{"id":2862,"date":"2012-05-08T01:29:07","date_gmt":"2012-05-08T00:29:07","guid":{"rendered":"http:\/\/susannealbers.de\/blog\/?p=2862"},"modified":"2012-05-08T01:35:32","modified_gmt":"2012-05-08T00:35:32","slug":"der-verkauf-der-philosophischen-secten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2012\/05\/08\/der-verkauf-der-philosophischen-secten\/","title":{"rendered":"Der Verkauf der Philosophischen Secten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/deichhausen65.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/deichhausen65.jpg\" alt=\"deichhausen65\" title=\"deichhausen65\" width=\"470\" height=\"353\" class=\"alignleft size-full wp-image-2861\" srcset=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/deichhausen65.jpg 470w, https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/deichhausen65-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Der Verkauf der Philosophischen Secten.<\/strong><\/p>\n<p>Jupiter. Merkur. Die Philosophen Pythagoras, Diogenes, Demokritus, Heraklitus, Sokrates, Chrysippus, und ein Pyrrhonist, als Sclaven. Verschiedene K\u00e4ufer.<\/p>\n<p><strong>Jupiter zu zwey Bedienten.<\/strong> Du, setze die B\u00e4nke in Ordnung und mache Platz f\u00fcr die Ankommenden! &#8211; Und du hohle die Waaren heraus und stelle sie auf; aber b\u00fcrste und putze sie vorher t\u00fcchtig heraus, damit sie gut ins Auge fallen und recht viele Liebhaber herbeylocken. Du, Merkur, thue den Aufruf und mache mit gutem Gl\u00fccke! bekannt, da\u00df sich die K\u00e4ufer nunmehr einfinden k\u00f6nnen. Wir haben Philosophische Charakter von allen Arten und Secten zu verkaufen. Sollte es jemandem nicht gelegen seyn, sogleich baar zu bezahlen, so geben wir, gegen Stellung eines B\u00fcrgen, auf ein Jahr Credit.<\/p>\n<p><strong>Merkur<\/strong>. Es kommen schon viele K\u00e4ufer zusammen, wir wollen zum Werke schreiten um die Leute nicht ohne Noth aufzuhalten.<\/p>\n<p><strong>Jupiter.<\/strong> Gut! machen wir den Anfang!<\/p>\n<p><strong>Merkur.<\/strong> Wen wollen wir zuerst vorf\u00fchren?<\/p>\n<p><strong>Jupiter.<\/strong> Den Ionier dort, mit den langen dichten Locken, denn er sieht wirklich einem ganz venerablen Burschen gleich.<\/p>\n<p><strong>Merkur.<\/strong> Hay da, Pythagoras! steige herab, und la\u00df dich von den Herren hier besehen.<\/p>\n<p><strong>Jupiter zum Merkur.<\/strong> Ruf&#8217; ihn aus!<\/p>\n<p><strong>Merkur. <\/strong>Hier, meine Herren, biete ich das beste St\u00fcck in unserm ganzen Lager aus; einen h\u00f6chst respectablen und vortreflichen Charakter. Wer hat Lust zu kaufen? wer m\u00f6chte gern \u00bbmehr seyn als ein Mensch?\u00ab wer verlangt \u00bbdie Harmonie des Ganzen\u00ab kennen zu lernen, und \u00bbnach seinem Tode wieder aufzuleben?\u00ab<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Er sieht keinem gemeinen Menschen gleich. Was kann er denn?<\/p>\n<p><strong>Merkur<\/strong>. Arithmetik, Astronomie, Magie, Geometrie, Musik, Taschenspielerkunst. &#8211; Es ist ein gro\u00dfer Wahrsager, das kannst du mir glauben!<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Darf ich ihn selbst ein wenig ausfragen?<\/p>\n<p><strong>Merkur.<\/strong> Frage in Gottes Nahmen!<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer<\/strong>. Woher bist du?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> Von Samos.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Wo bist du erzogen worden?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> In \u00c4gypten, bey den dortigen Weisen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Wenn ich dich nun kaufe, was willst du mich lehren?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras<\/strong>. Lehren werd&#8217; ich dich nichts: aber ich werde dir alles wieder in Erinnerung bringen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Wie willst du das machen?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> Zuerst werde ich deine Seele ausreinigen, und allen Schmutz der sich darinn angesetzt hat, auswaschen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Bilde dir einmal ein das sey geschehen: was wird nun erfordert um mich in den Stand der Wiedererinnerung zu setzen?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> F\u00fcrs erste, eine langwierige Stille der Seele, und ein funfj\u00e4hriges Schweigen ohne ein Wort zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer. <\/strong>Mein vortreflicher Herr, da mu\u00df er einen Stummen2) in die Lehre nehmen. Ich verlange keine Bilds\u00e4ule zu seyn, ich mu\u00df meine Zunge brauchen d\u00fcrfen. &#8211; Aber wenn die f\u00fcnf Schweigjahre endlich vorbey sind, wie weiter?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> Dann wirst du t\u00fcchtig in der praktischen Musik und in der Geometrie ge\u00fcbt werden.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Das ist lustig; um weise zu werden, mu\u00df man also vorher zur Cither singen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> Wenn du das kannst, dann mu\u00dft du z\u00e4hlen lernen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Das kann ich jetzt schon.<\/p>\n<p><strong>Pythagoras. <\/strong>Wie z\u00e4hlst du dann?<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Eins, zwey, drey, vier\u00a0&#8211;<\/p>\n<p><strong>Pythagoras. <\/strong>Siehst du, &#8211; was du f\u00fcr vier h\u00e4ltst, ist zehn3) und ein vollkommenes Dreyeck4), und unser gro\u00dfer Schwur.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer.<\/strong> Bey der wundervollen vier! so g\u00f6ttliche und geheimni\u00dfreiche Dinge sind mir in meinem Leben nie vor die Ohren gekommen!<\/p>\n<p><strong>Pythagoras.<\/strong> Hernach, guter Freund, sollst du das Wesen der Erde, der Luft, des Wassers und des Feuers, und ihre Kr\u00e4fte, Figur und Bewegung kennen lernen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer. <\/strong>Feuer, Wasser, Luft, haben also eine Figur?<\/p>\n<p><strong>Pythagoras. <\/strong>Augenscheinlich; denn wie k\u00f6nnten sie sich ohne Figur oder bestimmte Gestalt bewegen? \u00dcberdie\u00df wirst du noch einsehen, da\u00df die Gottheit eine Zahl und Harmonie ist.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4ufer. <\/strong>Das ist erstaunlich!5)<\/p>\n<p><strong>Pythagoras. <\/strong>Und doch ist es lange noch nicht alles. Du wirst, zum Exempel, lernen, da\u00df du selbst, der f\u00fcr eine einzelne Person passirt, ein andrer zu seyn scheinst und ein anderer bist.<\/p>\n<p>################<\/p>\n<p>Der Verkauf u.\u00a0s.\u00a0w. Ich gestehe da\u00df dieser Dialog, den alle mir bekannten \u00dcbersetzer und Commentatoren Lukians f\u00fcr eines seiner vorz\u00fcglichsten Werke erkl\u00e4ren, in meinen Augen eines seiner schlechtesten ist, und da\u00df ich ihn weder, wie Jensius, longe facetissimum finde, noch, mit dem Englischen \u00dcbersetzer D. Fr\u00e4nklin (der hierin das Echo des ehrlichen Moses d\u00fc Soul ist) der Meinung bin, \u00bbda\u00df Lukian in diesem Dialog die absurden Meinungen, Eigenheiten und Grunds\u00e4tze jeder Secte mit unendlicher Laune durchgezogen habe.\u00ab Die erste und wesentlichste Eigenschaft eines satyrischen Werkes ist, da\u00df dem Verspotteten kein Unrecht geschehe. Das L\u00e4cherliche mu\u00df in der Sache liegen, nicht vorsetzlich hineingebracht, oder dem Belachten hinter seinem R\u00fccken aufgeheftet werden. Witz und Laune k\u00f6nnen auch wohl blo\u00dfes Persiflage in einer fr\u00f6hlichen Stunde unterhaltend machen: aber dann mu\u00df es wenigstens unschuldig seyn. In diesem Aufsatze hat sich Lukian gegen die Philosophen alles erlaubt; Verdrehung und Verf\u00e4lschung ihrer Lehrs\u00e4tze, geflissentliche Mi\u00dfdeutungen, elende Volkssagen und M\u00e4hrchen, kein Mittel ist ihm zu schlecht, um die gr\u00f6\u00dften und vortreflichsten M\u00e4nner aus dieser Classe, selbst einen Pythagoras, Sokrates, Plato, Demokritus, Aristoteles, dem Spott eines ungelehrten Leserp\u00f6bels Preis zu geben. Ob das bi\u00dfchen attisches Salz, womit alle diese Scurrilit\u00e4ten bestreut sind, und das Beyspiel des Aristophanes, der sich an Sokrates auf \u00e4hnliche Art, wiewohl mit unendlich mal mehr Witz und Laune vers\u00fcndigte, hinl\u00e4nglich sey, einen solchen Muthwillen zu entschuldigen, kann doch wohl keine Frage seyn; und wie unzul\u00e4nglich sich Lukian selbst de\u00dfwegen gerechtfertigt habe, werden wir aus dem folgenden St\u00fccke (Das Schiff oder die W\u00fcnsche; in vorliegender Auswahl nicht enthalten) sehen. \u00dcbrigens setzt dieser Dialog einige Bekanntschaft mit der Geschichte der Griechischen Philosophie bey den Lesern voraus, deren Mangel durch Anmerkungen nur sehr unzul\u00e4nglich ersetzt werden k\u00f6nnte.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nIm Griechischen: den Sohn des Kr\u00f6sus, welcher taub und stumm gebohren war. Herodot I.\u00a034 u.\u00a085.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nweil die Zahl vier, drey, zwey und eins in sich begreift, und diese vier Zahlen zusammengenommen zehn ausmachen.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDie\u00df wird durch die Figur anschaulich, worin jede Seite des durch sie construirten Dreyecks vier oder eine Tetras ist.<br \/>\n\u00b7<br \/>\n \u00b7 \u00b7<br \/>\n\u00b7 \u00b7 \u00b7<br \/>\n\u00b7 \u00b7 \u00b7 \u00b7<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\nEs w\u00fcrde einen allzuweitl\u00e4uftigen Commentar erfordern, wenn ich, um den Pythagoras gegen diese Plattit\u00fcden zu rechtfertigen, mich in eine Erkl\u00e4rung seines Systems und seiner philosophischen Sprache (die \u00fcberdie\u00df ein noch unaufgel\u00f6\u00dftes R\u00e4thsel ist) einlassen wollte. Lukian (dem es, bemerkterma\u00dfen, nur darum zu thun ist den Pythagoras zu schicaniren und l\u00e4cherlich zu machen, ohne sich darum zu bek\u00fcmmern, wieviel oder wenig er ihm Unrecht dabey thut) nimmt z.\u00a0B. das Wort Zahl hier in der gew\u00f6hnlichen Bedeutung: Pythagoras hingegen gebrauchte dieses Wort, (aus Ursachen, die nicht dieses Ortes sind) um dasjenige was wir das Wesen der Dinge nennen zu bezeichnen. Die Zahlen wor\u00fcber Lukian spottet sind also nicht arithmetische, sondern intelligible Zahlen, und wenn in der Pythagorischen Sprache Gott eine Zahl, oder die Zahl aller Zahlen heist, so ist die\u00df im Grunde weder mehr noch weniger, als wenn wir ihn, mit einem eben so unbegreiflichen Ausdruck, das Wesen der Wesen nennen.<\/p>\n<p><strong><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.susannealbers.de\/literatur\/luegen\/luegen.htm\">&#8230;mehr von Lukian<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Verkauf der Philosophischen Secten. 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