{"id":1319,"date":"2010-03-09T20:33:13","date_gmt":"2010-03-09T19:33:13","guid":{"rendered":"http:\/\/susannealbers.de\/blog\/?p=1319"},"modified":"2010-03-09T20:33:13","modified_gmt":"2010-03-09T19:33:13","slug":"kurt-tucholsky-der-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2010\/03\/09\/kurt-tucholsky-der-mensch\/","title":{"rendered":"Kurt Tucholsky &#8211; Der Mensch"},"content":{"rendered":"<p>Kurt Tucholsky &#8211; Der Mensch <\/p>\n<p>Der Mensch hat zwei Beine und zwei \u00dcberzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere hei\u00dft Religion.<br \/>\nDer Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu \u00fcberm\u00fctig wird.<br \/>\nDer Mensch wird auf nat\u00fcrlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnat\u00fcrlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.<br \/>\nDer Mensch ist ein n\u00fctzliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die H\u00f6he zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erh\u00f6hen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuh\u00f6ren. Man k\u00f6nnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuh\u00f6rt. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu h\u00f6ren. Sehr gern h\u00f6ren Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gr\u00f6ber zu verfahren als man es gerade noch f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. Der Mensch g\u00f6nnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.<br \/>\nUm sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist wenigstens f\u00fcr diese Zeit sicher, da\u00df er nicht davonl\u00e4uft. Manche verlassen sich auf den Charakter.<br \/>\nDer Mensch zerf\u00e4llt in zwei Teile:<br \/>\nIn einen m\u00e4nnlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gef\u00fchle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, da\u00df man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen F\u00e4llen sondern manche Menschen Lyrik ab.<br \/>\nDer Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten fri\u00dft er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.<br \/>\nDer Mensch ist ein politisches Gesch\u00f6pf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen ha\u00dft die andern Klumpen, weil sie die anderen sind, und ha\u00dft die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Ha\u00df nennt man Patriotismus. Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; s\u00e4mtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.<br \/>\nSchwache Fortplanzungst\u00e4tigkeit facht der Mensch gerne an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege. Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer m\u00e4chtiger ist als der regierungss\u00fcchtige Herr. Der Mensch ist sich selber unterlegen.<br \/>\nWenn der Mensch f\u00fchlt, da\u00df er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander f\u00fcr verschiedene Rassen: Alte haben gew\u00f6hnlich vergessen, da\u00df sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, da\u00df sie alt sind, und Junge begreifen nie, da\u00df sie alt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDer Mensch m\u00f6cht nicht gerne sterben, weil er nicht wei\u00df, was danach kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann m\u00f6chte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig hei\u00dft hier: ewig.<br \/>\nIm \u00fcbrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen l\u00e4\u00dft. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.<br \/>\nNeben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der n\u00e4chsten Klasse. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt Tucholsky &#8211; Der Mensch Der Mensch hat zwei Beine und zwei \u00dcberzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere hei\u00dft Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu \u00fcberm\u00fctig wird. 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