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Jean Paul - Bemerkungen über uns närrische Menschen - Aphorismen - 1

1. Bändgen - Bemerkungen - (August 1782)

Ich begreife sehr wohl, warum manche ihren Körper so wenig den Befehlen der Weisheit untertänig machen können. Der, dessen Herz bei jedem neuen Vorfall zu pochen anfängt, wird über dasselbe anfangs wenig mit seiner Weisheit vermögen. Denn das Bestreben, den Fehler zu vermeiden, bringt ihn hervor.

Es ist der Wahrheit nicht zuträglich, wenn ein großer Kopf mit einem dummen Gegner streitet. Da jener diesen für zu gering ansieht, so wird er ihm auch da nicht Recht lassen, wo er's hat.

Wenn der Feige vor andern sich an seinem Feinde zu rächen drohet oder schon gerächt zu haben lüget, so folget er hierin weniger seinem Stolze, für tapfer zu gelten, als seinem Zorne, zu dessen Auslassung der ganze Körper kein anderes Glied als die Zunge anbietet, und der sich mutig zu machen sucht, indem er's scheinen will.

Man hat nicht bei jeder Person denselben Witz. Es gibt Leute, bei denen es unmöglich ist, witzig zu sein. Ein Witziger ist es selten bei einem Witzigen, am wenigsten bei höheren Personen.

Man lobt den andern lieber in Briefen als ins Gesicht.

Wer nicht den Mut hat, auf seine eigne Art närrisch zu sein, hat ihn schwerlich, auf seine eigne klug zu sein.

Der Skeptiker liebt den Orthodoxen mehr als den Heterodoxen.

Nur recht berühmte Leute kann man leicht fein loben.

Das System, das ein großer Mann erfunden, können kleine nicht verteidigen; auch zum letzteren gehört ein großer.

Wir suchen der Nachwelt bekannt zu werden und grämen uns doch nicht, es der Vorwelt nicht zu sein.

Der Professor schreibt seine Lektionszettel flüchtig, weil er seine Unabhängigkeit von Studenten zeigen will.

Der lügt am sichersten, der die Wahrheit nur verfälscht und keine ganze Lüge erdichten darf; bei jedem nimmt er ein andres Stück Wahrheit weg und setzt eine andre Lüge hinzu.

Die Nacht ist so zu Träumen eingerichtet, daß man auch wachend in Träume gerückt wird; man wird von ihr traumtrunken.
Jeder Mensch hat seine Lieblingsausdrücke, das Schöne zu loben.

Die Satire bessert selten. Darum sei sie nicht bloß lächelnd, sondern bitter, um die Toren, die sie nicht bessern kann, wenigstens zu bestrafen.

Kritik lernt man mehr von eignen Arbeiten als von Kunstrichtern.

Die Schriftsteller, welche ihre Schriften mit der Feile in der Hand verfertigen, werden im gemeinen Leben wenig oder schlecht sprechen. Sie sind zu sehr gewohnt, gut zu sprechen, um geschwind zu sprechen.

Ein Autor sollte unter die Schönheiten, die nur Kenner fühlen, immer solche mit mischen, die auch der schlechte Leser fühlt.

Man erwartet in den Anmerkungen eines Buches schlechtern Stil.

Vor Frauenzimmern darf man bloß Männer loben.

In einer schlechten Kleidung gelingt das Artigtun weniger als in einer guten.

Der gefällt nicht, der fürchtet, nicht zu gefallen; denn die Ungezwungenheit, die allen übrigen Schönheiten des Umgangs erst

ihren Wert und oft ihr Dasein gibt, verschwindet mit der Furcht.

Eine witzige Schmeichelei verzeiht sogar der Bescheidenste.

Bei der Geliebten nur darf man von sich reden.

Die Verstellung hilft unter Leuten, denen wir ähnlich sind, nichts.

Welcher Unterschied, ob wir mit dem abgenommenen Hute einen Halbzirkel beschreiben oder ihn senkrecht bis zur Brust herunternehmen.

Wenn der andre sich mit allen seinen Fehlern, die er noch besser kennt als ich, erträgt, warum sollte ich ihn nicht ertragen?

In unsern Gesprächen verweilen wir bei einem witzigen Gedanken und bestreiten den ernsthaften, anstatt es umzukehren.

Ein einziger Geruch weckt ganze Gruppen von alten Empfindungen wieder auf; wirkt mehr auf die Phantasie als selbst das Auge.

Man freuet sich über die Standhaftigkeit des Missetäters, weil er dadurch unser Gefühl der Unterwürfigkeit unter die Obrigkeit mildert.

Man verteidiget oft eine Sache mit schwachen Gründen, weil man die stärksten sich nicht zu sagen getraut.

Mit zu großer Traurigkeit sympathisieren wir leichter als mit zu großer Freude, die Sympathie wächst mit jener, nicht mit dieser.

Ganz anders und besser versteht und goutiert man einen Autor, wenn man ihn über eine Sache lieset, über deren Aufklärung man eben jetzt verlegen ist.

Den Unmut über unsre Fehler lassen wir an der Art aus, mit der der Freund sie uns entdeckte. Geschah es frei, so zürnen wir über seine Unbescheidenheit, Plumpheit und Grobheit; geschah es fein, über seine Verstellung.

Man ist neugierig, die Stellen im Buche zu lesen, die ein andrer unterstrichen hat.

Der Mensch gehet allezeit, wenn er sich noch so lange gegen eine Meinung gesträubt, endlich zu ihr mit Leidenschaft über.

Man läßt sich herunter zu denen, die man liebt, wenn sie klein sind, bis auf einen gewissen Grad, zu dem man sich nie aus Liebe gegen Größere herablassen würde, und Sokrates ritt wohl mit seinen Kindern, aber nicht mit Größern auf dem Steckenpferd.

Wenn man die Verteidigung nicht widerlegen kann, tadelt man die Art derselben.

Ein Dummer mit Lebhaftigkeit ist das lächerlichste Geschöpf.

Wenn einer alle die Hindernisse überdenkt, die sein ganzes Leben durch seine Entwicklung bestritten hatten, so ruft er aus: »Was hätt ich nicht werden können!«

Es ist falsch, daß gewisse Laster einen großen Geist beweisen. Nicht das Laster selbst, sondern die Mittel, durch die man es ausübt, bestätigen die Größe.

Wenn Seneca sagt, Gott könne nichts lieber sehen als einen tugendhaften Mann im Widerstande gegen das Unglück, so setzte ich hinzu: als einen im Genusse einer erlaubten Freude.

Es ärgert einen, wenn man ihm die zu lesende Zeitung voraussagt.

Man kann gegen ein Laster mit dem größten Nachdruck predigen und es doch ausüben, ohne zu heucheln.

Es gibt Leute, die, um tugendhaft zu sein, erst Gelegenheit brauchen.

Die Republik zeugt und ermordet große Männer; die Monarchie tut das erstere nicht; jene lässet sie große Taten tun und belohnet mit Undank, diese verbeut große Taten.

Niemand denkt über den verschiedenen Wert großer Autoren verschiedener als große selbst.

Eine Frau kann einem Achtung für ihr Geschlecht einflößen, aber mehrere auf einmal vermindern sie.

Manche können nur fremde Meinungen, nicht ihre eignen berichtigen.

Wenn man von gewissen Sekten etc. höret: glaubt man, sie wären unsinnig, so etwas zu glauben. Aber wenn man mit ihnen bekannt wird: findet man wenigstens Zusammenhang in ihren Irrtümern.

Zuviel Enthusiasmus in der Tugend macht auf den folgenden Augenblick desto kälter und schadet also.

Wenn ich in der Jugend jemand seine Nase mit Geräusch reinigen sah, hoffte ich es einst auch tun zu können und beneidete ihn.

Bei den gemeinen Leuten ist man vornehm delikat, bei den Vornehmen zynisch.

Die Personen können sich am leichtesten verstellen, die vorher gut waren; wie Schauspieler die Rollen, die ihrer natürlichen am nächsten kommen, gut spielen.

In der Einsamkeit wird der gute Teil des Menschen, in der Menge der schlechte vergrößert; jener bekommt dort die Waffen, dieser fühlt sie hier. In der Gesellschaft lernt man die Tugend nicht.

Wenn man fragt: »Würde mit der Leidenschaft nicht manche gute Tat wegfallen?« so heißt das: »Würde der, der, weil er keinen Zorn hätte, eine gute Tat unterließe, nicht Trägheit an dessen Statt haben?« Das heißt aber: »Welches ist besser, dieses oder jenes Laster?« und unsre Frage war doch: »Ist's nicht überhaupt besser, kein Laster zu haben?«

Die Gewohnheit der Vollkommenheit des Freundes macht gegen ihn ungerecht. Man denke sich dieselbe an einem andern, wie würde man ihn lieben!

Wenn man in einem wirksamen Helfen begriffen ist, wird man von den Seufzern des Leidenden minder gerührt.

Wenn der andre ein wenig Genie zeigt, so werden wir neidisch und ungerecht gegen ihn sein; wenn er aber uns zu sehr übertrifft, nicht.

Je sinnlicher die Seelenkraft, worin man hervorsticht, desto origineller; daher sind am meisten originell die Musiker, weniger die Maler, noch weniger die Poeten, und am wenigsten die Philosophen.

Das Schönste, was wir in der Vergangenheit antreffen, ist die Hoffnung.

Wenn man sich etwas erinnern will, hebt man den Kopf in die Höhe.

Kleiner Schmerz ist in Augenblicken leidlich, aber nicht in der Fortdauer; also liegt die Ursache unserer Ungeduld darin, daß er uns immer unterbricht.

Die Vernunft kann, wenn sie einer Leidenschaft oder Empfindung ihren Ungrund und ihre Narrheit noch so deutlich zeigt, sie doch nie aufheben, sondern höchstens schwächen.

Wenn einer an einem großen Mann einen Fehler, den er selbst nicht hat, wahrnimmt, so wünschet er sich sofort Glück, daß er solcher nicht ist.

Jeder Mensch ist in einer Sache ordentlich.

Jeder bewundert den Mut des andern und findet seine Freiheit edel; treffen beide ihn, dann erregen sie seinen Zorn.

Mit wieviel tausend kleinen Mitteln muß sich der Mensch abgeben, ehe er mit etwas Großem sich beschäftigen kann.

Man würde die Menschen leichter kennen, wenn man nicht jede Handlung als die Folge von Grundsätzen ansähe; man hält zu selten eine für Kaprize, aus der nicht auf den Hauptcharakter zu schließen ist.

Ein großer Schritt zur Tugend ist, daß man nicht alles an sich liebt, seine Kleinigkeiten, Geschmack im Essen etc.

Jede Verleumdung, wenn man sie auch verwirft, läßt eine geringere Meinung vom Verleumdeten auf kurze Zeit zurück.

Wenn man beim Erzählen eines fremden Scherzes selbst sehr lacht, so gewinnt er; bei dem eines eignen, so verliert er.

Man wird mit weniger Anstoß über Glaubenssachen spotten als streiten, weil man im ersteren Falle doch noch daran zu glauben scheint.

Das Lob einer besondern Eigenschaft setzet dem Verdachte der Schmeichelei aus, da der andre sich seiner Schwäche darin vielleicht bewußt ist; aber ein allgemeines Lob wird für keine gehalten, weil jeder sich vortrefflich im Ganzen hält.

Um zur Wahrheit zu gelangen, sollte jeder die Meinung seines Gegners zu verteidigen suchen.

Die Mutter liebt der Art Menschen, von der ihr Sohn ist; gibt dem Handwerksburschen, wenn ihr Sohn einer, mehr.

Jeder Mensch wünscht sich im Frühling zu verlieben.

Die Finger, wenn sie beschmutzt sind, auseinandergebreitet tragen.

Der Wirt ist stets aufrichtiger als der Gast.

Wer in einer Gesellschaft ein Bonmot erklärt, hat seine Feinheit nicht verstanden.

Die Bewunderung nützt nicht sowohl dem Gegenstande als dem Subjekt am meisten; man freuet sich über die Größe des Menschen und daß man sie empfindet.

Wenn ich mit einem Freunde zürne, werd ich sogleich wieder gut, sobald ich eine Gelegenheit bekomme, ihm einen Dienst zu erweisen etc.

An andern liebt man Vollkommenheiten, an sich sich.

Er lobt mit Vergnügen die Tugenden des andern und rügt mit Vergnügen seine Fehler.

Alles Vergnügen kommt von ungefähr und fället aus den Wolken; an dem, das man lange erwartet, ist selten viel.

Wir schämen uns mehr vor uns selber, wenn wir uns einer Torheit, als eines Lasters erinnern.

Jeder sieht nun ein, daß die Verleumdung von ihm lüge; und doch vermutet er nicht, daß sie auch von andern Leuten lügen könne.

Ein witziger Kopf ist nirgends vergnügter und glänzender, als wo ein Narr mit ist.

Wenn euch ein feiner Kopf etwas Alltägliches zu sagen scheint: so glaubt gewiß, daß ihr ihn nicht verstanden und daß er zu fein gewesen.

Nach einer großen Sünde begeht jeder die kleine, die sie verdeckt, ohne alles Bedenken.

Er hatte Lebensart, nicht um sie zu zeigen, sondern aus Menschenliebe und Schonung: denn Lebensart ist die Tugend auf kleine Gegenstände angewandt.

Solang einer noch kein System hat und die Wahrheiten ungeordnet in seinem Kopfe liegenlässet, so lange liebt [er] schwerlich die Wahrheit: ich glaube, zuweilen ist ihm wahrhaftig eine Lüge noch lieber.

Nicht alle Menschen bedürfen notwendig des Wechsels der Moden (denn die Araber sind auch Menschen); aber wohl die Franzosen unter ihnen.

Kein Autor sollte sich über etwas zu schreiben hinsetzen, dem es nicht unbeschreiblich ärgert, daß er keinen Folioband darüber schreiben kann. Wehe ihm, wenn er einen Gedanken sucht und nicht jede Minute 10 abweiset.

Jeder hat eine andre Art, das Geld zu zählen; der eine nach 4, der andre nach 5 Groschen.

Es ist beinahe noch schwerer, gut zu schreiben, als ebensogut zu reden: denn zu jenem hab ich nicht mehr Zeit als bei diesem, weil gute Gedanken doch schnell entstehen.

Habe für alle menschl(iche) Meinungen eine Ehrfurcht und glaube, daß ihr zu sehr Wesen einerlei Art seid, als daß du über eine ganz lachen könntest, die ein Wesen deiner Art geglaubt und zu der es gewiß Gründe nötigten. Der Weise spüret alle Tage mehrere Irrtümer der Menschen und mehrere Scheingründe, durch die sich jene Irrtümer einschmeichelten, zum Gegengifte der Selbstgenügsamkeit auf.

Sich eines philosophischen Satzes zu erinnern, braucht man mehr Zeit als eines historischen: jenen schafft man beinahe wieder mit.

Wenn uns das Böse als Böses Reue macht und nicht als Wirkung der Strafe: warum bereuen wir einen bösen Willen, einen bösen Entschluß, der nicht ausgeführt wurde, nicht ebensosehr als eine böse Handlung?

Er zog sein schlechtestes Kleid an, wenn er mit einem ausging, der ärmer als er war.

Der Mensch ist gut und will nicht, daß man vor einem andern als ihm selber krieche.

Es gehört schon zu den Widersprüchen des Menschen, daß er welche zu haben glaubt.

Der Dumme denkt, man hat keine andern Wege, ihn auszulisten, als seine.

Man will nicht nach seinem Äußerlichen geschätzt sein, und andre schätzt man doch mit den Augen.

Die 11. Gefälligkeit für den, dem du 10 erwiesen, ist die Gelegenheit, dir eine zu vergelten.

Gestorbne Freunde sind Ketten, die uns von der Erde ziehen und fester mit einer bessern Welt verknüpfen.

Die Empfindungen sind nur mit Empfindungen zu besiegen.

Wienach kann im Traume die Seele über eine Person nachdenken, indessen s(elber) die Person ein Gedanke von ihr ist? -

Wer nicht immer weiser wird, der ist nicht einmal weise.

Es ist Eitelkeit, wenn man denkt, gute Bücher nützen nicht; wir bilden uns ein, andre könnten nicht den Epiktet so gut nützen wie wir.

Wer weiß, daß er uns gefället, dem gefallen wir.

Schwere Bücher machen eben denen Vergnügen, die sonst das wenigste genießen, eklen Kennern.

Unbeständigkeit gegen seinen Vorsatz heißet sich selber das Wort brechen, welches man sowenig wie gegen einen andern darf: da dieselbe schädliche Folge des Mißtrauens daraus entsteht.

Was hat man für Recht dazu, dem Pöbel, dem größern Teil der Menschen, die Aufklärung vorzuenthalten? Wer gab uns das Recht, der Richter seiner Einsicht und seines Schicksals zu sein? Wenn er die Aufklärung mißbraucht: so wird er es nicht mehr tun als die, die jetzt aufgeklärt sind. Freilich der Übergang von Finsternis zu Licht geschieht allemal in einem Orkan. - Man regiert, um sie dumm zu erhalten: und erhält sie dumm, um sie zu beherrschen.

Den Schlimmen vertritt der Argwohn die Stelle des Verstandes, und [sie] sind eben darum vor Überlistung beschützt.

Schlimme Leute befinden die guten am ersten falsch, weil diese jene nicht bei andern billigen können.

Verwandtschaft d(er) besten mit d(en) falschen Syst(emen): Es gibt schwerlich einen wahren Satz, um den nicht verwandte Bastarde stehen; um den Stoizismus steht der Quietismus und Foismus. Wie nahe grenzt die Enthaltung des Mönchtums an das Christentum! Dies gibt uns die Regel: da, wo wir einen wahren Satz so weit treiben, daß er mit allen unsern Empfindungen und Denkart zu kriegen anfängt, zu stutzen und zurückzukehren.

Worauf gründen denn die höhern Stände ihr Vorrecht an alle Wahrheiten, die dem Volk entstehen? Etwan, weil sie schon die Vorkenntnisse haben, die sie vor dem Mißbrauche neuer Wahrheit bewahren? Nun so gebe man dem Volke die Vorkenntnisse. Oder darum, weil sie regieren und nicht gehorchen dürfen? Unmöglich kann Aufklärung den Gehorsam gegen nützliche und gerechte Befehle aufheben: aber wohl gegen ungerechte. Sie sagen, sie können nicht regieren, wenn das Volk aufgeklärt würde, und sie regieren bloß, damit es es wird. Freilich gehorcht das mündige Kind dem Vater nicht mehr, sondern seinem eignen Verstand, den eben der Gehorsam dazu bildete.

Jeder hat etwas, worin er selbst denkt, und etwas, worin er nachbetet.

Es gibt verbindende und trennende Köpfe. Jene erfinden Systeme oder Epopäen, kurz, sie reißen mit schöpferischer Hand auseinanderstehende Ideen zusammen. Der philosophische Erfinder braucht so gut die Flügel der Dichtungskraft als der poetische. Die trennenden Köpfe brauchen bloß Scharfsinn, sie werfen ähnlich scheinende Ideen auseinander und sind keine Systematiker, lieber Skeptiker, Bayle.

Der Mensch schneidet nicht seine Handlungen und Neigungen nach seinen Grundsätzen, sondern diese nach jenen zu, und die Neigung ist eher als die Maxime da. Der Mann nach und der ohne Grundsätze sind nur darin verschieden, daß jener seine Neigung in e(inen) allgemeinen Satz verdolmetscht.

Nicht die wenigen Strahlen von Vergnügen, die in dieses Leben fallen, machen es uns so wert: sondern das unnennbar süße Gefühl, zu sein, das Leiden kaum stören, machts.

Fehler aus relativen Schlüssen: z. B. das Übel und den Wert eines Menschen verkleinern, indem man beide mit größern vergleicht.

Feigheit macht so gut dem Menschen das Schlimmste zutrauen als Argwohn und eigne Bosheit.

Nichts hasset man so, als die erste Äußerung eines Lasters, das man nicht erwartet.

Die Tugend des andern fühlen und ehren seine Untergebnen am meisten, weil sie sie beglückt - seine Gleichen und Obern nicht, weil sie ihnen widersteht.

Man sollte untersuchen: was eigentlich in uns die Wahrheit entdeckt? Scharfsinn ist's nicht, ein gutes Herz mehr - Mangel des Scharfsinns ist's nicht, wenn man die feinsten Irrtümer begeht und doch nicht auf die feinere Widerlegung kommt, aber vielleicht Fehler des Herzens.

Bloß die Großen schreiben wie die Alten, ohne Brotgier, ohne Rücksicht auf Leser, bloß in den Gegenstand versenkt.

Indem man oft zu neuen Erfahrungen und Kenntnissen den Namen suchen will: findet man, daß man den Namen schon längst, aber ohne Idee, bei sich getragen.

Von der Gleichförmigkeit der Seele. Dem Witzigen wird es ebensoschwer, einen Einfall eines Dummen zu verstehen als umgekehrt. Für jeden Menschen gibt es nur eine gewisse Art Menschen, die für ihn passet; bei den andern befindet er sich immer in einem Grade unbehaglich und gedrückt. Der mit einem großen Herzen leidet in den Alltagsgesellschaften mehr als diese von ihm; denn diesen macht er wenig(er) Langeweile, weil sie ihn für neu und närrisch halten.

Um in Gesellschaft etwas zu erfahren, muß man die Antwort nicht durch eine Frage, sondern eine Veranlassung herauslocken.

Dem Fürsten durch ein Gesetz die gesetzgebende Gewalt geben heißt sich selber vernichten - soviel, als wollt einer seiner Geliebten alles aufopfern, sogar seine Liebe. Man kann nichts bewilligen und geben, als was man kannte und wollte; man kann also dem Fürsten keine Gewalt zu den Gesetzen gegeben haben, die man nicht wußte und die uns schaden. Aber auf der andern Seite: wie weit erstreckt sich der Nachkommenschaft Verbindlichkeit, unter Gesetze sich zu bücken, die sie nicht gegeben? Sowenig ein Volk einem andern Volk Gesetze geben kann: sowenig die Mitwelt der Nachwelt.

Ironie ist der Weg und Übung zur Laune.

Wir können keine Leidenschaft etc. ohne ihre immerwährende Dauer fühlen. Wir können nicht glauben, jemand aufhören zu lieben, den wir lieben. Vielleicht ist's das nämliche, als was man 'glauben' oder für wahr halten hält.

Ein Hauptfehler, daß man d(em) andern nicht zutrauet, zu bemerken, was wir bemerken.

Je mehr man sich in seine Materie hineinarbeitet und jede Ideenfaser wieder zerfasert: desto origineller und ungenießbarer wird man, z. B. Sterne.

Je mehr man mit einer Empfindung, Bemerkung vertraut ist: desto allegorischer und versteckter drückt man sie aus.

Da kein Geschmack früher als der Gegenstand da sein kann, den er genießt und der ihn bildet: so muß die Tristramische Laune erst mißfallen, eh sie gefället, und den Geschmack zeugen, der sie goutiert.

Wir haben nichts darwider, was der andre von sich hält, wenn er nur von uns noch mehr hält.

Wenn es keine Freiheit [gibt] und unsre Triebe bloß uns stoßen: woher kömmt's denn, daß uns der erste beste Trieb nicht fortreis[s]et? was ist denn das Vermögen, Entschließungen abzuwägen, oder vielmehr das Vermögen, sich zur Anwendung jenes Vermögens ins Äquilibrium zu setzen?

Oft sind am besten Menschen dessen größte Tugenden und größte Flecken unbekannt.

Wir sagen 'das Leben nehmen', während nur Jahre genommen werden.

Nichts macht die Menschen vertrauter und gegeneinander gutgesinnter als gemeinschaftliche Verleumdung eines dritten.

Die Leute hassen am wenigsten, die ihren Haß in Spott und Laune auslassen.

Man muß seine Behauptungen nie entscheidend in Gesellschaft aufstellen, weil man sonst andern Mut und Lust benimmt, sie anzufechten.

Einer, der alle seine Sätze mit einem 'vielleicht' entkräftet, lockt aus andern ihre Widersprüche und Meinungen.

Außer der Einsamkeit macht nichts so stolz als eine Gesellschaft, die sich immer untereinander lobt.

Gegen den Bekanntesten fühlt man größere Achtung, wenn andre sie ihm erzeigen.

Ein Genie, das nachgeahmt wird, hat ebendeswegen viele Fehler: denn sonst schreckt' es ab. (Ramler, Goethe jetzt und sonst)

Man schämt sich eines Sprachfehlers mehr als eines Denkfehlers - eines Gedächtnisfehlers mehr als eines Schluß-Fehlers.

Zeige nie in Reden Trotz und Mut, sondern in Taten - weniger Feinde machst du.

Wenn es keine Freiheit gibt: wie kömmt denn der ganz Lasterhafte zum Gefühl, daß er sie verloren? »Bloß weil er das starke Gewicht der einen Gründe fühlt« - allein der Tugendhafte fühlt auch seines, aber keinen Freiheitsverlust.

In Frauen wird man oft aus Langweile verliebt - man weiß nichts mit ihnen weiter anzufangen.

Wenn das, was du dem andern sagst, nicht entweder ein Merkwort zur Erinnerung oder ein Funke zur Erfindung ist: so versteht er dich nicht; ihr müßt euch voneinander bloß in der Zeit der Erfindung unterscheiden.

Jeder hat mehr Selbstliebe, als man ihm zutraut.

Alle große Torheiten, Schwärmereien etc. kamen daher, daß man - zu konsequent war, immer fortschloß, ohne Rücksicht auf Menschenverstand; z. B. Mönchtum; Skeptizismus etc.

Nicht die Fühlsamkeit und der Enthusiasmus der jüngern Jahre ist in ältern vermindert, sondern man kann nur, bei erweitertem Ideenkreis, von andern, bessern, also seltnern Gegenständen gerührt werden.

Nichts erkältet Liebe so leicht als Beschämung.

Die toleranten Menschen haben nicht die meiste Liebe.

Freude macht aufrichtig.

Große Seelen fallen am ersten in Selbstverachtung.

Keine Absichten werden leichter und allgemeiner erraten als die des Eiteln. Dies setzt allgemeine Eitelkeit voraus.

Denken lernt man nicht an Regeln zum Denken, sondern am Stoff zum Denken.

Wie verschieden, ob man sich in die Ober- oder Unterlippe beißet!

In jeder neuen Lage tritt man ein wenig aus der Philosophie heraus.

Man wird am leichtesten verschwiegen unter Leuten, die es nicht sind.

Beredsamkeit ist bloß Deutlichkeit.

Im nämlichen poetischen Kopf verschönert sich neben der Tugend auch das Laster.

Der Autor vermengt das Vergnügen, das ihm ein Buch als Künstler gibt, mit dem, das es andern als Lesern gibt.

Alle, die nur für Leute eines Fachs schreiben, z. B. Theologen, schreiben deswegen elend.

Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein.

Aus Instinkt übt man die feinsten Umgangsregeln aus, über die man erstaunt, wenn man sie liest.

Was man selbst erfahren, kann man auch andern vortragen, obgleich es ihnen etwas Altes ist.

Es ist die größte Weisheit, sich über die Menschen hinauszusetzen, ohne sie zu hassen oder zu verachten.

Mit manchen Dingen muß man prahlen, um sich ihrer nicht zu schämen.

Ein Mann liebt Keusche und ist es selbst nicht; bei Weibern ist's umgekehrt.

Ich wäre am begierigsten, die Fehler der Engel zu wissen.

Der denkende Teil in mir entdeckt in der Welt überall Ordnung, nur der empfindende nicht, der nicht der Zuschauer, sondern ein Glied dieser Kette ist.

Bloß darum müssen wir soviel lesen, weil wir alles in 10 Büchern lesen müssen, anstatt es aus 1 zu merken.

Der neueste Gedanke altert unter der Hand eines gemeinen Schrift(stellers), der älteste verjüngt sich unter der Hand eines guten.

Dem Talent und Körper verzeiht man alles, der Tugend nichts.

Man hat eine Wahrheit lange gehört, verstanden, gelobt, eh man sie verdauet und zum Teil seines Ichs macht.

Die Kunst des Arztes wohnt zwischen der Ohn- und Allmacht der Natur mitten.

Die Situation wird nicht durch die Worte gehoben, sondern diese durch jene.

Zur Freundschaft gehört: daß wir einander gleichen, einander in einigem übertreffen, einander in einigem nicht erreichen.

Ich habe nie eine einzige Bemerkung allein gemacht, sondern es fiel mir allezeit noch eine zweite ein.

Ich bedaure nichts, was ich auf der Erde verloren, keine Jugend und keine Freude - außer dem Verlust der hohen Vorstellung, die ich von allen diesen gehabt.

Es gibt nichts Wollüstigeres, als einen Freund zu loben.

Wenn ein Jüngling und ein Mädgen miteinander einen Fehltritt begehen, so werden beide nur von dem Geschlecht entschuldigt, zu dem sie nicht gehören.

Man verdirbt unter Leuten, die einen nicht übertreffen.

Man fühlt das Bedürfnis zu unterhalten nie, wenn man interessante Gedanken hat oder zutraut; - nicht bloß in der Liebe.

Das Gefühl findet, der Scharfsinn wägt die Gründe.

Eitelkeit ist darum so schwer abzulegen, weil man sie, unter allen Lastern allein, den ganzen Tag genießen kann.

Zwischen dem Betragen eines orientalischen und eines monarchischen Untertanen ist ein geringerer Unterschied als zwischen dem eines monarchischen und eines republikanischen.

Der Mensch hält jede Veränderung seines Innern, jede Verbesserung und sogar jede Verschlimmerung für größer, als sie ist; er wird klüger, aber nicht weiser, er ändert mehr seine Handlungen als seine Gefühle, mehr seine Einsichten als seine Meinungen, und bloß sein Gedächtnis ändert sich am meisten. Gleichwohl ist einer, der nicht den Tag, die Stunde angeben kann, wo er gut geworden, es auch nicht. Die Besserung gibt oder nimmt uns nicht Gefühle, sondern beherrscht nur die eignen - und in jedem Menschen hat die Tugend andere Neigungen zu ordnen.

Man glaubt, man erhebe sich über alle die Leute, über die man nachdenkt und Reflexionen macht.

Es ist schöner, eine schöne Gegend zu betrachten als zu betreten.

Wenn man sich in Kleidern niederlegt, fällt die Melancholie der Nacht weg.

Wir wollen gern den Wert des Genies anerkennen, aber es selbst soll's nicht.

Jeder hat in seiner Jugend etwas von einem poetischen Genie, seine Narrheit und seine Entzückung; - das poetische Genie selbst aber lebt in einer ewigen Jugend.

Man kann die feinsten Bemerkungen über den Menschen und über Individuen machen und doch von ihnen betrogen werden, d. h. sie nicht kennen.

Die Sucht, seinen Charakter zu zeigen, sieht oft ebenso falsch aus als die, ihn zu verbergen.

Im kraftvollen Zustand ist man am meisten ärgerlich, z. B. bei Arbeiten des Geistes.

An der größten Tugend ist nichts zu bewundern, weil uns das Gefühl ihrer Erreichung bleibt - aber am Talent.

Es ist leichter, eine Tugend zu übertreiben, als sie zu haben, leichter, das Gelübde immerwährender Keuschheit zu tun, als in der Ehe zu leben.

An alles Körperliche ist Geistiges geknüpft, an Eigennutz Freundschaft, an Wollust Liebe, an den Gaumen Erinnerung, an Trank Tugend.

Eine Freude darüber, daß man was Neues entdeckt, heißt eine über einen 6000jährigen Irrtum.

Ohne Philosophie steigen und sinken die Gefühle zu weit.

Es sind verschiedene Talente, eines Charakter und eines Gesinnungen und Gedanken zu erraten.

Man drückt lieber die Augen zu, als daß man die Finsternis sähe.

Gerade Unparteiische, die alle Seiten sehen, finden weniger Beifall und Freunde, als die gegen eine Seite heftig sind.

Leute mit offenliegenden Vorzügen - Schöne, Witzige und Kenner vieler Sprachen - sind eitel; mit verborgenen - Tugend, Weisheit - sind stolz.

Man widerlegt lieber den, der zu schwer, als der zu leicht zu widerlegen ist.

Daß Verstand erst mit den Jahren kommt, sieht man nicht eher ein, als bis der Verstand und die Jahre da sind.

Der hohe Haß ist wie die Tugend, ohne Worte und Hitze, aber handelnd.

Die Erde als Erde ist auch dem Sinnlichsten nichts, sondern seine Ideen darüber.

Es ist ein Irrtum, daß die edlern Neigungen vernünftiger seien als die unedlern.

Kleine Seelen fühlen in ihrem Unglück nur ihren Zustand, große noch Zusammenhang, ihr Ich.

Der Blinde kann keine solchen Schrecken haben wie wir, da er keine Finsternis kennt.

Aufopferung ist leichter als Rechtschaffenheit.

Man kann keinen Gedanken gut ausdrücken, als den man oft gehabt.

Eine humoristische Stelle glänzt am meisten in einem ernsthaften Buch zitiert.

Ein Roman ist eine veredelte Biographie.

Jeder Autor dient in seinem ersten Buch bloß seinen Neigungen - im zweiten dem Geschmack.

Der vollkommene Philosoph muß ein Dichter mit sein und umgekehrt.

Von einem in Begeisterung könnte man sogar das drucken, was er denkt.

Keiner denkt mehr frei, der ein System hat.

Warum sollt es verwegen sein, dem Kant zu widersprechen? Dann wär's auch, ihm zu glauben; weil zu einem, der seine Gründe fassen will, ebenso viel gehört als zu einem, der sie widerlegen will.

Es gehört zur Tugend und Lebensart, von andern nicht zu sehr sein Recht zu fodern.

Aus einer Frau ohne Torheiten wäre weiter nichts zu machen als - ein Mann.

Weiber und Große bleiben ewig zu klug für den Weisen.

Weiber halten die Leiden besser aus als Männer; nur die der Liebe schlechter.

Eine Frau findet zwischen zwei Männern nicht soviel Unähnlichkeit als wir zwischen zwei Weibern.

E. lobt am andern nichts, was er nicht glaubt; aber um es zu loben, glaubt er's vorher.

Gewisse Menschen wären Engel, wenn sie stärker wären, und gewisse keine Teufel, wenn sie schwächer wären.

Ein Prophet (Autor) wird von seinem Vaterland zuwenig, von seinen Freunden zuviel geschätzt.

Es stärkt einen fast, daß einem die Eitelkeit der Dinge kleiner vorkömmt, wenn wir sie geschildert, d. h. durch das Medium der Poesie erblicken.

Feine Menschenkenntnis und Beobachtung ist verschieden von ausgebreiteter und vollständiger.

Ein gewöhnlicher Kopf wagt selten etwas Kindisches.

Man errät den andern mehr durch Vermutungen als durch Beobachtungen.

Die Dummen halten alle Feinen für falsch.

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Wer erforschte die Anatomie ???

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