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Simplicissimus

Inhaltsverzeichnis - Das erste Buch - Das zweite Buch - Das dritte Buch - Das vierte Buch - Das fünfte Buch - CONTINUATIO

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch - CONTINUATIO


des abenteuerlichen Simplicissimi oder der Schluß desselben

Das 1. Kapitel:
Ist ein kleine Vorrede und kurze Erzählung, wie dem neuen Einsiedler sein Stand zuschlug

Das 2. Kapitel:
Wie sich Luzifer verhielt, als er frische Zeitung vom geschloßnen Teutschen Frieden kriegte

Das 3. Kapitel:
Seltsame Aufzüg etlichen höllischen Hofgesinds und dergleichen Bursch

Das 4. Kapitel:
Wettstreit zwischen der Verschwendung und dem Geiz; und ist ein wenig ein länger Kapitel als das vorige

Das 5. Kapitel:
Der Einsiedel wird aus seiner Wildnis zwischen Engeland und Frankreich auf das Meer in ein Schiff versetzt

Das 6. Kapitel:
Wie Julus und Avarus nach Paris reisen, und dort ihre Zeit vertreiben

Das 7. Kapitel:
Avarus findet auf ohngekehrter Bank, und Julus hingegen macht Schulden, dessen Vater aber reiset in ein andere Welt

Das 8. Kapitel:
Julus nimmt seinen Abschied in England auf edelmännisch, Avarus aber wird zwischen Himmel und Erden arrestiert

Das 9. Kapitel:
Baldanders kommt zu Simplicissimo, und lehret ihn mit Mobilien und Immobilien reden und selbige verstehen

Das 10. Kapitel:
Der Eremit wird aus einem Wald- ein Wallbruder

Das 11. Kapitel:
Simplici seltsamer Diskurs mit einem Schermesser

Das 12. Kapitel:
Obige Materia wird kontinuiert und das Urteil exequiert

Das 13. Kapitel:
Was Simplicius seinem Gastherren für das Nachtlager für eine Kunst gelehret

Das 14. Kapitel:
Allerhand Aufschneidereien des Pilgers, die einem auch in einem hitzigen Fieber nicht seltsamer vorkommen können

Das 15. Kapitel:
Wie es Simplicio in etlichen Nachtherbergen ergangen

Das 16. Kapitel:
Wie der Pilger wiederum aus dem Schloß abscheidet

Das 17. Kapitel:
Wasmaßen er über das Mare mediterraneum nach Ägypten fährt und an das Rote Meer verführt wird

Das 18. Kapitel:
Der wilde Mann kommt mit großem Glück und vielem Geld wiederum auf freien Fuß

Das 19. Kapitel:
Simplicius und der Zimmermann kommen mit dem Leben davon, und werden nach dem erlittenen Schiffbruch mit einem eignen Land versehen

Das 20. Kapitel:
Was sie für eine schöne Köchin dingen, und wie sie ihrer mit Gottes Hilf wieder los werden

Das 21. Kapitel:
Wie sie beide nach der Hand miteinander hausen und sich in den Handel schicken

Das 22. Kapitel:
Fernere Folg obiger Erzählung, und wie Simon Meron das Leben samt der Insel quittiert, darin Simplicius allein Herr verbleibt

Das 23. Kapitel:
Der Monachus beschließt seine Histori und macht diesen sechs Büchern das Ende

Das 24. Kapitel:
Joan Cornelissen, ein holländischer Schiffkapitän, kommt auf die Insel, und macht mit seiner Relation diesem Buch einen Anhang

Das 25. Kapitel:
Die Holländer empfinden ein possierliche Veränderung, als sich Simplicius in seiner Festung enthielt

Das 26. Kapitel:
Nachdem Simplicius mit seinen Belagerern akkordiert, kommen seine Gast wieder zu ihrer Vernunft

Das 27. Kapitel:
Beschluß dieses ganzen Werks, und Abscheid der Holländer

Continuatio
des abenteuerlichen Simplicissimi
oder
Der Schluß desselben

O wunderbares Tun! O unbeständige Stehen,
Wann einer wähnt er steh, so muß er fürder gehen,
O schlüpferigster Stand! dem für vermeinte Ruh
Schnell und zugleich der Fall sich nähert zu,
Gleich wie der Tod selbst tut; was solch hinflüchtig Wesen
Mir habe zugefügt, wird hierinnen gelesen;
Woraus zu sehen ist daß Unbeständigkeit
Allein beständig sei, immer in Freud und Leid.

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Das 1. Kapitel

Ist ein kleine Vorrede und kurze Erzählung, wie dem neuen Einsiedler sein Stand zuschlug

Wenn sich jemand einbildet, ich erzähle nur darum meinen Lebenslauf, damit ich einem und anderem die Zeit kürzen, oder wie die Schalksnarrn und Possenreißer zu tun pflegen, die Leut zum Lachen bewegen möchte, so findet sich derselbe weit betrogen! denn viel Lachen ist mir selbst ein Ekel, und wer die edle ohnwiederbringliche Zeit vergeblich hinstreichen läßt, der verschwendet diejenige göttliche Gab ohnnützlich, die uns verliehen wird, unserer Seelen Heil in und vermittelst derselbigen zu wirken; warum sollte ich denn zu solcher eitelen Torheit verholfen, und ohne Ursach vergebens anderer Leut kurzweiliger Rat sein? Gleichsam als ob ich nicht wüßte, daß ich mich hierdurch fremder Sünden teilhaftig machte. Mein lieber Leser, ich bedünke mich gleichwohl zu solcher Profession um etwas zu gut zu sein, wer derowegen einen Narren haben will, der kaufe sich zween, so hat er einen zum besten; daß ich aber zuzeiten etwas possierlich aufziehe, geschiehet der Zärtling halber, die keine heilsamen Pillulen können verschlucken, sie seien denn zuvor überzuckert und vergüldt; geschweige daß auch etwa die allergravitätischsten Männer, wenn sie lauter ernstliche Schriften lesen sollen, das Buch ehender hinwegzulegen pflegen, als ein anders, das bei ihnen bisweilen ein kleines Lächlen herauspresset. Ich möchte vielleicht auch beschuldigt werden, als ging' ich zuviel satyrice drein; dessen bin ich aber gar nicht zu verdenken, weil männiglich lieber geduldet, daß die allgemeinen Laster gerneraliter durchgehechelt und gestraft, als die eignen Untugenden freundlich korrigiert werden. So ist der theologische Stilus beim Herrn Omne (dem ich aber diese meine Histori erzähle) zu jetzigen Zeiten leider auch nicht so gar angenehm, daß ich mich dessen gebrauchen sollte; solches kann an einem Marktschreier oder Quacksalber (welche sich selbst vornehme Arzt, Okulisten, Bruch- und Steinschneider nennen, auch ihre guten pergamentenen Brief und Siegel drüber haben) augenscheinlich abnehmen, wenn er am offnen Markt mit seinem Hans Wurst oder Hans Supp auftritt, und auf den ersten Schrei und phantastischen krummen Sprung seines Narren mehr Zulaufs und Anhörer bekommt, als der eiferigste Seelenhirt, der mit allen Glocken dreimal zusammenläuten lassen, seinen anvertrauten Schäflein ein fruchtbare heilsame Predigt zu tun.
Dem sei nun wie ihm wolle, ich protestiere hiemit vor aller Welt, kein Schuld zu haben, wenn sich jemand deswegen ärgert, daß ich den Simplicissimum auf diejenige Mode ausstaffiert, welche die Leut selbst erfordern, wenn man ihnen etwas Nützlichs beibringen will; läßt sich aber indessen ein und anderer der Hülsen genügen und achtet des Kernen nicht, der darinnen verborgen steckt, so wird er zwar als von einer kurzweiligen Histori seine Zufriedenheit, aber gleichwohl dasjenig bei weitem nicht erlangen, was ich ihn zu berichten eigentlich bedacht gewesen; fange demnach wiederum an, wo ichs im End des fünften Buchs bewenden lassen.
Daselbst hat der geliebte Leser verstanden, daß ich wiederum ein Einsiedler worden, auch warum solches geschehen; gebühret mir derowegen nunmehr zu erzählen, wie ich mich in solchem Stand verhalten. Die ersten paar Monat, alldieweil auch die erste Hitz noch dauret, gings trefflich wohl ab, die Begierde der fleischlichen Wollüste oder besser zu sagen Unlüste, denen ich sonst trefflich ergeben gewesen, dämpfte ich gleich anfangs mit ziemlicher geringer Mühe, denn weil ich dem Baccho und der Cereri nicht mehr dienete, wollte Venus auch nicht mehr bei mir einkehren; aber damit war ich drum bei weitem nit vollkommen, sondern hatte stündlich tausendfältige Anfechtungen; wenn ich etwa an meine alten begangnen losen Stücklein gedachte, und eine Reu dadurch zu erwecken, so kamen mir zugleich die Wollüste mit ins Gedächtnis, deren ich etwa da und dort genossen, welches mir nit allemal gesund war, noch zu meinem geistlichen Fortgang auferbaulich; wie ich mich seithero erinnert und der Sach nachgedacht, ist der Müßiggang mein größter Feind und die Freiheit (weil ich keinem Geistlichen unterworfen, der meiner gepflegt und wahrgenommenen hätte) die Ursach gewesen, daß ich nicht in meinem angefangenen Leben beständig verharret. Ich wohnete auf einem hohen Gebirg, die Moos genannt, so ein Stück vom Schwarzwald und überall mit einem finstern Tannenwald überwachsen ist; von demselben hatte ich ein schönes Aussehen gegen Aufgang in das Oppenauer Tal und dessen Nebenzinken; gegen Mittag in das Kinziger Tal und die Grafschaft Geroldseck, allwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat wie der König in einem aufgesetzten Kegelspiel; gegen Niedergang konnte ich das Ober- und Unterelsaß übersehen, und gegen Mitternacht der Niedern Markgrafschaft Baden zu den Rheinstrom hinunter, in welcher Gegend die Stadt Straßburg mit ihrem hohen Münsterturm gleichsam wie das Herz mitten mit einem Leib beschlossen hervorpranget; mit solchem Aussehen und Betrachtungen so schöner Landsgegend delektierte ich mich mehr als ich eiferig betete; wozu mich mein Perspektiv, dem ich noch nicht resigniert, trefflich anfrischte; wenn ich mich aber desselbigen wegen der dunklen Nacht nicht mehr gebrauchen konnte, so nahm ich mein Instrument, welches ich zu Stärkung des Gehörs erfunden, zuhanden und horchte dadurch, wie etwa auf etlich Stund Wegs weit von mir die Baurenhund bellen, oder sich ein Gewild in meiner Nachbarschaft regte; mit solcher Torheit ging ich um, und ließ mit der Zeit zugleich Arbeiten und Beten bleiben, wodurch sich hiebevor die alten ägyptischen Einsiedel beides leib- und geistlicherweis erhalten. Anfänglich als ich noch neu war, ging ich von Haus zu Haus in den nächsten Tälern herum und suchte zu Aufenthaltung meines Lebens das Almosen, nahm auch nit mehr, als was ich blößlich bedurfte, und sonderlich verachtet ich das Geld, welches die umliegenden Nachbarn für ein groß Wunder: ja für ein sonderbare apostolische Heiligkeit an mir schätzten; sobald aber meine Wohnung bekannt wurde, kam kein Waldgenoß mehr in Wald, der mir nit etwas von Essenspeisen mit sich gebracht hätte; diese rühmten meine Heiligkeit und ungewöhnliches einsiedlerisches Leben auch anderwärts, also daß auch die etwas weiters wohnenden Leut entweder aus Vorwitz oder Andacht getrieben mit großer Mühe zu mir kamen und mich mit ihren Verehrungen besuchten; da hatte ich an Brot, Butter, Salz, Käs, Speck, Eiern und dergleichen nit allein keinen Mangel, sondern auch einen Überfluß; wurde aber darum nit desto gottseliger, sondern je länger je kälter, saumseliger und schlimmer, also daß man mich beinahe einen Heuchler oder heiligen Schalk hätt nennen mögen; doch unterließ ich nicht, die Tugenden und Laster zu betrachten und zu gedenken, was mir zu tun sein möchte, wenn ich in Himmel wollte; es geschah aber alles unordentlich, ohne rechtschaffenen Rat und einen festen Vorsatz, hierzu einen Ernst anzulegen, welchen mein Stand und dessen Verbesserung von mir erforderte.

Das 2. Kapitel

Wie sich Luzifer verhielt, als er frische Zeitung vom geschloßnen Teutschen Frieden kriegte

Wir lesen, daß vorzeiten bei den Gott ergebenen heiligen Gliedern der christlichen Kirche die Mortifikation oder Abtötung des Fleisches vornehmlich in Beten, Fasten und Wachen bestanden; gleichwie nun aber ich mich der ersten beiden Stück wenig befliß, also ließ ich mich auch durch die süße Betöberung des Schlafs stracks überwinden, sooft mir nur zugemutet ward, solche Schuldigkeit (das wir denn mit allen Tieren gemein haben) der Natur abzulegen; einsmals faulenzte ich unter einer Tannen im Schatten und gab meinen unnützen Gedanken Gehör, die mich fragten, ob der Geiz oder die Verschwendung das größte oder ärgste Laster sei? ich habe gesagt meinen unnützen Gedanken! und das sag ich noch! denn Lieber, was hatte ich mich um die Verschwendung zu bekümmern, da ich doch nichts zu verschwenden vermochte? und was ging mich der Geiz an, indem mein Stand, den ich mir selbst freiwillig erwählet, von mir erfordert', in Armut und Dürftigkeit zu leben? aber o Torheit, ich war dennoch so hart verbeißt, solches zu wissen, daß ich mir dieselbigen Gedanken nicht mehr ausschlagen konnte, sondern darüber einschlummerte! Womit einer wachend hantiert, damit pflegt einer gemeiniglich auch träumend vexiert zu werden, und solches widerfuhr mir damals auch. Denn sobald ich die Augen zugetan hatte, sah ich in einer tiefen abscheulichen Klingen den höllischen Großfürsten Luciferum zwar auf seinem Regimentsstuhl sitzen, aber mit einer Ketten angebunden, daß er seines Gefallens in der Welt nicht wüten könnte; die vielen der höllischen Geister mit denen er umgeben, begnügten durch ihr fleißiges Aufwarten die Größe seiner höllischen Macht; als ich nun dieses Hofgesind betrachtete, kam ohnversehens ein schneller Postillion durch die Luft geflogen, der ließ sich vorm Luzifer nieder und sagte: "O großer Fürst, der geschlossene Teutsche Frieden hat beinahe ganz Europam wiederum in Ruhe gesetzt; das ›Gloria in excelsis‹ und ›Te Deum laudamus‹ erschallet aller Orten gen Himmel, und jedermann wird sich befleißen unter seinem Weinstock und Feigenbaum hinfürder Gott zu dienen." Sobald Luzifer diese Zeitung kriegte, erschrak er anfänglich ja so sehr, als heftig er den Menschen solche Glückseligkeit mißgönnet; indem er sich aber wieder ein wenig erholete und bei sich selbst ermaß, was für Nachteil und Schaden sein höllisches Reich am bishero gewohnten Interesse leiden müßte, griesgramet' er schrecklich! er knarpelt' mit den Zähnen so greulich, daß er weit und breit fürchterlich zu hören war, und seine Augen funkelten so grausam vor Zorn und Ungeduld, daß ihm schwefelichte Feurflammen gleichsam wie der Blitz herausschlugen und sein ganze Wohnung erfülleten; also daß sich nicht allein die armen verdammten Menschen und geringen höllischen Geister, sondern auch seine vornehmsten Fürsten und geheimsten Rät selbst davor entsetzten; zuletzt lief er mit den Hörnern wider die Felsen, daß die ganze Höll davon zitterte, und fing dergestalt an zu wüten und toben, daß die Seinigen sich nichts anders einbilden konnten, als er würde entweder gar abreisen oder ganz toll und töricht werden; maßen sich ein Zeitlang niemand erkühnen durfte sich zu ihm zu nahen, weniger ein einziges Wörtlein mit ihm zu sprechen.
Endlich wurde Belial so keck und sagte: "Großmächtiger Fürst, was sind das für Gebärden von einer solchen unvergleichlichen Hochheit? wie? hat der größte Herr seiner selbst vergessen? oder was soll uns doch diese ungewöhnliche Weis bedeuten, die Eurer herrlichen Majestät weder nützlich noch rühmlich sein kann?" "Ach!" antwortet' Luzifer, "ach! ach wir haben allesamt verschlafen und durch unsere eigene Faulheit zugelassen, daß Lerna malorum, unser liebstes Gewächs, das wir auf dem ganzen Erdboden hatten und mit so großer Mühe gepflanzt, mit so großem Fleiß erhalten und die Früchte davon jeweils mit so großem Wucher eingesammelt, nunmehr aus den teutschen Grenzen gereutet, auch wenn wir nicht anders dazu tun, besorglich aus ganz Europa geworfen wird! und gleichwohl ist keiner unter euch allen, der solches recht beherzige! Ists uns nicht allen eine Schand, daß wir die wenigen Täglein, welche die Welt noch vor sich hat, so liederlich verstreichen lassen? ihr schläferigen Maulaffen, wißt ihr nicht daß wir in dieser letzten Zeit unsere reichste Ernt haben sollen? das ist mir gegen das End der Welt auf Erden schön dominiert, wenn wir wie die alten Hund zur Jagd verdrossen und untüchtig werden wollen; der Anfang und Fortgang des Kriegs sah unserm verhofften fetten Schnitt zwar gleich, was haben wir aber jetzt zu hoffen? da Mars Europam bis auf Polen quittiert, dem Lerna malorum auf dem Fuß nachzufolgen pflegt.
Als er diese Meinung vor Bosheit und Zorn mehr herausgedonnert als geredet hatte, wollte er die vorige Wut wieder angehen; aber Belial machte daß er sichs noch enthielt, da er sagte: "Wir müssen deswegen den Mut nicht sinken lassen, noch uns gleich stellen wie die schwachen Menschen, die ein widerwärtiger Wind anbläst, weißt du nicht, o großer Fürst, daß mehr durch den Wein als durchs Schwert fallen? sollte dem Menschen, und zwar den Christen, ein geruhiger Fried, welcher die Wollust auf dem Rücken mit sich bringt, nicht schädlicher sein als Mars? ist nicht gnug bekannt, daß die Tugenden der Braut Christi nie heller leuchten als mitten in höchster Trübsal?" "Mein Wunsch und Will aber ist", antwortet' Luzifer, "daß die Menschen sowohl in ihrem zeitlichen Leben in lauter Unglück, als nach ihrem Hinsterben in ewiger Qual sein sollen; dahingegen unsere Saumsal endlich zugeben wird, daß sie zeitliche Wohlfahrt genießen, und endlich noch dazu die ewige Seligkeit besitzen werden." "Ha", antwortet' Belial, "wir wissen ja beide meine Profession, vermittelst deren ich wenig Feiertag halten, sondern mich dergestalt tummlen werde, deinen Willen und Wunsch zu erlangen, daß Lerna malorum noch länger bei Europa verbleiben oder doch diese Dam' andere Kletten ins Haar kriegen soll; allein wird deine Hochheit auch bedenken, daß ich nichts erzwingen kann, wenn ihr das Numen ein anders gönnet."

Das 3. Kapitel

Seltsame Aufzüg etlichen höllischen Hofgesinds und dergleichen Bursch

Das freundlich Gespräch dieser zweien höllischen Geister war so ungestüm und schrecklich, daß es einen Hauptlärmen in der ganzen Höllen erregte, maßen in einer Geschwinde das ganze höllisch Heer zusammenkam, um zu vernehmen, was etwa zu tun sein möchte; da erschien Luzifers erstes Kind, die Hoffart mit ihren Töchtern, der Geiz mit seinen Kindern, der Zorn samt Neid und Haß, Rachgier, Mißgunst, Verleumdung und was ihnen weiters verwandt war, sodann auch Wollust mit ihrem Anhang, als Geilheit, Fraß, Müßiggang und dergleichen, item die Faulheit, die Untreu, der Mutwill, die Lügen, der Vorwitz so Jungfern teuer macht, die Falschheit mit ihrem lieblichen Töchterlein der Schmeichelei, die anstatt der Windfach einen Fuchsschwanz trug, welches alles ein seltsamen Aufzug abgab und verwunderlich zu sehen war, denn jedes kam in sonderbarer eigner Liberei daher; ein Teil war aufs prächtigst herausgeputzt, das ander ganz bettelhaftig angetan, und das dritte, als die Unschamhaftigkeit und dergleichen, ging beinahe überall nackend; ein Teil war so fett und wohlleibig wie ein Bacchus, das ander so gelb, bleich und mager wie ein alte dürre Ackermähr; ein Teil schien so lieblich und anmutig wie eine Venus, das ander sah so saur wie Saturnus, das dritte so grimmig wie Mars, das vierte so tückisch und duckmäusig wie Mercurius, ein Teil war stark wie Hercules oder so gerad und schnell wie Hippomenes, das ander lahm und hinkend wie Vulcanus; also daß man so unterschiedlicher seltsamer Arten und Aufzüg halber vermeinen hätte mögen es wäre das wütig Heer gewesen, davon uns die Alten soviel wunderliche Dings erzählt haben; und ohne diese obgenannten erschienen noch viel, die ich nicht kannte noch zu nennen weiß, maßen auch etliche ganz vermummet und verkappt aufzogen.
Zu diesem ungeheuren Schwarm tat Luzifer eine scharfe Rede, in welcher er dem ganzen Haufen in genere und einer jeden Person insonderheit ihre Nachlässigkeit verwies und allen aufrupfte, daß durch ihre Saumsal Lerna malorum Europam räumen müssen; er mustert' auch gleich die Faulheit aus als einen untüchtigen Bankert, der ihm die Seinigen verderbe, ja er verwies ihr sein höllisches Reich auf ewig, mit Befehl daß sie gleichwohl ihren Unterschleif auf dem Erdboden suchen sollte.
Demnach hetzte er die übrigen allen Ernsts zu größerem Fleiß, als sie bishero bezeugt, sich bei den Menschen einzunistelen; bedrohete dabeneben schrecklich, mit was für Strafen er diejenigen ansehen wollte, von welchen er künftig im geringsten verspüre, daß durch deren Amtsgeschäfte seiner Intention gemäß nicht eiferig genug verfahren worden wäre; er teilet' ihnen benebens auch neue Instructiones und Memorial aus, und tat stattliche Promessen gegen die, die sich tapfer gebrauchen würden.
Da es nun sah, als wenn diese Reichsversammlung sich endigen, und alle höllischen Stände wiederum an ihre Geschäfte gehen wollten, ritt ein zerlumpter und von Angesicht sehr bleicher Kerl auf einem alten schäbigen Wolf hervor, Roß und Mann sah so verhungert, mager, matt und hinfällig aus, als wenn beides schon ein lange Zeit in einem Grab oder auf der Schindgruben gelegen wäre! Dieser beklagte sich über eine ansehenliche Dame, die sich auf einem neapolitanischen Pferd von hundert Pistolen Wert tapfer vor ihm tummlete; alles an ihren und des Pferds Kleidungen und Zierden glänzte von Perlen und Edelgesteinen, die Stegreif, die Buckeln, die Stangen, alle Rinken, das Mundstück oder Gebiß samt der Kinnketten war von purem Gold, die Hufbeschläg aber an des Pferds Füßen von feinem Silber, dahero man sie auch keine Hufeisen nennen kann; sie selbst sah ganz herrlich, prächtig und trotzig aus, blühete daneben im Angesicht wie eine Rose am Stock, oder war doch wenigest anzusehen, als wenn sie einen halben Rausch gehabt hätte, maßen sie sich auch sonst in allen ihren Gebärden so frisch stellet'; es roch um sie herum so stark nach Haarpulver, Balsam, Bisam, Ambra und andern Aromaten, daß wohl einer andern als sie war die Mutter hätt rebellisch werden mögen. In Summa es war alles so kostbarlich um sie bestellt, daß ich sie für die allermächtigste Königin gehalten hätte, wenn sie nur auch gekrönet gewesen wäre, wie sie denn auch eine sein muß, weil man von ihr sagt, sie allein herrsche über das Geld und das Geld nit über sie: Gab mich derowegen anfänglich wunder, daß obengedachter elender Schindhund auf dem Wolf wider sie mutzen durfte, aber er machte sich mausiger, als ich ihm zugetraut.

Das 4. Kapitel

Wettstreit zwischen der Verschwendung und dem Geiz; und ist ein wenig ein länger Kapitel als das vorige

Denn er drang sich vor den Luzifer selbsten und sagte: "Großmächtiger Fürst! beinahe auf dem ganzen Erdboden ist mir niemand mehr zuwider als eben gegenwärtige Bräckin, die sich bei den Menschen für die Freigebigkeit ausgibt, um unter solchem Namen mit Hilf der Hoffart, der Wollust und des Fraßes mich allerdings in Verachtung zu bringen und zu unterdrücken; diese ist, die sich überall wie das Böse in einer Wannen hervorwirft, mich in meinen Werken und Geschäften zu verhindern und wieder niederzureißen, was ich zu Aufnehmung und Nutzen deines Reichs mit großer Mühe und Arbeit auferbaue! Ists nit dem ganzen höllischen Reich bekannt, daß mich die Menschenkinder selbst eine Wurzel alles Übels nennen; was für Freud oder was für Ehr hab ich mich aber von einem solchen herrlichen Titel zu getrösten, wenn mir diese junge Rotznase vorgezogen werden will? soll ich erleben, daß ich! ich sage ich! ich! der wohlverdientsten Ratspersonen und vornehmsten Diener einer! oder größter Beförderer deines Staats und höllischen Interesses, dieser jungen, erst bei meinem Gedenken von Wollust und Hoffart erzeugten Dirn jetzt in meinem Alter weichen und ihr den Vorzug lassen müßte? nimmermehr nit! Großmächtiger Fürst, würde es deiner Hochheit anstehen, noch deiner Intention nachgelebt sein, die du hast, das menschlich Geschlecht sowohl hie als dort zu quälen, wenn du dieser Alamode-Närrin gewonnen gäbest, daß sie in ihrer Verfahrung wider mich recht handele; ich hab zwar mißgeredet, indem ich gesagt, recht handele; denn mir ist recht und unrecht eins wie das ander; ich wollte so viel damit sagen, es gereiche zu Schmälerung deines Reichs, wenn mein Fleiß, den ich von unvordenklichen Jahren her bis auf diese Stund so unverdrossen vorgespannet, mit solcher Verachtung belohnet, mein Ansehen, Ästimation und Valor bei den Menschen dadurch verringert, und endlich ich selbsten auf solche Weis aus ihrer aller Herzen gar ausgelöscht und vertrieben werden sollte; befiehl derohalben dieser jungen unverständigen Landläuferin, daß sie mir als einem Ältern weichen, forthin meinem Beginnen nachgeben und mich in deinen Reichsgeschäften unverhindert fürfahren lassen solle, in aller Maß und Form als vor diesem beschehen, da man in der ganzen Welt von ihr nichts wußte."
Demnach der Geiz diese Meinung mit noch weit mehrern Umständen vorgebracht hatte, antwortet' die Verschwendung: es verwundere sie nichts mehrers, als daß ihr Großvater so unverschämt in sein eigen Geschlecht hinein gleichwie ein anderer Herodes Ascalonita in das seinige wüten dürfe. "Er nennet mich", sagt' sie, "eine Bräckin; solcher Titel gebühret mir zwar weil ich sein Enklin bin, meiner eignen Qualitäten halber aber wird mir derselbe nimmermehr zugeschrieben werden können; er rücket mir auf, daß ich mich bisweilen für die Freigebigkeit ausgebe und unter solchem Schein meine Geschäfte verrichte; ach einfältiges Anbringen eines alten Gecken! welches mehr zu verlachen als meine Handlungen zu bestrafen; weiß der alte Narr nicht, daß keiner unter allen höllischen Geistern ist, der sich zuzeiten nit nach Gestaltsame der Sach und erheischender Notdurft nach in ein' Engel des Lichts verstelle? Zwar mein ehrbarer Herr Ahne nehme sich bei der Nasen; überredet er nit die Menschen, wenn er anklopft Herberg bei ihnen zu suchen, er sei die Gesparsamkeit? sollte ich ihn drum deswegen tadeln oder gar verklagen? Nein mit nichten; ich bin ihm deswegen nit einmal gehässig! sintemalen wir uns alle mit dergleichen Vörteln und Betrügereien behelfen müssen bis wir bei den Menschen ein Zutritt bekommen und uns unvermerkt eingeschlichen haben; und möchte ich mir wohl einen rechtschaffenen frommen Menschen (die wir aber allein zu hintergehen haben, denn die Gottlosen werden uns ohnedas nit entlaufen) hören was er sagte, wenn einer von uns angestochen käme, und sagte: ›Ich bin der Geiz, ich will dich zur Höllen bringen! ich bin die Verschwendung, ich will dich verderben; ich bin der Neid, folg mir, so kommst du in die ewige Verdammnis; ich bin die Hoffart, lasse mich bei dir einkehren, so mache ich dich dem Teufel gleich, der von Gottes Angesicht verstoßen worden; ich bin dieser oder der, wenn du mir nachahmest, so wird es dich viel zu spät reuen, weil du alsdann der ewigen Pein nimmermehr wirst entrinnen können!‹ Meinest du nit", sagte sie zum Luzifer, "großmächtiger Fürst, ein solcher Mensch werde sagen: ›Troll dich geschwind in aller hunderten tausenden Namen in Abgrund der Höllen zu deinem Großvater hinunter, der dich gesandt hat und lasse mich zufrieden!‹ Wer ist unter euch allen", sprach sie darauf zum ganzen Umstand, "dem nit solchergestalt abgedankt worden, wenn er mit der Wahrheit, die ohnedas überall verhaßt ist, aufzuziehen sich unterstanden? Sollte ich denn allein der Narr sein, mich mit der Wahrheit schleppen? und unser aller Großvater nicht nachfolgen dürfen, dessen größte Arcana die Lügen sind?
Ebenso kahl kommts, wenn der alte Pfetzpfennig zu meiner Verkleinerung vorgeben will, die Hoffart und die Wollust seien meine Beiständ; und zwar wenn sie es sind, so tun sie erst, was ihre Schuldigkeit und die Vermehrung des höllischen Reichs von ihnen erfordert; das gibt mich aber wunder, daß er mir mißgönnen will, was er selbst nit entbehren kann! Weiset es nit das höllische Protokoll aus, daß diese beiden manchem armen Tropfen ins Herz gestiegen und dem Geiz den Weg bereitet, ehe er, der Geiz, einmal gedachte oder sich erkühnen durfte, einen solchen Menschen zu attackiern? Man schlage nur nach, so wird man finden, daß denen so der Geiz verführt, entweder zuvor die Hoffart eingeblasen, sie müssen zuvor etwas haben, ehe sie sich sehen lassen zu prangen, oder daß ihnen die Reizung der Wollust geraten, sie müssen zuvor etwas zusammenschachern, ehe sie in Freuden und Wollust leben könnten; warum will mir denn nun dieser mein schöner Großvater diejenigen nit helfen lassen, die ihm doch selbst so manchen guten Dienst getan; was aber den Fraß und die Füllerei anbelangt, kann ich nichts dafür, daß der Geiz seine Untersassen so hart hält, daß sie sich ihrer wie die meinigen nit ebensowohl auch annehmen dürfen; ich zwar halte sie dazu, weil es meiner Profession ist, und er läßt die Seinigen sie auch nit ausschlagen, wenn es nur nit über ihren Säckel gehet; und ich sage dennoch nicht, daß er etwas Ungereimts daran begehe, sintemal es in unserem höllischen Reich ein altes Herkommen, daß je ein Mitglied dem andern die Hand bieten und wir allesamt gleichsam wie ein' Kette aneinanderhangen sollen; betreffend meines Ahnherrn Titel, daß er nämlich je und allweg, wie denn auch noch, die Wurzel alles Übels genennet worden, und daß ich besorglich ihn durch mein Aufnehmen verkleinern oder ihm gar vorgezogen werden möchte: daneben ist mein Antwort, daß ich ihm seine gebührende und wohlhergebrachte Ehr, die ihm die Menschenkinder selbst geben, weder mißgönne noch ihm solche abzurauben trachte; allein wird mir auch niemand unter allen höllischen Geistern verdenken, wenn ich mich befleiße, durch meine eigenen Qualitäten meinen Großvater zu übertreffen oder ihm doch wenigst gleichgeschätzt zu werden; welches ihm denn mehr zur Ehr als Schand gereichen wird, weil ich aus ihm meinen Ursprung zu haben bekenne; zwar hat er meines Herkommens halber etwas Irrigs auf die Bahn gebracht, weil er sich meiner schämet: indem ich nicht wie er vorgibt der Wollust, sondern eigentlich seines Sohns des Überflusses Tochter bin; welcher mich aus der Hoffart, des allergrößten Fürsten ältester Tochter, und ebendamals die Wollust aus der Torheit erzeuget; dieweil ich denn nun Geschlechts und Herkommens halber ebenso edel bin als Mammon immer sein mag, zumalen durch meine Beschaffenheit (ob ich zwar nit so gar klug zu sein scheine) ebensoviel ja noch wohl mehr als dieser alte Kracher zu nützen getraue: also gedenke ich ihm nicht zu weichen, sondern noch gar den Vorzug zu behaupten; versehe mich auch gänzlich, der Großfürst und das ganze höllische Heer werde mir Beifall geben und ihm auferlegen, daß er die wider mich ausgegossenen Schmähwort widerrufen, mich hinfort in meinem Tun unmolestiert und als einen hohen Stand und vornehmstes Mitglied des höllischen Reichs passieren lassen soll."
"Welchen wollte es nicht schmerzen", antwortet' der Geiz auf dem Wolf, "wenn einer so widerwärtige Kinder erzeugt, die so gar aus seiner Art schlagen; und ich soll mich noch dazu verkriechen und stillschweigen, wenn dieser Schleppsack mir nit allein alles, was er nur erdenken kann, zuwider tut, sondern was mehr ist, noch drüberhin durch solche Widerspenstigkeit mein ansehenlich Alter zu vernützen und über mich selbst zu steigen gedenkt." "O Alter", antwortet' die Verschwendung, "es hat wohl eher ein Vater Kinder erzeugt, die besser gewesen als er!" "Aber noch öfter", antwortet' Mammon, "haben die Eltern über ihre ungeratenen Kinder zu klagen gehabt!"
"Wozu dienet dies Gezänk", sagte Luzifer, "jedes Teil erweise, was es vor dem andern unserm Reich für Nutzen schaffe, so wollen wir daraus judizieren, welchem unter euch der Vorzug gebühre, als um welchen es vornehmlich zu tun; und in solchem unserm Urteil wollen wir weder Alter noch Jugend, noch Geschlecht noch ichtwas anders ansehen; denn wer dem großen Numen am allermeisten zuwider und den Menschen am schädlichsten zu sein befunden wird, soll unserem alten Gebrauch und Herkommen nach auch der vornehmst Hahn im Korb sein."
"Sintemal, großer Fürst, mir zugelassen ist", antwortet' Mammon, "meine Qualitäten und auf wie vielerlei Weis ich mich dadurch bei dem höllischen Staat verdient mache, an Tag zu legen; so zweifelt mir nicht, wenn ich anders recht gehöret, und alles umständlich und glücklich genug vorbringen würde, daß mir nit allein das ganze höllische Reich den Vorzug vor der Verschwendung zusprechen, sondern noch dazu die Ehr und den Sitz des alten abgangnen Plutonis, unter welchem Namen ich ehemalen für das höchste Oberhaupt allhier respektiert worden, wiederum gönnen und einräumen werde, als welcher Stand mir billig gebührt. Zwar will ich nit rühmen, daß mich die Menschen selbst die Wurzel alles Übels, das ist einen Ursprung, Kloak und Grundsuppe nennen alles desjenigen, was ihnen an Leib und Seel schädlich und hingegen unserem höllischen Reich nutz sein mag, denn solches sind nun allbereit so bekannte Sachen, daß sie auch bereits die Kinder wissen! will auch nit herausstreichen, wie mich deswegen die, so dem großen Numen beigetan sind, täglich loben und wie das saure Bier ausschreien, mich bei allen Menschen verhaßt zu machen; wiewohl mirs zu nicht geringer Ehr gereicht, wenn hieraus erscheinet, daß ich ohnangesehen aller solchen numinalischen Verfolgungen dennoch bei den Menschen meinen Zugang erpraktiziere, mir ein festen Sitz stelle und auch endlich wider alle solchen Sturmwinde behaupte; wäre mir dieses allein nit Ehr genug, daß ich diejenigen gleichwohl beherrsche, denen das Numen selbst treuherziger Warnungsweis sagte, sie könnten ihm und mir nit zugleich dienen, und daß sein Wort unter mir wie der gute Samen unter den Dornen erstickt; hiervon aber will ich durchaus stillschweigen, weil es wie gemeldt schon so alte Possen sind, die bereits gar zu bekannt! Aber dessen, dessen, sage ich, will ich mich rühmen, daß keiner unter allen Geistern und Mitgliedern des höllischen Reichs die Intention unsers Großfürsten besser ins Werk setze als eben ich; denn derselbe will und wünscht nichts anders, als daß die Menschen sowohl in ihrer Zeitlichkeit kein geruhiges, vergnügsames und friedliches, als auch in der Ewigkeit kein seliges Leben haben und genießen sollen.
Sehet doch alle euren blauen Wunder! wie sich diejenigen anfangen zu quälen, bei denen ich nur einen geringen Zutritt bekomme; wie unablässig sich diejenigen ängstigen, die mir ihr Herz zum Quartier beginnen einzuräumen; und betrachtet nur ein wenig die Wege dessen, den ich ganz besitze und eingenommen; danach sagt mir, ob auch ein elendere Kreatur auf Erden lebe, oder ob jemalen ein einziger höllischer Geist einen größern oder standhaftigern Märtyrer vermocht und zugerichtet habe als eben derselbig einer ist, den ich zu unserem Reich ziehe. Ich benehme ihm kontinuierlich den Schlaf, welchen doch sein eigne Natur selbst so ernstlich von ihm erfordert, und wenn er gleich solche Schuldigkeit nach Notdurft abzulegen gezwungen wird, so tribuliere und vexiere ich ihn jedoch hingegen dergestalt mit allerhand sorgsamen und beschwerlichen Träumen, daß er nit allein nit ruhen kann, sondern auch schlafend viel mehr als mancher wachend sündigt; mit Speis und Trank, auch allen andern angenehmen Leibsverpflegungen traktiere ich die Wohlhäbigen viel schmäler, als andere Dürftigste zu genießen pflegen; und wenn ich der Hoffart zu Gefallen nit bisweilen ein Aug zutäte, so müßten sie sich auch elender bekleiden als die allerarmseligsten Bettler; ich gönne ihnen keine Freud, keine Ruhe, keinen Fried, keine Lust und in Summa nichts das gut genannt und ihren Leibern geschweige den Seelen zum besten gedeihen mag; ja auch aufs äußerst diejenigen Wollüste nit, die andere Weltkinder suchen und sich dadurch zu uns stürzen; die fleischlichen Wollüste selbst, denen doch alles von Natur nachhängt, was sich nur auf Erden regt, versalze ich ihnen mit Bitterkeit; indem ich die blühenden Jüngling mit alten abgelebten, unfruchtbaren, garstigen Vetteln, die allerholdseligsten Jungfrauen aber mit eisgrauen, eifersüchtigen Hahnreiern verkuppele und beunselige; ihr größte Ergötzung muß sein, sich mit Sorg und Bekümmernis zu grämen, und ihr höchstes Contentament, wenn sie ihr Leben mit schwerer saurer Mühe und Arbeit verschleißen, sich um ein wenig roter Erden, die sie doch nicht mitnehmen können, die Höll härtiglich zu erarnen.
Ich gestatte ihnen kein rechtschaffenes Gebet, noch weniger daß sie aus guter Meinung Almosen geben, und ob sie zwar oft fasten oder besser zu reden Hunger leiden, so geschiehet jedoch solches nit Andacht halber, sondern mir zu Gefallen etwas zu ersparen; ich jage sie in Gefährlichkeit Leibs und Lebens, nit allein mit Schiffen über Meer, sondern auch gar unter die Wellen in desselbigen Abgrund hinunter, ja sie müssen mir das innerste Eingeweid der Erden durchwühlen, und wenn etwas in der Luft zu fischen wär, so müßten sie mir auch fischen lernen; ich will nit sagen von den Kriegen die ich anstifte, noch von dem Übel das daraus entstehet, denn solches ist aller Welt bekannt! will auch nicht erzählen, wieviel Wucherer, Beutelschneider, Dieb, Räuber und Mörder ich mache; weil ich mich dessen zum höchsten rühme, daß sich alles was mir beigetan ist, mit bittrer Sorg, Angst, Not, Mühe, und Arbeit schleppen muß; und gleichwie ich sie an Leib so greulich martere, daß sie keines andern Henkers bedürfen, also peinige ich sie auch in ihrem Gemüt, daß kein anderer höllischer Geist weiters vonnöten, sie den Vorgeschmack der Höllen empfinden zu lassen, geschweige in unserer Andacht zu behalten; ich ängstige den Reichen! ich unterdrücke den Armen! ich verblende die Justitiam, ich verjage die christliche Liebe, ohne welche niemand selig wird, die Barmherzigkeit findt bei mir keine Statt!"

Das 5. Kapitel

Der Einsiedel wird aus seiner Wildnis zwischen Engeland und Frankreich auf das Meer in ein Schiff versetzt

Indem der Geiz so daherplauderte, sich selbst zu loben und der Verschwendung vorzuziehen, kam ein höllischer Geist dahergeflattert, der vor Alter gleichsam hinfällig, ausgemergelt, lahm und bucklet zu sein schien, er schnaufte wie ein Bär oder wenn er ein Hasen erlaufen hätte; weswegen denn alle Anwesenden die Ohren spitzten, zu vernehmen was er Neus brächte oder für ein Wildbret gefangen hätte, denn er hatte hierzu vor andern Geistern den Ruhm einer sonderbaren Dexterität; da sie es aber beim Licht besahen, war es nihil und ein nisi dahinter, das ihn an seiner Verrichtung verhindert, denn da ihm stattgeben ward Relation zu tun, verstund man gleich, daß er Julo, einem Edelmann aus England, und seinem Diener Avaro (die miteinander aus ihrem Vaterland nach Frankreich reisten) vergeblich aufgewartet, entweder beide oder einen allein zu berücken; dem ersten hätte er wegen seiner edlen Art und tugendlichen Auferziehung, dem andern aber wegen seiner einfältig Frommkeit nicht beikommen mögen, bat derowegen den Luzifer, daß er ihm mehr Sukkurs zuordnen wollte.
Eben damals hatte es das Ansehen, als wenn Mammon seinen Diskurs beschließen, und die Verschwendung den ihrigen hätte anfangen wollen; aber Luzifer sagte: "Es bedarf nicht vieler Wort, das Werk lobt den Meister, einem jeden von euch beiden Gegenteilen sei auferlegt, einen von diesen Engländern vor die Hand zu nehmen, ihn anzuwenden, zu versuchen, zu hetzen, und durch seine Kunst und Geschicklichkeit anzufechten, so lang und so viel, bis daß ein oder ander Teil den seinigen angefesselt, in seine Strick gebracht und unserem höllischen Reich einverleibt habe; und welches Teil den seinigen alsdann am gewissesten und festesten herschafft oder heimbringt, der soll den Preis gewonnen und die Präminenz vor dem andern haben." Diesen Bescheid lobten alle höllischen Geister, und die beiden streitigen Parteien verglichen sich selbst gütlich, aus Rat der Hoffart, daß Mammon den Avarum und die Verschwendung den Julum vor die Hand nehmen sollten, mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß kein Teil dem andern bei dem seinigen den geringsten Eintrag nicht tun, noch sich unterstehen sollte, solchen auf seine anderwärtige Art zu neigen, es sei denn Sach, daß des höllisch Reichs Interesse dasselbig ausdrücklich erfordere. Da sollte man wunder gesehen haben, wie die anderen Laster diesen beiden Glück wünschten und ihnen ihrer Gesellschaft Hilf und Dienst anboten; mithin schied die ganze höllische Versammlung voneinander, worauf sich ein starker Wind erhub, der mich mitsamt der Verschwendung und dem Geiz samt ihren Anhängern und Beiständern in einem Nun zwischen Engeland und Frankreich führet' und in dasjenige Schiff niederließ, worin beide Engländer überfuhren und gleich aussteigen wollten.
Die Hoffart machte sich den geraden Weg zum Julo und sagte: "Tapferer Kavalier, ich bin die Reputation, und weil Ihr jetzt ein fremd Land betretet, wird mir nicht übel anstehen, wenn Ihr mich zur Hofmeisterin behaltet; hier könnt Ihr die Einwohner durch eine sonderbare Pereleganz sehen lassen, daß Ihr kein schlechter Edelmann, sondern aus dem Stamm der alten König entsprossen seid! und wenngleich solches nicht wäre, so würde Euch jedoch gebühren, Eurer Nation zu Ehren den Franzosen zu weisen, was Engeland für wackere Leut trage."
Darauf ließ Julus durch Avarum, seinen Diener, dem Schiffpatronen die Fracht in lauter wiewohl groben, jedoch anmutig und holdselig Goldsorten entrichten, weswegen denn der Schiffherr dem Julo einen demütig Bückling machte und ihn gar vielmal einen gnädigen Herren nennete; solches machte sich die Hoffart zunutz, und sagte zum Avaro: "Schaue wie einer geehrt wird, der dieser Gesellen viel herbergt!" Der Geiz aber sagte zu ihm: "Hättest du solcher Gäste soviel besessen als dein Herr nur jetzt ausgibt, du solltest sie wohl anders angelegt haben; denn weit besser ists, der Vorrat und Überfluß werde zu Haus auf ein gewisses Interesse angelegt, damit man künftig etwas davon zu genießen habe, als daß man denselbigen auf einer Reis, die ohnedas voller Mühe, Sorg und Gefahr steckt, so unnützlich durchjagt."
Sobald betraten beide Jüngling das feste Land nicht, als Hoffart die Verschwendung vertraulich avisierte, daß sie nicht allein ein Zutritt, sondern allem Vermuten nach einen unbeweglichen Sitz auf ihr erstes Anklopfen in des Juli Herzen bekommen; mit angehängter Erinnerung, sie möchte noch mehrerer anderwärtlichen Assistenz sich bewerben, damit sie desto sicherer und gewisser ihr Vorhaben ins Werk stellen könnte; sie wolle ihr zwar nit weit von der Hand gehen, aber gleichwohl mußte sie ihrem Gegenteil, dem Geiz, ebenso große Hilf leisten, als sie, die Verschwendung, von ihr zu hoffen.
Mein großgünstiger hochgeehrter Leser, wenn ich eine Histori zu erzählen hätte, so wollte ichs kürzer begreifen und hier nicht soviel Umständ machen; ich muß selbst gestehen, daß mein eigner Vorwitz von jedem Geschichtschreiber stracks erfordert, mit seinen Schriften niemand lang aufzuhalten; aber dieses, was ich vortrage, ist ein Vision oder Traum, und also weit ein anders; ich darf nicht so geschwind zum Ende eilen, sondern muß etliche geringe Partikularitäten und Umstände mit einbringen, damit ich etwas vollkommner erzählen möge, was ich den Leuten dies Orts zu kommuniziern vorhabe; welches denn nichts anders ist, als ein Exempel zu weisen, wie aus einem geringen Fünklein allgemach ein groß Feur werde, wenn man die Vorsichtigkeit nicht beobachtet; denn gleichwie selten jemand in dieser Welt auf einmal den höchsten Gradum der Heiligkeit erlangt, also wird auch keiner jähling und sozusagen in einem Augenblick aus einem Frommen zu einem Schelmen, sondern jeder Teil steigt allgemach, sacht und sacht fein staffelweis hinan; welche Staffeln des Verderbens denn in diesem meinem Gesichte billig nicht außer acht zu lassen, damit sich ein jeder zeitlich davor zu hüten wisse; zu welchem End ich denn vornehmlich solche beschreibe; maßen es diesen beiden Jünglingen gangen wie einem jungen Stück Wild, welches, wenn es den Jäger siehet, anfänglich nicht weiß ob es fliehen oder stehen soll, oder doch ehender gefällt wird, als es den Schützen erkennet; zwar gingen sie etwas geschwinder als gewöhnlich ins Netz, aber solches war die Ursach, daß bei jedem der Zunder bequem war, die Funken des einen und andern Lasters alsogleich zu fangen; denn wie das junge Vieh, wenn es wohl ausgewintert ist und im Frühling aus dem verdrießlichen Stall auf die lustige Weid gelassen wird, anfängt zu gumpen, und sollte es auch zu seinem Verderben in einen Spalt oder Zaunstecken springen, also machts auch die unbesonnene Jugend, wenn sie sich nicht mehr unter der Ruten väterlicher Zucht, sondern aus der Eltern Augen in der lang erwünschten Freiheit befindet, als der gemeiniglich Erfahrenheit und Vorsichtigkeit manglet.
Das obgemeldte sagte die Hoffart nicht nur für die Langeweil zu der Verschwendung, sondern wendet' sich gleich zu dem Avaro selbsten, bei dem sie den Neid und Mißgunst fand, welche Kameraden der Geiz geschickt hatte, ihm den Weg zu bereiten; derowegen richtet' sie ihren Diskurs danach ein, und sagte zu ihm: "Höre du Avare, bist du nicht so wohl ein Mensch als dein Herr? bist du nicht so wohl ein Engeländer als Julus? was ist denn das, daß man ihn einen gnädigen Herrn und dich seinen Knecht nennet? hat euch beide denn nicht Engeland und zwar den einen wie den andern geborn und auf die Welt gebracht? wo kommt es her, daß er hier im Land, da er so wenig Eignes hat als du, für einen gnädigen Herren gehalten, du aber als ein Sklav traktiert würdest? seid nicht ihr beide einer wie der ander über Meer herkommen? hätte er nicht so wohl als du und ihr beide als Menschen zugleich ersaufen müssen, wenn euer Schiff unterwegs gescheitert? oder wäre er, weil er ein Edelmann ist, etwa wie ein Delphin unter den Wellen der Ungestüme in ein sichern Port entronnen? oder hätte er sich vielleicht als ein Adler über die Wolken (darinnen sich der Anfang und die grausame Ursach eures Schiffbruchs enthalten) schwingen und also dem Untergang entgehen können? nein Avare! Julus ist so wohl ein Mensch als du, und du bist so wohl ein Mensch, als er! warum wird er dir aber so weit vorgezogen?" mit dem fiel Mammon der Hoffart in die Red und sagt': "Was ist das für ein Handel, einen zum Fliegen anzuspornen ehe ihm die Federn gewachsen? gleichsam als wenn man nicht wüßte, daß solches das Geld sei, was Julus ist! sein Geld, sein Geld ists, was er ist, und sonst ist er nichts! nichts, sag ich, ist er, als was sein Geld aus ihm macht; der gute Gesell harre nur ein wenig und lasse mich gewähren, ob ich dem Avaro durch Fleiß und Gehorsamkeit nicht ebensoviel Geld, als Julus verschwendet, zuwegen bringen und ihn dadurch zu einem solchen Stutzer, wie Julus einer ist, gleichmachen möchte."
So hatten des Avari erste Anfechtungen eine Gestalt, denen er nicht allein fleißig Gehör gab, sondern sich auch entschloß, denselben nachzuhängen; so unterließ Julus auch nicht demjenigen mit allem Fleiß nachzuleben, was ihm die Hoffart eingab.

Das 6. Kapitel

Wie Julus und Avarus nach Paris reisen, und dort ihre Zeit vertreiben

Der gnädige Herr, das ist Julus, übernachtet' an demjenigen Ort, da wir angelandet, und verblieb den andern Tag und die folgende Nacht noch dazu daselbsten, damit er ausruhen, seinen Wechsel empfangen und Anstalt machen möchte, von da durch die spanischen Niederland nach Holland zu passieren, welche vereinigten Provinzen er nicht allein zu besehen verlangte, sondern auch, daß er solches tun sollte, von seinem Vater ausdrücklichen Befehl hatte; hierzu dingte er ein sonderbare Landkutsche, zwar nur allein für sich und seinen Diener Avarum, aber beides Hoffart und Verschwendung samt dem Geiz und ihrer aller Anhänger wollten gleichwohl nicht zurück verbleiben, sondern ein jeder Teil setzte sich wohin er konnte, Hoffart oben an die Decke, Verschwendung an des Juli Seiten, der Geiz in des Avari Herz, und ich hockte und behalf mich auf dem Narrenkistlein, weil Demut nicht vorhanden war, denselbigen Platz einzunehmen.
Also hatt ich das Glück im Schlaf viel schöne Städt zu beschauen, die unter tausenden kaum einem wachend ins Gesicht kommen oder zu sehen werden; die Reis ging glücklich ab, und wennschon gefährliche Ungelegenheiten sich ereigneten, so überwand jedoch des Juli schwerer Säckel solche all, weil er sich kein Geld dauren ließ, und sich um solches (weil wir durch unterschiedliche widerwärtige Garnisonen reisen mußten) aller Orten mit notwendigen Convoyen und Paßbriefen versehen ließ; ich achtet derjenigen Sachen, so sonst in diesen Landen sehenswürdig sind, nicht sonderlich, sondern betrachtet nur, wie beide Jüngling nach und nach von den obgemeldten Lastern je mehr und mehr eingenommen wurden, zu welchen sich je länger je mehr sammleten; da sah ich wie Julus auch von dem Vorwitz und der Unkeuschheit (welche dafür gehalten wird, daß sie eine Sünde sei, damit die Hoffart gestraft werde) angerennet und eingenommen wurde, weswegen wir denn oft an den Örtern, da sich leichte Dirnen befanden, länger stilliegen mußten und mehr Gelds vertaten als sonst wohl die Notdurft erforderte; andernteils quälte sich Avarus Geld zusammenzuschrapen wie er mochte; er bezwackte nicht allein seinen Herren, sondern auch die Wirt und Gastgeber wo er zukommen mochte; gab mithin einen trefflichen Kuppler ab, und scheute sich nicht hie und da unterwegs unsere Herberger zu bestehlen, und hätte es auch nur ein silberner Löffel sein sollen. Solchergestalt passierten wir durch Flandern, Brabant, Hennegau, Holland, Seeland, Zutphen, Geldern, Mecheln und folgends an die französische Grenz, endlich gar auf Paris, allwo Julus das lustigste und bequemste Losament bestellte, das er haben konnte; seinen Avarum kleidet' er edelmännisch und nennet' ihn einen Junker, damit jedermann ihn selbst desto höher halten und gedenken sollte, er müßte kein kleiner Hans sein, weil ihm einer von Adel aufwartete, der ihn einen gnädigen Herren hieß, maßen er auch für einen Grafen gehalten wurde; er verdingte sich gleich einem Lautenisten, einem Fechter, einem Tanzmeister, einem Bereiter und einem Ballmeister, mehr sich sehen zu lassen als ihnen ihre Künste und Wissenschaften abzulernen; diese waren lauter solche Käuz, die dergleichen neu ausgezogenen Gästen das Ihrig abzulaufen für Meister passierten; sie machten ihn bald beim Frauenzimmer bekannt, da es ohne Spendieren nicht abging, und brachten ihn auch sonst zu allerlei Gesellschaften, da man dem Beutel zu schröpfen pflegte und er allein den Riemen ziehen mußte; denn die Verschwendung hatte bereits die Wollust mit allen ihren Töchtern eingeladen, diesen Julum bestreiten und kaputt machen zu helfen.
Anfänglich zwar ließ er sich nur mit dem Ballschlagen, Ringelrennen, den Komödien, Balletten und dergleichen zulässigen und ehrlichen Übungen, denen er beiwohnet' und selbst mitmachte, genügen; da er aber erwarmet' und bekannt wurde, kam er auch an diejenigen Ort, da man seinem Geld mit Würfeln und Karten zusetzte; bis er endlich auch die vornehmsten Hurenhäuser durchschwärmte; in seinem Losament aber ging es zu, wie bei des Königs Arturi Hofhaltung, da er täglich viel Schmarotzer nicht schlechthinweg mit Kraut oder Rüben, sondern mit teuren französischen Potagen und spanischen Olla Potriden köstlich traktierte; maßen ihn oft ein einziger Imbiß über 25 Pistolen gestund, sonderlich wenn man die Spielleut rechnete, die er gemeiniglich dabei zu haben pflegte; über dieses brachten ihn die neuen Moden der Kleidungen, welche geschwind nacheinander folgten und aufstunden und sich bald wieder veränderten, um ein großes Geld, mit welcher Torheit er desto mehr prangte, weil ihm als einem fremden Kavalier keine Tracht verboten war; da mußte alles mit Gold gestickt und verbrämt sein und verging kein Monat, in dem er nit ein neues Kleid angezogen, und kein Tag, daran er nit seine Perücke etlichmal gepudert hätte; denn wiewohl er von Natur ein schönes Haar hatte, so beredet' ihn die Hoffart doch, daß er solches abschneiden und sich mit fremdem zieren lassen, weil es so der Brauch war; denn sie sagte, die Sonderling, so sich mit ihrem natürlichen Haar behelfen, wenn solches gleichwohl schön sei, geben damit nichts anders zu verstehen, als daß sie arme Schurken seien, die nit so viel vermochten, ein kahl hundert Dukaten an ein paar schöne Perücken zu verwenden. In Summa es mußte alles so kostbarlich hergehen und bestellt sein, als es die Hoffart immermehr ersinnen und ihm die Verschwendung eingeben konnte.
Ob nun zwar dem Geiz, welcher den Avarum schon ganz besaß, ein solche Art zu leben durchaus widerwärtig zu sein schien, so ließ er, Avarus, sich jedoch solche wohlgefallen, weil er sie sich wohl zunutz zu machen gedachte; denn Mammon hatte ihn allbereit bewegt, sich der Untreu zu ergeben, wenn er anders etwas prosperieren wollte; weswegen er denn keine Gelegenheit vorüberlaufen ließ, seinem Herrn, der ohnedas sein Geld so unnützlich hinausschleuderte, abzuzwacken was er konnte; im wenigsten bezahlte er keine Näherin oder Wäscherin, der er ihren gewöhnlichen Lohn nicht ringerte, und was er denen abbrach, heimlich in seine Beutel steckte; kein Kleidflicker- oder Schuhschmiererlohn war so klein den er seinem Herrn nicht vergrößerte und den Überfluß zu sich schob; geschweige wie er in großen Ausgaben per fas & nefas zu sich rappte und sackte, wo er nur konnt und möchte; die Sesselträger, mit denen sein Herr viel Geld hinrichtete, verändert' er gleich, wenn sie ihm nit Part an ihrem Verdienst gaben; der Pastetenbäck, der Garkoch, der Weinschenk, der Holzhändler, der Fischverkäufer, der Bäck und also andere Viktualisten mußten beinahe ihren Gewinn mit ihm teilen, wollten sie anders an dem Julo länger einen guten Kunden behalten; denn er war dergestalt eingenommen, seinem Herrn durch Besitzung vieles Gelds und Guts gleichzuwerden, als etwa hiebevor Luzifer, da er wegen seiner vom Allerhöchsten verliehenen Gaben erkühnete, seinen Stuhl an den mächtigen Thron des großen Gottes zu setzen. Also lebten beide Jüngling ohne alle anderen Anfechtungen zwar dahin, ehe sie wahrnahmen wie sie lebten; denn Julus war an zeitlicher Hab ja so reich als Avarus bedürftig, und deswegen vermeinte jeder er verfahre seinem Stand nach gar recht und wohl, ich will sagen, wie es eines jeden Stand und Gelegenheit erfordere; jener zwar seinem Reichtum gemäß sich herrlich und prächtig zu erzeigen, dieser aber seiner Armut zuhilf zu kommen und etwas zu prosperiern und sich der gegenwärtigen Gelegenheit zu bedienen, die ihm sein vertunlicher Herr an die Hand gab; jedoch unterließ der innerliche Wächter, das Licht der Vernunft, der Zeug' der nimmer gar stillschweigt, nämlich das Gewissen indessen nicht einem jeden seine Fehler zeitlich genug vorzuhalten und ihn eines andern zu erinnern.
"Gemach! gemach!" wurde zu dem Julo gesprochen, "halte ein dasjenig so ohnnützlich zu verschwenden, welches deine Vorderen vielleicht mit saurer Mühe und Arbeit, ja vielleicht mit Verlust ihrer Seligkeit erworben und dir so getreulich vorgespart haben; vielmehr lege es also an, damit du künftig deswegen beides vor Gott, der ehrbarn Welt und deinen Nachkommen bestehen und Rechenschaft darum geben mögest!" etc. Aber diesem und dergleichen heilsamen Erinnerungen oder innerlichen guten Einsprechung, die Julum zur Mäßigkeit reizen wollten, wurde geantwortet: "Was! ich bin kein Bärnhäuter noch Schimmeljud, sondern ein Kavalier; sollte ich meine adeligen Exercitia in Gestalt eines Bettelhunds oder Schurken begreifen? nein das ist nit der Gebrauch noch Herkommens, ich bin nit hier Hunger und Durst zu leiden, viel weniger wie ein alter karger Filz zu schachern, sondern als ein rechtschaffner Kerl von meinen Renten zu leben!" Wenn aber die guten Einfäll, die er melancholische Gedanken zu nennen pflegte, auf solche Gegenwürf dennoch nit ablassen wollten, ihn aufs beste zu ermahnen, so ließ er sich das Lied ›Laßt uns unser Tag genießen, Gott weiß wo wir morgen sein‹ etc. aufspielen oder besuchte das Frauenzimmer oder sonst ein lustige Gesellschaft, mit der er ein Rausch soff, wovon er je länger je ärger, und endlich gar zu einem Epikurer ward.
Nicht weniger wurde andernteils Avarus von innerlichen Zusprechen erinnert, daß dieser Weg, den er zum Besitz der Reichtüm' zu gehen antrete, die allergrößte Untreu von der Welt sei; mit fernerer Ermahnung, er sei seinem Herrn nit allein mitgeben worden ihm zu dienen, sondern auch durchaus seinen Schaden zu wenden, seinen Nutzen zu fördern, ihn zu allen ehrlichen Tugenden anzureizen, vor allen schändlichen Lastern zu warnen und vornehmlich sein zeitliche Hab nach möglichestem Fleiß zusammenzuheben und beobachten, welche er aber im Gegenteil selbst zu sich reiße und ihn, Julum, noch dazu in allerhand Laster stürzen helfe; item auf was Weis er wohl vermeine, daß er solches gegen Gott, dem er um alles Rechenschaft geben müßte, gegen des Juli fromme Eltern, die ihm ihren einzigen Sohn anvertraut und getreulich zu beobachten befohlen, und endlich gegen den Julum selbsten zu verantworten getraue, wenn derselbe zu seinen Tagen kommen und heut oder morgen verstehen werde, daß aus seiner Verwahrlosung und Untreu beides, seine Person zu allem Guten verderbt und sein Reichtüm' unnützlich verschwendet worden? "Hiemit zwar, o Avare, ists noch nicht genug! denn über solche schwere Verantwortung, die du dir des Juli Person und Gelds wegen aufbürdest, besudelst du dich selbst auch mit dem schändlichen Laster des Diebstahls und machst dich des Strangs und Galgens würdig; du unterwirfst deine vernünftige ja himmlische Seel dem Schlamm der irdischen Güter, die du ungetreuer und hochsträflicher Weis zusammenzuscharren gedenkest, welche doch der Heid Krates Thebanus ins Meer warf, damit sie ihn nit verderben sollten, wiewohl er solche rechtmäßig besaß; wieviel mehr, kannst du wohl erachten, werden sie dein Untergang sein, indem du solche im Gegenspiel aus dem großen Meer deiner Untreu erfischen willst! solltest du dir wohl einbilden dürfen, sie werden dir wohlgedeihen?"
Solche und dergleichen mehr guter Ermahnungen beides von der gesunden Vernunft und seinem Gewissen empfand zwar Avarus in sich selbsten; aber es manglet' ihm hingegen mitnichten an Entschuldigungen, sein böses Beginnen zu beschönen und gutzusprechen. "Was?" sagte er mit Salomone, Proverbior. 26 wegen des Juli Person, "was soll dem Narren Ehr, Geld und gute Tage? sie könnens doch nicht brauchen! zudem hat er ohnedas genug! und wer weiß wie es seine Eltern gewonnen haben? ists nicht besser, ich packe selbst dasjenige an, das er doch sonst ohne mich verschwendet, als daß ichs unter Fremde kommen lasse?"
Dergestalt folgten beide Jüngling ihren verblendten Begierden und ersäuften sich mithin in Abgrund der Wollust, bis endlich Julus die lieben Franzosen bekam und eine Woch oder vier schwitzen, und beides seinen Leib und Beutel purgiern lassen mußte, welches ihn drum nit besser machte oder ihm zur Warnung gedeihete; denn er machte das gemeine Sprichwort wahr: ›Da der Krank wieder genas, je ärger er was.‹

Das 7. Kapitel

Avarus findet auf ohngekehrter Bank, und Julus hingegen macht Schulden, dessen Vater aber reiset in ein andere Welt

Avarus stahl soviel Geld zusammen daß ihm angst dabei ward, maßen er nicht wußte wo er damit hin sollte, damit dem Julo sein Untreu verborgen bliebe; er sann derowegen diese List ihm ein Aug zu verkleben: er verwechselt' zum Teil sein Gold in grobe teutsche silberne Sorten, tat solche in ein großes Felleisen und kam damit bei nächtlicher Weil vor seines Herren Bett gelaufen, mit gelehrten Worten daherlügend, oder höchlicher zu reden dahererzählend, was ihm für ein Fund geraten wäre. "Gnädiger Herr", sagte er, "ich stolperte über diese Beut, als ich von etlichen von dero Liebsten Losament gejagt wurde, und wenn der Ton des gemünzten Metalls nicht einen andern Klang von sich geben hätte als das Eingeweid eines Abgestorbenen nicht tut, so hätte ich geschworen, ich wäre über einen Toten gelaufen." Damit schüttete er das Geld aus, und sagt' ferner: "Was geben mir Eur Gnaden wohl für ein Rat, daß dies Geld seinem rechtmäßigen Herren wieder zukommt; ich verhoffe derselbe sollte mir wohl ein stattlich Trinkgeld davon zukommen lassen." "Narr", antwortet' Julus, "hast du was so behalts; was bringst du aber für eine Resolution von der Jungfer?" "Ich konnte", antwortet' Avarus, "diesen Abend mit ihr nicht zu sprechen kommen, weil ich wie gehört etlichen mit großer Gefahr entrinnen müssen und mir dieses Geld ohnversehens zugestanden." Also behalf sich Avarus mit Lügen so gut er konnte, wie es alle jungen angehenden Dieb zu machen pflegen, wenn sie vorgeben sie haben gefunden, was sie gestohlen.
Eben damal bekam Julus von seinem Vater Briefe und in denselbigen einen scharfen Verweis, daß er so ärgerlich lebe und so schrecklich viel Gelds verschwende; denn er hatte von den englischen Kaufherrn, die mit ihm korrespondierten und dem Julo jeweils seine Wechsel entrichteten, alles des Juli und seines Avari Tun erfahren, ohne daß dieser seinen Herrn bestahl, jener aber solches nicht merkte; weswegen er sich denn solchergestalt bekümmerte, daß er darüber in ein schwere Krankheit fiel; er schrieb bemeldten Kaufherrn, daß sie forthin seinem Sohn mehrers nicht geben sollten als die bloße Notdurft, die ein gemeiner Edelmann haben mußte, sich in Paris zu behelfen; mit dem Anhang, wofern sie ihm mehr reichen würden, daß er ihnen solches nicht wieder gutmachen wollte. Den Julum aber bedrohet' er, wofern er sich nicht bessern und ein ander Leben anstellen würde, daß er ihn alsdann gar enterben und nimmermehr für keinen Sohn halten wollte.
Julus wurde zwar darüber trefflich bestürzt, faßte aber drum keinen Vorsatz gesparsamer zu leben; und wenn er gleich seinem Vater zu genügen vor den gewöhnlichen großen Ausgaben hätte sein wollen, so wäre es ihm für diesmal doch ohnmöglich gewesen, weil er schon allbereit viel zu tief in den Schulden stak; er hätte denn seinen Kredit erstlich bei seinen Kreditoren und consequenter auch bei jedermann verlieren wollen, welches ihm aber die Hoffart mächtig widerrief, weil es wider sein Reputation war, die er mit vielem Spendieren erworben; derowegen redet' er seine Landsleute an und sagte: "Ihr Herren wißt, daß mein Herr Vater an vielen Schiffen, die beides nach Ost- und Westindien gehen, nicht allein Part, sondern auch in unserer Heimat auf seinen Gütern jährlich bei 4 oder 5000 Schaf zu scheren hat, also daß es ihm auch kein Kavalier im Land gleich, noch weniger vorzutun vermag; geschweige jetzt Barschaft und der liegenden Güter, so er besitzt! auch wißt ihr, daß ich alles seines Vermögens heut oder morgen eineinziger Erbe bin, und daß gedachter mein Herr Vater allerdings auf der Gruben gehet; wer wollte mir denn nun zumuten, daß ich hier als ein Bärnhäuter leben sollte? wäre solches, wenn ichs tät, nicht unserer ganzen Nation ein Schand? Ihr Herren, ich bitt, laßt mich in solche Schand nicht geraten, sondern helfet mir aus, wie bisher, mit einem Stück Geld, welches ich euch wieder dankbarlich ersetzen und bis zur Bezahlung mit Kaufmannsinteresse verpensionieren, auch einem jeden insonderheit mit einer solcher Verehrung begegnen will, daß er mit mir zufrieden sein wird."
Hierüber zogen etliche die Achseln ein und entschuldigten sich, sie hätten derzeit nit übrige Mittel; in Wahrheit aber waren sie ehrlich gesinnet und wollten des Juli Vatern nit erzürnen; die anderen aber gedachten was sie für einen Vogel zu rupfen bekämen, wenn sie den Julum in die Klauen kriegten. "Wer weiß", sagten sie zu sich selbsten, "wie lang der Alte lebt, zudem will ein Sparer ein' Verzehrer haben; will ihn der Vater gleich enterben, so kann er ihm doch das Mütterlich nicht nehmen." In Summa, diese schossen dem Julo noch tausend Dukaten dar, wofür er ihnen verpfändet', was sie selbst begehrten, und ihnen jährlich acht pro cento versprach, welches denn alles in bester Form verschrieben wurde; damit reichte Julus nit weit hinaus, denn bis er seine Schulden bezahlte und Avarus sein Part hinwegzwackte, verblieb wenig mehr übrig; maßen er in Bälde wieder entlehnen und neue Unterpfand geben mußte; welches seinem Vater von andern Engländern, die nit interessiert waren, zeitlich avisiert wurde, darüber sich der Alte dergestalt erzürnte, daß er denen, so seinem Sohn über sein Ordre Geld geben hätten, eine Protestation insinuieren und sie seines vorigen Schreibens erinnern, benebens andeuten ließ, daß er ihnen kein Heller wiederum dafür gutmachen, sondern sie noch dazu, wenn sie wieder nach England anlangen würden, als Verderber der Jugend und die seinem Sohn zu solcher Verschwendung verholfen gewesen, vorm Parlament verklagen wollte; dem Julo selbst aber schrieb er mit eigner Hand, daß er sich hinfüro nit seinen Sohn mehr nennen, noch vor sein Angesicht kommen sollte.
Als solche Zeitungen einliefen, fing des Juli Sach abermal an zu hinken; er hatte zwar noch ein wenig Geld, aber viel zu wenig, weder seine verschwenderische Pracht hinauszuführen noch sich auf eine Reis zu montieren, irgends einem Herrn mit ein paar Pferden im Krieg zu dienen, wozu ihn beides Hoffart und Verschwendung anhetzte; und weil ihm auch hierzu niemand nichts vorsetzen wollt, flehet' er seinen getreuen Avarum an, ihm von dem, was er gefunden, die Notdurft vorzustrecken; Avarus antwortet': "Eur Gnaden wissen wohl, daß ich ein armer Schüler bin gewesen, und sonst nichts vermag, als was mir neulich Gott beschert." (Ach heuchlerischer Schalk, gedachte ich, hätt dir das nun Gott beschert, was du deinem Herrn abgestohlen hast? solltest du ihm in seinen Nöten nit mit dem Seinigen zuhilf kommen? und das um soviel desto ehender, dieweil du, so lang er etwas hatte, mitgemacht und das Seinige hast verfressen, versaufen, verhuren, verbuben, verspielen und verbankettieren helfen? O Vogel, gedachte ich, du bist zwar aus England kommen wie ein Schaf, aber seit dich der Geiz besessen, in Frankreich zu einem Fuchs, ja gar zu einem Wolf worden.) "Sollte ich nun", sagte er weiter, "solche Gaben Gottes nicht in acht nehmen und zu meines künftigen Lebens Aufenthalt anlegen, so müßte ich sorgen, ich möchte mich dadurch alles meines künftigen Glücks unwürdig machen, das ich noch etwa zu hoffen; wen Gott grüßt, der soll ihm danken, es dürfte mir vielleicht mein Leben lang kein solcher Fund wieder geraten; soll ich nun dieses an ein Ort hingeben, dahin auch reiche Engländer nichts mehr lehnen wollen, weil sie die besten Unterpfand bereits hinweghaben, wer wollte mir solches raten? Zudem haben mir Euer Gnaden selbst gesagt, wenn ich etwas habe, so sollte ichs behalten; und über dies alles liegt mein Geld auf der Wechselbank, welches ich nit kriegen kann wann ich will, ich wollte mich denn eines großen Interesses verzeihen."
Diese Worte waren dem Julo zwar schwer zu verdauen, als deren er sich weder von seinem getreuen Diener versehen, noch von andern zu hören gewohnt war; aber der Schuh, den ihm Hoffart und Verschwendung angelegt, drückte ihn so hart, daß er sie leichtlich verschmerzte, für billig hielt und durch Bitten soviel vom Avaro brachte, daß er ihm alles sein erschundenes und abgestohlenes Geld verlieh, mit dem Geding, daß sein, des Avari, Lidlohn samt demjenigen, so er noch in vier Wochen an Interesse davon haben können, zur Hauptsumma geschlagen, mit acht pro cento jährlich verzinset, und damit er um Hauptsumma und Pension versichert sein möchte, ihm ein frei adelig Gut, so Julo von seiner Mutter Schwester vermacht worden, verpfändet werden sollte; welches auch alsobalden in Gegenwart der andern Engländer als erbetenen Zeugen in der allerbesten Form geschah, und belief sich die Summa allerdings auf sechshundert Pfund Sterling, welches nach unserer Münz ein namhafts Stück Geld macht.
Kaum war obiger Kontrakt gemacht, die Verschreibung verfertigt und das Geld dargezählet, da kam Julo die Verkündigung eines erfreulichen Leids, daß nämlich sein Herr Vater die Schuld der Natur bezahlt hätte; weswegen er denn gleichsam eine fürstliche Trauer anlegte und sich gefaßt machte, ehestens nach England zu verreisen, mehr die Erbschaft anzutreten, als seine Mutter zu trösten; da sah ich mein Wunder, wie Julus wieder einen Haufen Freund bekam, weder er vor etlich Tagen gehabt; auch wurde ich gewahr, wie er heuchlen konnte, denn wenn er bei den Leuten war, so stellte er sich um seinen Vater gar leidig; aber bei dem Avaro allein sagte er: "Wäre der Alte noch länger lebendig blieben, so hätte ich endlich heim bettlen müssen; sonderlich wenn du Avare mir mit deinem Geld nit wärest zuhilf kommen."

Das 8. Kapitel

Julus nimmt seinen Abschied in England auf edelmännisch, Avarus aber wird zwischen Himmel und Erden arrestiert

Demnach machte sich Julus mit Avaro schleunig auf den Weg; nachdem er zuvor sein ander Gesind, als Lakaien, Pagen und dergleichen unnützer gefräßiger oder vertunlicher Leut mit guten Ehren abgeschafft. Wollte ich nun der Histori ein End sehen, so mußte ich wohl mit, aber wir reiseten mit gar ungleicher Kommodität; Julus ritt auf einem ansehenlichen Hengst, weil er nunmehr nichts Bessers als das Reiten gelernt hatte, und hinter ihm saß die Verschwendung, gleichsam als ob sie sein Hochzeiterin oder Liebste gewesen wäre; Avarus saß auf einem Minchen oder Wallachen, wie man sie nennet, und führte hinter sich den Geiz, das hatte eben ein Ansehen, als wenn ein Marktschreier oder Storger mit seinem Affen auf eine Kirchmeß geritten wäre; die Hoffart hingegen floh hoch in der Luft daher, eben als wenn sie die Reis nit sonderlich angangen hätte; die übrigen assistierenden Laster aber marschierten beneben her, wie die Beiläufer zu tun pflegen, ich aber hielt mich bald da, bald dort einem Pferd an den Schwanz, damit ich auch mit fortkommen und Engeland beschauen möchte, dieweil ich mir einbildete, ich hätte bereits viel Länder gesehen, wogegen mir dieses enge ein seltener Anblick sein würde; wir erlangten bald den Ort der Schifflände, allwo wir hiebevor auch ausgestiegen waren, und segelten in kurzer Zeit mit gutem Wind glücklich über.
Julus fand seine Frau Mutter zu seiner Ankunft auch in letzten Zügen, maßen sie noch gleich denselben Tag ihren Abscheid nahm, also daß er als eineinziger Erb, der nunmehr aus seinen vogtbaren Jahren getreten, einsmals Herr und Meister über seiner Eltern Verlassenschaft wurde; da ging nun das gute Leben wieder besser an als zu Paris, weil er ein namhafte Barschaft ererbt; er lebte wie der reich Mann Lucae am 16., ja wie ein Prinz, bald hatte er Gäst, und bald wurde er wieder zu Gast geladen; er führte fast täglich zu Wasser oder Land anderer Leut Töchter und Weiber nach engeländischem Gebrauch spazieren, hielt einen eignen Trompeter, Bereiter, Kammerdiener, Schalksnarren, Reitknecht, Kutscher, zween Lakaien, einen Pagen, Jäger, Koch und dergleichen Hofgesind; gegen solche (insonderheit aber gegen den Avarum, den er als seinen getreuen Reisgesellen zu seinem Hofmeistern und Faktor oder Faktotum gemacht hatte) erzeigte er sich gar mild, wie er denn auch gedachtem Avaro dasjenige adelige Gut, so er ihm zuvor in Frankreich verhypotheziert, für Hauptsumma, Interesse und seinen Lidlohn für frei ledig und eigen gab und verschreiben ließ, wiewohl es viel ein mehrers wert war; in Summa er verhielt sich gegen jedermann, daß ich nit allein glaubte, er müßte aus dem Geschlecht der alten Könige geboren worden sein, wie er sich dessen in Frankreich oft gerühmt, sondern ich hielt festiglich dafür, er wäre aus dem Stamm Arturi entsprossen, welcher das Lob seiner Freigebigkeit bis ans End der Welt behalten wird.
Andernteils unterließ Avarus nicht, in solchem Wasser zu fischen und seine Chance in acht zu nehmen, er bestahl seinen Herrn mehr als zuvor, und schacherte daneben ärger als ein fünfzigjähriger Jud. Das loseste Stücklein aber, das er dem Julo tat, war dieses, daß er sich mit einer Dam von ehrlichem Geschlecht verplemperte, folgends selbige seinem Herrn kupplete und demselben über dreiviertel Jahr den jungen Balg zuschreiben ließ, den er ihr doch selbst angehängt hatte; und weil sich Julus gar nit entschließen konnte, selbige zu ehelichen, gleichwohl aber ihrer Befreunden halber in Gefahr stehen mußte, trat der aufrichtige Avarus ins Mittel, ließ sich bereden diejenige wieder zu Ehren zu bringen, deren er ehender und mehr als Julus genossen und sie selbst zu Fall gebracht, wodurch er abermalen ein Namhafts von des Juli Gütern zu sich zwackte, und durch solche Treu seines Herrn Gunst verdoppelte; und dennoch unterließ er nit da und dort zu rupfen, solang Flaumfedern vorhanden, und als es auf die Stupflen losging, verschont' er deren auch nit.
Einsmals fuhr Julus auf der Thems in einem Lustschiff mit seinen nächsten Verwandten spazieren, unter welchen sich seines Vaters Bruder, ein sehr weiser und verständiger Herr, auch befand; dieser redete damal etwas vertraulicher mit ihm als sonsten, und führet' ihm mit höflichen Worten und glimpflicher Straf zu Gemüt, daß er keinen guten Haushalter abgeben werde, er sollte sich und das Seinig besser beobachten, als er bishero getan etc., wenn die Jugend wüßte, was das Alter braucht, so würde sie eine Dukat ehe hundertmal umkehren als einmal ausgeben etc. Julus lachte drüber, zog einen Ring vom Finger, warf ihn in die Thems und sagte: "Herr Vetter, so wenig als mir dieser Ring wieder zuhanden kommen mag, so wenig werde ich das Meinig vertun können"; aber der Alte seufzete und antwortet': "Gemach, gemach Herr Vetter, es läßt sich wohl eines Königs Gut vertun und ein Brunnen erschöpfen, sehet was Ihr tut!" Aber Julus kehrte sich von ihm, und haßte ihn solcher getreuen Vermahnung wegen mehr als er ihn darum sollte geliebt haben.
Ohnlängst hernach kamen etliche Kaufherren aus Frankreich, die wollten um das Hauptgut, so sie ihm zu Paris vorgesetzt, samt dem Interesse bezahlt sein, weil sie gewisse Zeitung hatten, wie Julus lebte, und daß ihm ein reich beladenes Schiff, so seine Eltern nach Alexandrien geschickt hatten, von den Seeräubern auf dem Mittelländischen Meer weggenommen worden wäre; er bezahlte sie mit lauter Kleinodien, welches ein gewisse Anzeigung war, daß es mit der Barschaft an die Neige ging; überdas kam die gewisse Nachricht ein, daß ihm ein ander Schiff am Gestad von Brasilien gescheitert und ein englische Flott, an der des Juli Eltern am allermeisten interessiert gewesen, unweit den molukkischen Inseln von den Holländern zum Teil ruiniert und der Rest gefangen worden wäre; solches alles wurde bald landkundig, dannenhero ein jeder, der etwas an Julum zu präsentieren hatte, sich um die Bezahlung anmeldete, also daß es das Ansehen hatte, als wenn ihn das Unglück von allen Enden der Welt her bestreiten wollte. Aber alle solche Stürm erschreckten ihn nicht so sehr als sein Koch, der ihm Wunders wegen einen güldenen Ring wies, den er in einem Fisch gefunden, weil er denselbigen gleich für den seinigen erkannte und sich noch nur zu wohl zu erinnern wußte, mit was für Worten er denselbigen in die Thems geworfen.
Er war zwar ganz betrübt und beinahe desperat, schämte sich aber doch vor den Leuten scheinen zu lassen, wie es ihm ums Herz war; indem vernimmt er, daß des enthaupten Königs ältester Prinz mit einer Armee in Schottland ankommen wäre, hätte auch glücklichen Sukzeß und gute Hoffnung, seines Herrn Vaters Königreich wiederum zu erobern! Solche Occasion gedachte sich Julus zunutz zu machen, und sein Reputation dadurch zu erhalten; derowegen montierte er sich und seine Leut mit demjenigen, so er noch übrig hatte, und brachte ein schöne Compagnia Reuter zusammen, über welche er Avarum zum Leutnant machte und ihm güldene Berge verhieß, daß er mitging, alles unterm Vorwand, dem Protektor zu dienen; aber als er sich reisfertig befand, ging er mit seiner Compagnia in schnellem Marsch dem jungen schottischen König entgegen und konjungierte sich mit dessen Corpo, hätte auch wohl gehandelt gehabt, wenn es dem König damals geglückt; als aber Cromwell dieselbe Kriegsmacht zerstöbert, entrannen Julus und Avarus kaum mit dem Leben, und durften sich doch beide nirgends mehr sehen lassen; derowegen mußten sie sich wie die wilden Tier in den Wäldern behelfen und sich mit Rauben und Stehlen ernähren, bis sie endlich darüber ertappt und gerichtet wurden; Julus zwar mit dem Beil und Avarus mit dem Strang, welchen er vorlängst verdient hatte.
Hierüber kam ich wieder zu mir selber, oder erwachte aufs wenigst aus dem Schlaf und gedachte meinem Traum oder Gesichte nach; hielt endlich dafür, daß die Freigebigkeit leichtlich zu einer Verschwendung, und die Gesparsamkeit leicht zum Geiz werden könne, wenn die Weisheit nit vorhanden, welche Freigebigkeit und Gesparsamkeit durch Mäßigkeit regiere und im Zaum halte. Ob aber der Geiz oder die Verschwendung den Preis davongetragen, kann ich nit sagen, glaube aber wohl, daß sie noch täglich miteinander zu Felde liegen und um den Vorzug streiten.

Das 9. Kapitel

Baldanders kommt zu Simplicissimo, und lehret ihn mit Mobilien und Immobilien reden und selbige verstehen

Ich spazierte einsmals im Wald herum meinen eitelen Gedanken Gehör zu geben, da fand ich ein steinern Bildnis liegen in Lebensgröße, das hatte das Ansehen als wenn es irgends eine Statua eines alten teutschen Helden gewesen wär, denn sie hatte ein altfränkische Tracht von romanischer Soldatenkleidung, vornen mit einem großen Schwabenlatz, und war meinem Bedünken nach überaus künstlich und natürlich ausgehauen. Wie ich nun so da stund, das Bild betrachtete und mich verwundert', wie es doch in diese Wildnis kommen sein möchte, kam mir in Sinn, es müßte irgends auf diesem Gebirg vor langen Jahren ein heidnischer Tempel gestanden und dieses der Abgott darinnen gewesen sein; sah mich derowegen um, ob ich nichts mehr von dessen Fundament sehen konnte, wurde aber nichts dergleichen gewahr, sondern, dieweil ich einen Hebel fand, den etwa ein Holzhaur liegen lassen, nahm ich denselben und stund an dies Bildnis es umzukehren, um zu sehen wie es auf der andern Seiten eine Beschaffenheit hätte; ich hatte aber demselben den Hebel kaum unterm Hals gesteckt und zu lupfen angefangen, da fing es selbst an sich zu regen und zu sagen: "Lasse mich mit Frieden, ich bin Baldanders." Ich erschrak zwar heftig, doch erholte ich mich gleich wiederum, und sagte: "Ich sehe wohl, daß du bald anders bist; denn erst warest du ein toter Stein, jetzt aber bist du ein beweglicher Leib, wer bist du aber sonst, der Teufel oder sein Mutter?" "Nein", antwortet' er, "ich bin deren keins, sondern Baldanders, maßen du mich selbst so genannt und dafür erkannt hast; und könnte es auch wohl möglich sein, daß du mich nicht kennen solltest, da ich doch alle Zeit und Tage deines Lebens bin bei dir gewesen? daß ich aber niemal mit dir mündlich geredt hab, wie etwa Anno 1534 den letzten Julii mit Hans Sachsen dem Schuster von Nürnberg, ist die Ursach, daß du meiner niemalen geachtet hast; unangesehen ich dich mehr als ander Leut bald groß bald klein, bald reich bald arm, bald hoch bald nieder, bald lustig bald traurig, bald bös bald gut und in Summa bald so und bald anders gemacht hab." Ich sagte: "Wenn du sonst nichts kannst als dies, so wärest du wohl für diesmal auch von mir blieben." Baldanders antwortet': "Gleichwie mein Ursprung aus dem Paradeis ist und mein Tun und Wesen bestehet so lang die Welt bleibt, also werde ich dich auch nimmermehr gar verlassen, bis du wieder zur Erden wirst davon du herkommen, es sei dir gleich lieb oder leid." Ich fragte ihn, ob er den Menschen denn zu sonst nichts tauge, als sie und alle ihre Händel so mannigfaltig zu verändern? "O ja", antwortet' Baldanders, "ich kann sie eine Kunst lehren, dadurch sie mit allen Sachen, so sonst von Natur stumm sind, als mit Stühlen und Bänken, Kesseln und Hafen etc. reden können, maßen ich solches Hans Sachsen auch unterwiesen, wie denn in seinem Buch zu sehen, darin er ein paar Gespräch erzählet, die er mit einem Dukaten und einer Roßhaut gehalten." "Ach", sagte ich, "lieber Baldanders, wenn du mich diese Kunst mit Gottes Hilf auch lehren könntest, so wollte ich dich mein Lebtag lieb haben." "Ja freilich", antwortet' er, "das will ich gern tun"; nahm darauf mein Buch, so ich eben bei mir hatte, und nachdem er sich in einen Schreiber verwandelt, schrieb er mir nachfolgende Wort darein:
"Ich bin der Anfang und das End, und gelte an allen Orten.
Manoba, gilos, timad, isaser, sale, lacob, salet, enni nacob idil dadele neuaw ide eges Eli neme meodj eledid emonatan desi negogag editor goga naneg eriden, hohe ritatan auilac, hohe ilamen eriden diledi sisac usur sodaled auar, amu salif ononor macheli retoran; Ulidon dad amv ossosson, Gedal amu bede neuaw, alijs, dilede ronodaw agnoh regnoh eni tatä hyn lamini celotah, isis tolostabas oronatah assis tobulu, Wiera saladid egrivi nanon ägar rimini sisac, heliosole Ramelv ononor windelishi timinituz, bagoge gagoe hananor elimitat."
Als er dies geschrieben, wurde er zu einem großen Eichbaum, bald darauf zu einer Sau, geschwind zu einer Bratwurst und unversehens zu einem großen Baurendreck (mit Gunst), er machte sich zu einem schönen Kleewasen, und ehe ich mich versah, zu einem Kuhfladen; item zu einer schönen Blum oder Zweig, zu einem Maulbeerbaum und darauf in einen schönen seidenen Teppich etc. bis er sich endlich wieder in menschliche Gestalten verändert' und dieselben öfter verwechselt', als solche gedachter Hans Sachs von ihm beschrieben; und weil ich von so unterschiedlichen schnellen Verwandlungen weder im Ovidio noch sonsten nirgends gelesen (denn den mehrgedachten Hans Sachsen hatte ich damals noch nit gesehen), gedachte ich der alte Proteus sei wieder von den Toten auferstanden, mich mit seiner Gaukelei zu äffen; oder es sei vielleicht der Teufel selbst, mich als einen Einsiedler zu versuchen und zu betrügen; nachdem ich aber von ihm verstanden, daß er mit bessern Ehren den Mond in seinem Wappen führe als der türkisch Kaiser, item daß die Unbeständigkeit sein Aufenthalt, die Beständigkeit aber seine ärgste Feindin sei, um welche er sich gleichwohl keine Schnall schere, weil er mehrenteils sie flüchtig mache, verändert' er sich in einen Vogel, floh schnell davon und ließ mir das Nachsehen.
Darauf setzte ich mich nieder in das Gras, und fing an diejenigen Wort zu betrachten, die mir Baldanders hinterlassen hatte, die Kunst so ich von ihm zu lernen daraus zu begreifen; ich hatte aber nit das Herz selbige auszusprechen, weil sie mir vorkamen wie diejenigen, damit die Teufelsbanner die höllischen Geister beschwören und andere Zauberei treiben, maßen sie denn auch ebenso seltsam, unteutsch und unverständlich scheinen; ich sagte zu mir selber: "Wirst du sie anfangen zu reden, wer weiß was du dir alsdann für Hexengespenst damit herbeilockest; vielleicht ist dieser Baldanders der Satan gewesen, der dich hierdurch verführen will; weißt du nit wie es den alten Einsiedlern ergangen?" Aber gleichwohl unterließ mein Vorwitz nicht, die geschriebenen Wort stetig anzuschauen und zu betrachten, weil ich gern mit stummen Dingen hätte reden können, sintemalen auch andere die unvernünftigen Tier verstanden haben sollen; wurde demnach je länger je verpichter darauf, und weil ich ohne Ruhm zu melden ein ziemlicher Zifferant bin und meine geringste Kunst ist, einen Brief auf einen Faden oder wohl gar auf ein Haar zu schreiben, den wohl kein Mensch wird aussinnen oder erraten können, zumalen auch vorlängsten wohl andere verborgene Schriften ausspekuliert, als die Steganographia Trithemii sein mag; also sah ich auch diese Schrift mit andern Augen an und fand gleich, daß Baldanders mir die Kunst nit allein mit Exempeln, sondern auch in obiger Schrift mit guten teutschen Worten viel aufrichtiger kommuniziert, als ich ihm zugetraut; damit war ich nun wohl zufrieden und achtet meiner neuen Wissenschaft nit sonderlich, sondern ging zu meiner Wohnung und las die Legenden der alten Heiligen, nit allein durch gute Beispiel mich in meinem abgesonderten Leben geistlich zu erbauen, sondern auch die Zeit zu passieren.

Das 10. Kapitel

Der Eremit wird aus einem Wald- ein Wallbruder

Das Leben des heiligen Alexii kam mir im ersten Griff unter die Augen, als ich das Buch aufschlug; da fand ich, mit was für einer Verachtung der Ruhe er das reiche Haus seines Vaters verlassen, die heiligen Örter hin und wieder mit großer Andacht besucht und endlich beides sein Pilgerschaft und Leben unter einer Stiegen in höchster Armut, ohnvergleichlicher Geduld und wunderbarer Beständigkeit seliglich beschlossen hätte. "Ach!" sagte ich zu mir selbst, "Simplici was tust du? du liegst halt hier auf der faulen Bärenhaut und dienest weder Gott noch den Menschen! wer allein ist, wenn derselbe fällt, wer wird ihm wieder aufhelfen? ists nicht besser du dienest deinen Nebenmenschen und sie dir hingegen hinwiederum, als daß du hier ohn alle Leutseligkeit in der Einsame sitzest wie ein Nachteul? bist du nicht ein totes Glied des menschlichen Geschlechts, wenn du hier verharrest? und zwar wie wirst du den Winter ausdauren können, wenn dies Gebirg mit Schnee bedeckt und dir nit mehr wie jetzt von den Nachbarn dein Unterhalt gebracht wird? zwar diese ehren dich jetztund wie ein Orakel, wenn du aber verneujahren hast, werden sie dich nit mehr würdigen über ein Achsel anzuschauen, sondern anstatt dessen das sie dir jetzt hertragen, dich vor ihren Türen mit ›helf dir Gott‹ abspeisen; vielleicht ist dir Baldanders darum persönlich erschienen, damit du dich beizeiten vorsehen und in die Unbeständigkeit dieser Welt schicken sollest"; mit solchen und dergleichen Anfechtungen und Gedanken wurde ich gequälet, als bis ich mich entschloß aus einem Wald- ein Wallbruder oder Pilger zu werden.
Demnach ertappte ich ohnversehens mein Scher und stutzte meinen langen Rock, der mir allerdings auf die Füß ging (und so lang ich ein Einsiedel gewesen, anstatt eines Kleids auch Unter- und Oberbetts gedient hatte), die abgeschnittenen Stück aber setzte ich darauf und darunter, wie es sich schickte, doch also, daß es mir zugleich Säck und Taschen abgab, dasjenig so ich etwa erbettlen möchte darinnen zu verwahren; und weil ich keinen proportionierlichen Jakobsstab mit feinen gedrehten Knöpfen haben konnte, überkam ich einen wilden Apfelstamm, damit ich einem, wenn er gleichwohl seinen Degen in der Faust gehabt, gar wohl schlafen zu leuchten getraut; welchen böhmischen Ohrlöffel mir folgends ein frommer Schlosser auf meiner Wanderschaft mit einer starken Spitz trefflich versehen, damit ich mich vor den Wölfen die mir etwa unterwegs begegnen möchten, erwehren konnte.
Solchergestalt ausstaffiert machte ich mich in das wilde Schapbach und erbettelt von selbigem Pastor einen Schein oder Urkund, daß ich mich ohnweit seiner Pfarr als ein Eremit erzeigt und gelebt hätte, nunmehr aber willens wäre, die heiligen Örter hin und wieder andächtig zu besuchen, ohnangesehen mir derselbe vorhielt, daß er mir nit recht traue. "Ich schätze mein Freund", sagt' er, "du habest entweder ein schlimm Stück begangen, daß du deine Wohnung so urplötzlich verläßt, oder habest im Sinn einen anderen Empedoclem Agrigentinum abzugeben, welcher sich in den Feuerberg Aetnam stürzte, damit man glauben sollte, er wäre, weil man ihn sonst nirgends finden könnte, gen Himmel gefahren; wie wäre es, wenn es mit dir eine von solchen Meinungen hätte und ich dir mit Erteilung meines besseren Zeugnis darin hülfe?" Ich wußte ihm aber mit meinem guten Maulleder unter dem Schein frommer Einfalt und heiliger aufrichtiger Meinung dergestalt zu begegnen, daß er mir gleichwohl angeregte Urkund mitteilete, und bedünkte mich, ich spürete einen heiligen Neid oder Eifer an ihm und daß er meine Wegkunft gern sehe, weil der gemeine Mann wegen eines so ohngewöhnlichen strengen und exemplarischen Lebens mehr von mir hielt als von etlichen Geistlichen in der Nachbarschaft, ohnangesehen ich ein schlimmer liederlicher Kund war, wenn man mich gegen die rechten wahren Geistlichen und Diener Gottes hätte abschätzen sollen.
Damals war ich zwar noch nicht so gar gottlos wie ich hernach wurde, sondern hätte mich noch wohl für einen solchen vergangen, der eine gute Meinung und Vorsatz; sobald ich aber mit andern alten Landstörzern bekannt wurde und mit denselben vielfältig umging und konversierte, wurde ich je länger je ärger; also daß ich zuletzt gar wohl für einen Vorsteher, Zunftmeister und Präzeptor derjenigen Gesellschaft hätte passieren mögen, die aus der Landfahrerei zu keinem andern End eine Profession machen, als ihre Nahrung damit zu gewinnen; hierzu war mein Habit und Leibsgestalt fast bequem und beförderlich, sonderlich die Leut zur Freigebigkeit zu bewegen; wenn ich dann in einen Flecken kam oder in ein Stadt gelassen wurde, vornehmlich an den Sonn- und Feiertagen, so kriegte ich gleich von Jungen und Alten einen größern Umstand als der beste Marktschreier, der ein paar Narren, Affen und Meerkatzen mit sich führet; alsdann hielten mich teils wegen meines langen Haars und wilden Barts für einen alten Propheten, weil ich, es war gleich Wetter wie es wollte, barhäuptig ging, andere für sonst einen seltsamen Wundermann, die allermeisten aber für den ewigen Juden, der bis an den jüngsten Tag in der Welt herumlaufen soll; ich nahm kein Geld zum Almosen an, weil ich wußte, was mir solche Gewohnheit in meiner Eremitage genützt, und wenn mich jemand dessen etwas zu nehmen dringen wollte, sagte ich: "Die Bettler sollen kein Geld haben." Damit brachte ich zuwegen, wo ich etwa ein paar Heller verschmähete, daß mir hingegen beides an Speis und Trank mehrers geben wurde, als ich sonst um ein paar Kopfstück hätt kaufen mögen.
Also marschierte ich die Gutach hinauf über den Schwarzwald auf Villingen dem Schweizerland zu, auf welchem Weg mir nichts Notabels oder Ohngewöhnlichs begegnete, als was ich allererst gemeldet; von dannen wußte ich den Weg selbst auf Einsiedeln, daß ich deswegen niemand fragen durfte; und da ich Schaffhausen erlangte, wurde ich nicht allein eingelassen, sondern auch nach vielem Fatzwerk, so das Volk mit mir hatte, von einem ehrlichen wohlhäbigen Bürger freundlich zur Herberg aufgenommen; und zwar so war es Zeit, daß er kam und sich meiner als ein wohlgereister Junker, der ohn Zweifel in der Fremde auf seinen Reisen viel Saurs und Süßes erfahren, erbarmte, weil etliche böse Buben anfingen mich gegen Abend mit Gassenkot zu werfen.

Das 11. Kapitel

Simplici seltsamer Diskurs mit einem Schermesser

Mein Gastherr hatte ein halbes Tümmelchen, da er mich heimbrachte, dahero wollte er desto genauer von mir wissen, woher, wohin, was Profession und dergleichen; und da er hörete, daß ich ihm von so vielen unterschiedlichen Ländern, die ich mein Tage durchstrichen, zu sagen wußte, welche sonst nicht bald einem jeden zu sehen werden, als von der Moskau, Tartarei, Persien, China, Türkei und unsern Antipodibus, verwundert' er sich trefflich und traktierte mich mit lauter Veltliner und Etschwein; er hatte selbst Rom, Venedig, Ragusa, Konstantinopel und Alexandriam gesehen; als derowegen ich ihm viel Wahrzeichen und Gebräuch von solchen Örtern zu sagen wußte, glaubte er mir auch was ich ihm von ferneren Ländern und Städten aufschnitt, denn ich regulierte mich nach Samuels von Golau Reimen, wenn er spricht:
Wer lügen will der leug von ferne!
Wer zeugt dahin, erfährets gerne?
Und da ich sah, daß es mir so wohl gelang, kam ich mit meiner Erzählung fast in der ganzen Welt herum; da war ich selbst in des Plinii dickem Wald gewesen, welchen man bisweilen bei den Aquis Cutiliis antreffe, denselben aber hernach, wenn man ihn mit höchstem Fleiß suche, gleichwohl weder bei Tag noch Nacht mehr finden könne; ich hatte selbst von dem lieblichen Wundergewächs Borametz in der Tartarei gessen, und wiewohl ich dasselbe mein Tage nicht gesehen, so konnte ich jedoch meinem Wirt von dessen anmutigem Geschmack dermaßen diskurrieren, daß ihm das Maul wässerig davon wurde; ich sagte, es hat ein Fleischlein wie ein Krebs, das hat ein Farb wie ein Rubin oder roter Pfirsich und einen Geruch, der sich beides den Melonen und Pomeranzen vergleicht; benebens erzählte ich ihm auch in was Schlachten, Scharmützlen und Belagerungen ich mein Tage gewesen wär, log aber auch etwas mehrers dazu, weil ich sah, daß ers so haben wollte; maßen er sich mit solchem und dergleichen Geschwätz wie die Kinder mit den Märlein aufziehen ließ, bis er darüber entschlief, und ich in eine wohl akkommodierte Kammer zu Bett geführt wurde, da ich dann in einem sanften Bett ohneingewiegt einschlief, welches mir lange nicht widerfahren war.
Ich erwachte viel früher als die Hausgenossen selbst, konnte aber drum nicht aus der Kammer kommen, eine Last abzulegen, die zwar nicht groß, aber doch sehr beschwerlich war, sie über die bestimmte Zeit zu tragen; fand mich aber hinter einer Tapezerei mit einem hierzu bestimmten Ort, welchen etliche eine Kanzlei zu nennen pflegen, viel besser versehen, als ich in solcher Not hätt hoffen dürfen; daselbsthin setzte ich mich eilends zu Gericht und bedachte, wie weit meine edle Wildnis dieser wohlgezierten Kammer vorzuziehen wäre, als in welcher beides Fremd und Heimisch an jeden Orten und Enden ohne Erduldung einer solchen Angst und Drangsal, die ich dazumal überstanden hatte, stracks niederhocken könnte; nach Erörterung der Sach, als ich eben an des Baldanders Lehr und Kunst gedachte, langte ich aus einem neben mir hängenden Garvier ein Oktav von einem Bogen Papier, an demselbigen zu exequieren wozu es, neben andern mehr seiner Kameraden, kondemniert und daselbst gefangen war. "Ach!" sagte dasselbige, "so muß ich denn nun auch für meine treu geleisten Dienste und lange Zeit überstandenen vielfältigen Peinigungen, zugenötigten Gefahren, Arbeiten, Ängste, Elend und Jammer, nun erst den allgemeinen Dank der ungetreuen Welt erfahren und einnehmen? ach warum hat mich nit gleich in meiner Jugend ein Fink oder Goll aufgefressen, und alsobald Dreck aus mir gemacht, so hätte ich doch meiner Mutter der Erden gleich wiederum dienen und durch meine angeborne Feistigkeit ihro ein liebliches Waldblümlein oder Kräutlein hervorbringen helfen können, ehe daß ich einem solchen Landfahrer den Hintern hätt wischen und meinen endlichen Untergang im Scheißhaus nehmen müssen; oder warum werde ich nicht in eines Königs von Frankreich Sekret gebraucht, dem der von Navarra den Arsch wischt? wovon ich denn viel größer Ehr gehabt hätte, als einem entlaufenen Monacho zu Dienst zu stehen?" Ich antwortet: "Ich höre an deinen Reden wohl, daß du ein nichtswertiger Gesell und keines andern Begräbnis würdig seiest als eben desjenigen, darin ich dich jetzund senden werde; und wird gleich gelten, ob du durch einen König oder Bettler an ein solchen stinkend Ort begraben wirst, davon du so grob und unhöflich sprechen darfst, dessen aber ich mich hingegen herzlich gefreuet; hast du aber etwas deiner Unschuld und dem menschlichen Geschlecht treugeleisteter Dienste wegen vorzubringen, so magst du es tun, ich will dir gern, weil noch jedermann im Hause schläft, Audienz geben und dich nach befindenden Dingen von deinem gegenwärtigen Untergang und Verderben konservieren."
Hierauf antwortet' das Schermesser: "Meine Voreltern sind erstlich nach Plinii Zeugnis lib. 20 cap. 97 in einem Wald, da sie auf ihrem eignen Erdreich in erster Freiheit wohnten und ihr Geschlecht ausbreiteten, gefunden, in menschliche Dienste als ein wildes Gewächs gezwungen und namentlich Hanf genannt worden; von denselbigen bin ich zu Zeiten Wenceslai in dem Dorf Goldscheur als ein Samen entsprossen und erzielt, von welchem Ort man sagt, daß der beste Hanfsamen in der Welt wachse; daselbst nahm mich mein Erzieler von den Stengeln meiner Eltern und verkaufte mich gegen den Frühling einem Krämer, der mich unter andern fremden Hanfsamen mischte und mit uns schacherte; derselbe Krämer gab mich folgends einem Bauren in der Nachbarschaft zu kaufen und gewann an jedem Sester einen halben Goldgulden, weil wir unversehens aufschlugen und teuer wurden; war also gemeldter Krämer der zweite so an mir gewann, weil mein Erzieler der mich anfänglich verkaufte, den ersten Gewinn schon hinweghatte; der Bauer aber so mich vom Krämer erhandelt, warf mich in einen wohlgebauten fruchtbaren Acker, allwo ich im Gestank des Roß- Schwein- Kühe- und andern Mists vermodern und ersterben mußte; doch brachte ich aus mir selbsten einen hohen stolzen Hanfstengel hervor, in welchen ich mich nach und nach veränderte und stracks zu mir selbst in meiner Jugend sagte: ›Nun wirst du gleich deinen Urahnen ein fruchtbarer Vermehrer deines Geschlechts werden und mehr Körnlein Samen hervorbringen, als jemals einer aus ihnen nicht getan.‹ Aber kaum hatte sich meine Frechheit mit solcher eingebildeten Hoffnung ein wenig gekitzelt, da mußte ich von vielen Vorübergehenden hören: ›Schauet, was für ein Acker voll Galgenkraut!‹ welches ich und meine Brüder alsobalden für kein gut Omen für uns hielten, doch trösteten uns hinwiederum etlicher ehrbaren alten Bauren Reden, wenn sie sagten: Sehet! was für ein schöner trefflicher Hanf ist das!' Aber leider! wir wurden bald hernach gewahr, daß wir von den Menschen beides wegen ihres Geizes und ihrer armseligen Bedürftigkeit nit da gelassen würden, unser Geschlecht ferners zu propagieren; allermaßen als wir bald Samen zu bringen vermeinten, wir von unterschiedlichen starken Gesellen ganz unbarmherzigerweis aus dem Erdreich gezogen und als gefangene Übeltäter in große Gebund zusammengekuppelt worden, für welche Arbeit sie denn ihren Lohn und also den dritten Gewinn empfingen, so die Menschen von uns einzuziehen pflegen.
Damit wars aber noch lang nit genug, sondern unser Leiden und der Menschen Tyrannei fing erst an, aus uns, einem namhaften Gewächs! ein pures Menschengedicht (wie etliche das liebe Bier nennen) zu verkünstlen; denn man schleppte uns in eine tiefe Gruben, packte uns übereinander und beschwerte uns dermaßen mit Steinen, gleichsam als wenn wir in einer Preß gesteckt wären; und hiervon kam der vierte Gewinn denjenigen zu, die solche Arbeit verrichteten; folgends ließ man die Gruben voll Wasser laufen, also daß wir überall überschwemmt würden, gleichsam als ob man uns erst hätte ertränken wollen, unangesehen allbereit schwache Kräfte mehr bei uns waren; in solcher Presse ließ man uns sitzen, bis die Zierde unserer ohnedas bereits verwelkten Blätter folgends verfaulte und wir selbst beinahe erstickten und verdarben. Alsdann ließ man erst das Wasser wieder ablaufen, trug uns aus und setzte uns auf einen grünen Wasen, allwo uns bald Sonn, bald Regen, bald Wind zusetzte, also daß sich die liebliche Luft selbsten ob unserem Elend und Jammer entsetzte, veränderte und alles um uns herum verstänkerte, daß schier niemand bei uns vorüberging, der nit die Nasen zuhielt oder doch wenigst sagte: ›Pfui Teufel!‹ Aber gleichwohl bekamen diejenigen so mit uns umgingen den fünften Gewinn zu Lohn. In solchem Stand mußten wir verharren, bis beides Sonn und Wind uns unserer letzteren Feuchtigkeit beraubt und uns mitsamt dem Regen wohl gebleicht hatten; darauf wurden wir von unserem Bauren einem Hänfer oder Hanfbereiter um den sechsten Gewinn verkauft. Also bekamen wir den vierten Herrn, seit ich nur ein Samkörnlein gewesen war; derselbe legte uns unter einen Schopf in eine kurze Ruhe, nämlich so lang bis er anderer Geschäfte halber der Weil hatte und Taglöhner haben konnte, uns ferners zu quälen; da denn der Herbst und alle anderen Feldarbeiten vorbei waren, nahm er uns nacheinander hervor, stellte uns zweidutzendweis in ein kleines Stübel hinter dem Ofen und heizte dermaßen ein, als wenn wir die Franzosen hätten ausschwitzen sollen, in welcher höllischen Not und Gefahr ich oft gedachte, wir würden dermaleins samt dem Haus in Flammen gen Himmel fahren, wie denn auch oft geschiehet; wenn wir dann durch solche Hitz viel feuerfähiger wurden als die besten Schwefelhölzlein, überantwortet' er uns noch einem strengen Henker, welcher uns handvollweis unter die Brech nahm und alle unsere innerlichen Gliedmaßen hunderttausendmal kleiner zerstieß, als man dem ärgsten Erzmörder mit dem Rad zu tun pflegt; uns hernach aus allen Kräften um einen Stock herum schlagend, damit unsere zerbrochenen Gliedmaßen sauber herausfallen sollten, also daß es ein Ansehen hatte, als wenn er unsinnig worden wäre, und ihm der Schweiß, und zuzeiten auch ein Ding so sich darauf reimet, darüber ausging; hierdurch wurde dieses der siebente, so unsertwegen einen Gewinn hintrug.
Wir gedachten, nunmehr könnte nichts mehr ersonnen werden, uns ärger zu peinigen, vornehmlich weil wir dergestalt voneinander separiert und hingegen doch miteinander also konjungiert und verwirret waren, daß jeder sich selbst und das Seinig nicht mehr kannte; sondern jedweder Haar oder Bast gestehen mußte, wir wären gebrechter Hanf; aber man brachte uns erst auf eine Bleuel, allda wir solchermaßen gestampft, gestoßen, zerquetscht, geschwungen und mit einem Wort zu sagen zerrieben und abgebleuelt worden, als wenn man lauter Amianthum, Asbeston, Bissinum, Seiden oder wenigst einen zarten Flachs aus uns hätte machen wollen; und von solcher Arbeit genoß der Bleuler den achten Gewinn, den die Menschen von mir und meinsgleichen schöpfen. Noch selbigen Tag wurde ich als ein wohlgebleuelter und geschwungner Hanf erst etlichen alten Weibern und jungen Lehrdirnen übergeben, die mir erst die allergrößte Marter antaten, als ich noch nie erfahren, denn sie anatomierten mich auf ihren unterschiedlichen Hecheln dermaßen, daß es nicht auszusprechen ist; da hechelt' man erstlich den groben Kuder, folgends den Spinnhanf und zuletzt den schlechten Hanf von mir hinweg, bis ich endlich als ein zarter Hanf und feines Kaufmannsgut gelobt und zum Verkauf zierlich gestrichen, eingepackt und in einen feuchten Keller gelegt wurde, damit ich im Angriff desto linder und am Gewicht desto schwerer sein sollte; solchergestalt erlangte ich abermal eine kurze Ruhe und freute mich, daß ich dermaleins durch Überstehung so vielen Leids und Leidens zu einer Materi worden, die euch Menschen so nötig und nützlich wäre. Indessen hatten besagte Weibsbilder den neunten Lohn von mir dahin, welches mir einen sonderbaren Trost und Hoffnung gab, wir werden nunmehr (weil wir die neunte als eine englische und allerwunderbarlichste Zahl erlangt und erstritten hätten) aller Marter überhoben sein."

Das 12. Kapitel

Obige Materia wird kontinuiert und das Urteil exequiert

"Den nächsten Markttag trug mich mein Herr in ein Zimmer, welches man eine Faßkammer nennet, wurde ich geschauet, für gerechte Kaufmannswar erkannt und abgewogen, folgends einem Vorkäufler verhandelt, verzollt, auf einen Wagen verdingt, nach Straßburg geführt, ins Kaufhaus geliefert, abermals geschauet, für gut erkannt, verzollt und einem Kaufherrn verkauft, welcher mich durch die Karchelzieher nach Haus führen und in ein sauber Zimmer aufheben ließ; bei welchem Actu mein gewesener Herr, der Hänfer, den zehenten, der Hanfschauer den elften, der Wäger den zwölften, der Zöllner den dreizehenten, der Vorkäufler den vierzehenten, der Fuhrmann den fünfzehenten, das Kaufhaus den sechzehenten und die Karchelzieher, die mich dem Kaufmann heimführten, den siebenzehenten Gewinn bekamen, dieselben nahmen auch mit ihrem Lohn den achtzehenten Gewinn hin, da sie mich auf ihren Karchen zu Schiff brachten, auf welchem ich den Rhein hinunter bis nach Zwolle gebracht wurde, und ist mir unmöglich alles zu erzählen, wer alls unterwegs sein Gebühr an Zöllen und anderen und also auch einen Gewinn von meinetwegen empfangen, denn ich war dergestalt eingepackt, daß ichs nicht wissen konnte.
Zu Zwolle genoß ich wiederum ein kurze Ruhe, denn ich wurde daselbsten von der mittlern oder engländischen War ausgesondert, wiederum von neuem anatomiert und gemartert, in der Mitten voneinander gerissen, geklopft und gehechelt, bis ich so rein und zart wurde, daß man wohl reiner Ding als Klosterzwirn aus mir hätt spinnen mögen; danach wurde ich nach Amsterdam gefertigt, alldorten gekauft und verkauft und dem weiblichen Geschlecht übergeben, welche mich auch zu zartem Garn machten und mich unter solcher Arbeit gleichsam all Augenblick küßten und leckten; also daß ich mir einbilden mußte, alles mein Leiden würde dermaleins sein Endschaft erreicht haben; aber kurz hernach wurde ich gewaschen, gewunden, dem Weber unter die Händ geben, gespult, mit einer Schlicht gestrichen, an Weberstuhl gespannet, gewebt und zu einer feinen holländischen Leinwand gemacht, folgends gebleicht und einem Kaufherrn verkauft, welcher mich wiederum ellenweis verhandelte; bis ich aber so weit kam, erlitt ich viel Abgang; das erste und gröbste Werg so von mir abging wurde zu Lunten gesponnen, in Kuhdreck gesotten und hernach verbrannt, aus dem andern Abgang spannen die alten Weiber ein grobes Garn, welches zu Zwilch und Sacktaffet gewebt wurde, der dritte Abgang gab ein ziemlich grobes Garn, welches man Bärtlein-Garn nennet, und doch für hanfen verkauft wurde, aus dem vierten Abgang wurde zwar ein Spinner-Garn und Tuch gemacht, es mochte mir aber nicht gleichen; geschweige jetzt der gewaltigen Seile, die aus meinen Kameraden, den anderen Hanfstengeln, daraus man Schleißhanf machte, zugerichtet wurden. Also daß mein Geschlecht den Menschen trefflich nutz, ich auch beinahe nicht erzählen kann, was ein und anders für Gewinn von denselbigen schöpfet; den letzten Abgang litt ich selbst, als der Weber ein paar Knäul Garn von mir nach den diebischen Mäusen warf.
Von obgemeldtem Kaufherren erhandelte mich eine Edelfrau, welche das ganze Stück Tuch zerschnitt und ihrem Gesind zum neuen Jahr verehrete, da wurde derjenige Partikel, davon ich mehrenteils meinen Ursprung hab, der Kammermagd zuteil, welche ein Hemd daraus machte und trefflich mit mir prangte; da erfuhr ich, daß es nicht alle Jungfern sind, die man so nennet, denn nicht allein der Schreiber sondern auch der Herr selbsten wußten sich bei ihr zu behelfen, weil sie nicht häßlich war; solches hatte aber die Läng keinen Bestand, denn die Frau sah einsmals selbsten, wie ihre Magd ihre Stell vertrat, sie bollert' aber deswegen drum nicht so gar greulich, sondern tat als eine vernünftige Dame, zahlt' ihre Magd aus und gab ihr einen freundlichen Abschied; dem Junkern aber gefiel es nicht beim besten, daß ihm solch Fleisch aus den Zähnen gezogen wurde, sagte derowegen zu seiner Frauen, warum sie diese Magd abschaffe, die doch ein so hurtig, geschicktes und fleißigs Mensch sei; sie aber antwortet': ›Lieber Junker, seid nur ohnbekümmert, ich will hinfort ihre Arbeit schon selber versehen.‹
Hierauf begab sich meine Jungfer mit ihrer Bagage, darunter ich ihr bestes Hemd war, in ihr Heimat nach Cammerich und brachte einen ziemlich schweren Beutel mit sich, weil sie vom Herrn und der Frauen ziemlich viel verdienet und solchen ihren Lohn fleißig zusammengespart hatte, daselbst fand sie keine so fette Küchen als sie eine verlassen müssen, aber wohl etliche Buhler, die sich in sie vernarreten und ihr beides zu waschen und zu nähen brachten, weil sie ein Profession daraus machte und sich damit zu ernähren gedachte; unter solchen war ein junger Schnauzhahn, dem sie das Seil über die Hörner warf und sich für ein Jungfer verkaufte; die Hochzeit wurde gehalten; weil aber nach verflossenem Küßmonat genugsam erschien, daß sich beider jungen Eheleute Vermögen und Einkommen nit so weit erstreckte, sie zu unterhalten, wie sie bisher bei ihren Herrn gewohnet gewesen, zumalen eben damal im Land von Luxemburg Mangel an Soldaten erschien, also wurde meiner jungen Frauen Mann ein Kornett, vielleicht deswegen, weil ihm ein anderer den Raum abgehoben und Hörner aufgesetzt hatte. Damal fing ich an ziemlich dürr und brechhaftig zu werden, derowegen zerschnitt mich meine Frau zu Windeln, weil sie ehestens eines jungen Erben gewärtig war; von demselbigen Bankert wurde ich nachgehends, als sie genesen, täglich verunreinigt und ebensooft wieder ausgewaschen, welches uns denn endlich so blöd machte, daß wir hierzu auch nichts mehr taugten und derowegen von meiner Frauen gar hingeworfen, von der Wirtin im Haus aber (welche gar ein gute Haushälterin war) wieder aufgehoben, ausgewaschen und zu andern dergleichen alten Lumpen auf die obere Bühn gelegt wurden; daselbst mußten wir verharren, bis ein Kerl von Spinal kam, der uns von allen Orten und Enden her versammlet' und mit sich heim in eine Papiermühl führte; daselbst wurden wir etlichen alten Weibern übergeben, die uns gleichsam zu lauter Streichpletzen zerrissen, allwo wir denn mit einem rechten Jammergeschrei unser Elend einander klagten; damit hats aber drum noch kein End, sondern wir wurden in der Papiermühl gleich einem Kinderbrei zerstoßen, daß man uns wohl für kein Hanf- oder Flachsgewächs mehr hätte erkennen mögen, ja endlich eingebeizt in Kalk und Alaun und gar in Wasser zerflößt, also daß man wohl von uns mit Wahrheit hätte sagen können, wir seien ganz vergangen gewesen; aber unversehens wurde ich zu einem feinen Bogen Schreibpapier kreiert, durch andere mehr Arbeiten neben anderen meinen Kameraden mehr erstlich in ein Buch, endlich in ein Ries, und alsdann erst wieder unter die Preß gefördert, zuletzt zu einem Ballen gepackt und die einstehende Meß nach Zurzach gebracht, daselbst einem Kaufmann von Zürch verhandelt, welcher uns nach Haus brachte und dasjenige Ries, darin ich mich befand, einem Faktor oder Haushalter eines großen Herrn wieder verkaufte, der ein groß Buch oder Journal aus mir machte; bis aber solches geschah, ging ich den Leuten wohl sechsunddreißigmal durch die Hände, seit ich ein Lump' gewesen.
Dieses Buch nun, worin ich als ein rechtschaffner Bogen Papier auch die Stell zweier Blätter vertrat, liebte der Faktor so hoch als Alexander Magnus den Homerum; es war sein Virgilius, darin Augustus so fleißig studiert, sein Oppianus, darin Antonius Kaisers Severi Sohn so emsig gelesen; seine Commentarii Plinii Junioris, welche Largius Licinius so wert gehalten; sein Tertullianus, den Cyprianus allzeit in Händen gehabt, seine Paedia Cyri, welche sich Scipio so gemein gemacht; sein Philolaus Pythagoricus, daran Plato so großen Wohlgefallen getragen; sein Speusippus, den Aristoteles so hoch geliebt; sein Cornelius Tacitus, der Kaiser Tacitum so höchlich erfreut, sein Comminaeus, den Carolus Quintus vor allen Skribenten hochgeachtet, und in summa summarum seine Bibel, darinnen er Tag und Nacht studierte; zwar nicht deswegen, daß die Rechnung aufrichtig und just sein, sondern daß er seine Diebsgriff bemänteln, seine Untreu und Bubenstück bedecken und alles dergestalt setzen möchte, daß es mit dem Journale übereinstimme.
Nachdem nun bemeldtes Buch überschrieben war, wurde es hingestellt bis Herr und Frau den Weg aller Welt gingen, und damit genoß ich ein ziemliche Ruh, als aber die Erben geteilt hatten, wurde das Buch von denselben zerrissen und zu allerhand Packpapier gebraucht, bei welcher Occasion ich zwischen einen verbrämten Rock gelegt wurde, damit beides Zeug und Posamenten keinen Schaden litten, und also wurde hiehergeführt und nach der Wiederauspackung an diesen Ort kondemniert, den Lohn meiner dem menschlichen Geschlecht treu geleisten Dienste mit meinem endlichen Untergang und Verderben zu empfangen; wovor du mich aber wohl erretten könntest."
Ich antwortete: "Weil dein Wachstum und Fortzielung aus Feistigkeit der Erden, welche durch die Excrementa der Animalien erhalten werden muß, ihren Ursprung, Herkommen und Nahrung empfangen, zumalen du auch ohnedas solcher Materi gewohnet und von solchen Sachen zu reden ein grober Gesell bist, so ist billig, daß du wieder zu deinem Ursprung kehrest, wozu dich denn auch dein eigner Herr verdammt hat." Damit exequierte ich das Urteil; aber das Schermesser sagt': "Gleichwie du jetzunder mit mir prozedierest, also wird auch der Tod mit dir verfahren, wenn er dich nämlich wieder zur Erden machen wird, davon du genommen worden bist; und davor wird dich nichts fristen mögen, wie du mich für diesmal hättest erhalten können."

Das 13. Kapitel

Was Simplicius seinem Gastherren für das Nachtlager für eine Kunst gelehret

Ich hatte den Abend zuvor eine Spezifikation verloren aller meiner gewissen Künste, die ich etwa hiebevor geübet und aufgeschrieben hatte, damit ich solche nicht so leichtlich vergessen sollte, es stund aber drum nit dabei, welchergestalt und durch was Mittel solche zu praktizieren; zum Exempel setze ich den Anfang solches Verzeichnis hieher.
Lunten oder Zündstrick zuzurichten, daß er nicht rieche, als durch welchen Geruch oft die Musketierer verraten, und dero Anschläg zu nichts werden;
Lunten zuzurichten, daß sie brenne, wenn sie gleich naß wird.
Pulver zuzurichten, daß es nicht brenn, wenn man gleich einen glühenden Stahl hineinstecke welches den Festungen nützlich, die des gefährlichen Gasts eine große Quantität herbergen müssen;
Menschen oder Vögel allein mit Pulver zu schießen, daß sie ein Zeitlang für tot liegen bleiben, hernach aber ohne allen Schaden wieder aufstehen.
Einem Menschen eine doppelte Stärk ohne Eberswurzel und dergleichen verbotene Sachen zuwegen zu bringen.
Wenn man in Ausfällen verhindert wird, dem Feind seine Stück zu vernaglen, solche in Eil zuzurichten, daß sie zerspringen müssen.
Einem ein Rohr zu verderben, daß er alles Wildbret damit zu Holz schießt, bis es wiederum mit einer andern gewissen Materi ausgeputzt wird.
Das Schwarze in der Scheiben ehender zu treffen, wenn man das Rohr auf die Achsel legt und der Scheiben den Rücken kehrt, als wenn man gemeinem Gebrauch nach auflegt und anschlägt;
Ein gewisse Kunst, daß dich keine Kugel treffe.
Ein Instrument zuzurichten, vermittelst dessen man, sonderlich bei stiller Nacht, wunderbarlicher Weis alles hören kann, was in unglaublicher Ferne tönet oder geredt wird (so sonst ohnmenschlich und ohnmöglich), den Schildwachten und sonderlich in den Belagerungen sehr nützlich, etc.
Solchergestalt waren in besagter Spezifikation viel Künste beschrieben, welche mein Gastherr gefunden und aufgehoben hatte; derowegen trat er selber zu mir in die Kammer, wies mir das Verzeichnis und fragte, obs wohl möglich sei, daß diese Stück natürlicher Weise verrichtet werden könnten; er zwar könnte es schwerlich glauben, doch müsse er gestehen, daß in seiner Jugend, als er sich knabenweis bei dem Feldmarschallen von Schauenburg in Italia aufgehalten, von etlichen ausgeben worden wären, die Fürsten von Savoya seien alle vor den Kuglen versichert; solches hätte gedachter Feldmarschall an Prinz Thomae versuchen wollen, den er in einer Festung belagert gehalten; denn als sie einsmals beiderseits eine Stund Stillstand beliebt, die Toten zu begraben und Unterredung miteinander zu pflegen, hätte er einem Korporal von seinem Regiment, der für den gewissesten Schützen unter der ganzen Armee gehalten worden, Befehl geben, mit seinem Rohr, damit er auf fünfzig Schritt ein brennende Kerzen ohnausgelöscht putzen können, gedachtem Prinzen, der sich zur Konferenz auf die Brustwehr des Walls begeben, aufzupassen, und sobald die bestimmte Stund des Stillstands verflossen, ihm ein Kugel zuzuschicken; dieser Korporal hätte nun die Zeit fleißig in acht genommen; und mehr ermeldten Prinzen die ganze Zeit des Stillstands fleißig im Gesicht und vor seinem Absehen behalten; auch, als sich der Stillstand mit dem ersten Glockenstreich geendet und jeder von beiden Teilen sich in Sicherheit retiriert, auf ihn losgedrückt; das Rohr hätte ihm aber wider alles Vermuten versagt, und sei der Prinz, bis der Korporal wieder gespannt, hinter die Brustwehr kommen; worauf der Korporal dem Feldmarschall, der sich auch zu ihm in den Laufgraben begeben gehabt, einen Schweizer aus des Prinzen Garde gewiesen, auf welchen er gezielt und denselben dergestalt getroffen, daß er über und über gepurzelt; woraus denn handgreiflich abzunehmen gewesen, daß etwas an der Sach sei, daß nämlich kein Fürst von Savoya von Büchsenschüssen getroffen oder beschädigt werden möge; ob nun solches auch durch dergleichen Künste zuginge oder ob vielleicht dasselbe hohe fürstliche Haus ein absonderliche Gnad von Gott habe, weil es wie man sagt aus dem Geschlecht des königlichen Propheten Davids entsprossen, könnte er nicht wissen.
Ich antwortet: "So weiß ichs auch nicht; aber dies weiß ich gewiß, daß die verzeichneten Künste natürlich und keine Zauberei sind"; und wenn er ja solches nicht glauben wollte, so sollte er mir nur sagen, welche er für die verwunderlichste und ohnmöglichste halte, so wollte ich ihm dieselbige gleich probieren, doch sofern es eine sei, die nicht längere Zeit und andere Gelegenheit erfordere, als ich übrig hätte solche ins Werk zu setzen, weil ich gleich fortwandern und meine vorhabende Reis befördern müßte; darauf sagte er, dies käme ihm am unmöglichsten vor, daß das Büchsenpulver nicht brennen soll, wenn Feur dazu komme, ich würde denn zuvor das Pulver ins Wasser schütten; wenn ich solches natürlicherweis probieren könne, so wolle er von den andern Künsten allen, deren gleichwohl über die sechzig waren, glauben was er nicht sehe, und vor solcher Prob nicht glauben könne; ich antwortet, er sollte mir nur geschwind einen einzigen Schuß Pulver und noch eine Materia, die ich dazu brauchen müßte, samt Feuer herbeibringen, so würde er gleich sehen, daß die Kunst just sei; als solches geschah, ließ ich ihn der Gehörde nach prozedieren, folgends anzünden; aber da vermochte er nit mehr als etwa nach und nach ein paar Körnlein zu verbrennen, wiewohl er ein Viertelstund damit umging, und damit nichts anders ausrichtete, als daß er sowohl glühende Eisen als Lunten und Kohlen im Pulver selbst über solcher Arbeit auslöschte. "Ja", sagte er zuletzt, "jetzt ist aber das Pulver verderbt"; ich aber antwortet ihm mit dem Werk und macht das Pulver ohne einzigen Kosten ehender man 16 zählen konnte, daß es hinbrannte, da ers mit dem Feur kaum anrührte. "Ach!" sagte er, "hätte Zürch diese Kunst gewußt, so hätten sie verwichen so großen Schaden nit gelitten, als das Wetter in ihren Pulverturm schlug."
Wie er nun die Gewißheit dieser natürlichen Kunst gesehen, wollte er kurzum auch wissen, durch was Mittel ein Mensch sich vor den Büchsenkuglen versichern könnte; aber solches ihm zu kommunizieren war mir ungelegen; er setzte mir zu mit Liebkosungen und Verheißungen, ich aber sagte, ich bedürfe weder Geld noch Reichtum; er wendet' sich zu Bedrohungen, ich aber antwortet, man müßte die Pilger nach Einsiedeln passieren lassen; er rückte mir vor die Undankbarkeit für empfangne freundliche Bewirtung, hingegen hielt ich ihm vor, er hätte bereits genug von mir dafür gelernet; demnach er aber gar nicht von mir ablassen wollte, gedachte ich ihn zu betrügen; denn wer solche Kunst von mir entweder mit Lieb oder Gewalt erfahren wollen, hätte ein höhere Person sein müssen; und weil ich merkte, daß ers nicht achtete, obs mit Wörtern oder Kreuzen zuging, wenn er nur nicht geschossen würde, beschlug ich ihn auf dem Schlag wie mich Baldanders beschlagen, damit ich gleichwohl nicht zum Lügner würde, und er doch die rechte Kunst nit wüßte; maßen ich ihm folgenden Zettel dafür gab.
"Das Mittel folgender Schrift / behüt daß dich kein Kugel trifft.
Asa, vitom, rahoremarhi, ahe, menalem renah, oremi, nasiore ene, nahores, ore, eldit, ita, ardes, inabe, ine, nie, nei, alomade sas, ani, ita, ahe, elime, arnam, asa, locre, rahel, nei, vivet, aroseli, ditan, Veloselas, Herodan, ebi, menises, asa elitira, eve, harsari erida, sacer, elachimai, nei, elerisa."
Als ich ihm diesen Zettel zustellte, stellte er demselbigen auch Glauben zu, weil es so kauderwelsche Wort waren, die niemand verstehet, wie er vermeinete; aber gleichwohl wirkte ich mich solchergestalt von ihm los und verdiente die Gnad, daß er mir ein paar Taler auf den Weg zur Zehrung mitgeben wollte, aber ich schlug die Annehmung ab und ließ mich mehr als gern nur mit einem Frühstück abfertigen. Also marschierte ich den Rhein hinunter auf Eglisau zu, unterwegs aber blieb ich sitzen, wo der Rhein seinen Fall hat und mit großem Sausen und Brausen Teils seines Wassers gleichsam in Staub verwandelt.
Damals fing ich an zu bedenken, ob ich der Sach nit zu viel getan, indem ich meinen Gastherrn, der mich gleichwohl so freundlich bewirtet, mit Dargebung der Kunst hinters Licht geführt; vielleicht, gedachte ich, wird er diese Schrift und närrischen Wörter künftig seinen Kindern oder sonst seinen Freunden als ein gewisse Sach kommuniziern, die sich alsdann darauf verlassen, in unnötige Gefahr geben und darüber ins Gras beißen werden, ehe sie zeitig, wer wäre alsdann an ihrem frühen Tod anders schuldig als du? wollte derowegen wiederum zurücklaufen, einen Widerruf zu tun, weil ich aber sorgen mußte, wenn ich ihm wieder in die Kluppen käme, würde er mich härter als zuvor halten oder mir doch wenigst den Betrug eintränken; also begab ich mich ferners nach Eglisau, daselbst erbettelt ich Speis, Trank, Nachtherberg und einen halben Bogen Papier, darauf schrieb ich folgends: "Edler und frommer hochgeehrter Herr, ich bedanke mich nachmalen der guten Herberg und bitte Gott, daß ers dem Herrn wieder tausendfältig vergelten wolle, sonst hab ich Sorg, der Herr möchte sich vielleicht künftig zu weit in Gefahr wagen und Gott versuchen, weil er so eine treffliche Kunst von mir wider das Schießen gelernet; also habe ich den Herren warnen, und ihm die Kunst erläutern wollen, damit sie ihm vielleicht nicht zu unstatten und Schaden gereiche; ich hab geschrieben:
›Das Mittel der folgend Schrift / behüt daß dich kein Kugel trifft.‹
Solches verstehe der Herr recht und nehme aus jedem unteutschen Wort, als welche weder zauberisch noch sonst von Kräften sind, den mittlern Buchstaben heraus, setze sie der Ordnung nach zusammen so wird es heißen: ›Steh an ein Ordt, da niemant hinscheust, so bistu sicher.‹ Dem folge der Herr, denke meiner zum besten und bezeihe mich keines Betrugs, womit ich uns beiderseits Gottes Schutz befehle, der allein beschützet welchen er will. Dat. etc."
Des andern Tags wollte man mich nicht passieren lassen, weil ich kein Geld hatte, den Zoll zu entrichten, mußte derowegen wohl zwo Stund sitzen bleiben, bis ein ehrlicher Mann kam, der die Gebühr um Gotteswillen für mich darlegte; dasselbe muß mir aber sonst niemand als ein Henker gewesen sein, denn der Zöllner sagte zu ihm: "Wie dünkt Euch Meister Christian, getrauet Ihr wohl, an diesem Kerl einen zeitlichen Feierabend zu machen?" "Ich weiß nit", antwortet' Meister Christian, "ich hab meine Kunst noch nie an den Pilgern probiert, wie an Euersgleichen Zöllnern." Davon kriegte der Zöllner ein lange Nas, ich aber trollte fort Zürch zu; allwo ich auch erst mein Schreiben zurück auf Schaffhausen bestellte, weil mir nit geheur bei der Sach war.

Das 14. Kapitel

Allerhand Aufschneidereien des Pilgers, die einem auch in einem hitzigen Fieber nicht seltsamer vorkommen können

Damal erfuhr ich, daß einer nit wohl in der Welt fortkommt der kein Geld hat, wenn einer dessen zu seines Lebens Aufenthalt gleich gern entbehren wollte; andere Pilger, die Geld hatten und auch nach Einsiedeln wollten, saßen zu Schiff und ließen sich den See hinauf führen, da hingegen mußte ich durch Umweg zu Fuß forttanzen, keiner andern Ursachen halber, als weil ich den Fergen nit zu bezahlen vermochte; ich ließ mich solches aber mitnichten anfechten, sondern machte desto kürzere Tagreisen, und nahm mit allen Herbergen vorlieb wie sie mir anstunden, und hätte ich auch in einem Beinhäusel übernachten sollen; wenn mich aber irgends ein Vorwitziger meiner Seltsamkeit wegen aufnahm, um etwas Wunderlichs von mir zu hören, so traktierte ich denselben, wie ers haben wollte, und erzählte ihm allerhand Storgen, die ich hin und wieder auf meinen weiten Reisen gesehen, gehört und erfahren zu haben vorgab; schämte mich auch gar nicht, die Einfäll, Lügen und Grillen der alten Skribenten und Poeten vorzubringen und für eine Wahrheit darzugeben, als wenn ich selbst überall mit und dabei gewesen wäre; exempelsweis: ich hatte ein Geschlecht der pontischen Völker, so Thybii genannt, gesehen, die in einem Aug zween Augäpfel, in dem andern das Bildnis eines Pferds haben, und bewies solches mit Phylarchi Zeugnis; ich war beim Ursprung des Flusses Ganges bei den Astomis gewesen, die weder essen noch Mäuler haben, sondern nach Plinii Zeugnis allein durch die Nase vom Geruch sich ernähren; item bei den bithynischen Weibern in Scythia, und den Tribalis in Illyria, die zween Augäpfel in jedem Aug haben, maßen solches Apollonides und Hesigonus bezeugen; ich hatte vor etlichen Jahren mit den Einwohnern des Bergs Myli gute Kundschaft gehabt, welche wie Megasthenes sagt Füße haben wie die Füchs und an jedem Fuß acht Zehen; bei den Troglodytis gegen Niedergang wohnhaftig hatte ich mich auch ein Weil aufgehalten, welche wie Ktesias bezeugt weder Kopf noch Hals, sondern Augen, Maul und Nase auf der Brust stehen haben; nicht weniger bei Monoscelis oder Sciopodibus, die nur einen Fuß haben, damit sie den ganzen Leib vor Regen und Sonnenschein beschirmen, und dennoch mit solchem einzigen großen Fuß ein Hirsch überlaufen können; ich hatte gesehen die Anthropophagi in Scythia und die Caffres in India, die Menschenfleisch fressen; die Andabati, so mit zugetanen Augen streiten und in den Haufen schlagen; Agriophagi, die Löwen und Pantertierfleisch fressen; die Arimphei, so unter den Bäumen ohn alle Verwahrung sicher hineinschlafen; die Bactriani, welche so mäßig leben, daß bei ihnen kein Laster verhaßter ist als Fressen und Saufen; die Samojeden, die hinter der Moskau unter dem Schnee wohnen; die Insulaner im Sinu Persarum als zu Ormus, die wegen großer Hitz im Wasser schlafen; die Grönländer, deren Weiber Hosen tragen; die Berberi, welche alle die, so über 50 Jahre leben, schlachten und ihren Göttern opfern; die Indianer hinter der Magellanischen Straße, am Mare Pacifico, deren Weiber kurze Haar, die Männer selbst aber lange Zöpf tragen; die Condei, die sich von Schlangen ernähren; die Unteutschen hinter Livland, die sich zu gewissen Zeiten des Jahrs in Werwölf verwandeln, die Gapii, welche ihre Alten nach erlangtem siebzigstem Jahr mit Hunger hinrichten; die schwarzen Tartarn, deren Kinder ihre Zähn mit auf die Welt bringen; die Getae, so alle Ding, auch die Weiber gemein haben; die Himantopodes, welche auf der Erden kriechen wie die Schlangen; Brasilianer, so die Fremden mit Weinen, und die Mosineci, so ihre Gäst mit Prügeln empfangen; ja ich hatte auch die selenitischen Weiber gesehen, welche (wie Herodotus behauptet) Eier legen und Menschen draus hecken, die zehenmal größer werden als wir in Europa.
Also hatte ich auch viel wunderbarliche Brunnen gesehen, als am Ursprung der Weichsel einen, dessen Wasser zu Stein wird, daraus man Häuser bauet; item den Brunnen bei Zepusio in Ungarn, welches Wasser Eisen verzehrt, oder besser zu reden in eine Materiam verändert, aus der hernach durchs Feur Kupfer gemacht wird, da sich der Regen in Vitriol verändert; mehr daselbst einen giftigen Brunnen, dessen Wasser, wo der Erdboden damit gewässert wird, nichts anders als Wolfskraut hervorbringt, welcher wie der Mond ab- und zunimmt; mehr daselbst einen Brunnen, der Winterszeit warm, im Sommer aber nichts als lauter Eis ist, den Wein damit zu kühlen; ich hatte die zween Brunnen in Irland gesehen, darinnen das eine Wasser, wenn es getrunken wird, alt und grau, das ander aber hübsch jung macht; den Brunnen zu Engstlen im Schweizerland, welcher nie läuft, als wenn das Vieh auf der Weid zur Tränke kommt; item unterschiedliche Brunnen in Island, da ein heiß, der ander kalt Wasser, der dritte Schwefel, der vierte geschmolzen Wachs hervorbringt; mehr die Wassergruben zu St. Stephan gegen Saanenland in der Eidgenoßschaft, welche die Leut für ein Kalender brauchen, weil das Wasser trüb wird, wenn es regnen will, und hingegen sich klar erzeigt, wenn schön Wetter obhanden; nicht weniger den Schantlibach bei Ober-Nähenheim im Elsaß, welcher nit ehe fleußt, es solle denn ein groß Unglück, als Hunger, Sterben oder Krieg übers Land gehen; den giftigen Brunn in Arcadia, der Alexandrum Magnum ums Leben brachte; die Wasser zu Sybaris, welche die grauen Haar wieder schwarz machen; die Aquae Sinessuanae, die den Weibern die Unfruchtbarkeit benehmen; die Wasser in der Insel Aenaria, welche Grieß und Stein vertreiben; die zu Clitumno, darin die Ochsen weiß werden, wenn man sie damit badet; die zu Solennio, welche die Wunden der Liebe heilen; den Brunnen Aleos, dadurch das Feur der Liebe entzündet wird; den Brunnen in Persia daraus lauter Öl, und einen ohnfern von Kronweißenburg, daraus nur Karchsalb und Wagenschmier quillt; die Wasser in der Insel Naxo, darin man sich kann trunken trinken; den Brunnen Arethusam, darin lauter Zuckerwasser; auch wußte ich alle berühmten Paludes, Seen, Sümpf und Lachen zu beschreiben, als den See bei Zirknitz in Kärnten, dessen Wasser Fisch, zwo Ellen lang, hinterläßt, folgends, wenn solche gefangen, von den Bauren besamt, abgemähet und eingeerntet, hernach aber auf den Herbst wieder von sich selbst 18 Ellen tief mit Wasser angefüllt wird, welches den künftigen Frühling abermal ein solche Menge Fisch zum besten gibt; das Tote Meer in Judäa; den See Leomondo in der Landschaft Lemnos, welche 24 Meilen lang und viel Inseln, darunter auch eine schwimmende Insel hat, die mit Vieh und allem was drauf ist vom Wind hin und her getrieben wird; ich wußte zu sagen vom Federsee in Schwaben, vom Bodensee bei Konstanz, vorn Pilatussee auf dem Berg Fractmont, vom Camarin in Sicilia, von dem Lacu Bebeide in Thessalia, vom Gigeo in Lydia, vom Marette in Ägypten, vom Stymphalide in Arcadia, vom Lasconio in Bythinia, vom Icomede in Aethiopia, vom Thesprotio in Ambratia, vom Trasimeno in Umbria, vom Maeotide in Scythia, und vielen andern mehr.
So hatte ich auch alle namhaften Flüß in der Welt gesehen, als Rhein und Donau in Teutschland, die Elb in Sachsen, die Moldau in Böhmen, den Inn in Bayern, die Wolga in Reußen, die Thems in England, den Tagum in Hispania, den Amphrisum in Thessalia, den Nilum in Ägypten, den Jordan in Judäa, den Hypanim in Scythia, den Bagradam in Africa, den Gangem in India, Rio de la Plata in America, den Eurotam in Laconia, den Euphratem in Mesopotamia, die Tiber in Italia, den Cidnum in Cilicia, den Acheloum zwischen Aetolia und Acarnania, den Boristhenem in Thracia und den Sabbaticum in Syria, der nur sechs Tag fleußt und den siebenten verschwindet; item in Sicilia einen Fluß, in welchem nach Aristotelis Zeugnis die erwürgten und erstickten Vögel und Tier wieder lebendig werden; sodann auch den Gallum in Phrygia, welcher nach Ovidii Meinung unsinnig macht, wenn man draus trinkt; ich hatt auch des Plinii Brunnen zu Dodona gesehen und selbst probiert, daß sich die brennenden Kerzen auslöschen, die ausgelöschten aber anzünden, wenn man solche nur daran hält; so war ich auch bei dem Brunnen zu Apollonia gewesen, des Nymphaei Becher genannt, welcher denen so draus trinken, wie Theopompus meldet, alles Unglück zu verstehen gibt, so ihnen noch begegnen wird.
Gleichermaßen wußte ich auch von andern wunderbarlichen Dingen in der Welt aufzuschneiden, als von den Calaminischen Wäldern, die sich von einem Ort zum andern treiben lassen, wo man sie nur hin haben will; so war ich auch in dem Ciminischen Wald gewesen, allwo ich meinen Pilgerstab nit in die Erde stecken durfte, weil alles, was dort in die Erde kommt, stracks einwurzelt, daß mans nit wieder herauskriegen kann, sondern geschwind zu einem großen Baum wird; so hatte ich auch die zween Wälder gesehen, deren Plinius gedenkt, welche bisweilen dreieckicht, bisweilen viereckicht und bisweilen rund sind, nicht weniger den Felsen, den man zuzeiten mit einem Finger, bisweilen aber mit keiner Gewalt bewegen kann.
In Summa Summarum ich wußte von seltsamen und verwunderungswürdigen Sachen nit allein etwas daherzulügen, sondern hatte alles selbst mit meinen eignen Augen gesehen, und sollten es auch berühmte Gebäu als die sieben Wunderwerk der Welt, der babylonisch Turm und dergleichen Sachen gewesen sein, so vor vielen hundert Jahren abgangen; also machte ichs auch, wenn ich von Vögeln, Tieren, Fischen und Erdgewächsen zu reden kam, meinen Beherbergern, die solches begehrten, die Ohren damit zu krauen, wenn ich aber verständige Leut vor mir hatte, so hieb ich bei weitem nit so weit über die Schnur, und also brachte ich mich nach Einsiedeln, verrichtete dort meine Andacht und begab mich gegen Bern zu, nicht allein auch dieselbe Stadt zu beschauen, sondern von da durch Savoya nach Italia zu gehen.

Das 15. Kapitel

Wie es Simplicio in etlichen Nachtherbergen ergangen

Es glückte mir ziemlich auf dem Weg, weil ich treuherzige Leut fand, die mir von ihrem Überfluß beides Herberg und Nahrung gern mitteilten und das um soviel desto lieber, weil sie sahen, daß ich nirgends weder Geld fordert noch annahm, wenn man mir gleich ein Angster oder zween geben wollte; in der Stadt sah ich einen noch sehr jungen wohlgeputzten Menschen stehen, um welchen etliche Kinder liefen, die ihn Vater nenneten, weswegen ich mich denn verwundern mußte; denn ich wußte noch nicht, daß solche Söhn darum so jung heiraten, damit sie desto ehender Staatspersonen abgeben und desto früher auf die Präfekturen gesetzt werden möchten; dieser sah mich vor etlichen Türen bettlen, und da ich mit einem tiefen Bückling (denn ich konnte keinen Hut vor ihm abziehen, weil ich barhäuptig ging) bei ihm vorüber passieren wollte, ohne daß ich etlicher unverschämten Bettler Brauch nach ihn auf der Gassen angelaufen hätte, griff er in Sack und sagte: "Ha, warum forderst mir kein Almosen; sieh hier, da hast du auch ein Lutzer." Ich antwortet: "Herr, ich konnte mir leicht einbilden, daß Er kein Brot bei sich trägt, drum hab ich Ihn auch nicht bemühet; so trachte ich auch nicht nach Geld, weil den Bettlern solches zu haben nicht gebührt." Indessen sammlete sich ein Umstand von allerhand Personen, dessen ich denn schon wohl gewohnt war; er aber antwortet' mir: "Du magst mir wohl ein stolzer Bettler sein, wenn du das Geld verschmähest." "Nein Herr, Er belieb mir zu glauben", sagte ich, "daß ich dasselbe darum verachte, damit es mich nicht stolz machen soll." Er fragte: "Wo willst du aber herbergen, wenn du kein Geld hast?" Ich antwortet: "Wenn mir Gott und gute Leut gönnen, unter diesem Schopf mein Ruhe zu nehmen, die ich jetzt trefflich wohl bedarf, so bin ich schon versorgt und wohl content." Er sagte: "Wenn ich wüßte, daß du keine Läuse hättest, so wollte ich dich herbergen und in ein gut Bett legen." Ich hingegen antwortet, ich hätte zwar so wenig Läus als Heller, wüßte aber gleichwohl nicht, ob mir ratsam wär in einem Bett zu schlafen, weil mich solches verleckern und von meiner Gewohnheit hart zu leben abziehen möchte. Mit dem kam noch ein feiner reputierlicher alter Herr daher, zu dem sagte der junge: "Schauet um Gotteswillen einen andern Diogenem Cynicum!" "Ei, ei, Herr Vetter", sagt' der Alte, "was redet Ihr, hat er denn schon jemand angebollen oder gebissen, gebt ihm dafür ein Almosen und laßt ihn seins Wegs gehen." Der junge antwortet': "Herr Vetter, er will kein Geld, auch sonst nichts annehmen, was man ihm Guts tun will"; erzählte dem Alten darauf alles was ich geredt und getan hatte. "Ha!" sagt' der Alt, "viel Köpf viel Sinn"; gab darauf seinen Dienern Befehl, mich in ein Wirtshaus zu führen und dem Wirt gutzusprechen für alles, was ich dieselbe Nacht verzehren würde; der junge aber schrie mir nach, ich sollte bei Leib und Leben morgen frühe wieder zu ihm kommen, er wollte mir ein gute kalte Küch mit auf den Weg geben.
Also entrann ich aus meinem Umstand, da man mich mehr gehetzt, als ich beschreibe; kam aber aus dem Fegfeur in die Höll, denn das Wirtshaus stak voller trunkner und toller Leute, die mir mehr Dampfs antaten, als ich noch nie auf meiner Pilgerschaft erfahren; jeder wollte wissen wer ich wäre; der eine sagte ich wäre ein Spion oder Kundschafter, der ander sagte ich sei ein Wiedertäufer, der dritte hielt mich für einen Narren, der vierte schätzte mich für einen heiligen Propheten, die allermeisten aber glaubten ich wäre der ewig Jud, davon ich bereits oben Meldung getan, also daß sie mich beinahe dahin brachten aufzuweisen, daß ich nicht beschnitten wär; endlich erbarmt' sich der Wirt über mich, riß mich von ihnen und sagte: "Laßt mir den Mann ungeheiet, ich weiß nicht ob er oder ihr die größten Narren sind", und damit ließ er mich schlafen führen.
Den folgenden Tag verfügte ich mich vor des jungen Herrn Haus, das versprochen Frühstück zu empfangen; aber der Herr war nicht daheim, doch kam seine Frau mit ihren Kindern herunter, vielleicht meine Seltsamkeit zu sehen, davon ihr der Mann gesagt haben mochte; ich verstund gleich aus ihrem Diskurs (gleichsam als ob ichs hätte wissen müssen) daß ihr Mann beim Senat wäre und ohngezweifelte Hoffnung hätte, denselben Tag die Stell eines Landvogts oder Landamtmanns zu bekommen, ich sollte, sagte sie, nur noch ein wenig verziehen, er würde bald wieder daheimen sein; wie wir nun so miteinander redeten, tritt er die Gassen dort her und sah meinem Bedünken nach bei weitem so lustig nicht aus als gestern abend; sobald er unter die Tür kam, sagte zu ihm: "Ach Schatz, was seid Ihr worden?" Er aber lief die Stiegen hinauf und im Vorbeigehen sagte er zu ihr: "Ein Hundsfott bin ich worden." Da gedachte ich, ›hie wirds für diesmal schlechten guten Willen setzen‹, schlich derowegen allgemach von der Tür hinweg, die Kinder aber folgten mir nach sich übergenug zu verwundern, denn es geselleten sich andere zu, welchen sie mit großen Freuden rühmten, was ihr Vater für ein Ehrenamt bekommen: "Ja", sagten sie zu jeglichem, das zu ihnen kam, "unser Vater ist ein Hundsfott worden", welcher Einfalt und Torheit ich wohl lachen mußte.
Da ich nun merkte, daß es mir in den Städten bei weitem nicht so wohl ging als auf dem Land, setzte ich mir vor auch in keine Stadt mehr zu kommen, wenn es anders möglich sein könnte solche umzugehen; also behalf ich mich auf dem Land mit Milch, Käs, Zieger, Butter und etwa ein wenig Brot, das mir der Landmann mitteilete, bis ich beinahe die savoysche Grenzen überschritten hatte; einsmals wandelt ich in selbiger Gegend im Kot daher bis über die Knöchel gegen einen adeligen Sitz, als es eben regnete, als wenn mans mit Kübeln heruntergegossen hätte; da ich mich nun demselbigen adeligen Hause näherte, sah mich zu allem Glück der Schloßherr selbsten, dieser verwundert' sich nicht allein über meinen seltsamen Aufzug, sondern auch über meine Geduld; und weil ich in solchem starken Regenwetter nicht einmal unterzustellen begehrte, ohnangesehen ich daselbst Gelegenheit genug dazu hatte, hielt er mich beinahe für einen puren Narren; doch schickte er einen von seinen Dienern zu mir herunter, nicht weiß ich ob es aus Mitleiden oder Vorwitz geschah, der sagte, sein Herr begehre zu wissen wer ich sei, und was es zu bedeuten habe, daß ich so in dem grausamen Regenwetter um sein Haus daherum gehe.
Ich antwortet: "Mein Freund, sagt Eurem Herrn wiederum, ich sei ein Ball des wandelbaren Glücks; ein Exemplar der Veränderung und ein Spiegel der Unbeständigkeit des menschlichen Wesens; daß ich aber so im Ungewitter wandele, bedeute nichts anders, als daß mich, seit es zu regnen angefangen, noch niemand zur Herberg eingenommen." Als der Diener solches seinem Herrn wieder hinterbrachte, sagte er: "Dies sind keine Wort eines Narren, zudem ists gegen Nacht und so elend Wetter daß man keinen Hund hinausjagen sollte"; ließ mich derowegen ins Schloß und in die Gesindstuben führen, allwo ich meine Füße wusch und meinen Rock wieder trocknete.
Dieser Kavalier hatte einen Kerl, der war sein Schaffner, seiner Kinder Präzeptor und zugleich sein Schreiber, oder wie sie jetzt heißen wollen sein Sekretarius; der examinierte mich, woher, wohin, was Lands und was Stands? ich aber bekannt ihm alles wie mein Sach beschaffen, wo ich nämlich haushäblich, und auch als ein Einsiedler gewohnet und daß ich nunmehr willens wäre, die heiligen Örter hin und wieder zu besuchen, solches alles hinterbrachte er seinem Herrn wiederum, derowegen ließ mich derselbe bei dem Nachtessen an seine Tafel sitzen, da ich nit übel traktiert wurde und auf des Schloßherren Begehren alles wiederholen mußte, was ich zuvor seinem Schreiber von meinem Tun und Wesen erzählt hatte; er fragte auch allen Partikularitäten so genau nach, als wenn er auch dort zu Haus gewesen wäre; und da man mich schlafen führte, ging er selbsten mit dem Diener der mir vorleuchtete, und führte mich in ein solch wohl gerüstes Gemach, daß auch ein Graf darin hätte vorliebnehmen können; über welche allzu große Höflichkeit ich mich verwunderte und mir nichts anders einbilden konnte, als täte solches gegen mich aus lauter Andacht, weil ich meiner Einbildung nach das Ansehen eines gottseligen Pilgers hätte; aber es stak ein ander Que dahinter, denn da er mit dem Licht und seinem Diener unter die Tür kam, ich mich auch bereits gelegt hatte, sagte er: "Nun wohlan Herr Simplici! Er schlafe wohl; ich weiß zwar daß Er kein Gespenst zu fürchten pflegt, aber ich versichere Ihn, daß diejenigen so in diesem Zimmer gehen, sich mit keiner Karbatsch verjagen lassen"; damit schloß er das Zimmer zu und ließ mich in Sorg und Angst liegen.
Ich gedachte hin und her und konnte lang nit ersinnen, woher mich dieser Herr kennen müßte oder gekannt haben mochte, daß er mich so eigentlich mit meinem vorigen Namen nennete; aber nach langem Nachdenken fiel mir ein, daß ich einsmals, nachdem mein Freund Herzbruder gestorben, im Saurbrunnen von den Nachtgeistern mit etlichen Kavalieren und Studenten zu reden kommen; unter welchen zween Schweizer, so Gebrüder gewesen, Wunder erzählt, welchergestalt es in ihres Vaters Hause nicht nur bei Nacht sondern auch oft bei Tag rumore, denen ich aber Widerpart gehalten und mehr als vermessen behauptet, daß derjenige, so sich vor Nachtgeistern fürchte, sonst ein feiger Tropf sei; darauf sich der eine aus ihnen weiß angezogen, sich bei Nacht in mein Zimmer praktiziert und angefangen zu rumpeln, der Meinung mich zu ängstigen und alsdann, wenn ich mich entsetzen und aus Furcht still liegen bleiben würde, mir die Decke zu nehmen, nachgehends aber wenn der Poß solchergestalt abgehe, mich schrecklich zu vexieren und also meine Vermessenheit zu strafen; aber wie dieser anfing zu agieren, also daß ich drüber erwachte, wischte ich aus dem Bette und ertappte ohngefähr eine Karbatsch, kriegte auch gleich den Geist beim Flügel und sagte: "Holla Kerl, wenn die Geister weiß gehen, so pflegen die Mägd wie man sagt zu Weibern zu werden; aber hier wird der Herr Geist irr sein gangen", schlug damit tapfer zu, bis er sich endlich von mir entriß und die Tür traf. Da ich nun an diese Histori gedachte und meines Gastherren letztere Wort betrachtete, konnte ich mir ohnschwer einbilden, was die Glocke geschlagen; ich sagte zu mir selber: "Haben sie von den fürchterlichen Gespenstern in ihres Vaters Haus die Wahrheit gesagt, so liegst du ohn Zweifel in eben demjenigen Zimmer, darin sie am allerärgsten poltern; haben sie aber nur für die Langeweil aufgeschnitten, so werden sie dich gewißlich wieder karbeitschen lassen, daß du ein Weil dran zu dauen haben wirst." In solchen Gedanken stund ich auf, der Meinung irgends zum Fenster hinauszuspringen, es war aber überall mit Eisen so wohl vergittert, daß mirs ohnmöglich ins Werk zu setzen, und was das ärgste war, so hatte ich auch kein Gewehr, ja aufs äußerst auch meinen kräftigen Pilgerstab nit bei mir, mit welchem ich mich auf den Notfall trefflich gewehrt haben wollte; legte mich derowegen wieder ins Bette, wiewohl ich nicht schlafen konnte, mit Sorg und Angst erwartend, wie mir diese herbe Nacht gedeihen würde.
Als es nun um Mitternacht wurde, öffnete sich die Tür, wiewohl ich sie inwendig wohl verriegelt hatte; der erste so hineintrat, war ein ansehenliche gravitätische Person, mit einem langen weißen Bart, auf die antiquitätische Manier mit einem langen Talar von weißem Atlas und güldenen Blumen mit Genet gefüttert bekleidet; ihm folgten drei auch ansehenliche Männer; und indem sie eingingen, wurde auch das ganze Zimmer so hell, als wenn sie Fackeln mit sich gebracht hätten, obwohl ich eigentlich kein Licht oder etwas dergleichen sah; ich steckte die Schnauppe unter die Decke und behielt nichts haußen als die Augen, wie ein erschrockenes und furchtsams Mäuslein, das da in seiner Höhle sitzet und aufpasset zu sehen, ob es Bläsi sei oder nicht hervorzukommen; sie hingegen traten vor mein Bette und beschaueten mich wohl und ich sie hingegen auch; als solches ein gar kleine Weil gewähret hatte, traten sie miteinander in ein Eck des Zimmers, huben eine steinene Platten auf, damit der Ort besetzt war, und langten dort alle Zugehör heraus, die ein Barbier zu brauchen pflegt, wenn er jemand den Bart putzet; mit solchen Instrumenten kamen sie wieder zu mir, setzten ein Stuhl in die Mitte des Zimmers und gaben mit Winken und Deuten zu verstehen, daß ich mich aus dem Bette begeben, auf den Stuhl sitzen und mich von ihnen barbieren lassen sollte; weil ich aber still liegen blieb, griff der Vornehmste selbst an das Deckbett, solches aufzuheben und mich mit Gewalt auf den Stuhl zu setzen; da kann jeder wohl denken wie mir die Katz den Rücken hinausgelaufen, ich hielt die Decke fest und sagte: "Ihr Herrn was wollt ihr, was habt ihr mich zu scheren? ich bin ein armer Pilger der sonst nichts als seine eignen Haar hat, seinen Kopf beides vor Regen, Wind und Sonnenschein zu beschirmen; zudem sehe ich euch auch für kein Scherergesindel an, drum laßt mich ungeschoren." Darauf antwortet' der Vornehmste: "Wir sind freilich Erzscherer, aber du kannst uns helfen, mußt uns auch zu helfen versprechen, wenn du anders ungeschorn bleiben willst." Ich antwortet: "Wenn euer Hilf in meiner Macht stehet, so versprech ich zu tun alles was mir möglich und zu euer Hilf vonnöten sei; werdet nur derowegen sagen wie ich euch helfen soll." Hierauf sagte der Alte: "Ich bin des jetzigen Schloßherrn Urahne gewesen und hab mit meinem Vettern von Geschlecht N. um zwei Dörfer N. N., die er rechtmäßig inhatte, einen unrechtmäßigen Hader angefangen und durch Arglist und Spitzfindigkeit die Sach dahin gebracht, daß diese drei zu unsern willkürlichen Richtern erwählet wurden, welche ich sowohl durch Verheißung als Bedrohung dahin brachte, daß sie mir bemeldte beiden Dörfer zuerkannten; darauf fing ich an, dieselbigen Untertanen dergestalt zu scheren, schröpfen und zwacken, daß ich ein merklich Stück Geld zusammenbrachte, solches nun liegt in jenem Eck und ist bisher mein Scherzeug gewesen, damit mir meine Schererei widergolten werde; wenn nun dies Geld wieder unter die Menschen kommt (denn beide Dorfschaften sind gleich nach meinem Tode wieder an ihre rechtmäßigen Herrn gelangt) so ist mir so weit geholfen als du mir helfen kannst, wenn du nämlich diese Beschaffenheit meinem Urenkel erzählest, und damit er dir desto besseren Glauben zustelle, so lasse dich morgen in den sogenannten grünen Saal führen, da wirst du mein Conterfeit finden, vor demselben erzähle ihm, was du von mir gehört hast." Da er solches verbracht hatte, streckt' er mir die Hand dar und begehrte, ich sollte ihm mit gegebener Handtreu versichern, daß ich solches alles verrichten wollte; weil ich aber vielmal gehört hatte, daß man keinem Geist die Hand geben sollte, streckte ich ihm den Zipfel vom Leilachen dar, das brannt alsobald hinweg so weit ers in die Hand kriegte, die Geister aber trugen ihre Scherinstrumente wieder an vorigs Ort, deckten den Stein wieder drüber, stellten auch den Stuhl hin, wo er zuvor gestanden, und gingen wieder nacheinander zum Zimmer hinaus; indessen schwitzte ich wie ein Braten beim Feur und war doch noch so kühn, in solcher Angst einzuschlafen.

Das 16. Kapitel

Wie der Pilger wiederum aus dem Schloß abscheidet

Es war schon ziemlich lang Tag gewesen, als der Schloßherr mit seinem Diener wieder vor mein Bette kam: "Wohl! Herr Simplici", sagte er, "wie hats Ihm heint nacht zugeschlagen, hat Er keine Karbatsch vonnöten gehabt?" "Nein Monsieur", antwortet ich, "diese so hierinnen zu wohnen pflegen, brauchtens nicht wie derjenige so mich im Saurbrunnen foppen wollte." "Wie ists aber abgangen?" fragte er weiters, "fürchtet Er sich noch nicht vor den Geistern?" Ich antwortet: "Daß es ein kurzweilig Ding um die Geister sei, werde ich nimmermehr sagen; daß ich sie darum eben fürchte, werde ich nimmermehr gestehen; aber wie es abgangen, bezeuget zum Teil dies verbrennte Leilachen, und ich werde es dem Herrn erzählen, sobald er mich nur in seinen grünen Saal führet, allwo ich ihm des Prinzipalgeists, der bisher hierinnen gangen, wahres Conterfeit weisen soll." Er sah mich mit Verwunderung an und konnte sich leicht einbilden, daß ich mit den Geistern geredt haben müßte, weil ich nicht allein vom grünen Saal zu sagen wußte, den ich noch nie sonst von jemand hatte nennen hören, sondern auch weil das verbrennete Leilachen solches bezeugte. "So glaubt Er denn nun", sagte er, "was ich Ihm hiebevor im Saurbrunnen erzählt hab?" Ich antwortet: "Was bedarf ich des Glaubens, wenn ich ein Ding selbst weiß und erfahren habe?" "Ja", sagte er weiters, "tausend Gulden wollte ich drum schuldig sein, wenn ich dies Kreuz aus dem Haus hätte." Ich antwortet: "Der Herr geb sich nur zufrieden, er wird davon erledigt werden, ohne daß es ihn ein Heller kosten solle; ja er wird noch Geld dazu empfangen."
Mithin stund ich auf, und wir gingen stracks miteinander dem grünen Saal zu, welches zugleich ein Lustzimmer und Kunstkammer war; unterwegs kam des Schloßherrn Bruder an, den ich im Saurbrunnen karbeitscht hatte, denn ihn sein Bruder meinetwegen von seinem Sitz, der etwa zwo Stund von dannen lag, eilends holen lassen; und weil er ein ziemlich mürrisch aussah, besorgte ich mich, er sei etwa auf eine Rach bedacht, doch erzeigte ich im geringsten keine Furcht, sondern als wir in den gedachten Saal kamen, sah ich unter anderen kunstreichen Gemälden und Antiquitäten eben dasjenig Conterfeit, das ich suchte. "Dieser", sagte ich zu beiden Gebrüdern, "ist euer Urahne gewesen und hat dem Geschlecht von N. zwei Dörfer als N. und N. unrechtmäßigerweis abgedrungen, welche Dörfer aber jetzunder ihre rechtmäßigen Herrn wieder inhaben; von denselbigen Dörfern hat euer Urahne ein namhaftes Stück Geld erhoben und bei seinen Lebzeiten in demjenigen Zimmer darinnen ich heint gebüßt, was ich hiebevor im Saurbrunnen mit der Karbeitsch begangen, einmauren lassen, weswegen er denn samt seinen Helfern bishero an hiesigem Hause so schrecklich sich erzeigt"; wollten sie nun, daß er zur Ruhe komme und das Haus hinfort geheur sei, so möchten sie das Geld erheben und anlegen wie sie vermeinten, daß sie es gegen Gott verantworten können, ich zwar wollte ihnen weisen wo es läge, und alsdann in Gottes Namen meinen Weg weiters suchen. Weilen ich nun wegen der Person ihres Urahnen und beider Dörfer die Wahrheit geredet hatte, gedachten sie wohl, ich würde des verborgenen Schatzes halber auch nicht lügen; verfügten sich derowegen mit mir wiederum in mein Schlafzimmer, allwo wir die steinere Platt erhuben, daraus die Geister das Schererzeug genommen und wieder hingesteckt hatten; wir fanden aber anders nichts als zween irdene Hafen, so noch ganz neu schienen, davon der eine mit rotem, der ander aber weißem Sand gefüllt war, weswegen beide Brüder die gefaßte Hoffnung, dies Orts einen Schatz zu fischen, allerdings fallen ließen; ich aber verzagte drum nicht, sondern freute mich dermaleins die Gelegenheit zu haben, daß ich probieren könnte, was der wunderbarliche Theophrastus Paracelsus in seinen Schriften Tom. 9 in ›Philosophia occulta‹ von der Transmutation der verborgenen Schätze schreibt; wanderte derowegen mit den beiden Hafen und in sich habenden Materien in die Schmiede, die der Schloßherr im Vorhof des Schlosses stehen hatte, setzte sie ins Feur und gab ihnen ihre gebührliche Hitz, wie man sonst zu prozedieren pflegt, wenn man Metall schmelzen will, und nachdem ichs von sich selbsten erkalten ließ, fanden wir in dem einen Hafen eine große Massa Dukatengold, in dem andern aber einen Klumpen vierzehenlötig Silber, und konnten also nicht wissen, was es für Münze gewesen war; bis wir nun mit dieser Arbeit fertig wurden, kam der Mittag herbei, bei welchem Imbiß mir nicht allein weder Essen noch Trinken schmecken wollte, sondern mir wurde auch so übel, daß man mich zu Bett bringen mußte, nicht weiß ich, war es die Ursach, daß ich mich etliche Tag zuvor im Regenwetter gar unbescheiden mortifiziert oder daß mich die verwichne Nacht die Geister so erschreckt hatten.
Ich mußte wohl zwölf Tag des Bettes hüten, und hätte ohne Sterben nicht kränker werden können; ein einziger Aderlaß bekam mir trefflich neben der Gutwartung die ich empfing. Indessen hatten beide Gebrüder ohne mein Wissen einen Goldschmied holen und die zusammengeschmolzenen Massaten probieren lassen, weil sie sich eines Betrugs besorgten; nachdem sie nun dieselbigen just befunden, zumalen sich kein Gespenst im ganzen Hause mehr merken ließ, wußten sie beinahe nicht zu ersinnen, was sie mir nur für Ehr und Dienst erweisen sollten; ja sie hielten mich allerdings für einen heiligen Mann, dem alle Heimlichkeiten ohnverborgen, und der ihnen von Gott insonderheit zugeschickt worden wäre, ihr Haus wiederum in richtigen Stand zu setzen; derowegen kam der Schloßherr selbst schier nie von meinem Bette, sondern freute sich, wenn er nur mit mir diskurrieren konnte, solches währete, bis ich meine vorige Gesundheit wieder völlig erlangte.
In solcher Zeit erzählte mir der Schloßherr ganz offenherzig, daß (als er noch ein junger Knab gewesen) sich ein frevler Landstörzer bei seinem Herrn Vater angemeldet und versprochen den Geist zu fragen, und dadurch das Haus von solchem Ungeheuer zu entledigen; wie er sich dann auch zu solchem Ende in das Zimmer, darin ich über Nacht liegen müssen, einsperren lassen; da seien aber eben diejenigen Geister in solcher Gestalt, wie ich sie beschrieben hätte, über ihn hergewischet, hätten ihn aus dem Bette gezogen, auf ein Sessel gesetzt, ihn seines Bedünkens gezwackt, geschoren und bei etlichen Stunden dergestalt tribuliert und geängstigt, daß man ihn am Morgen halb tot dort liegend gefunden; es sei ihm auch Bart und Haar dieselbe Nacht ganz grau worden, wiewohl er den Abend als ein dreißigjähriger Mann mit schwarzen Haarn zu Bette gangen sei; gestund mir auch daneben, daß er mich keiner andern Ursachen halber in solches Zimmer gelegt, als seinen Bruder an mir zu revanchieren und mich glauben zu machen, was er vor etlichen Jahren von diesen Geistern erzählet und ich nicht glauben wollen; bat mich mithin zugleich um Verzeihung und obligierte sich die Tag seines Lebens mein getreuer Freund und Diener zu sein.
Als ich nun wiederum allerdings gesund worden und meinen Weg ferner nehmen wollte, offerierte er mir die Pferd, Kleidung und ein Stück Geld zur Zehrung; weil ich aber alles rund abschlug, wollte er mich auch nicht hinweglassen, mit Bitt, ich wollte ihn doch nicht zum allerundankbarsten Menschen in der Welt machen, sondern aufs wenigst ein Stück Geld mit auf den Weg annehmen, wenn ich je in solchem armseligen Habit meine Wallfahrt zu vollenden bedacht wäre. "Wer weiß", sagte er, "wo es der Herr bedarf?" Ich mußte lachen, und sagte: "Mein Herr, es gibt mich wunder wie Er mich einen Herrn nennen mag, da Er doch siehet, daß ich mit Fleiß ein armer Bettler zu verbleiben suche." "Wohl", antwortet' er, "so verbleibe Er denn Sein Lebtag bei mir und nehme Sein Almosen täglich an meiner Tafel." "Herr", sagte ich hingegen, "wenn ich solches tät, so wäre ich ein größerer Herr als Er selbsten; wie würde aber alsdann mein tierlicher Leib bestehen, wenn er so ohne Sorg wie der reiche Mann auf den alten Kaiser hineinlebte? würden ihn so gute Tage nicht gumpen machen? will mein Herr mir aber je eine Verehrung tun, so bitte ich Er lasse mir meinen Rock füttern, weil es jetzt auf den Winter losgehet." "Nun gottlob", antwortet' er, "daß sich gleichwohl etwas findet meine Dankbarkeit zu bezeugen"; darauf ließ er mir einen Schlafpelz geben, bis mein Rock gefüttert wurde, welches mit wollenem Tuch geschah, weil ich kein ander Futter annehmen wollte. Als solches geschehen, ließ er mich passieren und gab mir etliche Schreiben mit, selbige unterwegs an seine Verwandten zu bestellen, mehr mich ihnen zu rekommendieren als daß er viel Nötigs zu berichten gehabt hätte.

Das 17. Kapitel

Wasmaßen er über das Mare mediterraneum nach Ägypten fährt und an das Rote Meer verführt wird

Also wandert ich dahin, des Vorsatzes die allerheiligsten und berühmtesten Örter der Welt in solchem armen Stand zu besuchen, denn ich bildete mir ein, daß Gott einen sonderbaren gnädigen Blick auf mich geworfen, ich gedachte er hätte ein Wohlgefallen an meiner Geduld und freiwilligen Armut und würde mir derowegen wohl durchhelfen, wie ich denn in gemeldtem Schlosse dessen göttliche Hilf und Gnad handgreiflich verspürt und genossen. In meiner ersten Nachtherberg gesellete sich ein Läuferbote zu mir, der vorgab, er sei bedacht ebenden Weg zu gehen, den ich vor mir hätte, nämlich auf Loretten; weilen ich nun den Weg nicht wußte noch die Sprach recht verstund, er aber vorgab, daß er kein sonderlicher schneller Läufer wäre, wurden wir eins beieinander zu bleiben und einander Gesellschaft zu leisten; dieser hatte gemeiniglich auch an den Enden zu tun, wo ich meines Schloßherrn Schreiben abzulegen hatte, allwo man uns denn fürstlich traktierte; wenn er aber in einem Wirtshaus einkehren mußte, nötigte er mich zu sich und zahlte für mich aus, welches ich die Länge nicht annehmen wollte, weil mich däuchte, ich würde ihm auf solche Weis seinen Lohn, den er so säurlich verdienen mußte, verschwenden helfen; er aber sagte, er genieße meiner auch wo ich Schreiben zu bestellen habe, als wo er meinetwegen schmarotzen und sein Geld sparen können. Solchergestalt überwanden wir das hohe Gebirg und kamen miteinander in das fruchtbare Italia, da mir mein Gefährt erst erzählete, daß er von obgedachtem Schloßherren abgefertigt wäre mich zu begleiten und zehrfrei zu halten, bat mich derowegen, daß ich ja bei ihm vorliebnehmen und das freiwillige Almosen, das mir sein Herr nachschickte, nit verschmähen, sondern lieber als dasjenige genießen wollte, das ich erst von allerhand ohnwilligen Leuten erpressen müßte; ich verwundert mich über dieses Herren redlich Gemüt, wollte aber drum nicht, daß der verstellte Bot länger bei mir bleiben noch etwas mehrers für mich auslegen sollte; mit Vorwand, daß ich allbereit mehr als zuviel Ehr und Guttaten von ihm empfangen, die ich nicht zu widergelten getraute; in Wahrheit aber hatte ich mir vorgesetzt, allen menschlichen Trost zu verschmähen und in niedrigster Demut, Kreuz und Leiden mich allein an den lieben Gott zu lassen; ich hätte auch von diesem Gefährten weder Wegweisung noch Zehrung angenommen, wenn nur bekannt gewesen, daß er zu solchem End abgefertigt worden wäre.
Als er nun sah, daß ich kurzrund seine Beiwohnung nicht mehr haben wollte, sondern mich von ihm wandte, mit Bitt seinen Herren meinetwegen zu grüßen und ihm nachmalen für alle erzeugten Wohltaten zu danken, nahm er einen traurigen Abscheid und sagt': "Nun wohlan denn werter Simplici, ob Ihr zwar jetzt nicht glauben möchtet, wie herzlich gern Euch mein Herr Guts tun möchte, so werdet Ihrs jedoch erfahren, wenn Euch das Futter im Rock zerbricht oder Ihr denselben sonst ausbessern wollt"; und damit ging er davon als wenn ihn der Wind hinjagte.
Ich gedachte: "Was mag der Kerl mit diesen Worten andeuten? ich will ja nimmermehr glauben, daß seinen Herren dies Futter reuen werde; nein Simplici", sagte ich zu mir selbst, "er hat diesen Boten ein so weiten Weg auf seine Kosten nicht geschickt, mir erst hier aufzurufen, daß er meinen Rock füttern lassen, es stecket etwas anders dahinter." Wie ich nun den Rock visitierte, befand ich daß er unter die Näht ein Dukaten an den andern hatte nähen lassen, also daß ich ohne mein Wissen ein groß Stück Geld mit mir davongetragen; davon wurde mir mein Gemüt ganz unruhig, also daß ich gewollt, er hätte das Seinig behalten; ich machte allerhand Gedanken, wozu ich solches Geld anlegen und gebrauchen wollte, bald gedachte ichs wieder zurückzutragen und bald vermeinte ich wieder eine Haushaltung damit anzustellen oder mir irgendeine Pfründ zu kaufen; aber endlich beschloß ich, durch solche Mittel Jerusalem zu beschauen, welche Reis ohne Geld nicht zu vollbringen.
Demnach begab ich mich den geraden Weg auf Loretten und von dannen nach Rom; als ich mich daselbst ein Zeitlang aufgehalten, meine Andacht verrichtet und Kundschaft zu etlichen Pilgern gemacht hatte, die auch gesinnet waren, das Heilig Land zu beschauen, ging ich mit einem Genueser aus ihnen in sein Vaterland; daselbst sahen wir uns nach Gelegenheit um, über das Mittelländische Meer zu kommen; trafen auch auf geringe Nachfrag gleich ein geladen Schiff an, welches fertig stund mit Kaufmannsgütern nach Alexandriam zu fahren und nur auf gute Wind wartete; ein wunderlichs, ja göttlichs Ding ist ums Geld bei den Weltmenschen! der Patron oder Schiffherr hätte mich meines elenden Aufzugs halber nit angenommen, wenn ich gleich eine güldene Andacht und hingegen nur bleiern Geld gehabt hätte, denn da er mich das erstemal sah und hörete, schlug er mein Begehren rund ab; sobald ich ihm aber eine Handvoll Dukaten wies, die zu meiner Reise employiert werden sollen, war der Handel ohn einzigs ferners Bitten bei ihm schon richtig, ohne daß wir uns um den Schifflohn miteinander verglichen; worauf er mich selber instruierte, mit was für Proviant und andern Notwendigkeiten ich mich auf die Reis versehen sollte; ich folgte ihm wie er mir geraten und fuhr also in Gottes Namen mit ihm dahin.
Wir hatten auf der ganzen Fahrt Ungewitters oder widerwärtigen Winds halber keine einzige Gefahr, aber den Meerräubern, die sich etlichemal merken ließen und Mienen machten uns anzugreifen, mußte unser Schiffherr oft entgehen, maßen er wohl wußt, daß er wegen seines Schiffs Geschwindigkeit mehr mit der Flucht als sich zu wehren gewinnen könnte; und also langten wir zu Alexandria an, ehender als sichs alle Seefahrer auf unserem Schiff versehen hatten, welches ich für ein gut Omen hielt, meine Reis glücklich zu vollenden. Ich bezahlte mein Fracht und kehrte bei den Franzosen ein, die alldorten jeweils sich aufzuhalten pflegen, von welchen ich erfuhr, daß für diesmal meine Reis nach Jerusalem fortzusetzen ohnmöglich sei, indem der türkische Bassa zu Damasco eben damals in armis begriffen und gegen seinen Kaiser rebellisch war, also daß keine Karawane, sie wäre gleich stark oder schwach gewesen, aus Ägypten nach Judäam passieren mögen, sie hätte sich denn freventlich alles zu verlieren in Gefahr geben wollen.
Es war damals eben zu Alexandria, welches ohnedas ein ungesunde Luft zu haben pflegt, eine giftige Kontagion eingerissen, weswegen sich viel von da anderwärtlich hin retirierten, sonderlich europäische Kaufleut, so das Sterben mehr fürchten als Türken und Araber; mit einer solchen Compagnia begab ich mich über Land auf Rosseten, einen großen Flecken am Nilo gelegen; daselbst saßen wir zu Schiff und fuhren auf dem Nilo mit völligem Segel aufwärts, bis an ein Ort so ohngefähr ein Stund Wegs von der großen Stadt Alkayr gelegen, auch Alt-Alkayr genennt wird; und nachdem wir allda schier um Mitternacht ausgestiegen, unsere Herbergen genommen und des Tags erwartet, begaben wir uns vollends nach Alkayr, der jetzigen rechten Stadt, in welcher ich gleichsam allerhand Nationen antraf; daselbst gibt es auch ebenso vielerlei seltsame Gewächs als Leute, aber was mir am allerseltsamsten vorkam, war dieses, daß die Einwohner hin und wieder in dazu gemachten Öfen viel hundert junge Hühner ausbrüteten, zu welchen Eiern nit einmal die Hennen kamen, seit sie solches gelegt hatten, und solchem Geschäft warten gemeiniglich alte Weiber ab.
Ich hab zwar niemalen keine so große volkreiche Stadt gesehen, da es wohlfeiler zu zehren als eben an diesem Ort; gleichwie aber nichtsdestoweniger meine übrigen Dukaten nach und nach zusammengingen, wenns schon nit teur war, also konnte ich mir auch leicht die Rechnung machen, daß ich nit erharren würde können, bis sich der Aufruhr des Bassae von Damasco legen und der Weg sicher werden würde, meinem Vorhaben nach Jerusalem zu besuchen; verhängte derowegen meinen Begierden den Zügel andere Sachen zu beschauen, wozu mich der Vorwitz anreizte; unter andern war jenseit des Nili ein Ort, da man die Mumia gräbt, den besichtigt ich etlichmal, item an einem Ort die beiden Pyramides Pharaonis und Rhodope; machte mir auch den Weg dahin so gemein, daß ich fremde Unkennliche alleinig dahin führn durfte; aber es gelang mir zum letztenmal nit beim besten; denn als ich einsmals mit etlichen zu den ägyptischen Gräbern ging, Mumia zu holen, wobei auch fünf Pyramides stehen, kamen uns einige arabische Räuber auf die Haube, welche der Orten die Straußenfänger zu fangen ausgangen waren; diese kriegten uns bei den Köpfen und führten uns durch Wildnisse und Abweg an das Rote Meer, allwo sie den einen hier den andern dort verkauften.

Das 18. Kapitel

Der wilde Mann kommt mit großem Glück und vielem Geld wiederum auf freien Fuß

Ich allein blieb überig, denn als vier vornehmste Räuber sahen, daß die närrischen Leute sich über meinen großmächtigen Schweizer- und Kapuzinerbart und langes Haar, dergleichen sie zu sehen nicht gewohnt waren, verwunderten, gedachten sie sich solches zunutz zu machen; nahmen mich derowegen für ihren Part, sonderten sich von ihrer übrigen Gesellschaft, zogen mir meinen Rock aus und bekleideten mich um die Scham mit einer schönen Art Moos, so in Arabia felice in den Wäldern an etlichen Bäumen zu wachsen pflegt, und weil ich ohnedas barfuß und barhäuptig zu gehen gewohnet war, gab solches ein überaus seltsames und fremdes Ansehen; solchergestalt führten sie mich als einen wilden Mann in den Flecken und Städten am Roten Meer herum und ließen mich um Geld sehen, mit Vorgeben, sie hätten mich in Arabia deserta fern von aller menschlichen Wohnung gefunden und gefangen bekommen; ich durfte bei den Leuten kein Wort reden, weil sie mir, wenn ichs tun würde, den Tod drohten, welches mich schwer ankam, dieweil ich allbereit etwas wenigs Arabisch lallen konnte; hingegen war mirs erlaubt, wenn ich mich allein bei ihnen befand; da ließ ich mich denn gegen sie vernehmen, daß mir ihr Handel wohlgefalle, welches ich auch genoß, denn sie unterhielten mich mit Speis und Trank so gut als sie es selbst gebrauchten, welches gemeiniglich Reis und Schaffleisch war; so erhielt ich auch von ihnen, daß ich mich bei Nacht und sonst unter Tags auf der Reis, wenn es etwas kalt war, mit meinem Rock beschirmen durfte, in welchem noch etliche Dukaten staken.
Solchergestalt fuhr ich über das Rote Meer, weil meine vier Herren den Städten und Marktflecken, die beiderseits daran gelegen, nachzogen; diese sammelten mit mir in kurzer Zeit ein großes Geld, bis wir endlich in eine große Handelstadt kamen, allwo ein türkischer Bassa Hof hält und sich ein Menge Leut von allerhand Nationen aus der ganzen Welt befinden, weil alldorten die indianischen Kaufmannsgüter ausgeladen und von dannen über Land nach Aleppo und Alkayr, von dorten aber fürders auf das Mittelländische Meer geschafft werden; daselbsten gingen zween von meinen Herrn, nachdem sie Erlaubnis von der Obrigkeit bekommen, mit Schalmeien an die vornehmsten Örter der Stadt und schrien ihrer Gewohnheit nach aus, wer einen wilden Mann sehen wollte, der in der Wüstenei des steinigen Arabiae gefangen worden wäre, der sollte sich da und da hin verfügen; indessen saßen die andern beiden bei mir im Losament und zierten mich, das ist, sie kämpelten mir Haar und Bart beim zierlichsten und hatten größere Sorg dazu, als ich meine Tage jemal getan, damit ja kein Härlein davon verloren würde, weil es ihnen soviel eintrug; hernach sammlete sich das Volk in unglaublicher Menge mit großem Gedräng, unter welchem sich auch Herrn befanden, denen ich an der Kleidung wohl ansah, daß es Europäer waren. Nun, gedachte ich, jetzt wird deine Erlösung nahen, und deiner Herrn Betrug und Buberei offenbaren; jedoch schwieg ich noch solang still, bis ich etliche aus ihnen Hoch- und Niederteutsch, etliche Französisch und ander Italienisch reden hörte; als nun einer dies und der ander jenes Urteil von mir fällte, konnte ich mich nicht länger enthalten, sondern brachte noch so viel verlegen Latein (damit mich alle Nationes in Europa auf einmal verstehen sollen) zusammen, daß ich sagen konnte: "Ihr Herrn, ich bitte euch allesamt um Christi unsers Erlösers willen, daß ihr mich aus den Händen dieser Räuber erretten wollet, die schelmischerweis ein Spektakul mit mir anstellen." Sobald ich solches gesagt, wischte einer von meinen Herrn mit dem Säbel heraus, mir das Reden zu legen, wiewohl er mich nicht verstanden; aber die redlichen Europäer verhinderten sein Beginnen; darauf sagte ich ferner auf französisch: "Ich bin ein Teutscher, und als ich pilgersweis nach Jerusalem wallfahrten wollte, auch mit genugsamen Paßbriefen von den Bassen zu Alexandria und dem zu Alkayr versehen gewesen, aber wegen des damaszenischen Kriegs nicht fortkommen mochte, sondern mich ein Zeitlang zu Alkayr aufhielt, Gelegenheit zu erwarten meine Reis zu vollenden, haben mich diese Kerl ohnweit besagter Stadt neben andern mehr ehrlichen Leuten diebischerweis hinweggeführt, und bisher Geld mit mir zu sammlen viel tausend Menschen betrogen." Folgends bat ich die Teutschen, sie wollten mich doch der Landsmannschaft wegen nicht verlassen; interim wollten sich meine unrechtmäßigen Herrn nicht zufrieden geben, weilen aber unterm Umstand Leut von der Obrigkeit von Alkayr hervortraten, die bezeugten, daß sie mich vor einem halben Jahr in ihrem Vaterland bekleidet gesehen hätten, beriefen sich hierauf die Europäer vor den Bassa, vor welchem zu erscheinen meine vier Herrn genötigt worden; von demselben wurde nach gehörter Klag und Antwort auch der beiden Zeugen Aussag zu Recht erkannt und ausgesprochen, daß ich wieder auf freien Fuß gestellt, die vier Räuber, weil sie der Bassen Paßbrief violiert, auf die Galeeren im Mittelländischen Meer verdammt, ihr zusammengebrachtes Geld halber dem Fisco verfallen sein, der ander halb Teil aber in zwei Teil geteilt, mir ein Teil für mein ausgestanden Elend zugestellt, aus dem andern aber diejenigen Personen, so mit mir gefangen und verkauft worden, wieder ausgelöset werden sollten; dies Urteil wurde nicht allein öffentlich ausgesprochen sondern auch alsobald vollzogen, wodurch mir neben meiner Freiheit mein Rock und ein schöne Summa Gelds zustund.
Als ich nun meiner Ketten, daran mich die Mausköpf wie einen wilden Mann herumgeschleppt, entledigt, mit meinem alten Rock wiederum bekleidet und mir das Geld, das mir der Bassa zuerkannt, eingehändigt worden, wollte mich einer jeden europäischen Nation Vorsteher oder Resident mit sich heimfahren; die Holländer zwar darum, weil sie mich für ihren Landsmann hielten, die übrigen aber, weil ich ihrer Religion zu sein schien; ich bedankte mich gegen alle, vornehmlich aber darum, daß sie mich gesamter Hand so christlich aus meiner zwar närrischen, aber doch gefährlichen Gefangenschaft entledigt hatten, und bedachte anbei, wie ich etwa mein Sach anstellen möchte, weil ich nunmehr auch wider meinen Willen und Hoffnung wiederum viel Geld und Freund bekommen hatte.

Das 19. Kapitel

Simplicius und der Zimmermann kommen mit dem Leben davon, und werden nach dem erlittenen Schiffbruch mit einem eignen Land versehen

Meine Landsleut sprachen mir zu, daß ich mich anders kleiden ließe, und weil ich nichts zu tun hatte, machte ich Kundschaft zu allen Europäern, die mich beides aus christlicher Liebe und meines wunderbarlichen Bezeugnis halber gern um sich hatten und oft zu Gast luden; und demnach sich schlechte Hoffnung erzeigte, daß der damaszenische Krieg in Syria und Judaea bald ein Loch gewinnen würde, damit ich meine Reis nach Jerusalem wiederum vornehmen und vollenden möchte, wurde ich andern Sinns und entschloß mich, mit einer großen portugiesischen Kracke (so wegfertig stund mit Kaufmannschaft nach Haus zu fahren) nach Portugal zu begeben und anstatt der Wallfahrt nach Jerusalem St. Jakob zu Compostel zu besuchen, nachgehends aber mich irgends in Ruhe zu setzen und dasjenige, so mir Gott beschert, zu verzehren; und damit solches ohne meinen sonderen Kosten (denn sobald ich soviel Geld kriegte, fing ich an zu kargen) beschehen könnte, überkam ich mit dem portugiesischen Oberkaufmann auf dem Schiff, daß er alles mein Geld annehmen, selbigs in seinen Nutzen verwenden, mir aber solches in Portugal wieder zustellen und interim anstatt Interesse mich auf das Schiff an seine Tafel nehmen und mit sich nach Haus führen sollte; dahingegen sollte ich mich zu allen Diensten zu Wasser und Land, wie es die Gelegenheit und des Schiffs Notdurft erfordern würde, unverdrossen gebrauchen lassen; also machte ich die Zech ohne den Wirt, weil ich nicht wußte, was der liebe Gott mit mir zu verschaffen vorhatte; und nahm ich diese weite und gefährliche Reis um soviel desto begieriger vor, weil die verwichne auf dem Mittelländischen Meer so glücklich abgangen.
Als wir nun zu Schiff gangen, vom Sinu Arabico oder Roten Meer auf den Oceanum kommen und erwünschten Wind hatten, nahmen wir unsern Lauf, das Caput bonae speranzae zu passiern, segelten auch etliche Wochen so glücklich dahin, daß wir uns kein ander Wetter hätten wünschen können; da wir aber vermeinten, nunmehr bald gegenüber der Insel Madagaskar zu sein, erhub sich jähling ein solches Ungestüm, daß wir kaum Zeit hatten die Segel einzunehmen; solches vermehrte sich je länger je mehr, also daß wir auch die Mast' abhauen und das Schiff dem Willen und Gewalt der Wellen lassen mußten; dieselben führten uns in die Höhe gleichsam an die Wolken und im Augenblick senkten sie uns wiederum bis auf den Abgrund hinunter, welches bei einer halben Stund währete und uns trefflich andächtig beten lehret'; endlich warfen sie uns auf eine verborgene Steinklippe mit solcher Stärke, daß das Schiff mit grausamen Krachen zu Stücken zerbrach, wovon sich ein jämmerlichs und elend Geschrei erhub; da wurde dieselbe Gegend gleichsam in einem Augenblick mit Kisten, Ballen und Trümmern vom Schiff überstreut; da sah und hörete man hie und dort oben auf den Wellen und unten in der Tiefe die unglückseligen Leut an denjenigen Sachen bangen, die ihnen in solcher Not am allerersten in die Hände geraten waren, welche mit elendem Geheul ihren Untergang bejammerten und ihre Seel Gott befahlen. Ich und ein Zimmermann lagen auf einem großen Stück vom Schiff, welches etliche Zwerchhölzer behalten hatte, daran wir uns festhielten und einander zusprachen; mithin legten sich die grausamen Wind allgemach, davon die wütenden Wellen des zornigen Meers sich nach und nach besänftigten und geringer wurden; hingegen aber folgte die stickfinstere Nacht mit einem schrecklichen Platzregen, daß es das Ansehen hatte, als hätten wir mitten im Meer von oben herab ersäuft werden sollen; das währete bis um Mitternacht, in welcher Zeit wir große Not erlitten hatten; darauf wurde der Himmel wieder klar, also daß wir das Gestirn sehen konnten, an welchem wir vermerkten, daß uns der Wind je länger je mehr von der Seiten Africae in das weite Meer gegen terram australem incognitam hineintrieb, welches uns beide sehr bestürzt machte; gegen Tag wurde es abermal so dunkel, daß wir einander nicht sehen konnten wiewohl wir nahe beieinander lagen; in dieser Finsternis und erbärmlichem Zustand trieben wir immer fort, bis wir unversehens inne wurden, daß wir auf dem Grund sitzen blieben und stillhielten. Der Zimmermann hatte ein Axt in seinem Gürtel stecken, damit visitiert' er die Tiefe des Wassers und fand auf der einen Seiten nicht wohl schuhtief Wassers, welches uns herzlich erfreute und ohnzweifelige Hoffnung gab, Gott hätte uns irgendshin an Land geholfen, das uns auch ein lieblicher Geruch zu verstehen gab, den wir empfanden, als wir wieder ein wenig zu uns selbst kamen; weil es aber so finster und wir beide ganz abgemattet, zumalen des Tags ehestens gewärtig waren, hatten wir nicht das Herz, uns ins Wasser zu legen und solches Land zu suchen, ohnangesehen wir allbereit weit von uns etliche Vögel singen zu hören vermeinten, wie es denn auch nicht anders war; sobald sich aber der liebe Tag im Osten ein wenig erzeigte, sahen wir durch die Düstere ein wenig Land mit Büschen bewachsen allernächst vor uns liegen, derowegen begaben wir uns alsobalden gegen dasselbige ins Wasser, welches je länger je seichter wurde, bis wir endlich mit großen Freuden auf das trockene Land kamen; da fielen wir nieder auf die Knie, küßten den Erdboden und dankten Gott im Himmel, daß er uns so väterlich erhalten und ans Land gebracht; und solchergestalt bin ich in diese Insel kommen.
Wir konnten noch nicht wissen, ob wir auf einem bewohnten oder unbewohnten, auf einem festen Land oder nur auf einer Insel waren; aber das merkten wir gleich, daß es ein trefflicher fruchtbarer Erdboden sein müßte, weil alles vor uns gleichsam so dick wie ein Hanfacker mit Büschen und Bäumen bewachsen war, also daß wir kaum dadurch kommen konnten; als es aber völlig Tag worden und wir etwa ein Viertelstund Wegs vom Gestad an durch die Büsche geschloffen und der Orten nicht allein keine einzige Anzeigung einziger menschlichen Wohnung verspüren konnten, sondern noch dazu hin und wieder viel fremde Vögel, die sich gar nichts vor uns scheuten, ja mit den Händen fangen ließen, antrafen, konnten wir unschwer erachten, daß wir auf einer zwar ohnbekannten, aber jedoch sehr fruchtbaren Insel sein müßten; wir fanden Zitronen, Pomeranzen und Kokos, mit welchen Früchten wir uns trefflich wohl erquickten, und als die Sonne aufging, kamen wir auf eine Ebne, welche überall mit Palmen (davon man den Vin de Palme hat) bewachsen war; welches meinen Kameraden, der denselbigen nur viel zu gern trank, auch mehr als zuviel erfreute; daselbsthin setzten wir uns nieder an die Sonne, unsere Kleider zu trocknen, welche wir auszogen und zu solchem End an die Bäum aufhängten, vor uns selbst aber in Hemden herumspazierten; mein Zimmermann hieb mit seiner Axt in einen Palmitenbaum und befand, daß sie reich von Wein waren, wir hatten aber drum kein Geschirr solchen aufzufangen, wie wir denn auch beide unsere Hüt' im Schiffbruch verlorn.
Als die liebe Sonne nun unsere Kleider wieder getrocknet, zogen wir selbige an und stiegen auf das felsichte hohe Gebirg, so auf der rechten Hand gegen Mitternacht zwischen dieser Ebne und dem Meer liegt, und sahen uns um; befanden auch gleich, daß wir auf keinen festen Landen sondern nur in dieser Insel waren, welche im Umkreis über anderthalbe Stunde Gehens nicht begriff; und weil wir weder nahe noch fern keine Landschaft, sondern nur Wasser und Himmel sahen, wurden wir beide betrübt und verloren alle Hoffnung, inskünftig wiederum Menschen zu sehen; doch tröstete uns hinwiederum, daß uns die Güte Gottes an diesen gleichsam sichern und allerfruchtbarsten, und nicht an einen solchen Ort gesendet hatte, der etwa unfruchtbar oder mit Menschenfressern bewohnet gewesen wäre; darauf fingen wir an zu gedenken, was uns zu tun oder zu lassen sein möchte; und weil wir gleichsam wie Gefangne in dieser Insel beieinander leben mußten, schwuren wir einander beständige Treu. Das besagte Gebirg saß und floh nicht allein voller Vögel von unterschiedlichen Geschlechten, sondern es lag auch so voll Nester mit Eiern, daß wir uns nicht genugsam darüber verwundern konnten; wir tranken der Eier etliche aus und nahmen noch mehr mit uns das Gebirg herunter, an welchem wir die Quell des süßen Wassers fanden, welches sich gegen Osten so stark, daß es wohl ein geringes Mühlrad treiben könnte, in das Meer ergeußt, darüber wir abermal eine neue Freud empfingen und miteinander beschlossen, bei derselbigen Quell unsere Wohnung anzustellen.
Zu solcher neuen Haushaltung hatten wir beide keinen andern Hausrat als eine Axt, einen Löffel, drei Messer, eine Piron oder Gabel, und eine Scher, sonst war nichts vorhanden; mein Kamerad hatte zwar ein Dukat oder dreißig bei sich, welche wir gern für ein Feurzeug gegeben, wenn wir nur eins dafür zu kaufen gewußt hätten; aber sie waren uns nirgends zu nichts nutz, ja weniger wert als mein Pulverhorn, welches noch mit Zündkraut gefüllt; dasselbe dörrete ich (weil es so weich als ein Brei war) an der Sonnen, zettelte davon auf einen Stein, belegte es mit leichtbrennender Materia, deren es von Moos und Baumwoll von den Kokosbäumen genugsam gab, strich darauf mit einem Messer durchs Pulver und fing also Feur, welches uns so hoch erfreute als die Erlösung aus dem Meer; und wenn wir nur Salz, Brot und Geschirr gehabt hätten, unser Getränk hinein zu fassen, so hätten wir uns für die allerglückseligsten Kerl in der Welt geschätzt, obwohl wir vor vierundzwanzig Stunden unter die unglücklichsten gerechnet werden mögen, so gut, getreu und barmherzig ist Gott, dem sei Ehr in Ewigkeit, Amen.
Wir fingen gleich etwas von Geflügel, dessen die Menge bei uns ohne Scheu herumging, rupftens, wuschens und stecktens an ein hölzernen Spieß; da fing ich an Braten zu wenden, mein Kamerad aber schaffte mir indessen Holz herbei und verfertigte eine Hütte, uns, wenn es vielleicht wieder regnen würde, vor demselben zu beschirmen, weil der indianische Regen gegen Afrika sehr ungesund zu sein pflegt; und was uns an Salz abging, ersetzten wir mit Zitronensaft, unser Speisen geschmacksam zu machen.

Das 20. Kapitel

Was sie für eine schöne Köchin dingen, und wie sie ihrer mit Gottes Hilf wieder los werden

Dieses war der erste Imbiß, den wir auf unserer Insel einnahmen; und nachdem wir solchen vollbracht, taten wir nichts anders, als dürr Holz zusammensuchen, unser Feur zu unterhalten; wir hätten gern gleich die ganze Insel vollends besichtigt, aber wegen überstandener Abmattung drängte uns der Schlaf, daß wir uns zur Ruhe legen mußten, welche wir auch kontinuierten bis an den lichten Morgen; als wir solchen erlebt, gingen wir dem Bächlein oder Revier nach hinunter, bis an Mund, da es sich ins Meer ergeußt, und sahen mit höchster Verwunderung, wie sich eine unsägliche Menge Fische in der Größe als mittelmäßige Salmen oder große Karpfen dem süßen Wasser nach ins Flüßlein hinauf zog, also daß es schien, als ob man eine große Herd Schwein mit Gewalt hineingetrieben hätte; und weil wir auch etliche Bonanas und Batatas antrafen, so treffliche gute Früchte sind, sagten wir zusammen, wir hätten Schlaraffenland genug (obzwar kein vierfüßig Tier vorhanden) wenn wir nur Gesellschaft hätten, beides die Fruchtbarkeit, als auch die vorhandenen Fisch und Vögel dieser edlen Insel genießen zu helfen; wir konnten aber kein einzig Merkzeichen spüren, daß jemalen Menschen daselbst gewesen wären.
Als wir derowegen anfingen zu beratschlagen, wie wir unser Haushaltung ferner anstellen und wo wir Geschirr nehmen wollten, sowohl darin zu kochen, als den Wein von Palmen hineinzufangen und seiner Art nach verjähren zu lassen, damit wir ihn recht genießen könnten, und in solchem Gespräch so am Ufer herumspazierten, sahen wir auf der Weite des Meers etwas dahertreiben, welches wir in der Ferne nit erkennen konnten, wiewohl es größer schien als es an sich selbsten war; denn nachdem es sich nähert' und an unserer Insel gestrandet, war es ein halb totes Weibsbild, welches auf einer Kisten lag und beide Hände in die Handhaben an der Kisten eingeschlossen hatte; wir zogen sie aus christlicher Liebe auf trocken Land, und demnach wir sie beides wegen der Kleidung und etlicher Zeichen halber, die sie im Angesicht hatte, für eine Abessiner Christin hielten, waren wir desto geschäftiger, sie wieder zu sich selbst zu bringen; maßen wir sie, jedoch mit aller Ehrbarkeit, als sich solches mit ehrlichen Weibsbildern in solchen Fällen zu tun geziemt, auf den Kopf stelleten, bis ein ziemliche Menge Wasser von ihr gelaufen; und ob wir zwar nichts Lebhaftigs zu ferner Erquickung bei uns hatten als Zitronen, so ließen wir doch nicht nach, ihr die spiritualische Feuchtigkeit, die sich in den äußersten Enden der Zitronenschalen enthält, unter die Nase zu drücken und sie mit Schüttlen zu bewegen, bis sie sich endlich von sich selbst regte und Portugiesisch anfing zu reden; sobald mein Kamerad solches hörete, und sich in ihrem Angesicht wiederum ein lebhafte Farb erzeigte, sagte er zu mir: "Diese Abessinerin ist einmal auf unserm Schiff bei einer vornehmen portugiesischen Frauen eine Magd gewesen, denn ich hab sie beide wohl gekannt, sie sind zu Macao aufgesessen und waren willens mit uns in die Insel Annabon zu schiffen." Sobald jene diesen reden hörete, erzeigte sich sehr fröhlich, nennete ihn mit Namen und erzählte nit allein ihre ganze Reis, sondern auch wie sie [sich freue], sowohl daß sie und er noch im Leben, als auch daß sie als Bekannte einander auf trocknem Land und außer aller Gefahr wieder angetroffen hätten; hierauf fragte mein Zimmermann, was wohl für Waren in der Kisten sein möchten, darauf antwortet' sie, es wären etliche chinesische Stück Gewand, etliche Gewehr und Waffen, und dann unterschiedliche so große als kleine porzellanen Geschirr, so nach Portugal einem vornehmen Fürsten von ihrem Herrn hätte geschickt werden sollen; solches erfreute uns trefflich, weil es lauter Sachen, deren wir am allermeisten bedürftig waren. Demnach ersuchte sie uns, wir wollten ihr doch solche Leutseligkeit erweisen und sie bei uns behalten, sie wollte uns gern mit Kochen, Waschen und andern Diensten als eine Magd an die Hand gehen und uns als ein leibeigne Sklavin untertänig sein, wenn wir sie nur in unserem Schutz behalten und ihr den Lebensunterhalt, so gut als es das Glück und die Natur in dieser Gegend bescherte, neben uns mit zu genießen gönnen wollten.
Darauf trugen wir beide mit großer Mühe und Arbeit die Kiste an denjenigen Ort, den wir uns zur Wohnung auserkoren hatten; daselbsten öffneten wir sie und fanden so beschaffene Sachen darinnen, die wir zu unserem damaligen Zustand und Behuf unserer Haushaltung nimmermehr anders hätten wünschen mögen; wir packten aus und trockneten solche War an der Sonnen, wozu sich unser neue Köchin gar fleißig und dienstbar erzeigte; folgends fingen wir an Geflügel zu metzgen, zu sieden und zu braten, und indem mein Zimmermann hinging, Palmwein zu gewinnen, stieg ich aufs Gebirg, für uns Eier auszunehmen, solche hart zu sieden und anstatt des lieben Brots zu brauchen; unterwegs betrachtete ich mit herzlicher Danksagung die großen Gaben und Gnaden Gottes, die uns dessen barmherzige Vorsehung so vatermildiglich mitgeteilt und ferners zu genießen vor Augen stellete; ich fiel nieder auf das Angesicht und sagte mit ausgestreckten Armen und erhobenem Herzen: "Ach! ach! du allergütigster himmlischer Vater, nun empfinde ich im Werk selbsten, daß du williger bist uns zu geben, als wir von dir zu bitten! ja allerliebster Herr! du hast uns mit dem Überfluß deiner göttlichen Reichtümer ehender und mehrers versehen, als wir armen Kreaturen bedacht waren, im geringsten etwas dergleichen von dir zu begehren. Ach getreuer Vater, deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit wolle allergnädigst gefallen, uns zu verleihen, daß wir diese deine Gaben und Gnaden nicht anders gebrauchen, als wie es deinem allerheiligsten Willen und Wohlgefallen beliebt und zu deines großen unaussprechlichen Namens Ehr gereicht, damit wir dich neben allen Auserwählten hie zeitlich und dort ewig, loben, ehren und preisen mögen." Mit solchen und viel mehr dergleichen Worten, die alle aus dem innersten Grund meiner Seelen ganz herzlich und andächtig daherflossen, ging ich um, bis ich die Notdurft an Eiern hatte und damit wiederum zu unserer Hütten kam, allwo die Abendmahlzeit auf der Kisten (die wir selbigen Tag samt der Köchin aus dem Meer gefischt und mein Kamerad anstatt eines Tisches gebrauchte) bestens bereitstund.
Indessen ich nun um obige Eier ausgewesen, hatt' mein Kamerad (welcher ein Kerl von etlich wenig und zwanzig Jahren, ich aber über die vierzig Jahr alt gewesen) mit unserer Köchin einen Akkord gemacht, der beides zu seinem und meinem Verderben gereichen sollte; denn nachdem sie sich in meiner Abwesenheit allein befanden und von alten Geschichten, zugleich aber auch von der Fruchtbarkeit und großen Nutznießung dieser überaus gesegneten, ja mehr als glückseligen Insel miteinander gesprochen, wurden sie so vertraulich, daß sie auch von einer Trauung zwischen ihnen beiden zu reden begannen, von welcher aber die vermeinte Abessinerin nichts hören wollte, es wäre denn Sach, daß mein Kamerad der Zimmermann sich allein zum Herrn der Insel machte und mich aus dem Weg räumte; es wäre, sagte sie, ohnmöglich, daß sie ein friedsame Ehe miteinander haben können, wenn noch ein Unverheirater neben ihnen wohnen sollte. "Er bedenke nur selbst", sagte sie ferner zu meinem Kameraden, "wie Ihn Argwohn und Eifersucht plagen würde, wenn Er mich heiratet und der Alte täglich mit mir konversiert, obgleich er Ihn zum Cornuto zu machen niemal in Sinn nähme; zwar weiß ich einen besseren Rat, wenn ich mich je vermählen und auf dieser Insel (die wohl tausend oder mehr Personen ernähren kann) das menschlich Geschlecht vermehren soll; nämlich diesen, daß mich der Alte eheliche; denn wenn solches geschähe, so wäre es nur um ein Jahr oder zwölf oder längst vierzehn zu tun, in welcher Zeit wir etwa eine Tochter miteinander erzeugen werden, Ihm solche (verstehe dem Zimmermann) ehlich beizulegen; alsdann wird Er nicht so bei Jahren sein, als jetzunder der jetzige Alte ist; und würde interim zwischen euch beiden die ohnzweifelige Hoffnung, daß der erste des andern Schwährvater und der ander des ersten Tochtermann werden sollte, allen bösen Argwohn aus dem Weg tun und nach aller Gefahr, darin ich anderwärts geraten möchte, befreien; zwar ists natürlich, daß ein jungs Weibsbild wie ich bin, lieber einen jungen als alten Mann nehmen wird; aber wir müssen uns jetzunder miteinander in die Sach schicken, wie es unser gegenwärtiger Zustand erfordert, um vorzusehen, daß ich und die so aus mir geboren werden möchten, das Sichere spielen." Durch diesen Diskurs, der sich weit auf ein mehrers erstreckte und auseinanderzog, als ich jetzunder beschreibe, wie auch durch der vermeinten Abessinerin Schönheit (so beim Feur in meines Kameraden Augen viel vortrefflicher herumglänzte als zuvor) und ihre hurtigen Gebärden wurde mein guter Zimmermann dergestalt eingenommen und betört, daß er sich entblödete zu sagen, er wollte ehe den Alten (mich vermeinend) ins Meer werfen und die ganze Insel ruinieren, ehe er eine solche Dame wie sie wäre, überlassen wollte; und hierauf wurde auch obengedachter Akkord zwischen ihn' beiden beschlossen; doch dergestalt, daß er mich hinterrücks oder im Schlaf mit seiner Axt erschlagen sollte, weil er sich sowohl vor meiner Leibsstärke als meinem Stab, den er mir selbst wie einen böhmischen Ohrlöffel verfertigt, entsetzte.
Nach solchem Vergleich zeigte sie meinem Kameraden zunächst an unserer Wohnung eine schöne Art Hafnererde, aus welchem sie nach Art der indianisch Weiber, so am guineischen Gestad wohnen, schön irden Geschirr zu machen getraute, tat auch allerlei Vorschläg, wie sie sich und ihr Geschlecht auf dieser Insel ausbringen, ernähren und bis in das hundertste Glied ihnen ein geruhigs und vergnügsames Leben verschaffen wollte; da wußte sie nicht genugsam zu rühmen, was sie für Nutzen aus den Kokosbäumen ziehen wollte und aus der Baumwoll, so selbige tragen oder hervorbringen, sich und aller ihrer Nachkömmlinge Nachkömmling' mit Kleidungen zu versehen.
Ich armer Stern kam und wußte kein Haar von diesem Schluß und Laugenguß, sondern setzte mich zu genießen, was zugerichtet dastund, sprach auch nach christlichem und hochlöblichem Brauch das Benedicte; sobald ich aber das Kreuz beides über die Speisen und meine Mitesser machte, und den göttlichen Segen anrufte, verschwand beides unsere Köchin und die Kiste, samt allem dem was in besagter Kisten gewesen war, und ließ einen solchen grausamen Gestank hinter sich, daß meinem Kameraden ganz unmächtig davon wurde.

Das 21. Kapitel

Wie sie beide nach der Hand miteinander hausen und sich in den Handel schicken

Sobald er sich wiederum erkobert hatte und zu seinen sieben Sinnen kommen war, kniete er vor mir nieder, faltete beide Händ und sagte wohl eine halbe Viertelstund nacheinander sonst nichts, als: "Ach Vater! ach Bruder; ach Vater! ach Bruder!" und fing darauf an, mit Wiederholung solcher Worte so inniglich zu weinen, daß er vor Schluchzen kein verständliche Wort mehr herausbringen konnte; also daß ich mir einbildete, er müßte durch Schrecken und Gestank seines Verstands beraubt worden sein; wie er aber mit solcher Weis nit nachlassen wollte und mich immerhin um Verzeihung bat, antwortet ich: "Liebster Freund, was soll ich Euch verzeihen, da Ihr mich doch Euer Lebtag niemal beleidigt habt? sagt mir doch nur wie es Euch zu helfen sei?" "Verzeihung", sagte er, "bitte ich, denn ich hab wider Gott, wider Euch und wider mich selbst gesündigt!" und damit fing er sein vorige Klag wieder an, kontinuierte sie auch so lang, bis ich sagte, ich wüßte nichts Böses von ihm, und dafern er gleichwohl etwas begangen, deswegen er sich ein Gewissen machen möchte, so wollte ichs ihm nicht allein so viel es mich beträfe von Grund meines Herzens verziehen und vergeben haben, sondern auch wenn er sich wider Gott vergriffen, neben ihm dessen Barmherzigkeit um Begnadigung anrufen; auf solche Wort faßte er meine Schenkel in seine Arm, küßte meine Knie, und sah mich so sehnlich und drauf an, daß ich drüber gleichsam erstummete und nicht wissen oder erraten konnte, was es doch immermehr mit dem Kerl für eine Beschaffenheit haben möchte; demnach ich ihn aber freundlich in die Arme nahm und an meine Brust drückte, mit Bitt mir zu erzählen was ihm anläge und wie ihm zu helfen sein möchte, beichtet' er mir alles haarklein heraus, was er mit der vermeinten Abessinerin für ein Diskurs geführt und über mich, beides wider Gott, wider die Natur, wider die christliche Liebe und wider das Gesetz getreuer Freundschaft, die wir einander solenniter geschworen, bei sich selbst beschlossen gehabt hatte; und solches tat er mit solchen Worten und Gebärden, daraus sein inbrünstige Reu und zerknirschtes Herz leicht zu mutmaßen oder abzunehmen war.
Ich tröstete ihn, so gut ich immer konnte, und sagte, Gott hätte vielleicht solches zur Warnung über uns verhängt, damit wir uns künftig vor des Teufels Stricken und Versuchungen desto besser vorsehen, und in steter Gottesfurcht leben sollten; er hätte zwar Ursach, seiner bösen Einwilligung halber Gott herzlich um Verzeihung zu bitten, aber noch ein größere Schuldigkeit sei es, daß er ihm um seine Güte und Barmherzigkeit danke, indem er ihn so väterlich aus des leidigen Satans List und Fallstrick gerissen und ihn vor seinem zeitlichen und ewigen Fall behütet hätte; es würde uns vonnöten sein vorsichtiger zu wandeln, als wenn wir mitten in der Welt unter dem Volk wohneten; denn sollte einer oder der ander oder wir alle beide fallen, so würde niemand vorhanden sein, der uns wiederum aufhülfe, als der liebe Gott, den wir derowegen desto fleißiger vor Augen haben und ihn ohn Unterlaß um Hilf und Beistand anflehen müßten.
Von solchen und dergleichen Zusprechen wurde er zwar um etwas getröst, er wollte sich aber nichtsdestoweniger nicht allerdings zufrieden geben, sondern bat aufs demütigste, ich wollte ihm doch wegen seines Verbrechens eine Buß auflegen; damit ich nun sein niedergeschlagenes Gemüt nach Möglichkeit wiederum etwas aufrichten möchte, sagte ich, dieweil er ohnedas ein Zimmermann sei und seine Axt noch im Vorrat hätte, so sollte er an demjenigen Ort, wo sowohl wir als unsere teuflische Köchin gestrandet, am Ufer des Meers ein Kreuz aufrichten, damit würde er nicht allein ein Gott wohlgefällig Bußwerk verrichten, sondern auch zuwegen bringen, daß künftig der böse Geist, welcher das Zeichen des hl. Kreuzes scheue, unsere Insel nicht mehr so leichtlich anfallen würde. "Ach", antwortet' er, "nicht nur ein Kreuz in die Niedere, sondern auch zwei auf das Gebirg sollen von mir verfertigt und aufgerichtet werden; wenn ich nur, o Vater, deine Huld und Gnade wieder habe, und mich der Verzeihung von Gott getrösten darf." Er ging in solchem Eifer auch gleich hin und hörete nicht auf zu arbeiten, bis er die drei Kreuz verfertigt hatte, davon wir eins am Strand des Meers und die anderen zwei jedes besonders auf die höchsten Gipfel des Gebirgs mit folgender Inskription aufrichteten:
"Gott dem Allmächtigen zu Ehren und dem Feind des menschlichen Geschlechts zu Verdruß hat Simon Meron von Lissabon aus Portugal mit Rat und Hilf seines getreuen Freunds Simplici Simplicissimi, eines Hochteutschen, dies Zeichen des Leidens unsers Erlösers aus christlicher Wohlmeinung verfertigt und hieher aufgerichtet."
Von da an fingen wir an etwas gottseliger zu leben als wir zuvor getan hatten, und damit wir den Sabbat auch heiligen und feiern möchten, schnitt ich anstatt eines Kalenders alle Tag eine Kerb auf ein Stecken und am Sonntag ein Kreuz; alsdann saßen wir zusammen und redeten miteinander von heiligen und göttlichen Sachen; und diese Weise mußte ich gebrauchen, weil ich noch nichts ersonnen hatte, mich damit anstatt Papiers und Tinten zu behelfen, dadurch ich etwas Schriftlichs hätte zu unserer Nachricht aufzeichnen mögen.
Hier muß ich zum Beschluß dieses Kapitels einer artlichen Sach gedenken, die uns den Abend, als unser feine Köchin von uns abschied, gewaltig erschreckt' und ängstigte, dern wir die erste Nacht nicht wahrgenommen, weil uns der Schlaf wegen überstandener Abmattung und großer Müdigkeit gleich überwunden; es war aber dieses: Als wir noch vor Augen hatten, durch was für tausend List uns der leidige Teufel in Gestalt der Abessinerin verderben wollen, und dannenhero nicht schlafen konnten, sondern lang wachend die Zeit und zwar mehrenteils im Gebet zubrachten, sahen wir, sobald es ein wenig finster wurde, um uns her einen unzähligen Haufen der Lichter in der Luft herumschweben, welche auch einen solchen hellen Glanz von sich gaben, daß wir die Früchte an den Bäumen vor dem Laub unterscheiden konnten; da vermeinten wir, es wäre abermal ein neuer Fund des Widersachers uns zu quälen, wurden derowegen ganz still und dusam, befanden aber endlich, daß es eine Art der Johannsfünklein oder Zündwürmlein (wie man sie in Teutschland nennet) waren, welche aus einer sonderbaren Art faulen Holzes entstehen, so auf dieser Insel wächst; diese leuchten so hell, daß man sie gar wohl anstatt einer hellbrennenden Kerzen gebrauchen kann, maßen ich nachgehends dies Buch mehrenteils dabei geschrieben; und wenn sie in Europa, Asia und Afrika so gemein wären als hier, so würden die Lichterkrämer schlechte Losung haben.

Das 22. Kapitel

Fernere Folg obiger Erzählung, und wie Simon Meron das Leben samt der Insel quittiert, darin Simplicius allein Herr verbleibt

Dieweil wir nun sahen, daß wir verbleiben mußten wo wir waren, fingen wir auch unsere Haushaltung anders an; mein Kamerad machte von einem schwarzen Holz, welches sich beinahe dem Eisen vergleicht wenn es dürr wird, für uns beide Hauen und Schaufeln, durch welche wir erstlich die abgesetzten drei Kreuz eingruben, zweitens das Meer in Gruben leiteten, da es sich, wie ich zu Alexandria in Ägypten gesehen, in Salz verwandelt', drittens fingen wir an einen lustigen Garten zu machen, weil wir den Müßiggang für den Anfang unsers Verderbens schätzten, viertens gruben wir das Bächlein ab, also daß wir dasselbe nach unserm Belieben anderwärts hinwenden, den alten Fluß ganz trocken legen und Fisch und Krebs so viel wir wollten gleichsam mit trocknen Händen und Füßen daraus aufheben konnten; fünftens fanden wir neben dem besagten Flüßlein ein überaus schöne Hafnererde; und ob wir zwar weder Scheiben noch Rad, zumalen auch kein Bohrer oder andere Instrumente hatten, uns dergleichen etwas zuzurichten, um uns allerhand Geschirr zu drehen, obwohl wir das Handwerk nicht gelernet, so ersannen wir doch einen Vorteil, durch welchen wir zuwegen brachten, was wir wollten; denn nachdem wir die Erde geknetet und zubereitet hatten, wie sie sein sollte, machten wir Würst daraus in der Dicke und Länge, wie die englischen Tabakspfeifen sind, solche klebten wir schneckenweis aufeinander und formierten Geschirr draus, wie wirs haben wollten, beides groß und klein, Hafen und Schüsslen, zum Kochen und Trinken; wie uns nun der erste Brand geriet, hatten wir keine Ursach mehr, uns über einzigen Mangel zu beklagen, denn ob uns wohl das Brot abging, hatten wir jedoch hingegen dürre Fisch vollauf, die wir für Brot brauchten. Mit der Zeit ging uns der Vorteil mit dem Salz auch an, also daß wir endlich gar nichts zu klagen hatten, sondern wie die Leut in der ersten güldenen Zeit lebeten; da lernten wir nach und nach, wie wir aus Eiern, dürren Fischen und Zitronenschalen, welche beiden letzteren Stück wir zwischen zweien Steinen zu zartem Mehl rieben, in Vogelschmalz, so wir von den Walchen, so genannten Vögeln, bekamen, anstatt des Brots wohlgeschmackte Kuchen backen sollten; so wußte mein Kamerad den Palmwein gar artlich in große Hafen zu gewinnen und denselben ein paar Tage stehen zu lassen bis er vergoren, hernach soff er sich so voll darin, daß er torkelte, und solches tat er auf die Letzte gleichsam alle Tage, Gott geb was ich dawider redete; denn er sagte, wenn man ihn über die Zeit stehen ließe, so würde er zu Essig, welches zwar nit ohn ist; antwortet ich ihm dann, er sollte auf einmal nit so viel, sondern die bloße Notdurft gewinnen, so sagte er hingegen, es sei Sünd, wenn man die Gaben Gottes verachte; man müsse den Palmen beizeiten zu Ader lassen, damit sie nit in ihrem eignen Blut erstickten; also mußte ich seinen Begierden den Zaum lassen, wollte ich anderst nit mehr hören, ich gönnete ihm nit, was wir die Völle umsonst hätten.
Also lebten wir, wie obgemeldet, als die ersten Menschen in der güldenen Zeit, da der gütige Himmel denselbigen ohne einzige Arbeit alles Guts aus der Erden hervorwachsen lassen; gleichwie aber in dieser Welt kein Leben so süß und glückselig ist, das nit bisweilen mit Gall des Leidens verbittert werde, also geschah uns auch; denn um wie viel sich täglich unser Küch und Keller besserte, um so viel wurden unsere Kleidungen von Tag zu Tag je länger je blöder, bis sie uns endlich gar an den Leibern verfaulten; das beste für uns war dieses, daß wir bishero noch niemal keinen Winter, ja nicht die geringste Kälte inneworden, wiewohl wir damal, als wir anfingen nackend zu werden, meinen Kerbhölzern nach bereits über anderthalbe Jahr auf dieser Insel zugebracht, sondern es war jederzeit Wetter wie es bei den Europäern im Mai und Junio zu sein pflegt, außer daß es ungefähr im Augusto und etwas Zeit zuvor gewaltig stark zu regnen und zu wittern pflegt', so wird auch allhier von einem Solstitio zum andern Tag und Nacht nicht wohl über fünf Viertelstund länger oder kürzer als das andermal. Wiewohl wir nun allein uns auf der Insel befanden, so wollten wir doch nicht wie das unvernünftige Vieh nackend, sondern als ehrliche Christen aus Europa bekleidet gehen; hätten wir nun vierfüßige Tier gehabt, so wäre uns schon geholfen gewesen, ihre Bälg zu Kleidung anzuwenden; in Mangel derselbigen aber zogen wir dem großen Geflügel, als den Walchen und Pinguins die Häut ab und machten uns Niederkleider draus, weil wir sie aber aus Mangel beides der Instrumente und zugehörigen Materialien nicht recht auf die Daur bereiten konnten, wurden sie hart, unbequem und zerstoben uns vom Leib hinweg, ehe wir uns dessen versehen; die Kokosbäume trugen uns zwar Baumwoll genug, wir konnten sie aber weder weben noch spinnen, aber mein Kamerad, welcher etliche Jahr in Indien gewesen, wies mir an den Blättern vorne an den Spitzen ein Ding wie ein scharfer Dorn, wenn man selbiges abbricht und am Grat des Blatts hinzeucht, gleichsam wie man mit den Bohnenschelfen, Phaseoli genannt, umgehet; wenn man selbige von ihren Gräten reinigt, so verbleibt an demselbigen spitzigen Dorn ein Faden hangen, so lang als der Grat oder das Blatt ist, also daß man dasselbige anstatt Nadel und Faden brauchen kann; solches gab mir Ursach und Gelegenheit an die Hand, daß ich uns aus denselben Blättern Niederkleider machte, und solche mit obgemeldten Faden ihres eignen Gewächs zusammenstach.
Indem wir nun so miteinander hausten und unser Sach so weit gebracht, daß wir keine Ursach mehr hatten, uns über einzige Arbeitseligkeit, Abgang, Mangel oder Trübsal zu beschwern, zechte mein Kamerad im Palmwein immerhin täglich fort, wie ers angefangen und nunmehr gewohnt hatte, bis er endlich Lung und Leber entzündete und ehe ich michs recht versah, mich, die Insel und den Vin de Palme durch einen frühzeitigen Tod zugleich quittierte; ich begrub ihn so gut als ich konnte, und indem ich des menschlichen Wesens Unbeständigkeit und anders mehr betrachtete, machte ich ihm folgende Grabschrift:
"Daß ich hier, und nicht ins Meer bin worden begraben,
Auch nit in d'Höll, macht daß um mich gestritten haben
Drei Ding! das erste der wütende Ozean!
Das zweit, der grausam Feind! der höllische Satan;
Diesen entrann ich durch Gottes Hilf aus meinen Nöten,
Aber vom Palmwein, dem dritten, ließ ich mich töten."
Also wurde ich allein ein Herr der ganzen Insel und fing wiederum ein einsiedlerisches Leben an, wozu ich denn nit allein mehr als genugsame Gelegenheit, sondern auch ein steifen Willen und Vorsatz hatte; ich machte mir die Güter und Gaben dieses Orts zwar wohl zunutz, mit herzlicher Danksagung gegen Gott, als dessen Güte und Allmacht allein mir solche so reichlich bescheret hatte; befliß mich aber daneben, daß ich deren Überfluß nicht mißbrauchte. Ich wünschte oft, daß ehrliche Christenmenschen bei mir wären, die anderwärts Armut und Mangel leiden müssen, sich der gegenwärtigen Gaben Gottes zu gebrauchen; weil ich aber wohl wußte, daß Gott dem Allmächtigen mehr als möglich (dafern es anders sein göttlicher Will wär), mehr Menschen leichtlicher und wunderbarlicher Weis hieher zu versetzen, als ich hergebracht worden, gab mir solches oft Ursach, ihm um seine göttliche Vorsehung und daß er mich so väterlich vor andern viel tausend Menschen versorgt und in einen solchen geruhigen friedsamen Stand gesetzt hatte, demütig zu danken.

Das 23. Kapitel

Der Monachus beschließt seine Histori und macht diesen sechs Büchern das Ende

Mein Kamerad war noch keine Woch tot gewesen, als ich ein Ungeheuer um meine Wohnung herum vermerkte. "Nun wohlan", gedachte ich, "Simplici, du bist allein, sollt dich nicht der böse Geist zu vexiern unterstehen? vermeinest du nicht, dieser Schadefroh werde dir dein Leben saur machen; was fragst du aber nach ihm, wenn du Gott zum Freunde hast? du mußt nur etwas haben, das dich übet, denn sonst würde dich Müßiggang und Überfluß zu Fall stürzen; hast du doch ohne diesen sonst niemand zum Feind als dich selbsten und dieser Insel Überfluß und Lustbarkeit, drum mach dich nur gefaßt zu streiten, mit demjenigen der sich am allerstärksten zu sein bedünkt; wird derselbige durch Gottes Hilf überwunden, so würdest du ja, ob Gott will, vermittelst dessen Gnad auch dein eigner Meister verbleiben."
Mit solchen Gedanken ging ich ein paar Tag um, welche mich um ein ziemlichs besserten und andächtig machten; weil ich mich einer Rencontra versah, die ich ohnzweifel mit dem bösen Geist ausstehen müßte, aber ich betrog mich für diesmal selbsten; denn als ich an einem Abend abermal etwas vermerkte, das sich hören ließ, ging ich vor meine Hütte, welche zunächst an einem Felsen des Gebirgs stund, worunter die Hauptquell des süßen Wassers, das vom Gebirg durch diese Insel ins Meer rinnet; da sah ich meinen Kameraden an der steinen Wand stehen, wie er mit den Fingern in deren Spalt grübelte; ich erschrak, wie leicht zu gedenken, doch faßte ich stracks wieder ein Herz, befahl mich mit Bezeichnung des heiligen Kreuzes in Gottes Schutz, und dachte: "Es muß doch einmal sein, besser ists heut als morgen"; ging darauf zum Geist und brauchte gegen ihn diejenigen Wort, die man in solchen Begebenheiten zu reden pflegt; da verstund ich alsobald, daß es mein verstorbener Kamerad war, welcher bei seinen Lebzeiten seine Dukaten dorthin verborgen hatte, der Meinung, wenn etwa über kurz oder lang ein Schiff an die Insel kommen würde, daß er alsdann solche wieder erheben und mit sich davonnehmen wollte; er gab mir auch zu verstehen, daß er auf dies wenige Geld, als dadurch er wieder nach Haus zu kommen verhoffet, sich mehr als auf Gott verlassen, wessentwegen er denn mit solcher Unruhe nach seinem Tod büßen, und mir auch wider seinen Willen Ungelegenheit machen müssen; ich nahm auf sein Begehren das Geld heraus, achtete es aber weniger als nichts; welches man mir desto ehender glauben kann, weil ichs auch zu nichts zu gebrauchen wußte; dieses nun war der erste Schreck, den ich einnahm, seit ich mich allein befand; aber nachgehends wurde mir wohl von anderen Geistern zugesetzt als dieser einer gewesen; davon ich aber weiters nichts melden, sondern nur noch dieses sagen will, daß ich vermittelst göttlicher Hilf und Gnad dahin kam, daß ich keinen einzigen Feind mehr spürete, als meine eignen Gedanken, die oft gar variabel stunden; denn diese sind nit zollfrei vor Gott, wie man sonst zu sagen pflegt, sondern es wird zu seiner Zeit ihretwegen auch Rechenschaft gefordert werden.
Damit mich nun dieselbigen desto weniger mit Sünden beflecken sollten, befliß ich mich nit allein auszuschlagen, was nichts taugte, sondern ich gab mir selbst alle Tag ein leibliche Arbeit auf, solche neben dem gewöhnlichen Gebet zu verrichten; denn gleichwie der Mensch zur Arbeit wie der Vogel zum Fliegen geboren ist, also verursacht hingegen der Müßiggang beides der Seelen und dem Leib ihre Krankheiten, und zuletzt, wenn mans am wenigsten wahrnimmt, das endlich Verderben; derowegen pflanzte ich einen Garten, dessen ich doch weniger als der Wagen des fünften Rads bedurfte, weilen die ganze Insel nichts anders als ein lieblicher Lustgarten hätte genannt werden mögen; meine Arbeit taugte auch zu sonst nichts, als daß ich eins und anders in ein wohlständigere Ordnung bracht, obwohl manchem die natürliche Unordnung der Gewächse, wie sie da untereinander stunden, anmutiger vorkommen sein möchte; und dann daß ich wie obgemeldt den Müßiggang abschaffte. O wie oft wünschte ich mir, wenn ich meinen Leib abgemattet hatte und demselben seine Ruhe geben mußte, geistliche Bücher, mich selbst darin zu trösten, zu ergötzen und aufzubauen, aber ich hatte solche drum nit; demnach ich aber vor diesem von einem heiligen Mann gelesen, daß er gesagt, die ganze weite Welt sei ihm ein großes Buch, darinnen er die Wunderwerke Gottes erkennen und zu dessen Lob angefrischt werden möchte, also gedachte ich demselbigen nachzufolgen, wiewohl ich sozusagen nit mehr in der Welt war; die kleine Insel mußte mir die ganze Welt sein, und in derselbigen ein jedes Ding, ja ein jeder Baum! ein Antrieb zur Gottseligkeit, und eine Erinnerung zu den Gedanken, die ein rechter Christ haben soll. Also, sah ich ein stachelicht Gewächs, so erinnerte ich mich der Dornenkron Christi, sah ich einen Apfel oder Granat, so gedachte ich an den Fall unserer ersten Eltern und bejammert denselbigen; gewann ich ein Palmwein aus einem Baum, so bildet ich mir vor, wie mildiglich mein Erlöser am Stammen des hl. Kreuzes sein Blut für mich vergossen; sah ich Meer oder Berg', so erinnerte ich mich des einen oder andern Wunderzeichens und Geschichten, so unser Heiland an dergleichen Orten begangen; fand ich einen oder mehr Stein so zum Werfen bequem waren, so stellte ich mir vor Augen, wie die Juden Christum steinigen wollten; war ich in meinem Garten, so gedachte ich an das ängstig Gebet am Ölberg oder an das Grab Christi und wie er nach der Auferstehung Mariae Magdalenae im Garten erschienen etc. Mit solchen und dergleichen Gedanken hantierete ich täglich; ich aß nie, daß ich nicht an das letzte Abendmahl Christi gedachte; und kochte mir niemal keine Speis, daß mich das gegenwärtige Feur nicht an die ewige Pein der Höllen erinnert hätte.
Endlich fand ich, daß mit Brasiliensaft, deren es unterschiedliche Gattung' auf dieser Insel gibt, wenn solche mit Zitronensaft vermischt werden, gar wohl auf eine Art großer Palmblätter zu schreiben sei, welches mich höchlich erfreute, weil ich nunmehr ordentliche Gebet' konzipiern und aufschreiben konnte; zuletzt als ich mit herzlicher Reu meinen ganzen geführten Lebenslauf betrachtete und meine Bubenstück, die ich von Jugend auf begangen, mir selbsten vor Augen stellte und zu Gemüt führete, daß gleichwohl der barmherzige Gott unangesehen aller solcher groben Sünden mich bisher nit allein vor der ewigen Verdammnis bewahrt, sondern Zeit und Gelegenheit geben hatt' mich zu bessern, zu bekehren, ihn um Verzeihung zu bitten und um seine Guttaten zu danken, beschrieb ich alles, was mir noch eingefallen, in dieses Buch, so ich von obgemeldten Blättern gemacht, und legte es samt obgedachten meines Kameraden hinterlassenen Dukaten an diesen Ort, damit wenn vielleicht über kurz oder lang Leut hieher kommen sollten, sie solches finden und daraus abnehmen könnten, wer etwa hiebevor diese Insel bewohnet; wird nun heut oder morgen entweder vor oder nach meinem Tod jemand dies finden und lesen, denselben bitte ich, dafern er etwa Wörter darin antrifft, die einem, der sich gern besserte, nit zu reden geschweige zu schreiben wohl anstehen, er wolle sich darum nit ärgern; sondern gedenken, daß die Erzählung leichter Händel und Geschichten auch bequeme Wort erfordern, solche an Tag zu geben; und gleichwie die Maur-Raut von keinem Regen leichtlich naß wird, also kann auch ein rechtschaffnes gottseliges Gemüt nicht gleich von einem jedweden Diskurs, er scheine auch so leichtfertig als er wolle, angesteckt, vergiftet und verderbt werden; ein ehrlicher gesinnter christlicher Leser wird sich vielmehr verwundern und die göttliche Barmherzigkeit preisen, wenn er findet, daß so ein schlimmer Gesell wie ich gewesen, dennoch die Gnad von Gott gehabt, der Welt zu resigniern und in einem solchen Stand zu leben, darinnen er zur ewigen Glori zu kommen und die selige Ewigkeit nächst dem heiligen Leiden des Erlösers zu erlangen verhofft, durch ein seligs Ende.

Relation Joan Cornelissen von Harlem eines Holländischen Schiff-Capitains an German Schleiffheim von Sulsfort, seinen guten Freund, vom Simplicissimo.

Das 24. Kapitel

Joan Cornelissen, ein holländischer Schiffkapitän, kommt auf die Insel, und macht mit seiner Relation diesem Buch einen Anhang

Es weiß sich ohnzweifel Derselbe noch wohl zu erinnern, wasmaßen ich bei unserer Abreis versprochen, Ihm die allergrößte Rarität mitzubringen, die mir in ganz India oder auf unserer Reis zustehe; nun habe ich zwar etliche seltsame Meer- und Erdgewächs gesammelt, damit der Herr wohl sein Kunstkammer zieren mag; aber was mich am allermehresten verwunderungs- und aufhebenswert zu sein bedünket, ist gegenwärtiges Buch, welches ein hochteutscher Mann, in einer Insel gleichsam mitten im Meer allein wohnhaftig, wegen Mangel Papiers aus Palmblättern gemacht und seinen ganzen Lebenslauf darin beschrieben; wie mir aber solches Buch zuhanden kommen, auch was besagter Teutscher für ein Mann sei und was er für ein Leben führe, muß ich dem Herrn ein wenig ausführlich erzählen, ob er zwar selbst solches in gemeldtem seinem Buche ziemlichermaßen an Tag gegeben.
Als wir in den molukkischen Inseln unsere Ladung völlig bekommen und unsern Lauf gegen das Capo bonae Esperanzae zu nahmen, spüreten wir, daß sich unsere Heimreise nicht beschleunigen wollte, wie wir wohl anfangs gehofft, da die Winde mehrenteils contrari und so variabel gingen, daß wir lang umgetrieben und aufgehalten wurden; wessentwegen denn alle Schiff aus der Armada merklich viel Kranke bekamen; unser Admiral tat ein Schuß, steckt' eine Flaggen aus und ließ also alle Capitains von der Flott auf sein Schiff kommen, da wurde geratschlagt und beschlossen, daß man such, die Insel S. Helena zu erlangen, und daselbsten die Kranken zu erfrischen und anständiges Wetter zu erwarten; item es sollten (wenn die Armada vielleicht durch Ungewitter, dessen wir uns nit vergebens vorsahen, zertrennt würde) die ersten Schiff, so an bemeldte Insel kamen, eine Zeit von vierzehen Tagen auf die übrigen warten, welches denn wohl ausgesonnen und beschlossen worden; maßen es uns erging, wie wir besorgt hatten, indem durch einen Sturm die Flotte dergestalt zerstreut wurde, daß kein einziges Schiff bei dem andern verblieb; als ich mich nun mit meinem anvertrauten Schiff allein befand und zugleich mit widerwärtigem Wind, Mangel an süßem Wasser und vielen Kranken geplagt wurde, mußte ich mich kümmerlich mit Lavieren behelfen, womit ich aber wenig ausrichtete, mehrbesagte Insel Helenae zu erlangen (von der wir noch 400 Meilen zu sein schätzten), es hätte sich denn der Wind geändert.
In solchem Umschweifen und schlechten Zustand, in dem es sich mit den Kranken ärgert' und ihrer täglich mehr wurden, sahen wir gegen Osten weit im Meer hinein unsers Bedünkens einen einzigen Felsen liegen, dahin richteten wir unseren Lauf, der Hoffnung etwa ein Land der Enden anzutreffen, wiewohl wir nichts dergleichen in unseren Mappen angezeigt fanden, so der Enden gelegen; da wir uns nun demselben Felsen auf der mittnächtigen Seite näherten, schätzten wir dem Ansehen nach, daß es ein steinichtigs hohes unfruchtbares Gebirg sein müßte, welches so einzig im Meer läge, daß auch an derselben Seiten zu besteigen oder daran anzulanden unmöglich schien; doch empfanden wir am Geruch, daß wir nahe an einem guten Geländ sein müßten, bemeldtes Gebirg saß und floh voller Vögel, und indem wir dieselben betrachteten, wurden wir auf den höchsten Gipfeln zweier Kreuz gewahr, daran wir wohl abnehmen konnten, daß solche durch menschliche Händ aufgerichtet worden und dannenhero das Gebirg wohl zu besteigen wäre; derowegen schifften wir oft hinum und fanden auf der andern Seiten des gemeldten Gebirgs ein zwar kleines, aber solches lustiges Geländ, dergleichen ich mein Tage weder in Ost- noch Westindien nicht gesehen; wir legten uns zehn Klafter tief auf den Anker in guten Sandgrund und schickten einen Nachen mit acht Mann zu Land, um zu sehen, ob daselbsten keine Erfrischung zu bekommen.
Diese kamen bald wieder und brachten einen großen Überfluß von allerhand Früchten, als Zitronen, Pomeranzen, Kokos, Bonanes, Batates, und was uns zum höchsten erfreute, auch die Zeitung mit sich, daß trefflich gut Trinkwasser auf der Insel zu bekommen; item, ob sie zwar einen Hochteutschen auf der Insel angetroffen, der allem Ansehen nach sich schon lange Zeit allda befunden, so laufe jedoch der Ort so voller Geflügel, die sich mit den Händen fangen lassen, daß sie den Nachen vollzubekommen und mit Stecken totzuschlagen getraut hätten; von gemeldtem Teutschen glaubten sie, daß er irgends auf einem Schiff ein Übeltat begangen und dannenhero zur Straf auf diese Insel gesetzt worden; welches wir denn auch dafür hielten; überdas sagten sie für gewiß, daß der Kerl nicht bei sich selbst, sondern ein purer Narr sein müßte, als von welchem sie keine einzige richtige Red und Antwort haben mögen.
Gleichwie nun durch diese Zeitung das ganze Schiffsvolk, insonderheit aber die Kranken herzlich erfreut wurden, also verlangt' auch jedermann aufs Land, sich wiederum zu erquicken; ich schickte derowegen einen Nachen voll nach dem andern hin, nit allein den Kranken ihre Gesundheit wieder zu erholen, sondern auch das Schiff mit frischem Wasser zu versehen, welches uns beides not war; also daß wir mehrenteils auf die Insel kamen; da fanden wir mehr ein irdisch Paradeis als einen öden unbekannten Ort! ich vermerkte auch gleich, daß bemeldter Teutscher kein solcher Tor sein müßte, viel weniger ein Übeltäter, wie die Unserigen anfangs dafür gehalten; denn alle Bäum, die von Art eine glatte Rinden trugen, hatte er mit biblischen und anderen schönen Sprüchen gezeichnet, seinen christlichen Geist dadurch aufzumuntern und das Gemüt zu Gott zu erheben; wo aber keine ganzen Sprüche stunden, da befanden sich wenigst die vier Buchstaben der Überschrift Christi am Kreuz, als INRI, oder der Name Jesu und Mariae, als irgends nur ein Instrument des Leidens Christi, daraus wir mutmaßeten, daß er ohne Zweifel ein Papist sein mußte, weil uns alles so päpstisch vorkam; da stund ›memento mori‹ auf Latein, dorten ›Ieschua Hanosri Melech Haijehudim‹ auf hebräisch, an einem andern Ort dergleichen etwas auf griechisch, teutsch, arabisch oder malaiisch (welche Sprach durch ganz Indien gehet) zu keinem anderen Ende, als sich der himmlischen göttlichen Dinge dabei christlich zu erinnern; wir fanden auch seines Kameraden Grabmal, davon dieser Teutsche selbst in seines Lebens Erzählung Meldung tut, nicht weniger auch das dritte Kreuz, welches sie beide am Ufer des Meers miteinander aufgerichtet, wessentwegen denn unser Schiffvolk den Ort (vornehmlich weil sie gleichsam an allen Bäumen auch Kreuz eingeschnitten funden) die Kreuz-Insel nannten; doch waren uns alle solche kurzen und sinnreichen Sprüch lauter räterisch und dunkele Oracula, aus denen wir aber gleichwohl abnehmen konnten, daß ihr Autor kein Narr, sondern ein sinnreicher Poet, insonderheit aber ein gottseliger Christ sein müßte, der viel mit Betrachtung himmlischer Dinge umgehe; folgender Reim, den wir auch in einem Baum eingeschnitten fanden, bedünkte unseren Siechentröster, der mit mir herumging und viel aufschrieb was er fand, der vornehmste zu sein, vielleicht weil er ihm was Neues war, er lautet also:
Ach allerhöchstes Gut! du wohnest so im finstern Licht!
Daß man vor Klarheit groß, den großen Glanz kann sehen nicht.
Denn er, der Siechentröster, welcher ein überaus gelehrter Mann war, sagte: "So weit kommt ein Mensch auf dieser Welt und nicht höher, es wolle ihm denn Gott das höchste Gut aus Gnaden mehr offenbaren."
Indessen durchstrich meine gesunde Schiff-Bursch die ganze Insel, allerhand Erfrischung für sich und die Kranken zusammenzubringen und bemeldten Teutschen zu suchen, den alle Prinzipale des Schiffs zu sehen und mit ihm zu konferieren ein groß Verlangen trugen; sie trafen ihn dennoch nicht an, aber wohl ein ungeheure Höhle voller Wasser im Steinfelsen, darin sie schätzten, daß er sein müßte, weil ein ziemlich enger Fußpfad hineinging, in dieselbe konnte man aber wegen des darin stehenden Wassers und großer Finsternis nicht kommen; und wenn man gleich Fackeln und Pechring' anzündete, sich damit zu behelfen und die Höhle zu visitieren, so löschte jedoch alles aus, ehe sie ein halben Steinwurf weit hineinkamen, mit welcher Arbeit sie viel Zeit umsonst hinbrachten.

Das 25. Kapitel

Die Holländer empfinden ein possierliche Veränderung, als sich Simplicius in seiner Festung enthielt

Als mir nun unsere Leut von dieser ihrer vergeblichen Arbeit Relation taten und ich selber hingehen wollte, den Ort zu besichtigen und zu sehen, was etwa zu tun sein möchte, damit wir den besagten Teutschen zur Hand bringen könnten, erregte sich nicht allein grausames Erdbidem, daß meine Leut vermeinten, die ganze Insel würde all Augenblick untergehen, sondern ich wurde auch eiligst zum Schiffvolk berufen, welche sich mehrenteils, so viel deren auf dem Land waren, in einem fast wunderlichen und sehr sorgsamen Zustand befanden; denn da stund einer mit bloßem Degen vor einem Baum, focht mit demselbigen und gab vor, er hätte den allergrößten Riesen zu bestreiten; an einem andern Ort sah einer mit fröhlichem Angesicht gen Himmel und zeigte den andern für eine gründliche Wahrheit an, er sehe Gott und das ganze himmlische Heer in der himmlischen Freud beisammen; hingegen sah ein anderer auf den Erdboden, mit Furcht und Zittern, vorgebend, er sehe in vor sich habender schrecklicher Gruben den leidigen Teufel samt seinem Anhang, die wie in einem Abgrund herumwimmelten; ein anderer hatte ein Prügel und schlug um sich, daß ihm niemand nähern durfte, und schrie doch, man sollte ihm wider die vielen Wölf helfen, die ihn zerreißen wollten; hier saß einer auf einem Wasserfaß (als welche wir zuzurichten und zu füllen an Land gebracht hatten), gab demselben die Sporen und wollte es wie ein Pferd tummlen; dort fischte einer auf trocknem Land mit der Angel und zeigte den andern, was ihm für Fische anbeißen würden; in Summa, da hieß es wohl ›viel Köpf viel Sinn‹, denn ein jeder hatte seine sonderbare Anfechtung, welche sich mit des andern im wenigsten nicht verglich; es kam einer zu mir gelaufen, der sagte ganz ernstlich: "Herr Capitain, ich bitte ihn doch um hunderttausend Gottes willen, er wolle Justitiam administrieren und mich vor den greulichen Kerlen beschützen!" Als ich ihn nun fragte, wer ihn denn beleidigt hätte, antwortet' er (und wies mit der Hand auf die übrigen, die ebenso närrisch und vertollet in den Köpfen waren als er): "Diese Tyrannen wollen mich zwingen, ich soll zwo Tonnen Hering, sechs westfälische Schinken und zwölf holländische Käs samt einer Tonnen Butter auf einmal auffressen; Herr Capitain", sagte er ferner, "wie wollte das Ding sein können? es ist ja unmöglich und ich müßte ja erwürgen oder zerbersten!" Mit solchen und dergleichen Grillen gingen sie um, welches recht kurzweilig gewesen wäre, dafern man nur gewußt hätte, daß es auch wieder ein End nehmen und ohne Schaden abgehen würde; aber was mich und die übrigen, so noch beim Verstand waren, anbelangt, wurde uns rechtschaffen angst, vernehmlichen weil wir dieser verrückten Leute je länger je mehr kriegten und selbsten nicht wußten, wie lange wir vor solchem seltsamen Zustand befreit bleiben würden.
Unser Siechentröster, der ein sanftmütiger frommer Mann war, und etliche andere hielten dafür, der oft berührte Teutsche, den die Unserigen anfänglich auf der Insel angetroffen, müßte ein heiliger Mann und Gottes wohlgefälliger Diener und Freund sein; weswegen wir denn, weil ihm die Unserigen mit Abhauung der Bäum', Erösung der Früchte und Totschlagung des Geflügels seine Wohnung ruinierten, mit solcher Straf vom Himmel herab belegt würden; hingegen aber sagten andere Offizianten, er könnte auch wohl ein Zauberer sein, welcher uns durch seine Künste mit Erdbidmen und solcher Wahnwitzigkeit plage, um uns wiederum desto ehender von der Insel zu bringen oder uns gar darauf zu verderben; es wäre am besten, sagten sie, daß man ihn gefangen kriegt' und zwinge, den Unserigen wieder zum Verstand zu helfen. In solchem Zwiespalt behauptete jedes Teil seine Meinung, die mich beide ängstigten; denn ich gedachte: "Ist er ein Freund Gottes und diese Straf uns seinethalben zukommen, so wird ihn auch Gott wohl vor uns beschützen; ist er aber ein Zauberer und kann solche Sachen verrichten, die wir vor Augen sehen und in den Leibern empfinden, so wird er ohne Zweifel noch mehr können, daß wir ihn nicht erhaschen mögen; und wer weiß! vielleicht stehet er unsichtbar unter uns?" Endlich beschlossen wir, ihn zu suchen und in unsere Gewalt zu bringen, es geschehe gleich mit Güte oder Gewalt; gingen demnach wieder mit Fackelen, Pechkränzen und Lichtern in Laternen in obgenannte Höhle, es ging uns aber wieder, wie es zuvor den andern ergangen war, daß wir nämlich kein Licht hineinbringen, und also auch selbst vor Wasser, Finsternis und scharfen Felsen nicht fürders kommen konnten, ob wir zwar solches oft probierten; da fing ein Teil an aus uns zu beten, das andere aber vielmehr zu schwören, und wußten wir nicht, was wir zu diesen unsern Ängsten tun oder lassen sollten.
Da wir nun so in der finsteren Höhlen stunden und wußten nicht wo aus noch ein, maßen jeder nichts anders tat, als daß er lamentierte, hörten wir noch weit von uns den Teutschen uns folgendergestalt aus der finstern Höhle zuschreien: "Ihr Herrn", sagte er, "was bemühet ihr euch umsonst zu mir oder sonst hereinzukommen? sehet ihr denn nicht, daß es eine pure Unmöglichkeit ist? wenn ihr euch mit den Erfrischungen, die euch Gott auf dem Land bescheret, nicht vergnügen lassen, sondern an mir, einem nackenden armen Mann, der nichts als das Leben hat, reich werden wollet, so versichere ich euch, daß ihr leer Stroh dreschet; darum bitte ich euch um Christi unsers Erlösers willen, laßt ab von eurem Beginnen, genießet gleichwohl die Früchte des Lands zu eurer Erfrischung und laßt mich in dieser meiner Sicherheit, dahin mich euere beinahe tyrannischen und sonst bedrohenlichen Reden (die ich gestern in meiner Hütten vernehmen müssen) zu fliehen verursacht, mit Frieden, ehe ihr (da der liebe Gott vor sein wolle) darüber in Unglück kommt." Da war nun guter Rat teuer; aber unser Siechentröster schrie ihm hinwider zu und sagte: "Hat Euch gestern jemand molestiert, so ists uns von Grund unsers Herzens leid, es ist vom groben Schiffvolk geschehen, das von keiner Diskretion nichts weiß; wir kommen nicht, Euch zu plündern noch Beut zu machen, sondern nur um Rat zu bitten, wie den Unserigen wieder zu helfen sei, die mehrenteils auf dieser Insel ihre Sinne verloren; ohnedas wir auch gern mit Euch als einem Christen und Landsmann reden, Euch dem letzten Gebot unsers Erlösers gemäß alle Lieb, Ehr, Treu und Freundschaft erweisen und wenns Euch beliebt, wieder mit uns in Euer Vaterland heimfahren möchten."
Hierauf kriegten wir zur Antwort, er hätte gestern zwar wohl vernommen, wie wir gegen ihn gesinnet wären; doch wollt er dem Gesetz unsers Heilands zufolg Böses mit Gutem bezahlen und uns nicht verhalten, wie den Unserigen wieder von ihrem unsinnigen Wahnwitz zu helfen sei; wir sollten, sagte er, diejenigen, so mit solchem Zustand behaftet wären, nur von den Pflaumen, darin sie ihren Verstand verfressen, die Kernen essen lassen, so würde es sich mit allen in einem Augenblick wieder bessern, welches wir ohne seinen Rat an den Pfirsichen hätten abnehmen sollen, als an welchen die hitzigen Kern, wenn man sie mitgenieße, die schädliche Kälte des Pfirsichs selbst hintertreiben; dafern wir auch vielleicht die Bäum, so solche Pflaumen trügen, nicht kennen würden, so sollten wir nur Achtung geben, an welchem geschrieben stünde:
"Verwunder dich über meine Natur,
Ich mach es wie Circe, die zaubrisch Hur."
Durch diese Antwort und des Teutschen erste Red konnten wir uns wohl versichert halten, daß er von den Unserigen, so wir erstmals auf die Insel gesandt, erschreckt und gemüßigt worden, in diese Höhle sich zu retirieren; item daß er ein Kerl von rechtschaffnem teutschem Gemüt sein müßte, weil er uns, ohnangesehen er von den Unserigen molestiert worden, nichtsdestoweniger anzeigte, durch was die Unserigen ihre Sinne verloren und wodurch sie wieder zurechtgebracht werden möchten; da bedachten wir erst mit höchster Reu, was für böse Gedanken und falsches Urteil wir von ihm gefaßt und dessentwegen zu billiger Straf in diese gefährliche finstere Höhle geraten wären, aus welcher ohne Licht zu kommen unmöglich zu sein schien, weil wir uns viel zu weit hinein vertieft hatten; derowegen erhub unser Siechentröster seine Stimm wiederum ganz erbärmlich und sagte: "Ach redlicher Landsmann! diejenigen, so Euch gestern mit ihren ungeschliffenen Reden beleidigt haben, sind grobe, und zwar die ungeschliffensten Leut von unserem Schiffe gewesen; hingegen stehet jetzt hier der Capitain samt den vornehmsten Offiziern, Euch wiederum um Verzeihung zu bitten, Euch freundlich zu begrüßen und zu traktiern, auch mitzuteilen, was etwa in unserem Vermögen befindlich und Euch dienlich sein möchte; ja wenn Ihr selber wollt, Euch wiederum aus dieser verdrießlichen Einsamkeit mit uns nach Europam zu nehmen." Aber es wurde uns zur Antwort, er bedankte sich zwar des guten Anerbietens, sei aber ganz nicht bedacht, etwas von unseren Offerten anzunehmen; denn gleich wie er vermittelst göttlicher Gnaden nunmehr über fünfzehen Jahr lang mit höchster Vergnügung aller menschlichen Hilf und Beiwohnung an diesem Ort entbehren können, also begehre er auch noch nicht wieder nach Europam zu kehren, um so törichterweis seinen jetzigen vergnügsamen Stand durch eine so weite und gefährliche Reise in ein unruhiges immerwährendes Elend zu verwechseln.

Das 26. Kapitel

Nachdem Simplicius mit seinen Belagerern akkordiert, kommen seine Gäst wieder zu ihrer Vernunft

Nach Vernehmung dieser Meinung wäre uns der Teutsche zwar wohl gesessen gewesen, wenn wir nur wieder aus seiner Höhlen hätten kommen können; aber solches war uns unmöglich; denn gleich wie wirs ohne Licht nicht vermochten, also durften wir auch auf keine Hilf von den Unserigen hoffen, welche auf der Insel in ihrer Tollerei noch herumraseten. Derowegen stunden wir in großen Ängsten und suchten die allerbesten Wort hervor, den Teutschen zu persuadiern, daß er uns aus der Höhlen helfen sollte, welche er aber alle nichts achtete, bis wir endlich (nachdem wir ihm unseren und der Unserigen Zustand gar beweglich zu Gemüt geführt, er auch selbst ermaß, daß kein Teil dem andern von uns ohne seinen Beistand nicht helfen würde können) vor Gott dem Allmächtigen protestierten, daß er uns aus Hartnäckigkeit sterben und verderben ließe und daß er dessentwegen am Jüngsten Gericht würde Rechenschaft geben müssen; mit dem Anhang, wollte er uns nicht lebendig aus der Höhlen helfen, so müßte er uns doch endlich, wenn wir darin verdorben und gestorben wären, tot herausschleppen; wie er denn auch besorglich auf der Insel Tote genug finden würde, die ewig Rach über ihn zu schreien Ursach hätten, um willen er ihnen nicht zu Hilfe kommen, ehe sie einander vielleicht, wie zu fürchten, in ihrem unsinnigen Zustand selbsten entleibten; durch dies Zusprechen erlangten wir endlich, daß er uns versprach aus der Höhlen zu führen, jedoch mußten wir ihm zuvor folgende fünf Punkte wahr, stet, fest und unzerbrechlich zu halten bei christlicher Treu und altteutschem Biedermannsglauben versprechen.
Erstlich daß wir diejenigen, so wir anfänglich auf die Insel gesendet, wegen dessen, damit sie sich gegen ihn vergriffen, weder mit Worten noch Werken nicht strafen sollten; zweitens daß hingegen auch vergessen, tot und ab sein sollte, daß er, der Teutsche, sich vor uns verborgen und so lange nicht in unser Bitten und Begehren verwilligen wollen; drittens daß wir ihn als eine freie Person, die niemand unterworfen, wider seinen Willen nicht müßigen wollten, mit uns wiederum nach Europam zu schiffen; viertens daß wir keinen aus den Unserigen auf der Insel hinterlassen wollten, und fünftens daß wir niemanden weder schrift- noch mündlich, viel weniger durch eine Mappa kund oder offenbar machen wollten, wo und unter welchem Gradu diese Insel gelegen. Nachdem wir nun solches zu halten beteuert, ließ er sich gleich mit vielen Lichtern sehen, welche aus dem Finstern wie die hellen Stern hervorglänzten; wir sahen wohl, daß es kein Feur war, weil ihm Haar und Bart voll hing, welches auf solchen Fall verbrennt wäre, hielten es derowegen für eitel Karfunkelstein, die wie man sagt im Finstern leuchten sollen; da stieg er einen Felsen auf den andern ab und mußte auch an etlichen Orten durchs Wasser waten, also daß er durch seltsame Krümme und Umweg (welche uns unmöglich zu finden gewesen wären, wenn wir gleich wie er mit solchen Lichtern versehen gewesen wären) sich gegen uns nähern mußte; es sah alles mehr einem Traum als einer wahren Geschichte, der Teutsche selbst aber mehr einem Gespenst als einem wahrhaftigen Menschen gleich; also daß sich etliche einbildeten, wir wären auch gleich unseren Leuten auf der Insel mit einer aberwitzigen Wahnsucht behaftet.
Als er nun nach einer halben Stund (denn so lange Zeit mußte er mit Auf- und Absteigen zubringen, ehe er zu uns kommen konnte) bei uns anlangte, gab er jedem nach teutschem Gebrauch die Hand, hieß uns freundlich willkommen und bat, wir wollten ihm verzeihen, daß er aus Mißtrauen so lang verzogen hätte, uns wieder an Tageslicht zu bringen; reichte darauf jedem eins von seinen Lichtern, welches aber keine Edelgestein, sondern schwarze Käfer waren in der Größe als die Schröter in Teutschland, diese hatten unten am Hals einen weißen Flecken so groß als ein Pfennig, der leuchtete in der Finstere viel heller als ein Kerze, maßen wir durch diese wunderbarlichen Lichter mit unserm Teutschen wieder glücklich aus der grausamen Höhlen kamen.
Dieser war ein langer starker wohl proportionierter Mann mit geraden Gliedern, lebhafter schöner Farb, korallenroten Lefzen, lieblichen schwarzen Augen, sehr heller Stimm und einem langen schwarzen Haar und Bart hie und da mit sehr wenigen grauen Haaren besprengt, die Haupthaar hingen ihm bis über die Hüfte, und der Bart bis über den Nabel hinunter; um die Scham hatte er einen Schurz von Palmblättern und auf dem Haupt einen breiten Hut aus Binsen geflochten und mit Gummi überzogen, der ihn wie ein Parasol beides vor Regen und Sonnenschein beschützen konnte; und im übrigen sah er beinahe aus, wie die Papisten ihren Sanctum Onoffrium abzumalen pflegen. Er wollte in der Höhlen mit uns nit reden, aber sobald er herauskam, sagte er uns die Ursach, nämlich daß sie die Art an sich, wenn man darin ein groß Getös hätte, daß alsdann die ganze Insel davon erschüttere und ein solches Erdbidem erzeige, daß diejenigen, so darauf seien, vermeinen sie würde untergehen, so er bei Lebzeiten seines Kameraden vielmal probiert hätte, welches uns erinnerte an dasjenige Loch in der Erden ohnweit der Stadt Wiborg in Finnland, davon Johann Rauhe in seiner Cosmographia am 22. Kap. schreibet; er verwies uns daneben, daß wir uns so freventlich hineinbegeben, und erzählte zugleich, daß er und sein Kamerad wohl ein ganz Jahr zugebracht, ehe sie sich des Wegs hinein erkundigt, welches ihnen aber gleichwohl ohne gedachte Käfer, weil sonst alle Feur darin auslöschen, in vielen Jahren nimmermehr möglich gewesen wäre. Mithin näherten wir uns zu seiner Hütten, die hatten die Unserigen spoliert und allerdings ruiniert, welches mich heftig verdroß, er aber sah sie kaltsinnig an und tat nicht dergleichen, daß ihm ein Leid dadurch widerfahren wäre; doch tröstet' er mich, mit Entschuldigung, daß solches wider mein Willen und Befehl geschehen, Gott geb aus was Verhängnis oder Befehl, vielleicht ihm zu erkennen zu geben, wieweit er sich der Gegenwart und Beiwohnung der Menschen, vornehmlich aber der Christen und zwar seiner europäischen Landsleut zu erfreuen; die Beute, so die Zerstörer in seiner armen Wohnung gemacht hätten, würde über dreißig Dukaten in specie nit sein, die er ihnen gern gönne, hingegen wäre der größte Verlust, den er erlitten, ein Buch, das er mit großer Mühe von seinem ganzen Lebenslauf und wie er in diese Insel kommen, beschrieben; doch könnte ers auch leicht verschmerzen, weil er ein anders verfertigen könnte, wenn wir ihm anders die Palmbäum nit alle abhauen und ihm selbst das Leben lassen würden; darauf erinnerte er selbst zu eilen, damit wir denen, so ihre Vernunft in den Pflaumen verfressen hatten, fein zeitlich wieder zu Hilf kommen möchten.
Also gelangten wir zu angeregten Bäumen, dabei die Unserigen beides Kranke und Gesunde ihr Lager aufgerichtet; da sah man nun ein wunderbarlichs abenteurlichs Wesen; kein einziger unter allen war noch bei Sinnen; diejenigen aber, so ihr Vernunft noch hatten, waren zerstoben und von den Verrückten entweder auf das Schiff oder sonsten hin in die Insel geflohen; der erste, der uns aufstieß, war ein Büchsenmeister, der kroch auf allen Vieren daher, krächzete wie ein Sau, und sagte immerfort: "Malz, Malz"; der Meinung weil er sich einbildete, er wäre zu einer Sau worden, wir sollten ihm Malz zu fressen geben; derohalben gab ich ihm auf Rat des Hochteutschen ein paar Kern von den Pflaumen, darin sie alle ihren Witz verfressen, mit Versprechen, wenn er solche gessen haben würde, daß er solches zu sich genommen; also daß sie kaum warm bei ihm worden, richtet' er sich wieder auf und fing an vernünftig zu reden; und solchergestalt brachten wir alle ehender als in einer Stund wieder zurecht; da kann sich nun jeder wohl einbilden, wie hoch mich solches erfreute und wasgestalten ich mich obgedachtem Hochteutschen verbunden zu sein erkennete, sintemal wir ohne sein Hilf und Rat mit allem Volk samt dem Schiff und Gütern ohn allen Zweifel hätten verderben müssen.

Das 27. Kapitel

Beschluß dieses ganzen Werks, und Abscheid der Holländer

Da ich mich nun wiederum in einem solchen guten Stand befand, ließ ich durch den Trompeter dem Volk zusammenblasen, weil die wenigen Gesunden, so noch ihren Witz behalten, wie obgemeldt, hin und wider auf der Insel zerstreut umgingen; als sie sich nun sammleten, fand ich daß in solcher Tollerei kein einziger verloren worden; derowegen tat unser Kaplan oder Siechentröster eine schöne Predigt, in der er die Wunder Gottes pries, vornehmlich aber vielgemeldten Teutschen, der zwar alles beinahe mit einem Verdruß anhörete, dergestalt lobte, daß derjenige Matrose, so sein Buch und dreißig Dukaten angepackt, solches von freien Stücken wieder hervorbrachte und zu seinen Füßen legte; er wollte aber das Geld nit wieder annehmen, sondern bat mich, ich wollte es mit nach Holland nehmen und wegen seines verstorbnen Kameraden armen Leuten geben. "Denn wenn ich", sagte er, "gleich viel Tonnen Golds hätte, wüßte ichs doch nicht zu brauchen." Was aber das gegenwärtige Buch, so der Herr hiebei zu empfangen, anbelangt, schenkte er mir dasselbig, seiner dabei im besten zu gedenken.
Ich ließe vom Schiff Araca, spanischen Wein, ein paar westfälische Schinken, Reis und anders bringen, auch darauf sieden und braten, diesen Teutschen zu gastiern und ihm alle Ehr anzutun, aber er nahm allerdings keine Courtoisie an, sondern behalf sich mit sehr wenigem, und zwar mit der allerschlechtesten Speis, welches wie man sagt wider alle teutsche Art und Gewohnheit läuft; die Unserigen hatten ihm seinen vorrätigen Vin de Palme ausgesoffen, derowegen betrug er sich mit Wasser und wollte weder spanischen noch rheinischen Wein trinken, doch erzeigte er sich fröhlich, weil er sah, daß wir lustig waren; sein größte Freud erwies er, mit den Kranken umzugehen, die er alle einer schnellen Gesundheit vertröstete, und sagte, er erfreue sich dermaleins, daß er den Menschen, vornehmlich aber Christen und sonderlich seinen Landsleuten einmal dienen könnte, welcher Ehr er schon lange Jahr beraubt gewesen wäre; er war beides ihr Koch und Arzt, maßen er mit unserm Medico und Barbierer fleißig konferierte, was etwa an dem einen und andern zu tun und zu lassen sein möchte, weswegen ihn denn beides die Offizianten und das Volk gleichsam wie einen Abgott ehreten.
Ich selbst bedachte mich, wie ich ihm dienen möchte; ich behielt ihn bei mir und ließ ohne sein Wissen durch unsere Zimmerleut wiederum ein neue Hütte aufrichten in der Form, wie die lustigen Gartenhäuser bei uns ein Ansehen haben; denn ich sah wohl, daß er weit ein mehrers meritierte, als ich ihm antun konnte oder er annehmen wollte; seine Konversation war sehr holdselig, hingegen aber mehr als viel zu kurz, und wenn ich ihn etwas seiner Person halber fragte, wies er mich in gegenwärtiges Buch und sagte, in demselbigen hätte er nach Genüge beschrieben davon ihn jetzt zu gedenken verdrießen tät; als ich ihn aber erinnerte, er sollte sich gleichwohl wieder zu den Leuten begeben, damit er nit so einsam wie ein unvernünftig Vieh dahinsterbe, wozu er denn jetzt gute Gelegenheit hätte, sich mit uns wieder in sein Vaterland zu machen, antwortet' er: "Mein Gott, was wollt Ihr mich zeihen; hier ist Fried, dort ist Krieg; hier weiß ich nichts von Hoffart, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von Betrug, von allerhand Sorgen beides um Nahrung und Kleidung noch um Ehr und Reputation; hier ist eine stille Einsame ohne Zorn, Hader und Zank; eine Sicherheit vor eitlen Begierden, ein Festung wider alles unordentliche Verlangen; ein Schutz wider die vielfältigen Strick der Welt und ein stille Ruhe, darinnen man dem Allerhöchsten allein dienen, seine Wunder betrachten und ihn loben und preisen kann; als ich noch in Europa lebte, war alles (ach Jammer! daß ich solches von Christen zeugen soll) mit Krieg, Brand, Mord, Raub, Plünderung, Frauen- und Jungfrauenschänden etc. erfüllt; als aber die Güte Gottes solche Plagen samt der schrecklichen Pestilenz und dem grausamen Hunger hinwegnahm und dem armen bedrängten Volk zum Besten den edlen Frieden wieder sendete, da kamen allerhand Laster der Wollust, als Fressen, Saufen und Spielen, Huren, Buben und Ehebrechen, welche den ganzen Schwarm der anderen Laster alle nach sich ziehen, bis es endlich so weit kommen, daß je einer durch Unterdrückung des andern sich groß zu machen öffentlich praktiziert, dabei dann kein List, Betrug und politische Spitzfindigkeit gespart wird; und was das Allerärgste, ist dieses, daß keine Besserung zu hoffen, indem jeder vermeinet, wenn er nur zu acht Tagen, wenns wohl gerät, dem Gottesdienst beiwohne und sich etwa das Jahr einmal vermeintlich mit Gott versöhne, er habe es als ein frommer Christ nit allein alles wohl ausgerichtet, sondern Gott sei ihm noch dazu um solche laue Andacht viel schuldig; sollte ich nun wieder zu solchem Volk verlangen? müßte ich nit besorgen, wenn ich diese Insel, in welche mich der liebe Gott ganz wunderbarlicherweis versetzt, wiederum quittierte, es würde mir auf dem Meer wie dem Jonae ergehen? Nein!" sagte er, "vor solchem Beginnen wolle mich Gott behüten."
Wie ich nun sah, daß er so gar keine Lust hatte, mit uns abzufahren, fing ich einen andern Diskurs an und fragte ihn, wie er sich denn so einzig und allein ernähren und behelfen könnte? Item ob er sich, indem er so viel hundert und tausend Meilen von andern lieben Christenmenschen abgesondert lebe, nicht fürchte; sonderlich ob er nicht bedenke, wenn sein Sterbstündlein herbeikommen wer ihm alsdann mit Trost, Gebet, geschweige der Handreichung, so ihm in seiner Krankheit vonnöten sein würde, zu Hilf und Statten kommen werde; ob er alsdann nit von aller Welt verlassen sein und wie ein wildes Tier oder Vieh dahinsterben müßte? Darauf antwortet' er mir, was seine Nahrung anlange, versorge ihn die Güte Gottes mit mehrerm als seiner tausend genießen könnten; er hätte gleichsam alle Monat durchs Jahr ein sondere Art Fisch zu genießen, die in und vor dem süßen Wasser der Insel zu laichen ankämen; solche Wohltaten Gottes genieße er auch von dem Geflügel, so von einer Zeit zur andern sich bei ihm niederließen, entweder zu ruhen und sich zu speisen oder Eier zu legen und Junge zu hecken; wollte jetzt von der Insel Fruchtbarkeit, als die ich selbst vor Augen sehe, nichts melden; betreffend die Hilf der Menschen, deren er bei seinem Abscheid beraubt sein müßte, bekümmere ihn solches im geringsten, nichts, wenn er nur Gott zum Freunde hab; so lang er bei den Menschen in der Welt gewesen, hätte er jeweils mehr Verdruß von Feinden als Vergnügen von Freunden empfangen, und machten einem die Freund selbst oft mehr Ungelegenheit als einer Freundschaft von ihnen zu hoffen; hätte er hier keine Freund, die ihn liebten und bedienten, so hätte er doch auch keine Feinde, die ihn haßten, welche beide Art der Menschen einen jeden zum Sündigen bringen könnten, deren aber er beider überhoben und also Gott desto geruhiger dienen könnte; zwar hätte er anfänglich viel Versuchungen beides von sich selbsten und dem Erbfeind aller Menschen erdulden und überstehen müssen, er hätte aber allwegen durch göttliche Gnad in den Wunden seines Erlösers (dahin noch sein einzige Zuflucht gestellt sei) Hilf, Trost und Errettung gefunden und empfangen.
Mit solchem und gleichmäßigen mehrerem Gespräch brachte ich mein Zeit mit dem Teutschen zu; indessen wurde es mit unseren Kranken von Stund zu Stund besser, so daß wir den vierten Tag auch kein einzigen mehr hatten, der sich klagt'; wir besserten im Schiff, was zu bessern war, nahmen frisch Wasser und anders von der Insel ein und fuhren, nachdem wir sechs Tag uns auf der Insel genugsam ergötzt und erfrischt, den siebenten Tag aber gegen die Insel S. Helenae, allwo wir teils Schiff von unserer Armada fanden, die auch ihre Kranken pflegten und der überigen Schiff erwarteten; von dannen wir nachgehends glücklich allhier in Holland ankommen.
Hiebei hat der Herr auch ein paar von den leuchtenden Käfern zu empfangen, vermittelst deren ich mit oftgemeldtem Teutschen in abgesagte Höhle kommen, welches wohl ein grausame Wunderspelunke ist; sie war ziemlich proviantiert mit Eiern, welche sich, wie mir der Teutsche sagt', in derselbigen übers Jahr halten, weil der Ort mehr kühl als kalt ist; in dem hintersten Winkel der Höhlen hatte er viel hundert dieser Käfer, davon es so hell war, als in einem Zimmer, darin überflüssig Lichter brennen; er berichtet' mich, daß sie zu einer gewissen Zeit des Jahrs auf der Insel von einer sonderen Art Holz wachsen, würden aber innerhalb vier Wochen von einer Gattung fremder Vögel, die zu derselben Zeit ankommen und Junge hecken, alle miteinander aufgefressen, alsdann müsse er die Notdurft finden, sich deren das Jahr hindurch anstatt der Lichter sonderlich in besagter Höhle zu bedienen; in der Höhle behalten sie ihre Kraft übers Jahr, in der Luft aber trocknet die leuchtende Feuchtigkeit aus, daß sie den geringsten Schein nit mehr von sich geben, wenn sie nur acht Tag tot gewesen; und gleich wie allein durch diese geringen Käfer der Teutsche sich der Höhlen erkundigt und sich selbige zu seinem sichern Aufenthalt zunutz gemacht, also hätten wir ihn auch mit keiner menschlichen Gewalt, wenn wir gleich 100 000 Mann stark gewesen wären, ohne seinen Willen nicht herausbringen können. Wir schenkten ihm bei unserer Abreis eine englische Brillen, damit er Feur von der Sonnen anzünden könnte, welches auch das einzige war, so er von uns bittlich begehrt; und ob er zwar sonst nichts von uns annehmen wollte, so hinterließen wir ihm doch eine Axt, ein Schaufel, ein Hau, zwei Stücke baumwollen Zeug von Bengala, ein halb Dutzend Messer, eine Scher, zween kupferne Hafen und ein paar Kaninchen, zu probiern, ob sie sich auf der Insel vermehren wollten; womit wir dann einen sehr freundlichen Abscheid voneinander genommen; und halte ich diese Insel für den allergesündesten Ort in der Welt, weil unser Kranken innerhalb fünf Tagen alle miteinander wiederum zu Kräften kamen und der Teutsche selbst die ganze Zeit, so er daselbst gewesen, von Krankheit nichts gewahr worden.
Ende

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BESCHLUSS
Hochgeehrter großgünstiger lieber Leser etc. Dieser ›Simplicissimus‹ ist ein Werk von Samuel Greifnson von Hirschfelt, maßen ich nicht allein dieses nach seinem Absterben unter seinen hinterlassenen Schriften gefunden, sondern er bezeugt sich auch selbst in diesem Buch auf den ›Keuschen Joseph‹, den er gemacht, und in seinem ›Satyrischen Pilger‹ auf diesen seinen ›Simplicissimum‹, welchen er in seiner Jugend zum Teil geschrieben, als er noch ein Musketierer gewesen; aus was Ursach er aber seinen Namen durch Versetzung der Buchstaben verändert, und German Schleifheim von Sulsfort an dessen Statt auf den Titel gesetzt, ist mir unwissend; sonsten hat er noch mehr feine Satyrische Gedichte hinterlassen, welche, wenn dies Werk beliebt wird, wohl auch durch den Druck an Tag gegeben werden könnten; so ich dem Leser zur Nachricht nicht verbergen wollen; diesen Schluß habe ich nicht hinterhalten mögen, weil er die ersten fünf Teil bereits bei seinen Lebzeiten in Druck gegeben. Der Leser leb wohl. Dat. Rheinnec, den 22. Aprilis Anno 1668.
H. I. C. V. G. P. zu Cernhein

Inhaltsverzeichnis - Das erste Buch - Das zweite Buch - Das dritte Buch - Das vierte Buch - Das fünfte Buch - CONTINUATIO

Ein herzlicher Dank an Volker für die Übersendung der *.txt Datei.

Woher kommt der Satz: "Und sie bewegt sich doch!"

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