{"id":1469,"date":"2010-03-27T23:46:32","date_gmt":"2010-03-27T22:46:32","guid":{"rendered":"http:\/\/susannealbers.de\/blog\/?p=1469"},"modified":"2010-03-27T23:46:32","modified_gmt":"2010-03-27T22:46:32","slug":"kurt-tucholsky-die-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2010\/03\/27\/kurt-tucholsky-die-familie\/","title":{"rendered":"Kurt Tucholsky &#8211; Die Familie"},"content":{"rendered":"<p>Kurt Tucholsky &#8211; Die Familie<\/p>\n<p>Die Griechen, die so gut wu\u00dften, was ein Freund ist, haben die Verwandten mit einem Ausdruck bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes \u203aFreund\u2039 ist. Dies bleibt mir unerkl\u00e4rlich.<br \/>\nFriedrich Nietzsche<\/p>\n<p>Als Gott am sechsten Sch\u00f6pfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber daf\u00fcr war auch die Familie noch nicht da. Der verfr\u00fchte Optimismus r\u00e4chte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechtes nach dem Paradiese ist haupts\u00e4chlich als der gl\u00fchende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu d\u00fcrfen. Was ist die Familie?<br \/>\nDie Familie (familia domestica communis, die gemeine Hausfamilie) kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gew\u00f6hnlich in diesem Zustande. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken. Wenn die Familie gr\u00f6\u00dferen Umfang erreicht hat, nennt man sie \u203aVerwandtschaft\u2039 (siehe im W\u00f6rterbuch unter M). Die Familie erscheint meist zu scheu\u00dflichen Klumpen geballt und w\u00fcrde bei Aufst\u00e4nden dauernd Gefahr laufen, erschossen zu werden, weil sie grunds\u00e4tzlich nicht auseinandergeht. Die Familie ist sich in der Regel heftig zum Ekel. Die Familienzugeh\u00f6rigkeit bef\u00f6rdert einen Krankheitskeim, der weit verbreitet ist: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd \u00fcbel. Jene Tante, die auf dem ber\u00fchmten Sofa sa\u00df, ist eine Geschichtsf\u00e4lschung: denn erstens sitzt eine Tante niemals allein, und zweitens nimmt sie immer \u00fcbel \u2013 nicht nur auf dem Sofa: im Sitzen, im Stehen, im Liegen und auf der Untergrundbahn.<br \/>\nDie Familie wei\u00df voneinander alles: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird, und dass Jenny nach der letzten Auseinandersetzung nun endg\u00fcltig mit ihrem Mann zusammenbleiben wird. Derartige Nachrichten pflanzen sich vormittags zwischen elf und eins durch das wehrlose Telefon fort. Die Familie wei\u00df alles, mi\u00dfbilligt es aber grunds\u00e4tzlich. Andere wilde Indianerst\u00e4mme leben entweder auf den Kriegsf\u00fc\u00dfen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.<br \/>\nDie Familie ist sehr exklusiv. Was der j\u00fcngste Neffe in seinen freien Stunden treibt, ist ihr bekannt, aber wehe, wenn es dem jungen Mann einfiele, eine Fremde zu heiraten! Zwanzig Lorgnons richten sich auf das arme Opfer, vierzig Augen kneifen sich musternd zusammen, zwanzig Nasen schnuppern mi\u00dftrauisch: \u00bbWer ist das? Ist sie der hohen Ehre teilhaftig?\u00ab Auf der anderen Seite ist das ebenso. In diesen F\u00e4llen sind gew\u00f6hnlich beide Parteien davon durchdrungen, tief unter ihr Niveau hinuntergestiegen zu sein.<br \/>\nHat die Familie aber den Fremdling erst einmal in ihren Scho\u00df aufgenommen, dann legt sich die gro\u00dfe Hand der Sippe auch auf diesen Scheitel. Auch das neue Mitglied mu\u00df auf dem Altar der Verwandtschaft opfern; kein Feiertag, der nicht der Familie geh\u00f6rt! Alle fluchen, keiner tuts gern \u2013 aber Gnade Gott, wenn einer fehlte! Und seufzend beugt sich alles unter das bittere Joch &#8230;<br \/>\nDabei f\u00fchrt das \u203agesellige Beisammensein\u2039 der Familie meistens zu einem Krach. In ihren Umgangsformen herrscht jener sauers\u00fc\u00dfe Ton vor, der am besten mit einer Sommernachmittagsstimmung kurz nach einem Gewitter zu vergleichen ist. Was aber die Gem\u00fctlichkeit nicht hindert. Die seligen Herrnfelds stellten einmal in einem ihrer St\u00fccke eine Szene dar, in der die entsetzlich zerkl\u00fcftete Familie eine Hochzeitsfeierlichkeit abzog, und nachdem sich alle die K\u00f6pfe zerschlagen hatten, stand ein prominentes Mitglied der Familie auf und sagte im lieblichsten Ton der Welt: \u00bbWir kommen jetzt zu dem Tafellied \u2013!\u00ab Sie kommen immer zum Tafellied.<br \/>\nSchon in der gro\u00dfen Soziologie Georg Simmels ist zu lesen, dass keiner so wehtun k\u00f6nne, wie das engere Kastenmitglied, weil das genau um die empfindlichsten Stellen des Opfers wisse. Man kennt sich eben zu gut, um sich herzinniglich zu lieben, und nicht gut genug, um noch aneinander Gefallen zu finden.<br \/>\nMan ist sich sehr nah. Nie w\u00fcrde es ein fremder Mensch wagen, dir so nah auf den Leib zu r\u00fccken, wie die Kusine deiner Schw\u00e4gerin, a conto der Verwandtschaft, Nannten die alten Griechen ihre Verwandten die \u203aAllerliebsten\u2039? Die ganze junge Welt von heute nennt sie anders. Und leidet unter der Familie. Und gr\u00fcndet sp\u00e4ter selbst eine und wird dann grade so.<br \/>\nEs gibt kein Familienmitglied, das ein anderes Familienmitglied jemals ernst nimmt. H\u00e4tte Goethe eine alte Tante gehabt, sie w\u00e4re sicherlich nach Weimar gekommen, um zu sehen, was der Junge macht, h\u00e4tte ihrem Pompadour etwas Cachou entnommen und w\u00e4re schlie\u00dflich durch und durch beleidigt wieder abgefahren. Goethe hat aber solche Tanten nicht gehabt, sondern seine Ruhe \u2013 und auf diese Weise ist der \u203aFaust\u2039 entstanden. Die Tante h\u00e4tte ihn \u00fcbertrieben gefunden.<br \/>\nZu Geburtstagen empfiehlt es sich, der Familie etwas zu schenken. Viel Zweck hat das \u00fcbrigens nicht; sie tauscht regelm\u00e4\u00dfig alles wieder um.<br \/>\nIrgendeine M\u00f6glichkeit, sich der Familie zu entziehen, gibt es nicht. Mein alter Freund Theobald Tiger singt zwar:<br \/>\nFang nie was mit Verwandtschaft an \u2013<br \/>\ndenn das geht schief,<br \/>\ndenn das geht schief!<br \/>\naber diese Verse sind nur einer stupenden Lebensunkenntnis entsprungen. Man f\u00e4ngt ja gar nichts mit der Verwandtschaft an \u2013 die Verwandtschaft besorgt das ganz allein.<br \/>\nUnd wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu bef\u00fcrchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmenwedel schwingt und spricht: \u00bbSagen Sie mal \u2013 sind wir nicht miteinander verwandt \u2013?\u00ab Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur H\u00f6lle.<br \/>\nDas hilft dir aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die andern.<\/p>\n<p>Peter Panter<br \/>\nDie Weltb\u00fchne, 12.01.1923, Nr. 2, S. 53,<br \/>\nwieder in: Mona Lisa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt Tucholsky &#8211; Die Familie Die Griechen, die so gut wu\u00dften, was ein Freund ist, haben die Verwandten mit einem Ausdruck bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes \u203aFreund\u2039 ist. Dies bleibt mir unerkl\u00e4rlich. 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