir uns jetzo sehr wundern sollten.
[A 40] Die Furcht vor dem Tod, die den Menschen eingeprägt ist, ist zugleich ein großes Mittel, dessen sich der Himmel bedient, sie von Untaten abzuhalten, vieles wird aus Furcht vor Lebensgefahr oder Krankheit unterlassen.
41 - Daß der Mensch grob sündigen kann, daran ist mehr die Beschaffenheit der äußeren Dinge als seine eigene Schuld, könnte er nicht die Wirkung gewisser Dinge hindern, andere zerstören, wie könnte er stehlen, wenn alles, was er gegen die Wesen außer ihm vornähme, denselben zum Vorteil gereichte? [A 41]
[A 42] Der Beweis der Philosophen, daß es ein künftiges Leben gebe, wenn sie sagen, Gott könne sonst den letzten Augenblick nicht belohnen, gehöret mit unter die Beweise durch Exempel, wir belohnen immer nach der Tat, daher belohnt Gott auch so, wir tun es aus Mangel der Voraussehung, wo uns diese nicht hindert, so belohnen wir auch zum voraus, wir praenumerieren ja auf Universitäten. Kann Gott nicht auch praenumeriert haben? Wenn Plutarch sagt: Während dem Streit werden die Sieger nicht gekrönt, sondern nach demselben; ist mit dem vorhergehenden verdeckt einerlei, ein bloßes Gleichnis, eine Art zu beweisen, die so falsch und so gemein ist.
[A 43] Die Speisen haben vermutlich einen sehr großen Einfluß auf den Zustand der Menschen, wie er jetzo ist, der Wein äußert seinen Einfluß mehr sichtbarlich, die Speisen tun es langsamer, aber vielleicht ebenso gewiß, wer weiß ob wir nicht einer gut gekochten Suppe die Luftpumpe und einer schlechten den Krieg oft zu verdanken haben. Es verdiente dieses eine gnauere Untersuchung. Allein wer weiß ob nicht der Himmel damit große Endzwecke erreicht, Untertanen treu erhält, Regierungen ändert und freie Staaten macht, und ob nicht die Speisen das tun was wir den Einfluß des Klima nennen.
[A 44] Wir müssen uns freilich unsre gegenwärtigen Augenblicke allemal zu Nutz zu machen suchen, und dieses wäre nicht sehr schwer, denn wir dürften nur jeden Augenblick tun, was uns am meisten gefällt, allein wer sieht nicht daß uns bald Stoff dazu fehlen würde. 2 Jahre so hingebracht würden uns alle künftige verderben; jeder gegenwärtige Augenblick ist ein Spiegel aller künftigen und unser gegenwärtiges Vergnügen, verglichen mit dem daß er ein künftiger wird kann darin ein größtes werden.
[A 45] Wir finden nur alsdann Vergnügen, wo wir Absicht bemerken, wenigstens urteilt unser Auge und Ohr nach diesem Grundsatz, der Flügel des Schmetterlings gefiel anfangs wegen der regelmäßigen Farben, dieses ward man gewohnt, und jetzt gefällt er wieder von neuem, wenn man sieht, daß er aus Federn besteht, der Quarz mehr als [der] unförmliche Sandstein. Vergnügen zu erwecken müssen wir dieses aufsuchen in den Dingen.
[A 46] Heftigen Ehrgeiz und Mißtrauen habe ich noch allemal beisammen gesehen.
[A 47] Wir arbeiten öfters daran einen lasterhaften Affekt zu dämpfen, und wollen dabei unsere übrigen guten alle behalten, dieses kommt aus unserer Methode her, womit wir den Menschen schildern, wir sehen den Charakter desselben nicht als ein sehr richtig zusammengefügtes Ganzes an, das nur in seinen Teilen verschiedene relative Stellungen annehmen kann, sondern wir sehen die Affekte wie aufgeklebte Schönpflästerchen an, die wir verlegen und wegwerfen könnten. Viele dergleichen Irrtümer beruhen auf den dabei so nötigen Sprachen, weil diese keine Verbindung notwendig unter sich haben, sondern sie erst durch die beigefügte Erinnerungen bekommen, so kommt die gewöhnlichste Bedeutung uns immer in den Sinn, sobald man die Erinnerung ein wenig nur aus der Acht läßt, daher wenn eine allgemeine Charakteristik erfunden werden soll, so muß notwendig erst eine solche Sprache hervorgesucht werden.
[A 48] Zu den Werken unsrer Kunst werden beständig Dinge verschwendet, alles muß bei uns stärker gemacht werden, als der Gebrauch es erfordert, weil wir nicht alle Umstände übersehen können, bei unsern Kleidern, Schränken, Stühlen, Häusern müssen wir allzeit in die wahre Gleichung der Dinge noch eine unbestimmte Größe hinzusetzen, die wir nach Gefallen annehmen. Wenn ab hinlänglich wäre, etwas zu erreichen, ohne daß man das geringste davon nehmen könnte, so müssen wir ab + x dafür nehmen, da die Natur allemal ab + d setzt und auf einmal alles bestimmt, durch Veränderung dieses d macht die Natur Varietäten und befördert die nötige gänzliche Veränderung, wenn es negativ wird.
[A 49] Ich habe etliche mal bemerkt, daß ich Kopf-Weh bekam, wenn ich mich lange in einem Hohl-Spiegel betrachtete.
[A 50] Wenn ich bisweilen viel Kaffee getrunken hatte und daher über alles erschrak, so konnte ich ganz gnau merken, daß ich eher erschrak, ehe ich den Krach hörte, wir hören also gleichsam noch mit anderen Werkzeugen als mit den Ohren.
[A 51] Leute, die nicht die feine Verstellungskunst völlig inne haben, und andere mit Fleiß hintergehen wollen, entdecken uns gemeiniglich das Generelle ihrer ganzen Denkungs-Art bei der ersten Zusam- menkunft, wer also der Neigung eines andern schmeicheln will und sich in dieselbe schicken lernen will, der muß bei der ersten Zusammenkunft sehr acht geben, dort findet man gemeiniglich die bestimmende Punkte der ganzen Denkungs-Art vereinigt.
[A 52] Ich träumte neulich an einem Morgen, ich läge wachend im Bette und könnte keinen Atem bekommen, darauf erwachte ich ganz helle und spürte, daß ich nur ganz mäßig Mangel nach meiner damaligen Lage daran hatte, einem bloß fühlenden Körper kommen böse Empfindungen allzeit größer vor, als einem, der mit einer denkenden Seele verknüpft ist, wo selbst oft der Gedanke, daß die Empfindungen nichts zu bedeuten haben, oder daß man sich, wenn man nur wollte, davon befreien könnte, vieles vom unangenehmen vermindert. Wir liegen öfters mit unserm Körper so, daß gedrückte Teile uns heftig schmerzen, allein, weil wir wissen, daß wir uns aus dieser Lage bringen könnten, wenn wir nur wollten, so empfinden wir wirklich sehr wenig. Dieses bestärkt eine Anmerkung, die ich unten gemacht habe, nämlich, daß man sich durch drücken die Kopfschmerzen vermindern kann.
[A 53] Der Tod ist eine unveränderliche Größe, allein der Schmerz ist eine veränderliche, die unendlich wachsen kann. Dieses ist ein Satz, den die Verteidiger der Folter zugeben müssen, denn sonst foltern sie vergeblich, allein in vielen wird der Schmerz ein Größtes und kleiner als der Tod.
[A 54] Den 8ten Mai 1766. vid auf der 5t. S. dieses Buchs. Herr Unzer beweist in seinem Arzt T. VI. St. 146 aus denen Nachrichten des Herrn Köhlers, der selbst in Italien war, daß die Krankheit, die man mit Musik kuriert gar nicht von der Tarantel herkomme, sondern man mutmaße es nur, es sei in der Tat eine Art von Milzsucht, wobei Personen würklich sehr alt werden können, und nur allemal im Junius tanzen, sollte nicht diese Meinung daß diese Spinne den Stich hervorbringe aus der Sprache können hergeleitet werden. Denn es ist mir sehr wahrscheinlich daß die meisten Irrtümer des Pöbels aus der Sprache stammen.
[A 55] Der berühmte Bauer Jededioh Buxton nicht weit von Chesterfield in Derbishire dessen im Gentlemans Magazin Febr: 1751 Erwähnung geschieht hatte ein so erstaunliches Gedächtnis und Einbildungskraft daß er das Quadrat dieser Zahl 725958238096074907868531656993638851106 im Kopf machte, er brachte aber drittehalb Monate mit zu, wobei er lange ausruhte und dann wieder fortfuhr. Er fand sie 527015363459557385673733542638591721213298966079307524904381389499251637423236. Er hatte niemals schreiben gelernt und vermutlich würde er nicht so haben rechnen lernen, wenn er schreiben gekonnt hätte. Diesen Punkt sollte alle die Personen recht durchdenken, welche Leute zu einer gewissen Absicht erziehn wollen.
[A 56]Das Argument gegen die Materialisten, welches Herr Untzer. Arzt T. VI 148 St. negiert, und welches von der Veränderung unseres Körpers hergeholt ist, hat wirklich einiges Gewicht. Es ist klar, die Teile sind nicht mehr wir, wenn wir einige Jahre älter sind, wie könnten sukzessive Seelen so zu sagen sich ihr Bewußtsein mitteilen. Man kann freilich antworten, daß die Veränderung sehr allmählich geschehe, so wie sich in der ersten Welt Dinge durch Tradition fortgepflanzt haben, ohneracht die Welt alle 80 Jahre eine andere war. So wird Lamettrie antworten. Ein anderer Beweis, auf den Herr Fontenelle sehr viel hält, daß nämlich sich die erstaunten Wirkungen eines Gedankens auf den Körper nicht erklären ließen, wenn der Gedanke nach den Regeln der Mechanik wirkte, ist nicht viel erheblicher. Es ist wahr, ein Mensch, dem ich ganz sachte ins Ohr sage er werde arretiert werden, wenn er sich nicht augenblicklich fortmachte, geht durch und lauft viele Meilen mit der erschrecklichsten Bewegung fort. Allein nicht zu gedenken, daß wir die Wirkung eines Dings nicht nach dem Schalle schätzen müssen, den das Wort [macht], welches ihn erregt, so wenig, als man ein Crimen laesae majest[atis]. nach dem Knalle schätzt, den es tut, so wirkt der Gedanke beständig, und vielleicht auf eine Art, wie der Funke auf das Pulver.
[A 57] Herr Gunkel kann die Pupille willkürlich kleiner und größer machen, im ersten Fall kann er kein Objekt mehr unterscheiden, ich [habe] mir diesen Versuch von ihm 100mal machen lassen. Ob nun sein Wille unmittelbar auf die Trauben-Haut wirkt, oder ob er sonst einen dem Willen mehr unterworfenen Teil des Auges in Bewegung setzt, auf den die Verengerung der Pupille mechanisch folgt, weiß ich nicht.
[A 58] Die Vorurteile sind so zu reden die Kunsttriebe der Menschen, sie tun dadurch vieles, das ihnen zu schwer werden würde bis zum Entschluß durchzudenken, ohne alle Mühe.
[A 59] Eine Sprache, die allemal die Verwandschaft der Dinge zugleich ausdrückte, wäre für den Staat nützlicher als Leibnitzens Charak- teristik. Ich meine solche wie zum Ex. Seelsorger statt Prediger, Dummkopf statt Stutzer, Wassertrinker statt Anakreontischer Dichter.
[A 60] Ich wünschte mir an jedem Abend die Sekunde des vergangenen Tages zu wissen, da mein Leben den geringsten Wert hatte, das ist, da, wenn Reinigkeit der Absichten, und Sicherheit des Leben Geld wert sind, ich am allermeisten würde gegolten haben.
[A 61] Debitum naturae reddere heißt auf lateinisch gemeiniglich sterben. O es könnte noch mehr heißen! Viele Schwachheiten die wir begehen sind Schulden, die wir der Natur bezahlen.
[A 62] Man muß sich in acht nehmen, daß man um die Möglichkeit mancher Dinge zu erweisen nicht gar zu bald auf die Macht eines höchstvollkommenen Wesens appelliert, denn sobald man z.E. glaubt [daß] Gott die Materie denken mache, so kann man nicht mehr erweisen, daß ein Gott außer der Materie sei.
[A 63] Der dreifache Punkt bei den krummen Linien ist wenigstens ein eben so schickliches Bild der Dreieinigkeit, als die Leibnizsche 1 ein Bild des Heiligen Geistes bei der Schöpfung ist.
[A 64] Unser Leben hängt so gnau in der Mitte zwischen Vergnügen und Schmerz, daß uns schon zuweilen Dinge schädlich werden können, die uns zu unserm Unterhalt dienen, wie ganz natürlich veränderte Luft, da wir doch in die Luft geschaffen sind. Allein wer weiß, ob nicht vieles von unserm Vergnügen von diesem Balancement aghängt, diese Empfindlichkeit ist vielleicht ein wichtiges Stück von dem, was unsern Vorzug vor den Tieren ausmacht.
[A 65] Eine Empfindung die mit Worten ausgedruckt wird, ist allzeit wie Musik die ich mit Worten beschreibe, die Ausdrücke sind der Sache nicht homogen genug. Der Dichter, der Mitleiden erregen will, verweist doch noch den Leser auf eine Malerei und durch diese auf die Sache. Eine gemalte schöne Gegend reiße augenblicklich hin, da eine besungene erst im Kopf des Lesers gemalt werden muß. Bei der ersten hat der Zuschauer nichts mehr mit der Einrichtung zu tun, sondern er schreitet gleichsam zum Besitz, wünscht sich die Gegend, das gemalte Mädgen, bringt sich in allerlei Situationen, vergleicht sich mit allerlei Umständen bei der Sache.
[A 66] Es ist in der Tat ein sehr blindes und unsern aufgeklärten Zeiten sehr unanständiges Vorurteil, daß wir die Geographie und die römische Historie eher lernen, als die Physiologie und Anatomie, ja die heidnische Fabellehre eher, als diese für Menschen beinah so unentbehrliche Wissenschaft daß sie nächst der Religion sollte getrieben werden. Ich glaube daß einem höheren Geschöpfe, als wir Menschen sind, dieses das reizendste Schauspiel sein muß, wenn er einen großen Teil des menschlichen Geschlechts starr ein paar tausend Jahre hinter sich gehen sähe, und aufs Ungewisse und unter dem Freibrief Regeln für die Welt aufzusuchen sich und der Welt unnütz sterben, [die] ihren Körper der doch ihr vornehmster Teil war nicht kannten, da ein Blick auf ihn sie, ihre Kinder, ihren Nächsten, ihre Nachkommen, hätte glücklich machen können.
[A 67] Ein gewisses großes Genie fängt aus einem besondern Hang an eine Verrichtung vorzüglich zu treiben, weil es schwer war, so wird er bewundert, andere reizt dieses. Nun demonstriert man den Nutzen dieser Beschäftigungen. So entstehen Wissenschaften.
[A 68] Es wäre zu untersuchen, was man zum allgemeinen Maßstab der Bedienungen in der Welt annehmen soll, um gleich einer Nation begreiflich zu machen, wie hoch ein gewisser Mann anzusehen sei. Es fragt [sich] also gleich, gibt es Leute, die solche Verrichtungen haben, die bei allen Nationen nötig sind und bei allen gleich hoch geschätzt werden. Die Priester lassen sich wohl nicht dazu annehmen, dieser Maßstab ist sehr ungewiß und in vielen Ländern zu klein. Ein Mädgen ginge noch eher an, diese werden ziemlich gleichförmig in Europa wenigstens geliebt. So daß ich glaube, daß der Ausdruck bedeutender ist: er liebte ihn, wie sein Mädgen, als der: er liebte ihn wie seinen Vater.
[A 69] Der Mensch scheint eine Kreatur zu sein, die sehr zur abgeänderten Witterung gemacht zu sein scheint, weil er unter der Linie und an den Polen dumm ist.
[A 70] Wir empfinden nicht die unmittelbare Berührung äußerer Körper beim Sehen und Hören, sagt Home, wie bei den übrigen Sinnen. (Wenn wir keine Augen hätten, so würde vielleicht die Empfindung des Gefühls ebenso innerhalb uns vorzugehen scheinen; allein unsere Augen machen, daß wir die Empfindung dahin versetzen, wo wir sehen, daß der Grund liegt p. m.)
[A 71] Den 29. Dez. 1766 abends 5 Uhr sah ich in Göttingen
[A 72] Um uns ein Glück, das uns gleichgültig scheint, recht fühlbar zu machen müssen wir immer denken, daß es verloren sei, und daß wir es diesen Augenblick wieder erhielten. Es gehört aber etwas Erfahrung in allerlei Leiden dazu um diese Versuche glücklich anzustellen.
[A 73] Diejenigen verba, welche die Leute täglich im Munde führen, sind in allen Sprachen die irregulärsten. Sum, Sono, eimi, ich bin, Je suis, Jag är, I am.
[A 74] Die Kritiker lehren uns, uns an die Natur zu halten, und die Schriftsteller lesen es, sie halten es aber immer für sicherer sich an Schriftsteller zu halten, die sich an die Natur gehalten haben. Die meisten lesen die Regeln des Hume und wenn sie schreiben wollen denken sie an eine Stelle des Shakespeare. Es ist freilich gut ein so großes Original vor Augen zu haben, allein es ist klar, daß, wenn man eine solche Kopie nicht erreicht, die Entfernung davon nach der Seite zu geschieht die von der Natur noch weiter abweicht, oder es muß ein großes Genie sein, das sich der Natur noch mehr nähert als die erste Kopie derselben. Geschieht aber dieses, so muß notwendig der Verfasser mehr die Natur als die Kopie zu erreichen gesucht haben, und man kann eigentlich alsdann nicht mehr sagen, daß er nach einer Malerei gezeichnet hat, sondern er bedient sich derselben nur so wie man sich in der praktischen Geometrie des Augenmaßes zuweilen bedient Messungen zu probieren, nicht um dadurch überhaupt zu sehen ob man gnau gemessen hat, sondern zu sehen ob man nicht durch einen Irrtum in der Rechnung einen Fehler begangen hat, der die Hälfte des Gesuchten beträgt.
[A 75] Die Entschuldigungen, die man bei sich selbst sich macht wenn man etwas unternehmen will, sind ein vortrefflicher Stoff für Monologen, denn sie werden selten anders gemacht, als wenn man allein ist und sehr oft laut.
[A 76] Wenn man einen guten Gedanken liest, so kann man probieren, ob sich etwas Ähnliches bei einer andern Materie denken und sagen lasse. Man nimmt hier gleichsam an, daß in der andern Materie etwas enthalten sei das diesem ähnlich sei. Dieses ist eine Art von Analysis der Gedanken, die vielleicht mancher Gelehrter braucht ohne es zu sagen.
[A 77] Es ist etwas Unbegreifliches, daß es uns schwer wird, in Komödien natürlich zu schreiben, da uns doch das natürliche am natürlichsten ist. Es kommt bloß daher, daß wir das natürliche mit einem Ausdrucke zuweilen verbinden müssen, der nicht so ganz gemein ist, und man ist sehr geneigt, wenn der Geschmack sich nicht auf Philosophie und Vernunft und das menschliche Herz gründet, die Grenzen zu überschreiten.
[A 78]Dinge, die man täglich vor Augen sieht von einer anderen Seite zu betrachten, oder vielmehr durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, ist oft ein Mittel, die Welt mit Erfolg zu lehren. Lebermüllersche Belustigungen ließen sich auch in der Moral schreiben. Eins solches Mikroskop würde uns unglaubliche Dinge zeigen. Man sehe nur in den Home. Rousseau sagt Heloise T. I. Lettre XII "Le Gout est le Microscope du Jugement."
[A 79] Ein allgemeines Maß für das Verdienst oder für die Wichtigkeit einer Verrichtung, das allen Ständen sogleich die Größe einer Tat angäbe, wäre eine Erfindung, die eines moralischen Newton würdig wäre. Z.E. eine Compagnie vor des Kommandanten Haus zu exerzieren ist gewiß nicht so schwer als ein paar Schuh zu sohlen (ich weiß es freilich, daß die Ehre eine Besoldung ist, sie auszuzahlen legt der Fürst eine Steuer auf die Hüte und den Nacken der Untertanen. Wenn ein Handwerkspursche vor dem Offizier den Hut zieht, so denke ich immer, dieser Pursche ist eine Art von Kriegszahlmeister. Und wie ungeschliffen sind die Offiziers, die sie ohne Quittung annehmen, ich meine die nicht wieder an den Hut greifen) und ich behaupte ein Kleid gut zu schneiden ist zuverlässig schwerer, als Hof-Kavalier zu sein, zuverlässig schwerer, ich meine den Hof-Kavalier in abstracto. Eine solche Rangordnung, die aber gewiß dem Verfasser und dem Verleger den Kopf kosten würde, wünschte ich gedruckt zu sehen, sie existiert gewiß in dem Kopf jedes rechtschaffenen Mannes. Man könnte zu einem solchen Maß das Balancieren auf der Nase nehmen, weil dieses ohngefähr alle Menschen mit gleicher Geschwindigkeit lernen, und durch die Länge der Tabakspfeife in Zollen die Grade der Schwierigkeit messen.
[A 80] Plato hat schon den Gedanken geäußert, daß man die Menschen zu bessern bei den Frauenzimmern anfangen müsse, Rousseau in der bekannten Schrift über die Schädlichkeit der schönen Wissenschaften sagt in einer Note eben das und wünscht, daß ein großer Mann den Anfang machen möge, vielleicht hat Herr Fordyce mit seinen Frauenzimmerpredigten diesen Wunsch erfüllt.
[A 81] Rousseau selbst (in einer Antwort auf eine Widerlegung der vorhergehenden Schrift) gesteht, daß die schönen Wissenschaften etwas göttliches seien, abstrakt betrachtet, aber nicht für den Menschen; so entschuldigt er die Widersprüche, die sich in der Preisschrift befinden.
[A 82] Dante Alighieri nennt in seiner Komödie den Vergil mit einem Respekt seinen Lehrer, und hat ihn, wie Herr Meinhard bemerkt, doch so schlecht genützt, eine deutliche Probe, daß man schon damals die Alten lobte, ohne zu wissen warum, sie zu loben und andere Sachen tun, dieser Respekt gegen Dichter, die man nicht versteht und doch erreichen will, ist die Quelle unserer schlechten Schriften.
[A 83] Wenn wir so vollständig sprechen könnten als wir empfinden, die Redner würden wenige Widerspenstige, und die Verliebten wenig Grausame finden. Unser ganzer Körper wünschet bei der Abreise eines geliebten Mädgens, daß sie da bleiben möchte, kein Teil drückt es aber so deutlich aus als der Mund: wie soll er sich aber ausdrücken, daß man auch etwas von den Wünschen der übrigen Teile empfindet? Gewiß das ist sehr schwer zu raten, wenn man noch nicht in dem Fall wirklich ist, und noch schwerer wenn man nie darin war.
[A 84] Bei einem Verbrechen ist das was die Welt das Verbrechen nennt selten das was die Strafe verdient, sondern da ist es, wo unter der langen Reihe von Handlungen womit es sich gleichsam als mit Wurzeln in unser Leben hinein erstreckt diejenige ist, die am meisten von unserm Willen dependierte, und die wir am allerleichtesten hätten nicht tun können.
[A 85] Es ist ein Fehler in unsern Erziehungen, daß wir gewisse Wissen- schaften so früh anfangen, sie verwachsen sozusagen in unsern Verstand, und der Weg zum Neuen wird gehemmt. Es wäre die Frage ob sich die Seelenkräfte nicht stärken ließen ohne sie auf eine Wissenschaft anzuwenden.
[A 86] Wenn sich das menschliche Geschlecht noch mehr vermehrt, so muß man mehr als 2 oder drei Vornamen haben, um der Verwechslung vorzubeugen, die Kinder der eigentlichen Huren bringen neue Namen herein, noch ein Nutzen den sie haben.
[A 87] Wenn die Substanzen Eigenschaften besitzen, die sich andern vergegenwärtigen lassen, so können wir zugleich Glieder in verschiedenen Welten sehn ohne uns jedoch in mehr als einer bewußt zu sein, denn Eigenschaften der Substanzen sind so zu reden durchdringlich. So können wir sterben und in einer andern Welt fortleben.
[A 88] Shakespear unterscheidet sich in seinen Ausdrücken häufig dadurch von allen übrigen Schriftstellern, daß er nicht so leicht Metaphern wählt, die im Gemeinleben rezipiert sind, als zum Exempel Triebfeder, der G.... sondern lieber statt dessen ein besonderes [Bild,] aus eben dieser Sache hergeholtes, wählt.
[A 89] Ein gewisser Philosoph sagt man müsse [bei] Zeiten den Geist mit nützlichen Wahrheiten [speisen]. Herr N. hatte ihn zuweilen halbe Jahre [hun]gern lassen und auf einmal wieder so gefüttert, daß man auf allen Messen sagte: Mein Gott der Mensch hat sich übernommen (pm).
[A 90] Es gibt eine gewisse Art Menschen, die mit jedem leicht Freundschaft machen, ihn eben so bald wieder hassen und wieder lieben, stellt man sich das menschliche Geschlecht als ein Ganzes vor, wo jeder Teil in seine Stelle paßt, so werden dergleichen Menschen zu solchen Ausfüll-Teilen die man überall hinwerfen kann. Man findet unter dieser Art von Leuten selten große Genies, ohneracht sie am leichtesten dafür gehalten werden.
[A 91] Man kann sich das menschliche Geschlecht als einen Polypen denken, so kommt man schon auf mein System von Seelenwanderung.
[A 92] Um ein Stückgen Fleisch wieder in Erde zu verwandeln, damit es andern Vegetabilien oder Tieren nützen könne, läßt es die Natur nicht bloß durch eine Verwesung auflösen, sondern hat lieber andere kleine Kreaturen hervorgebracht, die es auffressen, sie hätte vielleicht dieses ohne diese Tiere erhalten können, allein es ist dadurch die Summe des Vergnügens in empfindenden Geschöpfen auf der Welt vermehrt worden, und es läßt sich wahrscheinlich mutmaßen, daß allzeit das Vergnügen der empfinden[en ]Substanzen in der Welt ein Größtes ist, so daß, wenn es bei einer Gattung wüchse, es bei den andern abnehmen müßte.
[A 93] Die wahre Bedeutung eines Wortes in unsrer Muttersprache zu verstehen bringen wir gewiß oft viele Jahre hin. Ich verstehe auch zugleich hier mit die Bedeutungen die ihm der Ton geben kann. Der Verstand eines Wortes wird uns um mich mathematisch auszudrücken durch eine Formul gegeben, worin der Ton die veränderliche und das Wort die beständige Größe ist. Hier eröffnet sich ein Weg die Sprachen unendlich zu bereichern ohne die Worte zu vermehren. Ich habe gefunden, daß die Redens-Art: Es ist gut auf fünferlei Art von uns ausgesprochen wird, und allemal mit einer andern Bedeutung, die freilich auch oft noch durch eine dritte veränderliche Größe nämlich die Miene bestimmt wird.
[A 94] Die Geschöpfe machen nicht sowohl eine Kette aus wie die Poeten (Pope) öfters sich ausdrücken, sondern ein Netz, denn sie kommen auch öfters von der Seite wieder zusammen. Wie die Übergänge der Tiere und Steine aus einer Species in die andere und aus einem Genus in das andere deutlich zeigen. Büttner.
[A 95] Der Reim ist etwas, das mehr den nordlichern Ländern eigen ist, so wie das Silben-Maß mehr in den südlichern verehrt wurde, bei diesen ist alles Musik, da bei jenen nur zuweilen aber desto stärker die Kunst und Harmonie sichtbar wird; ich zweifle nicht, daß die Griechen und Römer nicht mannigmal auf Reime verfallen seien, es war aber dieses Künstliche in ihnen allzu fühlbar und ihnen daher verhaßt, so wie uns die Reime schmetterte und kletterte, dahingegen ihr zärteres Ohr schon eher Füße zählen konnte, als wie unseres, das sich daher ein fühlbares Silbenmaß, den Reim erfand. Daher haben die alten deutschen Verse oft nur Reime und fast gar kein metrum.
[A 96] Wenn man die Charaktere der Menschen, oder besser, wenn man die Menschen nach den Charakteren ordnen könnte, welches leicht möglich wäre, wenn wir mehr Erfahrungen in diesem Stück sammelten, so würde man die Klassen für die Künstler und Gelehrten leicht merken, und würde sich alsdann nicht mehr bemühen einem aus dem Genere passerum sprechen zu lernen, da es ausgemacht ist, daß dieses nur den Picis zukommt.
[A 97] Wenn wir die abstrakten Wahreiten, die unsere Vernunft ohne viele vorhergegangene Empfindungen erkennt, so ordnen könnten, daß wir den Übergang zu den angewandten treffen könnten, so würde vieles eine brauchbare Metaphorik geben, allein dieser Übergang fehlt noch jetzo unserer Metaphorik.
[A 98] Zu Dorlar einem Dorf an der Lahn nicht weit von Gießen haben fast alle Leute rote Haare.
[A 99] Herr Fielding sucht in der Vorrede zu seinem Andrews den Grund des Lächerlichen in einer gezwungenen Nachahmung, allein er hat nicht bedacht, daß alsdann allemal das lächerliche nur im affektierten bestünde, da es doch viele Handlungen gibt, die an sich ohne Beziehung auf etwas anderes lächerlich sind; und auf diese Art fällt eine der größten Quellen des lächerlichen weg, nämlich wenn jemand etwas für sehr wichtig im Ernst hält, was nur eine Kleinigkeit ist, wie Orgon, da er von einer Fliege gestochen wird, oder der Verweis des Don Sylvio, den er dem Pedrillo gibt, weil er so frei im Palast der weißen Katze schwatzt, und dergleichen mehr.
[A 100] Herr Home beantwortet in seinen Elements of Criticism (Kapitel 12) die Frage, ob sich die Wahrheit durch das belachenswerte prüfen lasse, mit Ja, und begegnet dem Einwurf: daß sich auch das ernsthafteste lächerlich machen ließe, dadurch, daß er sagt, ein solcher Witz werde die Prüfungen eines feinen Geschmacks nicht aushalten. Dennoch glaube ich aber, daß das ernsthafteste öfters mit Geschmack kann lächerlich gemachte werden, wenn man anders davon abstrahiert, daß es schon an sich nicht viel Geschmack verrät, wenn man ernsthafte Sachen lächerlich machen will.
[A 101] Home sagt in der Einleitung zu seinen Elements of Criticism, daß eine gesunde Kritik die Tugend unterstütze, dieses ist sehr richtig, wenn man eine Kritik versteht, die nach den feinen Grundsätzen des Herrn Home agiert, allein es gibt oft eine angeborne Kritik, die ihrem Subjekt das Schöne augenblicklich zeigt, ohne daß es merkt, auf was für Regelmäßige Übereinstimmungen sich diese Empfindungen gründen. So bald dieser feine Geschmack erworben ist, und nicht angeboren, so hat Herr Home recht, und vielleicht versteht er auch nur einen solchen erworbenen.
[A 102] Man hat bisher in der Abhandlung andrer Wahrheiten, als der mathemat[ischen] und physikalischen, die Sätze, die man erweisen, andern erläutern wollte gleich zu verwickelt angenommen, und man geriet notwendigerweise in Verwirrungen. Wenn man den Ursprung der Winde erläutern will, so betrachtet man eine Luftkugel, ohne auf Wasser oder Erde zu sehen und sieht, was die anziehende Kraft des Monds für Veränderungen in derselben hervorbringen kann. Wenn man die Regeln des Geschmacks aussuchen will, sollte man erst überhaupt die Veränderung einer empfinden[den] Substanz betrachten, hernach immer Leidenschaften zusetzen, immer neues Interesse addieren, bis wir endlich den Menschen heraus hätten.
[A 103] Die Worte sind eine Art von Buchstabenrechenkunst für die natürlichen Zeichen der Begriffe, welche in Gebärden und Stellungen besteht, die Casus der Substantiven sind die Zeichen.
[A 104] Sind wohl solche Zahlzeichen möglich, die wenn ich das Blatt herumkehre und alsdann ausspreche z.E. so viel bedeuten als die Hälfte der vorhergehenden..
[A 105] Herr Home bemerkt (T. 1 Abschn. 3) daß man bei Erblickung einer tugendhaften Handlung eben eine solche Bewegung fühlt, die eben die Absicht hat, als wie der Trieb zur Fortpflanzung seines Geschlechts, eine Empfindung, die derjenigen ähnlich ist, wie diejenige, die die Handlung hervorgebracht hat.
[A 106] Das "aimer par compagnie" das Perrault, welches auch Home kennt, ist die Seele der Mode, und eine Definition des Schönen würde sehr leicht werden, wenn wir dieses von dem eigentlich gefallenden trennen könnten.
[A 107] Die sonderbare Empfindung, die ich habe, wenn mit einem spitzigen Instrument gegen die Augen zu fahre?
[A 108] Jedermann gesteht, daß schmutzige Historien, die man selbst aufsetzet, lange nicht die gefährliche Wirkung auf uns tun, als die von Fremden.
[A 109] Die animalcula infusoria sind Blasen mit Neigungen.
[A 110] Das Maß des Wunderbaren sind wir, wenn wir ein allgemeines Maß suchten, so würde das Wunderbare wegfallen und würden alle Dinge gleich groß sein.
[A 111] Geister ohne eine Welt außer ihnen müssen seltsame Geschöpfe sein, denn da von jedem Gedanken der Grund in ihnen liegt, so sind die seltsamsten Verbindungen von Ideen allzeit recht. Leute nennen wir rasend, wenn sich die Ordnung ihrer Begriffe nicht mehr aus der Folge der Begebenheiten in unsrer ordentlichen Welt bestimmen läßt, deswegen ist gewiß eine sorgfältige Betrachtung der Natur, oder auch die Mathematik das sicherste Mittel wider Raserei, die Natur ist sozusagen das Laufseil, woran unsere Gedanken geführt werden, daß sie nicht ausschweifen.
[A 112] Die Einrichtung unserer Natur ist so weise, daß uns sowohl vergangener Schmerz, als vergangene Wollust Vergnügen erweckt; da wir nun ferner eher eine zukünftige Wollust voraussehen als einen zukünftigen Schmerz, so sehen wir daß wirklich nicht einmal die traurige und angenehme Empfindung in der Welt gleich verteilt sind, sondern daß wirklich auf Seiten des Vergnügens ein größeres stattfindet.
[A 113] Der Krämer, der etwas abwiegt, schafft so gut die unbekannten Größen auf die eine Seite und die bekannten auf die andere als der Algebraist.
[A 114] Der Streit über bedeuten und sein, der in der Religion so viel Unheil angestiftet hat, wäre vielleicht heilsamer gewesen, wenn man ihn über andere Materien geführt hätte, denn es ist eine allgemeine Quelle unsers Unglücks, daß wir glauben die Dinge seien das wirklich, was sie doch nur bedeuten.
[A 115] Das Leben kann als eine Linie angesehen werden, die mit verschiedenen Krümmungen über einen Graben (der Grenze des Lebens) hinläuft. Der plötzliche Tod ist ein perpendikulärer Lauf nach dieser Linie, Krankheit auf Parallelen mit derselben.
[A 116] Das Glück der Menschen besteht in einer richtigen Verhältnis seiner Gemüts-Eigenschaften und seiner Affekten, wenn eine wächst, so leiden alle andern, daraus entstehen unzählige Mischungen. Das was man einen großen Geist nennt kann so gut eine Mißgeburt sein, als es ein großer Spieler ist, aber eine nützliche Mißgeburt, so waren Savage und Günther wahrhafte Mißgeburten, der Mann der ruhig und vergnügt lebt, ist der eigentliche Mensch, und ein solcher Mensch wird es selten sehr weit in einer Wissenschaft bringen, weil jede Maschine die zu Vielem nützen soll selten zu jedem so stark nützen kann als eine die nur allein zu einer einzigen Absicht gemacht ist. Deswegen ist es ebenso weis eingerichtet, daß wenige Leute Genie haben, als es weislich ist, daß nicht alle Leute taub oder blind sind. Newton war am Geist ein Macrochir, er konnte höher hinauflangen, die Offenbarung Johannis erklärte er schlecht, weil vielleicht dazu eine große Nase nötig war.
[A 117] Ein Narr, der sich einbildet, ein Fürst zu sein, ist von dem Fürsten, der es in der Tat ist, durch nichts unterschieden, als daß jener ein negativer Fürst und dieser ein negativer Narr ist, ohne Zeichen betrachtet sind sie gleich.
[A 118] Es ist ein ganz unvermeidlicher Fehler aller Sprachen, daß sie nur genera von Begriffen ausdrücken, und selten das hinlänglich sagen was sie sagen wollen. Denn wenn wir unsere Wörter mit den Sachen vergleichen, so werden wir finden daß die letzteren in einer ganz andern Reihe fortgehen als die erstem. Die Eigenschaften die wir an unserer Seele bemerken hängen so zusammen, daß sich wohl nicht leicht eine Grenze wird angeben lassen, die zwischen zweien wäre, die Wörter, womit wir sie ausdrücken, sind nicht so beschaffen, und zwei auf einander folgende und verwandte Eigenschaften werden durch Zeichen ausgedrückt, die uns keine Verwandtschaft zu erkennen geben. Man sollte die Wörter philosophisch deklinieren können, das ist ihre Verwandtschaft von der Seite durch Veränderungen angeben können. In der Analysi nennt man einer Linie a unbestimmtes Stück x, das andere nicht y wie im gemeinen Leben, sondern a - x. Daher hat die mathematische Sprache so große Vorzüge für der gemeinen.
[A 119] Kein Fürst wird jemals den Wert eines Mannes durch seine Gunst bestimmen, denn es ist ein Schluß, der nicht auf eine einzige Erfahrung etwa gegründet ist, daß ein Regent meistens ein schlechter Mann ist. Der in Frankreich backt Pasteten und betrügt ehrliche Mädgen, der König von Spanien haut unter Pauken und Trompeten Hasen in Stücken, der letzte König in Polen der Kurfürst von Sachsen war schoß seinem Hofnarren mit dem Blasrohr nach dem Arsch, der Fürst von Löwenstein beklagt bei einem großen Brand nichts als seinen Sattel, der Landgraf von Kassel fährt einer Tänzerin zu Gefallen in der Suite eines Fürsten der nicht viel mehr ist als er und wird durch die erbärmlichsten Leute betrogen, der Herzog von Württemberg ist ein Wahnsinniger, der König von Engelland macht....... Engelländerin P.... ., der Fürst von Weilburg badet sich öffentlich in der Lahn; die meisten übrigen Beherrscher dieser Welt sind Tambours, Fourriers, Jäger. Und dieses sind die Obersten unter den Menschen; wie kann es denn in der Welt nur erträglich hergehen; was helfen die Einleitungen ins Kommerzien-Wesen, die arts de s'enrichir par l'agriculture, die Hausväter, wenn ein Narr der Herr von allen ist, der keine Oberen erkennt als seine Dummheit, seine Caprice, seine Huren und seinen Kammerdiener, o wenn doch die Welt einmal erwachte, und wenn auch drei Millionen am Galgen stürben, so würden doch vielleicht so bis 8o Millionen dadurch glücklich; so sprach einst ein Perückenmacher in Landau auf der Herberge, man hielt ihn aber mit Recht für völlig verrrückt, er wurde ergriffen, und von einem Unteroffizier noch ehe er in Verhaft gebracht wurde mit dem Stock todgeschlagen, der Unteroffizier verlor den Kopf.
[A 120] Wenn Plato sagt die Leidenschaften und die natürlichen Triebe seien die Flügel der Seele, so drückt er sich sehr lehrreich aus, solche Vergleichungen erläutern die Sache und sind gleichsam Übersetzung der schweren Begriffe eines Mannes in eine jedermann bekannte Sprache, wahrhafte Definitionen.
[A 121] Es kann ohnstreitig Kreaturen geben, deren Organe so fein sind, daß sie nicht imstande sind durch einen Lichtstrahl durchzugreifen, so wie wir nicht durch einen Stein durchgreifen können, weil unsere Hände eher zerstört werden würden.
[A 122] Es ist eine richtige Beobachtung wenn [man] sagt daß Leute die zu stark nachahmen ihre eigene Erfindungskraft schwächen. Dieses ist die Ursache des Verfalls der italienischen Baukunst, wer nachahmt und die Gründe der Nachahmung nicht einsieht fehlt gemeiniglich so bald ihn die Hand verläßt, die ihn führte.
[A 123] Vielleicht ist ein Gedanke der Grund aller Bewegung in der Welt, und die Philosophen, welche gelehrt haben, daß die Welt ein Tier sei, sind vielleicht durch diesen Weg darauf gekommen, sie haben sich vielleicht nur nicht so eigentlich ausgedruckt wie sie vielleicht hätten tun sollen. Unsere ganze Welt ist nichts als die Wirkung eines Gedankens von Gott auf die Materie.
[A 124] Den 5ten Nov. 1769. Die Welt ist ein allen Menschen gemeiner Körper, Veränderungen in ihr bringen Veränderung in der Seele aller Menschen vor die just diesem Teil zugekehrt sind.
[A 125] Träume führen uns oft in Umstände, und Begebenheiten hinein, in die wir wachend nicht leicht hätten können verwickelt werden, oder lassen uns Unbequemlichkeiten fühlen welche wir vielleicht als klein in der Ferne verachtet hätten, und eben dadurch mit der Zeit in dieselben verwickelt worden wären. Ein Traum ändert daher oft unsern Entschluß, sichert unsern moralischen Fond besser als alle Lehren, die durch einen Umweg ins Herz gehen.
[A 126] Ich habe schon auf Schulen Gedanken vom Selbstmord gehegt, die den gemein angenommenen in der Welt schnurstracks entgegen liefen, und erinnere mich, daß ich einmal lateinisch für den Selbstmord disputierte und ihn zu verteidigen suchte. Ich muß aber gestehen, daß die innere Überzeugung von der Billigkeit einer Sache (wie dieses aufmerksame Leser werden gefunden haben) oft ihren letzten Grund in etwas Dunklem hat, dessen Aufklärung äußerst schwer ist, oder wenigstens scheint, weil eben der Widerspruch, den wir zwischen dem klar ausgedruckten Satz und unserm undeutlichen Gefühl bemerken, uns glauben macht wir haben den rechten noch nicht gefunden. Im August 1769 und in den folgenden Monaten habe ich mehr an den Selbstmord gedacht als jemals vorher, und allezeit habe ich bei mir befunden, daß ein Mensch bei dem der Trieb zur Selbst-Erhaltung so geschwächt worden ist, daß er so leicht überwältigt werden kann, sich ohne Schuld ermorden könne. Ist ein Fehler begangen worden, so liegt er viel weiter zurück. Bei mir ist eine vielleicht zu lebhafte Vorstellung des Todes, seines Anfangs und wie leicht er an sich ist schuld daß ich vom Selbstmord so denke. Alle die mich nur aus etwas größeren Gesellschaften und nicht aus einem Umgang zu zweit kennen werden sich wundern, daß ich so etwas sagen kann. Allein Herr Ljungberg weiß es, daß es eine von meinen Lieblings-Vorstellungen ist mir den Tod zu gedenken, und daß mich dieser Gedanke zuweilen so einnehmen kann, daß ich mehr zu fühlen als zu denken scheine und halbe Stunden mir wie Minuten vorübergehn. Es ist dieses keine dickblütige Selbst-Kreuzigung, welcher ich wider meinen Willen nachhinge, sondern eine geistige Wollust für mich, die ich wider meinen Willen sparsam genieße, weil ich zuweilen fürchte, jene melancholische nachteulenmäßige Betrachtungsliebe möchte daraus entstehen.
[A 127] Nicht da sein heißt bei den Naturforschern, wenigstens bei einer gewissen Klasse so viel als nicht empfunden werden.
[A 128] Für das Künftige sorgen, muß bei Geschöpfen die das Künftige nicht kennen sonderbare Einschränkungen leiden. Sich auf sehr viele Fälle zugleich schicken, wovon oft eine Art die andern zum Teil aufheben muß, kann von einer vernünftigen Gleichgültigkeit gegen das Zukünftige wenig unterschieden sein.
[A 129] Mit einem erstaunenden Vergnügen finde ich in des Herrn Lavaters Aussichten in die Ewigkeit T.I. p. 43 seq., daß er vor dem Schlaf ähnliche Empfindungen mit mir hat, ich habe jahrelang vorher ehe dieses Buch erschien schon Herrn Ljungberg die Eröffnung getan, ja als ich noch auf Schulen war habe ich meinem Freund Herrn Eßwein schon etwas davon gesagt, aber nie gehört, daß er oder Herr Ljungberg jemals etwas ähnliches empfunden, meine Betrachtungen in diesem Zustand gehen gemeiniglich auf den Tod, oder die Seele überhaupt, und das was Empfindung ist, und endigen sich in einer Bewunderung der Einrichtung des Menschen, alles ist mehr Gefühl als Reflexion und unbeschreiblich.
[A 130] Der Bauer, welcher glaubt, der Mond sei nicht größer als ein Pflug-Rad, denkt niemals daran daß in einer Entfernung von einigen Meilen eine ganze Kirche nur wie ein weißer Fleck aussieht, und daß der Mond hingegen immer gleich groß scheint, was hemmt bei ihm diese Verbindung von Ideen, die er einzeln alle hat? Er verbindet in seinem gemeinen Leben auch wirklich Ideen vielleicht durch künstlichere Bande, als diese. Diese Betrachtung sollte den Philosophen aufmerksam machen, der vielleicht noch immer der Bauer in gewissen Verbindungen ist. Wir denken früh genug aber wir wissen nicht daß wir denken, so wenig als wir wissen daß wir wachsen oder verdauen, viele Menschen unter den Gemeinen erfahren es niemals. Eine gnaue Betrachtung der äußeren Dinge führt leicht auf den betrachtenden Punkt, uns selbst, zurück und umgekehrt wer sich selbst einmal erst recht gewahr wird gerät leicht auf die Betrachtung der Dinge um ihn. Sei aufmerksam, empfinde nichts umsonst, messe und vergleiche; dieses ist das ganze Gesetz der Philosophie.
[A 131] Es gibt Grade des Verlierens, ein Ding in keiner einzigen gegebenen Zeit wieder finden können, heißt dieses Ding verloren haben, zuweilen läßt sich aus den Umständen nicht schließen, ob diese Zeit unendlich werden wird oder nicht, wird aber oft endlich befunden. Man kann etwas wirklich verloren haben, wenn man auch gleich weiß, daß man es nach einer halben Stunde Fleiß wieder finden könnte.
[A 132] Den 25. Febr. 1770. Was ist es, das macht, daß wir uns zuweilen eines geheimen Kummers standhaft entschlagen können, da die Vorstellung, daß wir unter dem Schutz einer höchstgütigen Vorsicht stehen, die größte Wirkung auf uns hat, und dennoch oft in der nächsten halben Stunde diesem nämlichen Kummer beinah unterliegen. Mit mir ist es wenigstens so, ohne daß ich sagen könnte, daß ich bei der 2ten Vorstellung meinen Kummer von einer neuen Seite betrachte, andere Relationen einsehe, nichts weniger. Fände dieses statt, so wurde ich diese Anmerkung nicht einmal niedergeschrieben haben. Ich glaube vielmehr, daß die moralische Empfindlichkeit im Menschen zu unterschiedenen Zeiten verschieden ist, des Morgens stärker als des Abends.
[A 133] Was man sieht, tut oder liest, suche man immer auf den Grad der Deutlichkeit zurückzubringen, daß wir wenigstens die gemeinsten Einwürfe dagegen beantworten können, alsdann läßt es sich zu dem errichteten Fond unserer Wissenschaft schlagen. Kein streitiges Vermögen muß je darunter gerechnet werden. Will sich etwas allgemein angenommenes nicht mit unserem System vereinigen, so fehlen uns vielleicht noch Grundideen, und Erlernung solcher ist ein großer Gewinn.
[A 134] Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röcheln, klingelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren, sprudeln. Diese Wörter und noch andere, welche Töne ausdrücken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.
[A 135] Das Zurücktreten von Personen die heftig mit andern zanken kann zuweilen seinen Grund in einer Furcht vor der eigenen Unenthaltsamkeit anzeigen. So tritt Apollo beim Homer zurück nachdem er den Diomed der ihn bekämpfen wollte an seinen unermeßlichen Abstand von Göttern und an seinen Raupenstand erinnert hat. Iliad. Book V. v. 539 Pope's Übersetzung.
"So spoke the God who darts celestial fires,
He dreads his fury and some steps retires."
[A 136] Menschliche Philosophie überhaupt ist die Philosophie eines einzelnen gewissen Menschen durch die Philosophie der andern selbst der Menschliche Philosophie überhaupt ist die Philosophie eines einzelnen gewissen Menschen durch die Philosophie der andern selbst der Narren korrigiert und dieses nach den Regeln einer vernünftigen Schätzung der Grade der Wahrscheinlichkeit. Sätze worüber alle Menschen übereinkommen sind wahr, sind sie nicht wahr, so haben wir gar keine Wahrheit. Andere Sätze für wahr zu halten zwingt uns oft die Versicherung solcher Menschen, die in der Sache viel gelten, und jeder Mensch würde das glauben, der sich in eben den Umständen befände, so bald dieses nicht ist, so ist eine besondere Philosophie und nicht eine die in dem Rat der Menschen ausgemacht ist, Aberglaube selbst ist Lokal-Philosophie, er gibt seine Stimme auch.
[A 137] Weiser werden heißt immer mehr und mehr die Fehler kennen lernen, denen dieses Instrument, womit wir empfinden und urteilen, unterworfen sein kann. Vorsichtigkeit im Urteilen ist was heutzutage allen und jeden zu empfehlen ist, gewönnen wir alle 10 Jahre nur eine unstreitige Wahrheit von jedem philosophischen Schriftsteller, so wäre unsere Ernte immer reich genug.
[A 138] Es gibt Menschen, die sogar in ihren Worten und Ausdrücken etwas Eigenes haben, (die meisten haben wenigstens etwas, das ihnen eigner ist) da doch Redensarten durch eine lange Mode so und nicht anders sind, solche Menschen sind allzeit einer Aufmerksamkeit würdig, es gehört viel Selbstgefühl und Unabhängigkeit der Seele [dazu] bis man so weit kommt. Mancher fühlt neu und sein Ausdruck womit der dieses Gefühl andern deutlich machen will ist alt.
[A 139] Den Männern in der Welt haben wir so viel seltsame Erfindungen in der Dichtkunst zu danken, die alle ihren Grund in dem Erzeugungstrieb haben, alle die Ideale von Mädchen und dergleichen. Es ist schade, daß die feurigen Mädchen nicht von den schönen Jünglingen schreiben dürfen wie sie wohl könnten, wenn es erlaubt wäre. So ist die männliche Schönheit noch nicht von denjenigen Händen gezeichnet, die sie allein recht mit Feuer zeichnen könnten. Es ist wahrscheinlich, daß das Geistige, was ein Paar bezauberte Augen in einem Körper erblicken, der sie bezaubert hat, ganz von einer andern Art sich den Mädchen in männlichen Körpern zeigt, als es sich dem Jüngling in weiblichen Körpern entdeckt.
[A 140] Es ist zum Erstaunen, wie wenig dasjenige oft, was wir für nützlich halten, und was auch leicht zu tun wäre, doch von uns getan wird. Die Begierde, geschwind viel wissen zu wollen, hindert oft die gnauen Untersuchungen, allein es ist selbst dem Menschen, der dieses weiß, sehr schwer etwas gnau zu prüfen, da er doch weiß, er kommt auch nicht zu seinem Endzwecke viel zu lernen, wenn er nicht prüft.
[A 141] Aus einer Menge von unordentlichen Strichen bildet man sich leicht eine Gegend, aber aus unordentlichen Tönen keine Musik.

Sudelbuch B


[B 1] Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll.
[B 3] Er hatte zu nichts Appetit und aß doch von allem.
[B 42] Blut, das 40 Ahnen durch allzeit unter eigenen Westen geflossen hat, rann nun zum ersten Mal unter einer geborgten.
[B 48] Sein Rock war mehr wert als seine Ehre, und jeder Jude hätte ihm mehr für jenen, als für diese gegeben.
[B 161] Er hatte schon längst den stillen Vorsatz bei sich gefaßt, etwas zu tun, daß entweder in die gelehrte oder in die politische Zeitung kommen müßte.
[B 189] Das einzige, was er Männliches an sich hatte, konnte er des Wohlanstandes wegen nicht sehen lassen. ...
[B 199] Er trug die Livree des Hungers und des Elends.
[B 213] Graf Kettler. Seine Aussprache war so wie des Demosthenes seine, wenn er das Maul voller Kieselsteine hatte.
[B 216] Ihr Unterrock war blau und rot sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theatervorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt.
[B 249] Nimm dich in acht, daß meine Geduld nicht über deiner Langsamkeit ablauft. Auf meine Ehre, ich ziehe sie deinetwegen nicht noch einmal auf.
[B 255] Wenn ich einmal sein Leben herausgebe, so suchen Sie gleich im Index die Wörter Bouteille und Selbst-Genuß auf, sie enthalten das Wichtigste von ihm.
[B 258] Er bewegte sich so langsam als wie ein Stunden-Zeiger unter einem Haufen von Sekunden-Zeigern.
[B 273] Ich habe mit ihm 2 Jahre in einerlei Nachtgeschirr gepisset und kann also schon wissen was an ihm ist.
[B 288] Etwas in Prose oder in Versen arbeiten zu können, ist zu gewissen Zeiten eben so bequem, als sich selbst rasieren oder frisieren zu können.
[B 304] Wenn die wilden Schweine dem armen Manne seine Felder verderben, so rechnet man es ihm unter dem Namen Wildschaden für göttliche Schickung an.
[B 318] Eine Gedanken fliehende Kraft.
[B 342] Unter den heiligsten Zeilen des Sheakespear wünschte ich, daß diejenigen einmal mit Rot erschienen möchten, die wir einem zur glücklichen Stunde getrunkenen Glas Wein zu danken haben.
[B 344] Ein gewisser Freund den ich kannte pflegte seinen Leib in drei Etagen zu teilen, den Kopf, die Brust und den Unterleib, und er wünschte öfters, daß sich die Hausleute der obersten und der untersten Etage besser vertragen könnten.
[B 387] Es kann nicht alles ganz richtig sein in der Welt weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.
[B 389] Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun.
[B 394] Ich warf allerlei Gedanken im Kopf herum bis endlich folgender obenhin zu liegen kam.
[B 396] Fein war er eigentlich nicht, allein er verstund doch die Kunst, wenn er es bedurfte, zuweilen auf seinen Nebenmenschen zu reiten.
[B 415] In saufbrüderlicher und kaffeeschwesterlicher Eintracht.

Sudelbuch C


[C 5] Die eine Schwester ergriff den Schleier und die andere den Hosen-Schlitz.
[C 25] Mit größerer Majestät hat noch nie ein Verstand still gestanden.
[C 37] Ja die Nonnen haben nicht allein ein strenges Gelübde der Keuschheit getan, sondern haben auch noch starke Gitter vor ihren Fenstern.
A. O durch das Gelübde wollten wir schon kommen, wenn wir nur durch die Gitter wären.
[C 38] Er kann sich einen ganzen Tag in einer warmen Vorstellung sonnen.
[C 81] Was einem das Liegen auf dem rechten Ellenbogen ist, nachdem man eine Stunden auf dem linken gelegen.
[C 101] Gib meinen guten Entschlüssen Kraft, ist eine Bitte, die im Vaterunser stehen könnte.
[C 158] Es war ihm unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.
[C 169] Die Mönche in Lodève in Gascogne erklärten eine Maus für heilig, die eine geweihte Hostie gefressen hatte.
[C 186] Die kleinsten Unteroffizier sind die stolzesten.
[C 229] Zwei auf einem Pferd bei einer Prügelei ist ein schönes Sinnbild für eine Staatsverfassung.
[C 234] Dies haben unsere Vorfahren aus gutem Grunde so geordnet, und wir stellen es aus guten Grunde nun wieder ab.
[C 241] Ich habe auch Federn auf dieser Leimrute sitzen lassen.
[C 245] Zeit urbar machen.
[C 252] Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren in der Welt ausgerichtet werden.
[C 257] So wie der Julius Cäsar einen Brief schreiben und zugleich etliche diktieren konnte, so hatte er die Gabe einen Takt zu treten und in einem anderen Magentropfen in einen Löffel zu zählen.
[C 299] Man könnte ihn den Zaunkönig der Schriftsteller nennen.
[C 343] Sie tun die Taten und wir übersetzen die Erzählungen davon ins Deutsche.
[C 345] Große Leute fehlen auch, und manche darunter so oft, daß man fast in die Versuchung gerät sie für kleine zu halten.
[C 347] Jemand wollte einmal seinen Fliegen in der Stube den Zucker abgewöhnen, und das hat ihn über ein halbes Pfund Zucker gekostet, und doch kamen immer noch welche, die ihn nicht verschmähten.
[C 351] Mit wollüstiger Bangigkeit.
[C 358] Nicht die Größe des Geistes sondern des Windes hat ihn zu dem Manne gemacht.
[C 375] Die Menschen können nicht sagen, wie sich eine Sache zugetragen, sondern nur wie sie meinen, daß sie sich zugetragen hätte.

Sudelbuch D


[D 29] Schwachheiten schaden uns nicht mehr sobald wir sie kennen.
[D 75] Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben.
[D 93] Das was man tun muß, um wie Sheakspear zu schreiben zu lernen, liegt viel weiter ab als die Lesung desselben.
[D 103] Man könnte Kaffee-Grütze-Mühlen und dergleichen an die Wagen anbringen, so hätten sie etwas zu tun, wenn sie leer nach Hause fahren.
[D 105] Eine Vorrede könnte Fliegenwedel betitult werden und eine Dedikation Klingelbeutel.
[D 121] Laß dich nicht anstecken, gib keines andern Meinung, ehe du sie dir anpassend gefunden, für deine aus; meine lieber selbst.
[D 139] Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller.
[D 143] Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals.
[D 161] Der Mensch ist vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier. Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe.
[D 169] Sich in einem Ochsen zu verwandeln ist noch kein Selbst-Mord.
[D 223] Es ist mit dem Witz wie mit der Musik, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man.
[D 235] Eine halb neue Erfindung mit einem ganz neuen Namen.
[D 240] Der gesunden Gelehrte, der Mann bei dem Nachdenken keine Krankheit ist.
[D 243] Was auf Sheakespearisch in der Welt zu tun war hat Sheapespear größtenteils selbst getan.
[D 245] Das ist eine Arbeit wobei sich glaube ich die Gedult selbst die Haare ausrisse.
[D 248] Die Professoren auf Universitäten sollten Schilde aushängen wie die Wirte.
[D 285] Ob eine Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gleich ausgemacht, ob aber einer, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Vernunft oder Unwissenheit stille sitzt, kann kein Sterblicher ausmachen.
[D 303] Die Bauernmädchen gehen barfuß, und die Vornehmen barbrust.
[D 309] Das bisgen Kopf, das sie noch haben, zerbrechen sie sich mit solchem Zeuge.
[D 325] Bei wachender Gelehrsamkeit und schlafendem Menschen-Verstand ausgeheckt.
[D 331] Daß der Mensch das edelste Geschöpf sei läßt sich auch schon daraus abnehmen, daß es ihm noch kein anderes Geschöpf widersprochen hat.
[D 399] Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?
[D 407] Die Welt muß noch nicht alt sein, weil die Menschen noch nicht fliegen können.
[D 451] Der Mann hatte so viel Verstand, daß er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war.
[D 463] Wenn ihn die Welt ganz kennte so wie ich ihn kenne, meine Herrn, sie würde den Fuchs und das Chamäleon in ihren Gleichnissen gegen ihn vertauschen.
[D 466] Der Satz muß noch mit einem Bruch multipliziert werden.
[D 478] Wenn der Pabst heiraten wollte, so wüßte ich ihm keine tugendhaftere Frau vorzuschlagen.
[D 486] Der Oberrock war in ganz gutem Stand, allein in den Unterrock hatte sie sich ein solches Loch gerissen, daß sie zuweilen übertratt.
[D 487] Alles verfeinert sich, Musik war ehmals Lärm, Satyre war Pasquill, und da wo man heutzutag sagt, erlauben Sie gütigst, schlug man einem vor alters hinter die Ohren.
[D 488] Nonsense ist in der Tat etwas sehr Betrübtes, und ein Professor der welchen schreibt sollte freundlich auf Pension gesetzt werden.
[D 563] Ich habe seine Stärke im Kauderwelschen beständig bewundert.
[D 564] Ein paar Dutzend Millionen Minuten machen ein Leben von 45 Jahren und etwas darüber.
[D 577] Mit wollüstiger Bangigkeit.
[D 581] Da sie sahen, daß sie ihm keinen katholische Kopf aufsetzen konnten, so schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab.
[D 584] Er war sonst eine Mensch wie wir, nur mußte er stärker gedrückt werden um zu schreien. Er mußte zweimal sehen was er bemerken, zweimal hören was er behalten sollte, und was andere nach einer einzigen Ohrfeige unterlassen, unterließ er erst nach der zwoten.
[D 615] Das ist nur Phraseologie, nichts weiter.

Sudelbuch E


[E 3] Er teilte des Sonntags Segen und oft schon des Montags Prügel aus.
[E 11] Arschwische mit Motto's.
[E 35] Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren?
[E 43] Der Mann hatte so eine gesetzte Umständlichkeit in allem was er sagte und eine solche frachtbriefmäßige Art sich auszudrücken, daß es gar kein lebendiger Mensch bei ihm ausdauren konnte.
[E 79] Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.
[E 97] Seine Uhr lag schon einige Stunden in einer Ohnmacht.
[E 98] Oden, wenn man sie liest, so gehen einem mit Respekt zu sagen Nasenlöcher und Zehen auseinander.
[E 100] Wir ziehen unsere Köpfe in Treibhäusern.
[E 112] Ich kenne die Blaustrümpfe wohl, sie können auch das Konkave so heraus pinseln daß ihr meint es wäre das Konvexe.
[E 125] Seit wann ist dann schlecht und recht und recht schlecht einerlei?
[E 129] Es hatte die Würkung, die gemeiniglich gute Bücher haben. Es machte die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger und die übrigen Tausende blieben ungeändert.
[E 136] Ein sonderbares Geräusch, als wenn ein ganzes Regiment auf einmal niesete.
[E 148] Mut, Geschwätzigkeit und Menge ist auf unserer Seite. Was wollen wir weiter?
[E 184] Ihr wünscht uns einen Kopf, und ich wünsche daß ihr zwei hättet und säßet in Spiritus bis über die vier Ohren.
[E 193] Bei Systole und Diastole der Naselöcher.
[E 201] Sie verkaufen alles bis aufs Hemd und noch weiter.
[E 202] Ein Schluck von Vernunft.
[E 203] Sie lesen nur und sehen nicht, und trinken Hühnerbrühe.
[E 204] Der fast Lessingsche Ausdruck, der dem Gedanken sitzt wie angegossen.
[E 214] Dem Pabst einen Bart machen heißt das reformieren?
[E 215] Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen. Wir haben keine Worte mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise der den Weisen versteht.
[E 233] Er urteilt davon, wie ein Professor Juris von einer Satyre.
[E 243] Die große Regel: Wenn dein Bißgen an sich nichts Sonderbares ist, so sage es wenigstens ein bißgen sonderbar.
[E 252] Briefe über die neuste Literatur: und ich dank es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen.
[E 263] Solche Leute sollte man Knöpfe mit dem Buchstaben Null tragen lassen, damit man sie kennte.
[E 286] Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.
[E 289] In einem Städtgen wo sich immer ein Gesicht aufs andere reimt.
[E 306] Ich mögte nur einen einzigen Tag König von Preußen sein, ich wollte die Berliner zausen.
[E 310] Er schreibt, daß selbst den Engeln der Verstand stille steht.
[E 316] Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?
[E 322] Es geht ihnen durch die Köpfe, wie die magnetische Materie durch Gold ohne ihm die geringste Richtung zu geben.
[E 356] Katechismus-Milch.
[E 367] Alles wohlklingend und alles erlogen.
[E 372] Nicht alle Wohlgeboren sind Wohlgestorben oder im Reich der Toden Hochedelgestorbene.
[E 373] Als ich nun so studierte und schlief.
[E 385] Wie gehts, sagte ein Blinder zum Lahmen. Wie Sie sehen, antwortete der Lahme.
[E 519] Er fiel sich selbst ins Wort.

Sudelbuch F


[F 19] Das Doktor-Werden ist eine Konfirmation des Geistes.
[F 88] Die unterhaltsamste Fläche auf der Erde ist für uns die vom menschlichen Gesicht.
[F 95] Ich habe Leute gekannt, die haben heimlich getrunken und sind öffentlich besoffen gewesen.
[F 100] Es regnete so stark, daß alle Schweine rein und alle Menschen dreckig wurden.
[F 111] Solche Leute sollten in wohleingerichteten Staaten eine Null auf den Knöpfen tragen.
[F 112] Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.
[F 132] Er las so gerne, wie er sagte, Abhandlungen vom Genie, weil er sich immer stark darnach fühlte.
[F 160] Beim Gehirn kommt es nicht allein auf die Größe sondern auch auf die Feinheit und die spezifische Schwere an.
[F 174] Etwas Witziges läßt sich wider alles sagen, und für alles. Hiergegen könnte ein witziger Mensch wieder etwas sagen, das mich vielleicht diese Behauptung bereuen machen könnte.
[F 189] Eine einzige Seele war für seinen Leib zuwenig, er hätte zwoen zu tun genug geben können.
[F 190] Die eine Seite seines Gehirns war weit härter und älter als die linke, und das gab seinen Gedanken das Sonderbare, er hatte oft Gedanken, die gar nicht wie Gedanken aussahen.
[F 214] Er hatte die Eigenschaften der größten Männer in sich vereint. Er trug den Kopf immer schief wie Alexander, und er hatte immer etwas in den Haaren zu nisteln wie Cäsar. Er konnte Kaffee trinken wie Leibniz, und wenn er einmal recht in einem Lehnstuhl saß, so vergaß er essen und trinken drüber wie Newton, und man mußte ihn wie jenen wecken. Seine Perücke trug er wie Dr. Johnson und ein Hosenknopf stund ihm immer offen wie dem Cervantes.
[F 257] Der Ort sieht nicht aus wie eine Stadt, sondern wie eine Krempel-Markt von abgetragenen Häusern.
[F 267] Ich sehe nicht ein, warum manche Teile des menschlichen Körpers mit Haaren bewachsen sind, als damit beim Baden sich das Wasser länger darin hält und durch seine Kühlung jene Teile stärkt und kühlt, weil sie es am meisten von Nöten haben.
[F 270] Wenn ich nur wüßte, wer es dem ehrlichen Mann beibringen wollte, daß er nicht klug ist.
[F 312] Er war ein geschäftiger Schriftsteller und ein sehr fleißiger Leser seiner eigenen Artikel in den gelehrten Zeitungen und Journalen.
[F 337] Was sie Herz nennen liegt weit tiefer als der 4. Westenknopf.
[F 393] In Göttingen wird der Mann, der den Kopf von außen zustutzt, von den Purschen eines größeren Vetrauens gewürdigt, als der ihn von innen zu verbessern unternimmt.
[F 399] Warum sind junge Witwen in Trauer so schön? (Untersuchung)
[F 408] Ich habe noch niemanden gefunden, der nicht gesagt hätte: es wäre eine angenehme Empfindung Stanniol mit einer Schere zu schneiden.
[F 412] Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben.
[F 413] Die Orakel haben nicht sowohl aufhören zu reden als vielmehr die Menschen ihnen zuhören.
[F 423] Wie nah wohl zuweilen unsere Gedanken an einer großen Entdeckung hinstreichen mögen?
[F 426] So sagt man jemand bekleide ein Amt, wenn er von diesem Amt bekleidet wird.
[F 450] Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in andern, sondern haßt sich auch in andern.
[F 454] Es ist schon arg, daß es so viel Ehre ist heutzutage etwas Falsches zu sagen.
[F 472] Seinen Organen etwas zu spielen geben heißt nicht studieren.
[F 482] Wenn er sprach, so fielen in der ganzen Nachbarschaft die Mäusefallen von selbst zu.
[F 509] Es ist sehr gefährlich, sagt Voltaire, in Dingen Recht zu haben, wo große Leute Unrecht haben.
[F 557] Ich habe es sehr deutlich bemerkt: Ich habe die Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin.
[F 572] So traurig stund er da wie das Trinkschälgen eines krepierten Vogels.
[F 574] Die Nase eher rümpfen lernen als putzen.
[F 577] Er ist nun aus den Oden-Jahren in die Psalm-Jahre gekommen.
[F 578] Alle Unparteilichkeit ist artifiziell. Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht daran. Selbst Unparteilichkeit ist parteiisch. Er war von der Partei der Unparteiischen.
[F 580] Damals hätte er beinah seinen kostbaren Hals gebrochen.
[F 596] Die Meinung des Menschen, der zwar die Erde für rund hielt, aber glaubte wir gingen auf der konkaven Seite wie die Ochsen im Trett-Rade, verdient angemerkt zu werden.
[F 598] Es gibt Schwärmer ohne Fähigkeit und dann sind sie würklich gefährliche Leute.
[F 600] Er Magnet, der sich in 6 Pfund verliebt.
[F 603] Schlankheit gefällt wegen des bessern Anschlusses im Beischlaf und der Mannigfaltigkeit der Bewegung.
[F 621] Das Mädchen ist ganz gut, man muß nur einen andern Rahmen drum machen lassen.
[F 626] Da werden die Engel einmal recht gelacht haben.
[F 674] Es ist schade, daß es keine Sünde ist Wasser zu trinken, rief ein Italiäner, wie gut würde es schmecken.
[F 732] Es regnet allemal wenns Jahrmarkt ist, oder wenn wir Wäsche trocknen wollen, was wir suchen ist immer in der letzten Tasche in die wir die Hand stecken.
[F 779] Es gibt Leute die kein Blut und manche die keinen Degen sehen können, andre juckt es wenn man von Läusen spricht.
[F 781] Eine von den Haupt-Konvenienzen der Ehe ist die, einen Besuch, den man nicht ausstehen kann, zu seiner Frau zu weisen.
[F 875] Ein gesunder Appetit, und die damit gemeiniglich verbundene Hochachtung gegen das Frauenzimmer.
[F 885] Ein reines Herz und ein reines Hemd. (Ein reines Herz ist ein vortreffliche Sache, und ein reines Hemd auch.)
[F 911] Die Schlappherzigkeit.
[F 939] Ein Amen-Gesicht.
[F 995] Er liebte Pfeffer und gezackte Linien.
[F 998] Bei manchem Werk eines berühmten Mannes mögte ich lieber lesen was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen.
[F 1000] Sein Dintenfaß war ein wahrhafter Janus-Tempel, wenns zugepropft war, so wars in der ganzen Welt Friede.
[F 1013] Die Vorrede könnte Blitzableiter betitult werden.
[F 1019] Wie eine besoffene Fama.
[F 1022] Gott, der unsere Sonnenuhren aufzieht.
[F 1043] Wenn man einmal weiß, daß einer blind ist, so meint man könnte es ihm auch von hinten ansehen.
[F 1079] Der Trieb unser Geschlecht fortzupflanzen hat noch eine Menge anderes Zeug fortgepflanzt.
[F 1085] Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen.
[F 1092] Die Sprache der erzürnten Impotenz. Z.
[F 1133] Wenn eine Betschwester einen Bet-Bruder heiratet, so gibt das nicht allemal ein betendes Ehepaar.
[F 1179] Ich gehe oft, wenn ein Bekannter vorbeigeht, vom Fenster weg, nicht sowohl um ihm die Mühe einer Verbeugung, als vielmehr mir die Verlegenheit zu ersparen zu sehen, daß er mir keine macht.

Sudelbuch J


[J 98] Ich habe mich nach dem Strom der Gesinnungen gerichtet, und zweierlei gesucht, entweder reich oder ein Betbruder zu werden, es ist mir aber keines geglückt.
[J 100] Es ist eine schöne Ehre die die Frauenzimmer haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt.
[J 119] Das heißt die Hand auf den Mund legen und hernach ein wenig durch die Finger plaudern.
[J 150] Ach, rief er bei dem Unfall aus, hätte ich doch diesen Morgen etwas angenehm Böses getan so wüßte ich doch weswegen ich jetzt leide!
[J 151] Es wird gewiß in England des Jahres noch einmal so viel Portwein getrunken, als in Portugal wächst.
[J 158] Er hatte sich in den lieben Gott verliebt.
[J 162] Die weißen Federn der Damen sind weiße Fahnen die sie aufstecken zum Zeichen der Kapitulation.
[J 170] Seine Bücher waren alle sehr nett, sie hatten auch sonst wenig zu tun.
[J 181] Der Mann machte sehr viel Wind. B. O nein! wenn es noch Wind gewesen wäre, es war aber mehr ein wehendes Vakuum.
[J 182] Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. B. Das setzt voraus, daß es mit ihm auf Bier angelegt gewesen wäre. Das war es aber nicht. Es war alles Wassersuppe.
[J 202] Eine desultorische Lektüre ist jederzeit mein größtes Vergnügen gewesen.
[J 226] Wenn auch das Gehen auf 2 Beinen dem Menschen nicht natürlich ist, so ist es doch gewiß eine Erfahrung, die ihm Ehre macht.
[J 241] Die Mythen der Physiker.
[J 248] Die Superklugheit ist eine der verächtlichsten Arten von Unklugheit.
[J 276] Die sind wohl die Menschen zu dem Begriff von Freiheit gerlangt? Es ist ein großer Gedanke gewesen.
[J 284] Aber so gehts wenn man den Leuten durchs Auge deutlich machen will, was eigentlich, um vollkommen gefaßt zu werden, gerochen werden muß.
[J 286] Ich lobe mir die Leute, die Nerven haben wie 4-Pfennigs-Stricke.
[J 323] Hier wo die Krankheiten so wohlfeil und die Arzneien so teuer sind.
[J 326] Hinten hatte er einen falschen Zopf eingebunden und vornen ein frommes Gesicht, das nicht viel echter war, auch zuweilen wie jener bei heftigen Bewegungen ausfiel.
[J 328] Verbrannte Bücher lasse ich wohl gelten, aber verbrannte Braten!!
[J 335] Das Konklave seines Kopf.
[J 344] Eine ganze Milchstraße von Einfällen.
[J 351] In England wurde bei einem politischen Frauenzimmer-Club festgesetzt, daß bei wichtigen Vorfällen außer der Präsidentin nur noch zwei Personen zu gleicher Zeit reden sollen.
[J 360] Wenn die Hunde, die Wespen und die Hornissen mit menschlicher Vernunft begabt wären, so könnten sie sich vielleicht der Welt bemächtigen.
[J 369] Man könnte die katholische Religion die Gottfresserin nennen.
[J 370] Einige spielten schlecht und andere noch schlechter.
[J 378] Die ganze Lehre taugt zu nichts als darüber zu disputieren.
[J 382] Die Leichenöffnungen können diejenigen Fehler nicht entdecken, die mit dem Tode aufhören.
[J 386] Er ist noch mit einem blauen Auge davongekommen, der eine Blauaugigte heiratet.
[J 388] Das ist die Wetterseite meiner moralischen Konstitution, da kann ich was aushalten.
[J 415] Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt sich am sichersten auf die Klappe selbst.
[J 438] Hinlänglicher Stoff zum Stillschweigen.
[J 448] Er hatte im Prügeln eine Art von Geschlechtstrieb, er prügelte nur seine Frau.
[J 455] S. war ein viel zu niederträchtiger Mensch, als daß es ihm lange hätte schmerzen sollen, bei irgend einer einträglichen Gelegenheit einmal öffentlich dafür gehalten zu werden.
[J 459] Ich war zuweilen nicht im Stande zu sagen ob ich krank oder wohl war.
[J 469] Ein Fisch der in Luft ertrunken war.
[J 482] Er urteilt nach dem jedesmaligen Aggregatzustand seiner Empfindungen.
[J 504] Solche Leute schützen eigentlich das Christentum nicht, sie lassen sich aber dadurch schützen.
[J 507] Er hatte ein paar Stückchen auf der Metaphysik spielen gelernt.
[J 509] Anderer Leute Wein auf Bouteillen ziehn, und sich dabei ein bißchen benebeln daß man glaubt er gehöre ihm. So etwas tun die meisten deutschen Schriftsteller.
[J 510] Mississippi, ein Wort mit 11 Buchstaben und doch nur viererlei. 4 s, 4 i, 2 p und m.
[J 513] Er hatte von seiner Frau ein Kind, welches einige für apokryphisch halten wollten.
[J 521] Die meisten Glaubens-Lehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben.
[J 535] Nach einem dreißigjährigen Krieg mit sich selbst kam es endlich zu einem Vergleich, aber die Zeit war verloren.
[J 539] Mir tut es allemal weh wenn ein Mann von Talent stirbt, denn die Welt hat dergleichen nötiger als der Himmel.
[J 543] Die Stadt-Uhr hat wieder rheumatische Zufälle.
[J 578] Jetzt fließt der Märtyrer-Wein in Frankreich.
[J 587] Der Rheinwein ist der beste, in welchen der Rhein und die Mosel gar nicht geflossen ist.
[J 594] In den Annalen der Klatschkünste ist desgleichen nicht anzutreffen.
[J 614] Wer eine Scheibe an seine Garten-Tür malt, dem wird gewiß hineingeschossen.
[J 632] Hierüber wollen wir das Gras hinwachsen lassen.
[J 660] Die beiden Hohenlieder-Dichter Salomon und Bürger haben in puncto puncti nie sonderlich viel getaugt.
[J 669] Eine beträchtliche Wolke von angezeigten Druckfehlern beschattet den Beschluß.
[J 670] Ich habe immer gesagt, die Mechaniker gedeihen am besten, wenn man sie [auf] junge Stämme von Uhrmachern propft.
[J 682] Es mag ein Einfall noch so einfältig scheinen, er reguliert immer etwas und herrscht irgendwo. Das Gesicht im Mond herrscht in unsern Kalender-Zeichen.
[J 684] Es gibt für mich keine gehässigere Art Menschen, als die welche glauben, daß sie bei jeder Gelegenheit ex officio witzig sein müßten.
[J 688] Sehr viele und vielleicht die meisten Menschen müssen, um etwas zu finden, erst wissen, daß es da ist.
[J 719] Er war kein Sklave seines Wortes, wie man zu reden pflegt, gegenteils war eine solche Despotie über seinen Versprechungen, daß er mit ihnen machte was er wollte.
[J 739] Es gibt sehr viele Menschen, die unglücklicher sind, als du, gewährt zwar kein Dach darunter zu wohnen, allein sich bei einem Schauer darunter zu retirieren ist das Sätzchen gut genug.
[J 744] Es wagen sich viele Leute in Fächer in denen man nichts von ihnen erwartet, teils, weil die Verwunderung des Publikums es selbst etwas blind gegen Mängel macht, und dann weil die Leute selbst die Schwierigkeiten eines solchen Fachs nicht so gut kennen, als das worin sie sich beschäftigt haben.
[J 751] Neue Bäder heilen gut.
[J 764] Durch vieles Lesen lernt man sogar Versuche gut erzählen, die man sehr schlecht angestellt hat.
[J 786] Offensiver und defensiver Stolz.
[J 787] Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.
[J 791] Sympathie ist ein schlechtes Almosen.
[J 795] Sie zog eine Lieb- und Leibrente.
[J 857] Da gnade Gott denen von Gottes Gnaden.
[J 871] Einer von den Neger-Sklaven in den Plantagen der Literatur.
[J 907] Die Türken berauschen sich auf dem trockenen Wege, mit Opium.
[J 919] Ora & non labora.
[J 922] Eine intolerante Bestie von einem Hund kam herausgeschossen.
[J 935] In dem freien Frankreich, wo man jetzt aufknüpfen lassen kann, wen man will.
[J 941] Die Dachziegel mag manches wissen was der Schornstein nicht weiß.
[J 951] Passabel auszudrücken, was andere Leute gedacht hatten, war seine ganze Stärke.
[J 956] Man liest jetzt so viele Abhandlungen über das Genie, daß jeder glaubt er sei eines. Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält.
[J 1016] Ich habe einen Mann gekannt, der die seltsame Grille hatte nach Tisch beim Obst, aus Äpfeln regelmäßige stereometrische Körper zu schneiden, wobei der immer den Abfall aufaß. Meistens endigte sich die Auflösung des Problems mit einer gänzlichen Aufzehrung des Apfels.
[J 1033] Glitzernde Wörtchen.
[J 1034] Es wurde ein Blumen-Körbchen angekündigt, und siehe da, es erschien ein Kartoffel-Säckchen.
[J 1045] Ich nehme der Mamsell ihre Tugend in acht, als wenn es meine eigne wäre, sagt eine alte Gouvernante.
[J 1047] Die Allmacht Gottes im Donnerwetter wird nur bewundert entweder zur Zeit da keines ist, oder hinten drein beim Abzuge.
[J 1070] Daß Gott, oder was es ist, durch das Vergnügen im Beischlaf den Menschen zur Fortpflanzung gezogen hat, ist doch bei Kants höchstem Prinzip der Moral auch zu bedenken.
[J 1096] Könnten nicht die Titul Magister, Doktor pp zu Taufnamen erhoben werden?
[J 1102] Es ist viel anonymisches Blut vergossen worden.
[J 1103] Er pflegte sich und seinen Kindern so viel circenses zu geben, daß es endlich beiden am pane zu fehlen anfing.
[J 1107] Es gibt manche Leute die nicht eher hören bis man ihnen die Ohren abschneidet.
[J 1122] Viel Hasen sind der Hunde Tod, sagte der Oberförster, dem man seinen Hund aus Versehen tod geschossen hatte weil der Schützen zu viele waren.
[J 1129] Er gehörte in der Mathematik nicht zu der produzierenden Klasse, sondern zu den retailers, die ellen- und pfundweise verkaufen.
[J 1139] Sinngedicht von Friedrich H... in Frankfurt und Leipzig. 1791.

Lelio.
Bescheiden sei der stille Lelio?
Nein! er ist dumm incognito.

[J 1171] Ob es die Wirkung der Gnade oder der Mondsucht war, ist nicht entschieden.
[J 1176] Ehmals ärgerte ich mich mit einem Gefühl der Kraft, jetzt mit einem von passiver Ängstlichkeit.
[J 1192] Die Franzosen versprachen in den adoptierten Ländern Bruderliebe, sie schränkten sich aber am Ende bloß auf Schwesterliebe ein.
[J 1198] In der Stadt ist immer eine gewisse glückliche Stumpfheit des Geistes endemisch gewesen.
[J 1226] Die Dogmatik, die fruchtbare und gütige Mutter der Polemik.
[J 1240] Und predigt mit milder (stiller) Wut die alleinseligmachende Kraft des katholischen Glaubens.
[J 1249] In Frankreich gärt es, ob [es] Wein oder Essig werden wird ist ungewiß.

Sudelbuch K


[K 15] Bei vielen Menschen ist das Verse-Machen eine Entwicklungs-Krankheit des menschlichen Geistes.

Sudelbuch L


[L 28] Die geheiligten Schnitzer der Konzilien.
[L 29] Wie geht es, fragte ein Blinder einen Lahmen; Wie Sie sehen, war die Antwort.
[L 31] Ob der Mond bewohnt ist weiß der Astronom ungefähr mit der Zuverlässigkeit mit der er weiß wer sein Vater war, aber nicht mit der womit er weiß wer seine Mutter gewesen ist.
[L 46] Man hat heutzutage mehr Magister der Rechtschaffenheit als rechtschaffene Menschen.
[L 67] Daß in Kirchen gepredigt wird macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig.
[L 73] Er stieg langsam und stolz wie ein Hexameter voran und seine Frau trippelte wie ein Pentameterchen hinter drein.
[L 104] Wenn es doch in Sachen des Geschmacks oder der Kritik überhaupt ein Ober-Appellations-Gericht gäbe!!
[L 113] Glaubt ihr denn, daß der liebe Gott katholisch ist?
[L 132] Die Geehrten und die Gelehrten.
[L 136] Es geht hier wie mit dem heiligen Christ und den Oster-Eiern, so bald man erfährt, wo sie herkommen, kriegt man keine mehr.
[L 141] So ist zum Beispiel das Wort unvergleichlich im Deutschen ganz unvergleichlich erbärmlich.
[L 147] Ob das Elend in Deutschland zugenommen hat, weiß ich nicht, die Interjektions-Zeichen haben gewiß zugenommen. Wo man sonst bloß ! setzte, da steht jetzt !!!
[L 165] Es macht allemal einen sonderbaren Eindruck auf mich, wenn ich einen großen Gelehrten oder sonst einen wichtigen und gesetzten Mann sehe, dabei zu denken, daß doch einmal eine Zeit war, da er den Maikäfern ein Liedchen sang um sie zum Auffliegen zu ermuntern.
[L 183] Eine verfängliche Frage fast wie die: ob Zwillinge Stiefgeschwister sein können.
[L 193] Als er am Kirchhofe vorbei ging, sagte er: Die da können nun sicher sein, daß sie nicht mehr gehenkt werden, das können wir nicht.
[L 254] Ach was wollten wir anfangen, sagte das Mädchen, wenn der liebe Gott nicht wäre.
[L 261] Ist es nicht sonderbar, daß man zu den höchsten Ehrenstellen in der Welt (König) ohne Examen gelangt, das man von jedem Stadt-Physikus fordert.
[L 288] Das Wort: unvergleichlich zeigt was in der Welt aus Worten werden kann.
[L 298] Keine Erfindung ist wohl dem Menschen leichter geworden, als die eines Himmels.
[L 302] Ihre körperlichen Reize befanden sich gerade in dem sonderbaren Zeit-Punkt, wo sie anfangen ihre anziehende Kraft mit der abstoßenden zu vertauschen.
[L 320] Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen gefällt, aber nicht einen einzigen Gedanken deutlich zeigt.
[L 321] Ich hatte mich auf K's Anraten damals entsetzlich darüber geärgert.
[L 322] Experimental-Politik, die französische Revolution.
[L 326] Selbst die sanftesten, bescheidensten und besten Mädchen sind immer sanfter bescheidener und besser, wenn sie sich vorher im Spiegel schöner gefunden haben.
[L 327] Es ist ein Glück, daß die Gedanken-Leerheit keine solche Folge hat, wie die Luftleerheit, sonst würden manche Köpfe, die sich an die Lesung von Werken wagen, die sie nicht verstehen, zusammengedrückt werden.
[L 349] Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns Zwergobst. (cum grano salis ad besser zu werden)
[L 364] Ein zahm Geborner.
[L 374] Wie herrlich würde es nicht um die Welt stehen, wenn die großen Herrn den Frieden wie eine Maitresse liebten, sie haben für ihre Person zu wenig vom Kriege zu fürchten.
[L 386] Er trieb einen kleinen Finsternis-Handel.
[L 391] Sein Gewissen wurde in den Grafenstand erhoben.
[L 396] Die Zahl der legislativen Glieder am physischen Staate werden täglich mehr, der exekutiven immer weniger.
[L 402] Was die wahre Freiheit und den wahren Gebrauch derselben am deutlichsten charakterisiert, ist der Mißbrauch derselben.
[L 404] Er vernünftelte mich ganz aus meiner Vernunft heraus. (pity pity)
[L 405] Man hat auch bei Schließung der Ehen, wo allein die Leiber diktieren sollen, das Interesse zugelassen.
[L 417] Es ist eine ganz bekannte Sache, daß die Viertel-Stündchen größer sind, als die Viertelstunden.
[L 419] Wir wollen nun sehen, was aus der französischen Republik wird, wenn die Gesetze ausgeschlafen haben.
[L 426] Was für ein Kabinett zu Paris! Das Marienbild von Loreto, die Bären von Bern und der Pantoffel des Pabstes. Hier fehlt nichts, als der Nachtstuhl des Dalai Lama.
[L 427] Das Einmal-Eins zum Schutz-Heiligen wählen.
[L 432] Wo alle Leute so früh als möglich kommen wollen, da muß notwendig bei weitem der größere Teil zu spät kommen.
[L 435] Kein Wort im Evangelio ist mehr in unsern Tagen befolgt worden, als das: Werdet die die Kindlein.
[L 458] Schon lange vor der Französischen Revolution hatte er die dreifarbige Nase aufgesteckt.
[L 468] Die Vorreden zu manchen Büchern sind deswegen öfter so seltsam geschrieben, weil sie gewöhnlich noch im gelehrten Kindbett-Fieber geschrieben sind.
[L 471] Er trug den Kopf auf einer Seite die Alexander, wie dem Cervantes stund immer der Hosenlatz offen, und wie Montaigne konnte er nicht rechnen, weder mit Ziffern noch mit Zahlpfennigen.
[L 472] Man spricht viel von Aufklärung, und wünscht mehr Licht. Mein Gott was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen.
[L 473] Eine Ehe ohne Würze kleiner Mißhelligkeiten wäre fast so was, wie ein Gedicht ohne R. (besser)
[L 474] Ich habe alles Verbotene wieder gegessen, und befinde mich, gottlob, eben so schlecht wie vorher; (ich meine nicht schlechter.)
[L 477] Er hatte seinen beiden Pantoffeln Namen gegeben.
[L 503] Es ist möglich jemandem die Backe so zu streicheln, daß es einem Dritten läßt, als hätte man ihm eine Ohrfeige gegeben.
[L 523] Ein Abend-Essen zu Fuß.
[L 530] Bei dieser Gelegenheit wurden einige Quartbände in den Foliantenstand erhoben und es wurde ihnen erlaubt Titul-Blätter in Folio zu führen, die aber eingeschlagen getragen werden mußten.
[L 550] Galgen mit einem Blitzableiter.
[L 554] Er klagte damals sehr über Hühner-Augen auf den Ellenbogen.
[L 559] Er schliff immer an sich, und wurde am Ende stumpf, ehe er scharf war.
[L 560] Ich wollte einen Teil meines Lebens hingeben, wenn ich wüßte was der mittlere Barometerstand im Paradiese gewesen ist.
[L 572] Es ist in vielen Dingen eine schlimme Sache um die Gewohnheit. Sie macht, daß man Unrecht für Recht, und Irrtum für Wahrheit hält.
[L 573] Ein von der Natur nicht sehr umwundenes Spitzbuben-Gesicht.
[L 576] Bei den Reden auf dem Marsfelde zu Paris wurde bei der Feier des 18 Fructidor (1798) das Zeichen zum Stillschweigen mit einer Kanone gegeben.
[L 582] Es gibt Leute, die so wenig Herz haben etwas zu behaupten, daß sie sich nicht getrauen zu sagen, es wehe ein kalter Wind, so sehr sie ihn auch fühlen möchten, wenn sie nicht vorher gehört haben, daß es andre Leute gesagt haben.
[L 599] Er hustete so hohl, daß man in jedem Laut den doppelten Resonanz-Boden Brust und Sarg mitzuhören glaubte.
[L 600] Er schien eher Tischler-Arbeit zu sein als ein wirklich menschliches Geschöpf.
[L 610] Ein wahres Steckbrief-Gesicht.
[L 612] Wir wollen sein Leichen-Tuch nicht lüften.
[L 617] Es ist fast nicht möglich etwas Gutes zu schreiben ohne daß man sich dabei jemanden oder auch eine gewisse Anzahl von Menschen denkt die man anredet. Es erleichtert wenigstens den Vortrag sehr in tausend Fällen gegen einen.
[L 633] Ein geistisch-dichterisches Phantasie-Bordell.
[L 649] Da wo die Tugenden wild wachsen.
[L 650] Man will wissen, daß im ganzen Lande seit 500 Jahren niemand vor Freude gestorben wäre.
[L 651] Die Tollheit war ein Lehn in der Familie.
[L 652] Man sollte nicht glauben, daß diesseits der Magellanischen Meer-Enge so etwas unter Menschen möglich wäre.
[L 653] Kostet ohne Lieb und ohne Wein 6 Groschen die Entree.
[L 667] Die Buchdruckerkunst ist doch fürwahr eine Art von Messias unter den Erfindungen.
[L 670] Ich kann nicht sagen, daß ich das Glück hätte daran zu zweifeln.
[L 672] Nichts muntert mich mehr auf, als wenn ich etwas Schweres verstanden habe, und doch suche ich so wenig Schweres verstehen zu lernen. Ich sollte es öfter versuchen.
[L 674] Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf den blinden Glauben in einer anderen.
[L 681] In England wird ein Mann der Bigamie wegen angeklagt, und von seinem Advokaten dadurch gerettet, daß er bewies, sein Klient habe drei Weiber.
[L 686] Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein großer (bequemer) Leuchter. Er handelt mit anderer Leute Meinungen.
[L 687] Es müßte eine lustige Vorstellung werden, wenn man einen Neger, der nie aus seinem Vaterlande gekommen wäre aber Schlittenfahrten aus Beschreibungen kennte, eine Ode auf eine Schlittenfahrt, oder den Eislauf machen ließe.
[L 688] Der Mann hatte immer von der einen Seite ein sehr ehrliches Gesicht, wenn er einen dicken Backen hatte, und waren beide Backen geschwollen, so bekam er an den Mundwinkeln die beiden Cherubs-Fältchen.
[L 702] Man konnte sie für Liebe, Andächtige und Getreue halten.
[L 705] Ist es nicht sonderbar, daß die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungerne nach ihren Vorschriften leben?

 

ENDE

Wie sah die Mutter aller Menschen aus ???

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