{"id":595,"date":"2010-02-09T05:02:59","date_gmt":"2010-02-09T04:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/susannealbers.de\/blog\/?p=595"},"modified":"2010-02-09T05:02:59","modified_gmt":"2010-02-09T04:02:59","slug":"die-traurigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2010\/02\/09\/die-traurigkeit\/","title":{"rendered":"Die Traurigkeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/traurig.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/traurig.jpg\" alt=\"traurig\" title=\"traurig\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"aligncenter size-full wp-image-593\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Traurigkeit<\/p>\n<p>Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr L\u00e4cheln hatte den frischen Glanz eines unbek\u00fcmmerten M\u00e4dchens.<\/p>\n<p>Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges sa\u00df, schien fast k\u00f6rperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau b\u00fcckte sich ein wenig und fragte: \u2018Wer bist du?\u2019<\/p>\n<p>Zwei fast leblose Augen blickten m\u00fcde auf. \u2018Ich? Ich bin die Traurigkeit\u2019, fl\u00fcsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>\u2018Ach, die Traurigkeit!\u2019 rief die kleine Frau erfreut aus, als w\u00fcrde sie eine alte Bekannte begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>\u2018Du kennst mich?\u2019 fragte die Traurigkeit misstrauisch.<\/p>\n<p>\u2018Nat\u00fcrlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein St\u00fcck des Weges begleitet.\u2019<\/p>\n<p>\u2018Ja, aber\u2026\u2019, argw\u00f6hnte die Traurigkeit, \u2018warum fl\u00fcchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?\u2019<\/p>\n<p>\u2018Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du wei\u00dft doch selbst nur zu gut, dass du jeden Fl\u00fcchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?\u2019<\/p>\n<p>\u2018Ich\u2026 ich bin traurig\u2019, antwortete die graue Gestalt mit br\u00fcchiger Stimme.<\/p>\n<p>Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. \u2018Traurig bist du also\u2019, sagte sie und nickte verst\u00e4ndnisvoll mit dem Kopf.<\/p>\n<p>\u2018Erz\u00e4hl mir doch, was dich so bedr\u00fcckt.\u2019<\/p>\n<p>Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuh\u00f6ren wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gew\u00fcnscht. \u2018Ach, wei\u00dft du\u2019, begann sie z\u00f6gernd und \u00e4u\u00dferst verwundert, \u2018es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter den Menschen zu gehen und f\u00fcr eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zur\u00fcck. Sie f\u00fcrchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.\u2019<\/p>\n<p>Die Traurigkeit schluckte schwer. \u2018Sie haben S\u00e4tze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen f\u00fchrt zu Magenkr\u00e4mpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenrei\u00dfen. Und sie sp\u00fcren das Rei\u00dfen in den Schultern und im R\u00fccken. Sie sagen: Nur Schw\u00e4chlinge weinen. Und die aufgestautenTr\u00e4nen sprengen fast ihre K\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Oder aber sie bet\u00e4uben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht f\u00fchlen m\u00fcssen.\u2019<\/p>\n<p>\u2018Oh ja\u2019, best\u00e4tigte die alte Frau, \u2019solche Menschen sind mir schon oft begegnet.\u2019<\/p>\n<p>Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. \u2018Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, k\u00f6nnen sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zubauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders d\u00fcnne Haut.<\/p>\n<p>Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zul\u00e4sst und all die ungeweinten Tr\u00e4nen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen \u00fcber ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.\u2019 Die Traurigkeit schwieg.<\/p>\n<p>Ihr Weinen war erst schwach, dann st\u00e4rker und schlie\u00dflich ganz verzweifelt.<\/p>\n<p>Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tr\u00f6stend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anf\u00fchlt, dachte sie und streichelte z\u00e4rtlich das zitternde B\u00fcndel. \u2018Weine nur, Traurigkeit, fl\u00fcsterte sie liebevoll, ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern.<\/p>\n<p>Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.\u2019<\/p>\n<p>Die Traurigkeit h\u00f6rte auf zu weinen. <\/p>\n<p>Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gef\u00e4hrtin: \u2018Aber\u2026 aber &#8211; wer bist eigentlich du?\u2019<\/p>\n<p>\u2018Ich?\u2019 sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann l\u00e4chelte sie wieder so unbek\u00fcmmert wie ein kleines M\u00e4dchen. \u2018Ich bin die Hoffnung.\u2019<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Quelle des Textes: per e-mail von Petra zugesandt bekommen<\/p>\n<p>Bild von Ulrike Grosse-Festert &#8211; <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.fotocommunity.de\/pc\/pc\/display\/1861089\">Fotocommunity<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Traurigkeit Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. 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