Die Philosophie der Weisheit. Die andere Art zu denken.
Frieder Lauxmann
(geb. 1933), Jurist und Philosoph. - Die Universität des Nichtwissens - Aus: Die Philosophie der Weisheit. Die andere Art zu denken. München 2004 (dtv 34068), S. 23-29. © nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2002.
Die Universität des Nichtwissens
Zwei Weise begegnen einander. Da fragt der eine:” Sag mir, woran erkennt man deine Weisheit?” Der gibt zur Antwort: “Man erkennt sie daran, daß ich bis jetzt gerade diese Frage mir und anderen noch nie gestellt habe.” Anstatt es bei dieser Weisheit zu belassen, wollen wir die Torheit begehen, einige Antworten auf diese Frage zu versuchen. Dabei müssen wir uns darüber im klaren sein, daß die Betrachtung der Weisheit niemals die Weisheit selbst ist. Die Erforschung der Weisheit kann selbst nicht weise sein. Schade für die Philosophen, die ihr ganzes Leben dieser Betrachtung widmen und gerade dies nicht wissen - Sokrates ausgenommen.
Und dennoch wollen wir uns über diesen Abgrund des Denkens wagen, vielleicht nur deshalb, um bei diesem Abenteuer einige Denkverkrustungen loszuwerden. Es geht hier nicht um praktische Lebensweisheiten, etwa nach der Methode: “Wer andern eine Grube gräbt, soll nicht vergessen, eine Rechnung zu schreiben”, oder “Heirate lieber einen gestandenen Mann, als einen gesessenen”, oder “Trau keinem unter und auch keinem über dreißig” usw. Es mag Weisheit dazu gehören, solche Erfahrungen zu machen und Lehren daraus zu ziehen, es gehört allerdings keine dazu, sie zu verbreiten. Und so mancher Weisheitslehrer war nicht mehr, als ein Sprüchesammler, wie einige fromme Bibelautoren, die im Namen Salomos dessen gesammelte und ihm zugeschriebene Werke posthum herausgaben.
Hier geht es um etwas ganz anderes: Weisheit ist Wissen ohne Wissen. Die wirkliche Weisheit zeigt sich in der unbelegbaren, nicht vorgeformten und oft nicht nachvollziehbaren Wahrheit. Ihre Quellen sind völlig anderer Natur als die eines Lehrbuchs, eines Konversationslexikons oder des Internets. Deshalb ist Weisheit auch nicht lehrbar, wie ein Schulfach. Es gibt weise Lehrer. Man erkennt sie jedoch nicht an dem, was, sondern wie sie lehren, und vor alles daran, daß sie von den Schülern geliebt und geachtet werden. Wenn man dann fragt, worin denn ihre Weisheit bestehe, dann wird nichts erklärt, sondern es werden nur Geschichten erzählt. Und hier liegt das Faszinierende an der Weisheit: sie ist nicht, was man wissen oder besitzen kann. Sie geschieht, sie zeigt sich, sie spielt sich ab. Das brauchen keine Heldentaten zu sein; oft genügen kleine und kleinste Begebenheiten, teilweise völlig unbeachtete Nebensächlichkeiten, um in einem Menschen Weisheit zu erkennen. Letzten Endes ist sie eine ganz neue und zugleich uralte, oft verkannte Dimension des Denkens. Der Weise denkt anders, handelt anders, urteilt anders, denn Weisheit ist der aufregendste Störfaktor im Bereich menschlichen Denkens. Sie fragt nicht nach Gründen, sie ist selbst ein Grund. Wer aber anders denkt als die anderen, stört diese beim Nichtdenken. Weisheit regt auf.
Wissen und Vernunft wurden seit der Renaissance zunehmend als einzige Quelle der Weisheit angesehen. Dies war und bleibt ein fundamentaler Irrtum. Die Worte Weisheit und Wissen stammen in der deutschen Sprache zwar aus der gleichen Wurzel, aber die Stämme haben sich auseinanderentwickelt. Oft wurden sie früher gleichgesetzt oder verwechselt. Noch Lichtenberg schien nicht genau zwischen Wissen und Weisheit zu trennen, obwohl gerade er ein Muster an Weisheit war. Er notierte einmal: “Jetzt sucht man überall Weisheit auszubreiten, wer weiß, ob es nicht in ein paar hundert Jahren Universitäten gibt, die alten Unwissenheiten wiederherzustellen.” Wenn man diesen Satz in heutiger Zeit richtig verstehen will, dann müssen wir ihn so lesen: “Jetzt versucht man überall, Wissen anzuhäufen und auszubreiten. Wer weiß, ob es nicht in ein paar Jahrhunderten Universitäten gibt, die sich damit befassen, den alten, ungehinderten, nicht durch zu viel Wissen belasteten Zugang zur Weltweisheit wieder zu ermöglichen und herzustellen.” Seit dieser Vermutung Lichtenbergs sind über zweihundert Jahre vergangen. Sind dies schon die “paar Jahrhunderte”, die er vermutet hatte? Haben wir solche Universitäten, schon, die Un-wissenheit herstellen, statt Uni-Wissenheit? Natürlich nicht, im Gegenteil, noch werden in ihnen Stellen in Richtung auf ein für die Wirtschaft nützliches Wissen umgewidmet. Es gibt jedoch im Denken der Menschen starke Strömungen, die in die andere, Lichtenbergsche Richtung weisen. Doch hier müssen wir aufpassen, daß eine solche Strömung nicht in falsche Kanäle fließt. Wissensabwehr ohne Weisheit läßt höchstens auf banale Dummheit schließen. Wissensverzicht aus Weisheit ist etwas ganz anderes, Geheimnisvolles, Unbequemes.
Und so finden wir hier eine neue Erklärung, die vor einem halben Jahrhundert noch undenkbar gewesen wäre: Weisheit findet sich in dem Teil des menschlichen Denkens, der sich nicht programmieren läßt. Diesen Satz faßt längst nicht das ganze Phänomen, denn ein solches Denken könnte auch dumm und absurd sein. Daher muß noch ein anderer Faktor betrachtet werden: Weisheit ist ein Denken, das aus der Verliebtheit in die Welt hervorgeht. Die Weisheitslehrer des Alten Testaments hatten dafür eine religiöse Erklärung: Alle Weisheit kommt von Gott. Sie läßt sich nicht von seiner Leibe trennen. nun reicht auch diese Erklärung nicht aus, es muß noch etwas hinzukommen. Es darf nicht bei der Verliebtheit bleiben. Sie wäre wirkungslos ohne den Liebesakt. Weisheit muß etwas Positives, Gute hervorbringen, sie muß in der Welt zeigen und direkt oder indirekt etwas bewirken können. Wo sie Privatbesitz bleibt, ist es besser, über sie zu schweigen. So gibt es also viele Faktoren, die weiträumig das Denkfeld eingrenzen, in dem Weisheit gedeihen kann:
1. Weisheit ist nicht speicherbar, sie geschieht;
2. sie ist unsystematisch, also auch nicht programmierbar;
3. sie gedeiht nur in der Liebe zur Welt;
4. sie bringt das Gute hervor.
Einer der wenigen Definitionsversuche dessen, was Weisheit sein könnte, stammt von Arthur Schopenhauer: ” Weisheit scheint mir nicht theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen. Ich würde sie definieren als die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge, im Ganzen und Allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, daß sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun überall leitet.” (Parerga und Paralipomena II. §339) Weisheit, so verstanden, muß sich also am Tun und nicht nur am Reden und Schreiben erweisen. Leider ist auch der große Schopenhauer ein Beispiel dafür, daß Dozieren über Lebensweisheiten noch nicht unbedingt auf die Weisheit des Dozenten schließen läßt.
Die Weisheit war angeblich seit Urzeiten die Geliebte der Denker, was viele dieses Standes jedoch nicht daran hinderte, sie zu mißbrauchen und dann zu verachten. Die Weisheitsliebe - Philosophie - aus den Wortstämmen Philia (Liebe, Vorliebe, Neigung, Freundschaft) und Sophia (Weisheit) wurde in Griechenland zur Berufsbezeichnung der Denker. Wo es jedoch nur ums bloße Geschäft mit der Weisheit ging und nicht auch um die Liebe, redete man oft abschätzig von Sophisten. Platon schrieb in seinem Dialog: >Sophistes<:”Nur ein eingebildetes Wissen besitzt der Sophist und nicht die Weisheit” Dabei kann gleich gesagt werden, daß diese Sophia auch als Sammelbegriff für allerlei Wissen über Gott und die Welt sowie als Depot für Spekulationen jeglicher Art gebraucht und mißbraucht wurde. Sophia wurde immer mehr zur Universalgeliebten, kein Wunder, wenn sie für manche dabei ihr Unschuld verloren hat.
Philosophie war bis in die Zeit der Renaissance ein allgemeiner Begriff, der einen großen Teil der damaligen Wissenschaften umfaßte: Philosophie im engeren Sinne, Theologie, Mathematik und Physik (im Sinne von Naturwissenschaft insgesamt) und manches andere, z.B. Staatslehre, Astrologie und Astronomie. Die Philosophie “im engeren Sinne” magerte immer wieder weiter ab, was sich leider nicht auf das Gewicht der Worte auswirkte, die sie von sich gab. Nach der Ausklammerung von Theologie, Mathematik, Staatslehre, Physik (Naturwissenschaft) und gar noch der Psychologie, Logik und Linguistik ist die Philosophie nur noch ein dünner, zudem schwer verdaulicher “echter” Rest geblieben. Doch woraus besteht der Rest? Vielleicht aus dem Nichts, auf das sich manche Philosophen warfen, wie ein hungrige Meute, auf einen einzigen hingeworfenen, dazu schon längst abgenagten Knochen. Philosophen, die die Weisheit zernagen, hinterlassen allenfalls das Nichts, wie zum Beispiel Jean - Paul Sartre, der am Ende seines rund tausend Seiten starken Monumentalwerkes “Das Sein und das Nichts” bekannte. “Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft.” Hätte er das schon auf Seite 1 gesagt, um fortan schweigend im Lotussitz zu verharren, hätte ein ganzer Wald von der Papierindustrie gerettet werden können. Wäre Sartre ein Weiser gewesen, dann hätten seine umfangreichen Überlegungen nicht in Resignation enden dürfen. Liebe resigniert nicht. Zumindest die Liebe der Weisheit.
Daß die Philosophie ihr Abhängigkeit von der Weisheit vergessen und übersehen hat, war ihr größter Sündenfall. Sich von der Liebe zu lösen, um von ihr unabhängig zu sein, das folgte aus der Erfahrung, daß sich die Weisheit nicht beherrschen läßt. Wer jedoch selbst allein herrschen will, muß auf sie verzichten. Weisheit läßt sich nicht herbeizwingen, sie wartet, bis man sie wieder liebt. Jeder Mensch kann die ihm unmittelbar erkennbare und zugänglich werdende Weisheit erfassen und lieben. Philosoph im ursprüngliche Sinne des Wortes kann man werden, wie man Musikliebhaber wird: aus Liebe zu einer geistigen Sache. Seit Urzeiten hat es zahlreiche Menschen gegeben, die eine ungehinderten Zugang zur Weisheit gepflogen haben pflegen. Uralte Erkenntnisse können dem Menschen immer wieder neu aufleuchten, dazu kommt es nicht auf das viele Wissen an. Unwissen zeichnet niemanden aus, sinnlos angehäuftes Wissen allerdings auch nicht. Lichtenbergs Zukunftsuniversität müßte sich um dieses Dilemma kümmern. Sie könnte völlig neue, andersartige und belebende Impulse für unser Bildungsystem geben. Eine Kultur, in der Weisheit nicht als höchstes Ideal geschätzt wird, hört bald auf, eine zu sein. Doch wohin führt es, wenn die Weisheit nicht geliebt wird, sondern als Mittel dienen soll, das Universum zu beherrschen?
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