{"id":1265,"date":"2010-03-02T17:31:27","date_gmt":"2010-03-02T16:31:27","guid":{"rendered":"http:\/\/susannealbers.de\/blog\/?p=1265"},"modified":"2010-03-02T17:31:27","modified_gmt":"2010-03-02T16:31:27","slug":"angst-vor-mitgefuhl-kann-todlich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2010\/03\/02\/angst-vor-mitgefuhl-kann-todlich-sein\/","title":{"rendered":"Angst vor Mitgef\u00fchl kann t\u00f6dlich sein"},"content":{"rendered":"<p>Angst vor Mitgef\u00fchl kann t\u00f6dlich sein<\/p>\n<p>Der 73 Jahre alte Psychiater Arno Gruen \u00fcber die fatalen Folgen der Wettbewerbsgesellschaft f\u00fcr die Psyche des Einzelnen. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Empathie.<\/p>\n<p>Das Abendblatt besuchte den Autor und Therapeuten in Z\u00fcrich<\/p>\n<p>Von Lutz Wendler<\/p>\n<p>Z\u00fcrich<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Sie praktizieren seit 50 Jahren als Therapeut und schreiben parallel B\u00fccher, in denen Sie aufzeigen, dass viele Menschen in unserer Zivilisation unter der Art leiden, wie wir miteinander umgehen.<\/p>\n<p>ARNO GRUEN: Wir leben in einer Zivilisation, die nicht das Miteinander, sondern das Gegeneinander kultiviert. Unsere Gesellschaft ist auf Macht, Herrschen, Besitz gegr\u00fcndet. Wir sehen alles als Wettbewerb. Man braucht andere Menschen, um erfolgreich zu sein, man muss praktisch auf sie treten. Erfolg besteht darin, dass andere versagen. Das Mitgef\u00fchl geht dabei verloren. In vielen sogenannten primitiven Kulturen sind dagegen das Miteinander und das F\u00fcreinandersorgen gang und g\u00e4be.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Welche Folgen hat eine solche Anpassungsleistung in unserer Gesellschaft?<\/p>\n<p>GRUEN: Viele Studien zeigen, dass dort, wo der Gehorsam extrem ist, das Mitgef\u00fchl kaputtgemacht wird. Schon in den 50er-Jahren gab es eine ber\u00fchmte Untersuchung in Yale. Der Psychologe Stanley Milgram wollte den Gehorsam dort studieren, wo der Gehorsam alles m\u00f6glich gemacht hatte: in Deutschland. Zuvor aber machte er einen Test in Yale\/Connecticut, wo die Menschen nicht vom Gehorsam impr\u00e4gniert sind. Die Probanden sollten angeblichen Pr\u00fcflingen nach Anweisung &#8220;von oben&#8221; elektrische Stromst\u00f6\u00dfe geben, damit die besser lernten. Die Strafenden wussten nicht, dass sie Schauspieler vor sich hatten, die Schmerzen simulierten. Zwei Drittel der Versuchspersonen f\u00fchrten alle Anweisungen aus. Milgram war entsetzt, dass dies in Amerika m\u00f6glich war, sodass er auf einen Versuch in Deutschland verzichtete. Der Test wurde jedoch von anderen in weiteren L\u00e4ndern wiederholt. Die Ergebnisse waren immer in etwa gleich: Ungef\u00e4hr zwei Drittel sind so gehorsam, dass sie, obwohl sie f\u00fchlen, dass ein anderer leidet, das ausf\u00fchren, was man ihnen befiehlt.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Ein Schl\u00fcsselwort in Ihrer Arbeit ist Empathie, also die F\u00e4higkeit zum Mitgef\u00fchl. Macht sie unser Menschsein aus? Mehr als die kognitiven F\u00e4higkeiten?<\/p>\n<p>GRUEN: Absolut. Die kognitiven F\u00e4higkeiten sind wichtig, werden aber in unserer Gesellschaft als Ma\u00df aller Dinge angesehen, w\u00e4hrend das Gef\u00fchlsleben nur eine geringe Rolle spielt. Ungeachtet der Tatsache, dass wir das Mitf\u00fchlen schon im Mutterleib erleben. Was die Mutter f\u00fchlt und wie sie mit ihrem Kind kommuniziert, ist empathisch &#8211; und das Nervensystem, das die Muskeln steuert, ist das System, durch das Empathie ausgedr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Kann denn das, was unser Menschsein ausmacht, komplett verloren gehen?<\/p>\n<p>GRUEN: Ich habe mit M\u00f6rdern in einem englischen Gef\u00e4ngnis gearbeitet. Ein Mann, den ich interviewte und der Leuten den Hals durchgeschnitten hatte, als w\u00e4re es Salami, der erz\u00e4hlte mir ohne Gef\u00fchlsregungen, dass er im Alter von drei Jahren von seiner Mutter zur Strafe mit kochendem Wasser \u00fcbergossen worden sei. Er zeigte dabei kein Gef\u00fchl von Schmerz oder Wut, \u00fcberhaupt nichts. Es gab in diesem Gef\u00e4ngnis jedoch einen interessanten Versuch: Man lie\u00df H\u00e4ftlinge gemeinsam mit professionellen Schauspielern Shakespeare-Dramen einstudieren. Es war bewegend, an Schwerverbrechern zu beobachten, wie das Mitgef\u00fchl in ihnen aufstieg. Es wurde danach f\u00fcr sie schwierig, mit dem zu leben, was sie anderen angetan hatten. Einige versuchten, sich das Leben zu nehmen. Das aber war der Anfang einer Genesung. Wenn sich die F\u00e4higkeit der Empathie wiedererwecken l\u00e4sst, dann ist das hoffnungsvoll.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Aber ohne Hilfe werden sie zur Gefahr . . .<\/p>\n<p>GRUEN: Menschen, die Angst vor ihrem eigenen Mitgef\u00fchl haben, sind in der Lage zu t\u00f6ten, wenn andere sie daran erinnern. Nehmen Sie als Beispiel den SS-Mann Klaus Barbie, den man den &#8220;Schl\u00e4chter von Lyon&#8221; nannte. Er sagte in einem Interview, bevor er von den Franzosen vor Gericht gestellt wurde, zum Mord an dem Widerstandsk\u00e4mpfer Jean Moulin, den er verh\u00f6rt und gefoltert hatte: &#8220;Ich f\u00fchlte, dass er ich war.&#8221; Barbie glaubte also, diesen Mann t\u00f6ten zu m\u00fcssen, weil er den Teil von ihm repr\u00e4sentierte, den er an sich hasste. Menschen wie Barbie wurde in der Kindheit die Menschlichkeit ausgetrieben. Sie erhielten nur dann Unterst\u00fctzung, wenn sie keine Gef\u00fchle zeigten, kein Mitgef\u00fchl hatten.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Wie kommt es, dass wir Schmerzen von denen gelindert haben wollen, die uns diese Schmerzen zugef\u00fcgt haben?<\/p>\n<p>GRUEN: Kinder ben\u00f6tigen jemanden, durch den sie sich sehen k\u00f6nnen. Wenn fr\u00fch etwas falsch l\u00e4uft, bekommt ein Kind keinen Zugang zu seinen eigenen Werten und Wahrnehmungen und wird abh\u00e4ngig von denen, die es bestimmen: von Eltern, Lehrern, dem Staat. Die Autorit\u00e4t, der das Kind und sp\u00e4ter der Erwachsene sich beugt, gibt ihnen das Gef\u00fchl, dass sie jemand sind &#8211; von der Autorit\u00e4t werden sie darin best\u00e4tigt, weil sie gehorsam sind.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Wie sieht eine seelisch gesunde Erziehung aus?<\/p>\n<p>GRUEN: Das Wichtigste ist es, dass man dem Kind entgegenkommt und nicht glaubt, das Kind strebe Macht \u00fcber uns an, wenn es sich nicht so verh\u00e4lt, wie es uns gef\u00e4llt. Wenn wir so denken, dann ist auch das die Folge unserer kognitiven Pr\u00e4gung und unserer gesellschaftlichen Vorstellung vom Gegeneinander. Das bedeutet auch im Umgang mit unseren Kindern die Idee vom Kampf. Man darf also nicht lieb sein, wenn sie schreien, sondern muss hart bleiben, weil man glaubt, dass sie einen sonst beherrschen. Ein Gegenbeispiel hat der Ethnologe Eibl-Eibesfeldt in Neuguinea gefilmt, wo eine Mutter durch richtiges Handeln zeigt, wie man Kinder zum Teilen motiviert: indem man sie selber entscheiden l\u00e4sst. Das meint, dass ein Kind aus eigener Kraft zum Teilen kommt und nicht durch Gehorsam. Wir h\u00e4tten uns eingemischt und die Entscheidung erzieherisch vorgemacht. So bringen wir uns um die Einsicht, dass Kinder von sich aus eine richtige Entscheidung treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: H\u00e4lt Konformismus die Gesellschaft zusammen?<\/p>\n<p>GRUEN: Leider, das ist das Problem. Die Ordnung muss aufrechterhalten, die Gesellschaft stabilisiert werden. Aber das funktioniert nicht: Die Prozesse, die alles wieder auseinanderbringen, haben ja mit Wettbewerb zu tun, mit der Negierung der Mitmenschlichkeit. Und das treibt die Gesellschaft auseinander. Selbst Freud war der Meinung, man m\u00fcsse das Innere im Griff haben. Er glaubte, unsere Instinkte seien eine Gefahr f\u00fcr das Gemeinschaftliche. Und deshalb m\u00fcsse schon das Kind lernen, seine instinktuellen Triebe zu b\u00e4ndigen. Aber was in primitiven Gesellschaften passiert, ist das Gegenteil davon. Wenn sich ein Kind in Einklang mit seinen Wahrnehmungen, seinem Erleben, seinen Trieben entwickelt, dann entwickelt sich auch die Empathie, und es handelt nicht destruktiv gegen allgemeines Wohl. Wir dagegen sind in unserem Modell gefangen: Einerseits muss man Law and Order sichern, sonst f\u00e4llt alles auseinander. Andererseits ist die innere Dynamik unserer Gesellschaft etwas, was Law and Order dauernd gef\u00e4hrdet, weil sie Menschen erzeugt, die voller Wut und Hass sind &#8211; permanenter Wettbewerb l\u00e4sst das Menschsein nicht zu.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Gibt es in der Psychotherapie eine Heilung?<\/p>\n<p>GRUEN: Well, ich denke, sie kann zu einer tiefen \u00c4nderung f\u00fchren, weil der Patient die eigenen Kr\u00e4fte entdeckt und sie entwickeln kann, sodass etwas ganz Neues in dem Menschen m\u00f6glich wird. Aber es ist ein langer, m\u00fchsamer Weg. Es hat viel mit intensivem Schmerz zu tun, mit dem man sich nicht leicht konfrontiert. Aber da kann man durch.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Ihr aktuelles Buch &#8220;Ich will eine Welt ohne Kriege&#8221; haben Sie jungen Menschen gewidmet. Glauben Sie an die Kraft der Jugend, aus festgefahrenen Denk- und Handlungsmustern auszubrechen?<\/p>\n<p>GRUEN: Ich denke, die Pubert\u00e4t ist eine Phase, in der man rebellieren kann. Man f\u00e4ngt neu an, nicht alles in unserer Welt als gegeben hinzunehmen. Insofern gibt die Jugend uns allen eine Chance f\u00fcr einen Neubeginn.<\/p>\n<p>ABENDBLATT: Wie sollen \u00e4ltere Menschen, speziell Eltern, mit der Rebellion umgehen?<\/p>\n<p>GRUEN: Es braucht ja keine Rebellion zu geben. Aber wenn die Jugendlichen anfangen, etwas infrage zu stellen, sollten die Erwachsenen erst mal zuh\u00f6ren. Und wenn Eltern das k\u00f6nnen, dann ist das schon der Beginn einer neuen Erfahrung. Beide Seiten k\u00f6nnen davon profitieren.<\/p>\n<p>Arno Gruen, &#8220;Ich will eine Welt ohne Kriege&#8221;, Klett-Cotta, 126 Seiten; 12 Euro. Weitere wichtige Werke von Arno Gruen: &#8220;Der Verrat am Selbst&#8221; (1986), &#8220;Der Wahnsinn der Normalit\u00e4t&#8221; (1987), &#8220;Falsche G\u00f6tter&#8221; (1993), &#8220;Der Verlust des Mitgef\u00fchls&#8221; (1997), &#8220;Der Fremde in uns&#8221; (2000), &#8220;Hass in der Seele&#8221; (2001).<\/p>\n<p>erschienen am 7. November 2006 <\/p>\n<p>Quelle: <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/daten\/2006\/11\/07\/635237.html\">Abendblatt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angst vor Mitgef\u00fchl kann t\u00f6dlich sein Der 73 Jahre alte Psychiater Arno Gruen \u00fcber die fatalen Folgen der Wettbewerbsgesellschaft f\u00fcr die Psyche des Einzelnen. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Empathie. Das Abendblatt besuchte den Autor und Therapeuten in Z\u00fcrich Von Lutz Wendler Z\u00fcrich ABENDBLATT: Sie praktizieren seit 50 Jahren als Therapeut und schreiben parallel B\u00fccher, in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/2010\/03\/02\/angst-vor-mitgefuhl-kann-todlich-sein\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Angst vor Mitgef\u00fchl kann t\u00f6dlich sein&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1221,686,1217,1216,1227,1226,1223,1224,1225,1229,1220,1228,1222,1219,1218,1230],"class_list":["post-1265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-abendblatt","tag-angst","tag-angst-vor-mitgefuhl","tag-arno-gruen","tag-der-fremde-in-uns","tag-der-verlust-des-mitgefuhls","tag-der-verrat-am-selbst","tag-der-wahnsinn-der-normalitat","tag-falsche-gotter","tag-gruen","tag-hamburger-abendblatt","tag-hass-in-der-seele","tag-ich-will-eine-welt-ohne-kriege","tag-lutz-wendler","tag-mitgefuhl","tag-psychiater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1265"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1268,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1265\/revisions\/1268"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/susannealbers.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}