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Simplicissimus

Inhaltsverzeichnis - Das erste Buch - Das zweite Buch - Das dritte Buch - Das vierte Buch - Das fünfte Buch - CONTINUATIO

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch - DAS ZWEITE BUCH


Das 1. Kapitel:
Wie sich ein Ganser und eine Gänsin gepaart

Das 2. Kapitel:
Wann trefflich gut zu baden sei

Das 3. Kapitel:
Der ander Page bekommt sein Lehrgeld, und Simplicius wird zum Narren erwählt

Das 4. Kapitel:
Vom Mann der Geld gibt, und was für Kriegsdienste Simplicius der Kron Schweden geleistet, wodurch er den Namen Simplicissimus bekommen

Das 5. Kapitel:
Simplicius wird von vier Teufeln in die Höll geführt und mit spanischem Wein traktiert

Das 6. Kapitel:
Simplicius kommt in Himmel, und wird in ein Kalb verwandelt

Das 7. Kapitel:
Wie sich Simplicius in diesen bestialischen Stand geschickt

Das 8. Kapitel:
Redet von Etlicher wunderbarlichem Gedächtnis, und von Anderer Vergessenheit

Das 9. Kapitel:
Ein überzwerches Lob einer schönen Dame

Das 10. Kapitel:
Redet von lauter Helden und namhaften Künstlern

Das 11. Kapitel:
Von dem müheseligen und gefährlichen Stand eines Regenten

Das 12. Kapitel:
Von Verstand und Wissenschaft etlicher unvernünftiger Tier'

Das 13. Kapitel:
Hält allerlei Sachen in sich, wer sie wissen will, muß es nur selbst lesen oder sich lesen lassen

Das 14. Kapitel:
Was Simplicius ferner für ein edel Leben geführt, und wie ihn dessen die Kroaten beraubt, als sie ihn selbst raubten

Das 15. Kapitel:
Simplicii Reiterleben, und was er bei den Kroaten gesehen und erfahren

Das 16. Kapitel:
Simplicius erschnappet ein gute Beut, und wird darauf ein diebischer Waldbruder

Das 17. Kapitel:
Wie Simplicius zu den Hexen auf den Tanz gefahren

Das 18. Kapitel:
Warum man Simplicio nicht zutrauen soll, daß er sich des großen Messers bediene

Das 19. Kapitel:
Simplicius wird wieder ein Narr, wie er zuvor einer gewesen

Das 20. Kapitel:
Ist ziemlich lang, und handelt vom Spielen mit Würfeln, und was dem anhängig

Das 21. Kapitel:
Ist etwas kürzer, und kurzweiliger als das vorige

Das 22. Kapitel:
Ein schelmische Diebskunst, einander die Schuh auszutreten

Das 23. Kapitel:
Ulrich Herzbruder verkauft sich um hundert Dukaten

Das 24. Kapitel:
Zwo Wahrsagungen werden auf einmal erfüllt

Das 25. Kapitel:
Simplicius wird aus einem Jüngling in ein Jungfrau verwandelt, und bekommt unterschiedliche Buhlschaften

Das 26. Kapitel:
Wie er für einen Verräter und Zauberer gefangen gehalten wird

Das 27. Kapitel:
Wie es dem Profosen in der Schlacht bei Wittstock ergangen

Das 28. Kapitel:
Von einer großen Schlacht, in welcher der Triumphator über dem Obsiegen gefangen wird

Das 29. Kapitel:
Wie es einem frommen Soldaten im Paradeis so wohl erging, ehe er starb, und wie nach dessen Tod der Jäger an seine Stell getreten

Das 30. Kapitel:
Wie sich der Jäger angelassen, als er anfing das Soldatenhandwerk zu treiben, daraus ein junger Soldat etwas zu lernen

Das 31. Kapitel:
Wie der Teufel dem Pfaffen seinen Speck gestohlen und sich der Jäger selbst fängt

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Das 1. Kapitel

Wie sich ein Ganser und eine Gansin gepaart

In meinem Gänsstall konzipierte ich, was beides vom Tanzen und Saufen ich im ersten Teil meines ›Schwarz und Weiß‹ hiebevor geschrieben, ist derowegen ohnnötig, dies Orts etwas Ferners davon zu melden: Doch kam ich nicht verschweigen, daß ich damals noch zweifelte, ob die Tänzer den Boden einzutreten so gewütet oder ob ich nur so überredet worden? Jetzt will ich ferner erzählen, wie ich wieder aus dem Gänskerker kam: Drei ganzer Stund, nämlich bis sich das Praeludium Veneris (der ehrlich Tanz sollt ich gesagt haben) geendet hatte, mußte ich in meiner eigenen Unlust sitzen bleiben, ehe einer herzuschlich, und an dem Riegel anfing zu rappeln; ich lausterte wie ein Sau, die ins Wasser harnt, der Kerl aber, so an der Tür war, machte solche nicht allein auf, sondern wischte auch ebenso geschwind herein, als gern ich heraußen gewesen wäre, und schleppte noch dazu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher, gleichwie ich beim Tanz hatte tun sehen: Ich konnte nicht wissen, was es abgeben sollte, weil ich aber vieler seltsamer Abenteuren, die meinem närrischen Sinn denselben Tag begegnet, schier gewohnt war, und ich mich drein ergeben hatte, fürderhin alles mit Geduld und Stillschweigen zu ertragen, was mir mein Verhängnis zuschicken würde; also schmiegt ich mich zu der Tür mit Furcht und Zittern das End erwartend; gleich darauf erhub sich zwischen diesen beiden ein Gefispel, daraus ich zwar nichts anders verstund, als daß sich das eine Teil über den bösen Geruch desselben Orts beklagte, und hingegen der ander Teil das erste hinwiederum tröstete: "Gewißlich schönste Dame", sagt' er, "mir ist versichert von Herzen leid, daß uns die Früchte der Lieb zu genießen vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird; aber ich kann daneben beteuren, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen verächtlichen Winkel anmutiger macht als das lieblichste Paradeis selbsten." Hierauf hörte ich küssen, und vermerkte seltsame Posturen, ich wußte aber nicht was es war oder bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still als ein Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhub, und der Gänsstall, so nur von Brettern unter die Stiege getäfelt war, zu krachen anfing, zumaln das Weibsbild sich anstellte, als ob ihr gar wehe bei der Sach geschehe, da gedachte ich, das sind zwei von den wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten und sich jetzt hieher begeben haben, da gleicherweis zu hausen und dich ums Leben zu bringen. Sobald diese Gedanken mich einnahmen, sobald nahm ich hingegen die Tür ein, dem Tod zu entfliehen, dadurch ich mit einem solchen Mordio-Geschrei hinauswischte, das natürlich lautet' wie dasjenige, das mich an denselben Ort gebracht hatte, doch war ich so gescheit, daß ich die Tür hinter mir wieder zuriegelte und hingegen die offene Haustür suchte. Dieses nun war die erste Hochzeit, bei der ich mich mein Lebtag befunden, unangesehen ich nicht dazu geladen worden, hingegen durfte ich aber auch nichts schenken, wiewohl mir hernach der Hochzeiter die Zech desto teurer rechnete, die ich auch redlich bezahlte. Günstiger Leser, ich erzähle diese Geschieht nicht darum, damit er viel darüber lachen solle, sondern damit meine Histori ganz sei, und der Leser zu Gemüt führe, was für ehrbare Früchte von dem Tanzen zu gewarten seien. Dies halte ich einmal für gewiß, daß bei den Tänzen mancher Kauf gemacht wird, dessen sich hernach eine ganze Freundschaft zu schämen hat.

Das 2. Kapitel

Wann trefflich gut zu baden sei

Ob ich nun zwar dergestalt aus dem Gänsstall glücklich entronnen, so wurde ich jedoch erst meines Unglücks recht gewahr, denn meine Hosen waren voll, und ich wußte nicht wohin damit; in meines Herrn Quartier war alles still und schlafend, dahero durfte ich mich zur Schildwacht, die vorm Haus stund, nicht nähern, in der Hauptwach Corps de Garde wollte man mich nicht leiden, weil ich viel zu übel stank, auf der Gassen zu bleiben war mirs gar zu kalt und unmöglich, also daß ich nicht wußte wo aus noch ein. Es war schon weit nach Mitternacht, als mir einfiel, ich sollte mein Zuflucht zu dem vielgemeldten Pfarrer nehmen. Ich folgete meinem Gutbefinden, vor der Tür anzuklopfen, damit war ich so importun, daß mich endlich die Magd mit Unwillen einließ. Als sie aber roch was ich mitbrachte (denn ihre lange Nas verriet gleich meine Heimlichkeit), wurde sie noch schelliger; derowegen fing sie an mit mir zu keifen, welches ihr Herr, so nunmehr fast ausgeschlafen hatte, bald hörete: Er rufte uns beide vor sich ans Bett, sobald er aber merkte, wo der Has im Pfeffer lag, und die Nas ein wenig gerümpft hatte, sagte er: Es sei niemals, ohnangesehen was die Kalender schreiben, besser baden, als in solchem Stand, darin ich mich befände, er befahl auch seiner Magd, sie sollte bis es vollends Tag wurde, meine Hosen waschen und vor den Stubenofen hängen, mich selbst aber in ein Bett legen, denn er sah wohl, daß ich vor Frost ganz erstarrt war. Ich war kaum erwärmt, da es anfing zu tagen, so stund der Pfarrer schon vorm Bett, zu vernehmen wie mirs gangen und wie meine Händel beschaffen wären, weil ich meines nassen Hemds und der Hosen halber noch nicht aufstehen konnte, zu ihm zu gehen: Ich erzählte ihm alles, und machte den Anfang an der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie übel sie geraten. Folgends meldet ich, daß die Gäst, nachdem er der Pfarrer hinweg gewesen, ganz unsinnig worden wären, und (maßen mich mein Kamerad also berichtet) sich vorgenommen hätten, dem Haus den Boden einzutreten; item in was für ein schreckliche Angst ich darüber geraten, und auf was Weis ich mich vorm Untergang konservieren wollen, darüber aber in Gänsstall gesperret worden, auch was ich in demselben von den zweien, so mich wieder erlöst, für Wort und Werk vernommen, und welchergestalt ich sie beide an meine Statt eingesperret hätte. "Simplici", sagt' der Pfarrer, "deine Sachen stehen lausig, du hattest einen guten Handel, aber ich sorg! ich sorg! es sei verscherzt; pack dich nur geschwind aus dem Bett und troll dich aus dem Haus, damit ich nicht samt dir in deines Herrn Ungnad komme, wenn man dich bei mir findet." Also mußte ich mit meinem feuchten Gewand hinziehen, und zum erstenmal erfahren, wie wohl einer bei männiglich daran ist, wenn er seines Herrn Gunst hat, und wie scheel einer hingegen angesehen wird, wenn solche hinket.
Ich ging in meines Herrn Quartier, darin noch alles steinhart schlief, bis auf den Koch und ein paar Mägd, diese putzten das Zimmer, darinnen man gestern gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlin wieder ein Frühstück oder vielmehr ein Imbiß zu. Am ersten kam ich zu den Mägden, bei denen lag es hin und wider voller zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, an teils Orten war es voll von dem, so unten und oben weggangen, und an andern Orten waren große Lachen von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten gleichsah, darinnen man unterschiedliche Meer, Inseln und trockene oder fußfeste Länder hätte abbilden und vor Augen stellen wollen. Es stank im ganzen Zimmer viel übler, als in meinem Gänsstall; derowegen war auch meines Bleibens nicht lang daselbsten, sondern ich machte mich in die Küchen, und ließ meine Kleider beim Feur am Leib vollends trocknen, mit Furcht und Zittern erwartend, was das Glück, wenn mein Herr ausgeschlafen hätte, ferners in mir wirken wollte; daneben betrachtet ich der Welt Torheit und Unsinnigkeit, und zog alles zu Gemüt, was mir verwichenem Tag und selbige Nacht begegnet war, auch was ich sonst gesehen, gehört und erfahren hatte. Solche Gedanken verursachten, daß ich damals meines Einsiedlers geehrtes dürftig und elend Leben für glückselig schätzte, und ihn und mich wieder in vorigen Stand wünschete.

Das 3. Kapitel

Der andere Page bekommt sein Lehrgeld, und Simplicius wird zum Narren erwählt

Als mein Herr aufgestanden, schickt' er seinen Leibschützen hin, mich aus dem Gänsstall zu holen, der brachte Zeitung, daß er die Tür offen, und ein Loch hinter dem Riegel mit einem Messer geschnitten gefunden, vermittelst dessen der Gefangene sich selbst erledigt hätte: Ehe aber solche Nachricht einkam, verstund mein Herr von andern, daß ich vorlängst in der Küchen gewesen. Indessen mußten die Diener hin und wieder laufen, die gestrigen Gäst zum Frühestück einzuholen, unter welchen der Pfarrer auch war, welcher zeitlicher als andere erscheinen mußte, weil mein Herr meinetwegen mit ihm reden wollte, ehe man zur Tafel säße. Er fragte ihn erstlich, ob er mich für witzig oder für närrisch hielte? oder ob ich so einfältig oder so boshaftig sei? und erzählet' ihm damit alles, wie unehrbarlich ich mich den vorigen Tag und Abend gehalten, welches teils von seinen Gästen übel empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit Fleiß so angestellt worden, item daß er mich hätte in einen Gänsstall versperren lassen, sich vor dergleichen Spott, so ich ihm noch hätte zufügen können, zu versichern, aus welchem ich aber gebrochen und nun in der Küchen umgehe, wie ein Junker, der ihm nicht mehr aufwarten dürfe; sein Lebtag sei ihm kein solcher Poß widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler ehrlicher Leut gerissen, er wisse nichts anders mit mir anzufangen, als daß er mich lasse abprügeln, und weil ich mich so dumm anließe, wieder für den Teufel hinjage.
Inzwischen als mein Herr so über mich klagte, sammleten sich die Gäst nach und nach, da er aber ausgeredet hatte, antwort der Pfarrer: Wenn ihm der Herr Gouverneur ein kleine Zeit mit ein wenig Geduld zuzuhören beliebte, so wollte er von Simplicio der Sachen halber eines und anders erzählen, daraus nicht allein seine Unschuld zu vernehmen sein, sondern auch denen, so sich seines Verhaltens halber disgustiert befinden wollten, alle ungleichen Gedanken benommen würden.
Als man dergestalt oben in der Stuben von mir redete, akkordierte der tolle Fähnrich, den ich an meine Stell selbander eingesperrt hatte, unten mit mir in der Küchen, und brachte mich durch Drohwort und einen Taler, den er mir zusteckte, dahin, daß ich ihm versprach, von seinen Händeln reinen Mund zu halten.
Die Tafeln wurden gedeckt, und wie den vorigen Tag mit Speisen und Leuten besetzt, Wermut-, Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras den Säufern ihre Köpf und Mägen wieder begütigen, denn sie waren schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erstes Gespräch war von ihnen selbsten, nämlich wie sie gestern einander so brav vollgesoffen hätten, und war doch keiner unter ihnen, der gründlich gestehen wollte, daß er voll gewesen, wiewohl den Abend zuvor teils bei Teufelholen geschworen, sie könnten nicht mehr saufen, auch ›Wein mein Herr!‹ geschrien und geschrien hatten. Etliche zwar sagten, sie hätten gute Räusch gehabt, andere aber bekenneten, daß sich keiner mehr vollsöffe, seit die Räusch aufkommen. Als sie aber von ihren eigenen Torheiten beides zu reden und zu hören müd waren, mußte sich der arme Simplicius leiden: Der Gouverneur selbst erinnerte den Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen, wie er versprochen hätte.
Dieser bat zuvörderst, man wollte ihm nichts für ungut halten, dafern er etwa Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel anständig zu sein vermerkt würden; fing darauf an zu erzählen, erstlich aus was für natürlichen Ursachen mich die Leibesdünste zu plagen pflegten, was ich durch solche dem Secretario für eine Unlust in die Kanzlei angerichtet; was ich neben dem Wahrsagen für ein Kunst dawider gelernet, und wie schlimm solche in der Prob bestanden; item wie seltsam mir das Tanzen vorkommen, weil ich dergleichen niemalen gesehen, was ich für Bericht deshalber von meinem Kameraden eingenommen, welcher Ursachen halber ich dann die vornehme Dame ergriffen, und darüber in Gänsstall kommen. Solches aber brachte er mit einer wohlanständigen Art zu reden vor, daß sie sich trefflich zerlachen mußten, entschuldigt' dabei meine Einfalt und Unwissenheit so bescheidentlich, daß ich wieder in meines Herrn Gnad kam und vor der Tafel aufwarten durfte, aber von dem was mir im Gänsstall begegnet, und wie ich wieder daraus erlöst worden, wollte er nichts sagen, weil ihn bedünkte, es hätten sich an seiner Person etliche saturnische Holzböck geärgert, die da vermeinten, Geistliche sollten nur immer sauer sehen; hingegen fragte mich mein Herr, seinen Gästen ein Spaß zu machen, was ich meinem Kameraden geben hätte, daß er mich so saubere Künste gelehret? und als ich antwortet "nichts!" sagte er: "So will ich ihm das Lehrgeld für dich bezahlen", wie er ihn denn hierauf in ein Futterwanne spannen und allerdings karbeitschen ließ, wie man mirs den vorigen Tag gemacht, als ich die Kunst probiert und falsch befunden hatte.
Mein Herr hatte nunmehr genug Nachricht von meiner Einfalt, wollte mich derowegen stimmen, ihm und seinen Gästen mehr Lust zu machen, er sah wohl, daß die Musikanten nichts galten, solang man mich unterhanden haben würde, denn ich bedünkte mit meinen närrischen Einfällen jedermann, über siebzehn Lauten zu sein. Er fragte, warum ich die Tür an dem Gänsstall zerschnitten hätte? Ich antwortet: "Das mag jemand anders getan haben." Er fragte: "Wer denn?" Ich sagte: "Vielleicht der, so zu mir kommen." "Wer ist denn zu dir kommen?" Ich antwortet: "Das darf ich niemand sagen." Mein Herr war ein geschwinder Kopf, und sah wohl, wie man mir lausen mußte, derowegen übereilt' er mich, und fragte, wer mir solches denn verboten hätte? Ich antwortet gleich: "Der tolle Fähnrich" -. und demnach ich an jedermanns Gelächter merkete, daß ich mich gewaltig verhauen haben müßte, der tolle Fähnrich, so mit am Tisch saß, auch so rot wurde wie ein glühende Kohl; also wollte ich nichts mehr schwätzen, es würde mir denn von demselben erlaubt. Es war aber nur um einen Wink zu tun, den mein Herr dem tollen Fähnrich anstatt eines Befehls gab, da durft ich reden was ich wußte. Darauf fragte mich mein Herr, was der tolle Fähnrich bei mir im Gänsstall zu tun gehabt? Ich antwortet: "Er brachte eine Jungfer zu mir hinein." "Was tat er aber weiters?" sagte mein Herr. Ich antwortet: "Mich deuchte, er wollte im Stall sein Wasser abgeschlagen haben." Mein Herr fragte: "Was tat aber die Jungfer dabei, schämte sie sich nicht?" "Ja wohl nein Herr!" sagte ich, "sie hub den Rock auf, und wollte dazu (mein hochgeehrter, zucht-, ehr- und tugendliebender Leser verzeihe meiner unhöflichen Feder, daß sie alles so grob schreibt, als ichs damals vorbrachte) scheißen." Hierüber erhub sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte, und zwar war es auch nicht weiters vonnöten, man hätte denn die ehrliche fromme Jungfer (scil.) auch in Spott bringen wollen.
Hierauf erzählte der Hofmeister vor der Tafel, daß ich neulich vom Bollwerk oder Wall heimkommen und gesagt: Ich wüßte wo der Donner und Blitz herkäme, ich hätte große Blöcher auf halben Wagen gesehen, die inwendig hohl gewesen, in dieselben hätte man Zwiebelsamen samt einer eisernen weißen Rüben, der der Schwanz abgeschnitten, gestopft, hernach die Blöcher hintenher ein wenig mit einem zinkigen Spieß gekitzelt, davon wäre vornenheraus Dampf, Donner und höllisch Feuer geschlagen. Sie brachten noch mehr dergleichen Possen auf die Bahn, also daß man schier denselben ganzen Imbiß von sonst nichts als nur von mir zu reden und zu lachen hatte. Solches verursachte einen allgemeinen Schluß zu meinem Untergang, welcher war, daß man mich tapfer agieren sollte, so würde ich mit der Zeit einen raren Tischrat abgeben, mit dem man auch den größten Potentaten von der Welt verehren, und die Sterbenden zu lachen machen könnte.

Das 4. Kapitel

Vom Mann der Geld gibt, und was für Kriegsdienste Simplicius der Kron Schweden geleistet, wodurch er den Namen Simplicissimus bekommen

Wie man nun also schlampamte und wieder wie gestern gut Geschirr machen wollte, meldet' die Wacht mit Einhändigung eines Schreibens an den Gouverneur einen Commissarium an, der vor dem Tor sei, welcher von der Kron Schweden Kriegsräten abgeordnet war, die Garnison zu mustern und die Festung zu visitieren. Solches versalzte allen Spaß, und alles Freudengelach verlummerte wie ein Sackpfeifen-Zipfel, dem der Blast entgangen: Die Musikanten und die Gäst zerstoben wie Tobakrauch verschwindet, der nur den Geruch hinter sich läßt; mein Herr trollte selbst mit dem Adjutanten, der die Schlüssel trug, samt einem Ausschuß von der Hauptwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den Blackschmeißer, wie er ihn nennete, selbst einzulassen: Er wünschte, daß ihm der Teufel den Hals in tausend Stück breche, ehe er in die Festung käme! Sobald er ihn aber eingelassen und auf der innern Fallbrücken bewillkommte, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht selbst an Stegreif griff, seine Devotion gegen ihn zu bezeugen, ja die Ehrerbietung wurde augenblicklich zwischen beiden so groß, daß der Commissarius abstieg, und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein Losament fortwanderte, da wollte jeder die linke Hand haben, etc. "Ach!" gedachte ich, "was für ein wunderfalscher Geist regiert doch die Menschen, indem er je den einen durch den andern zum Narren macht." Wir näherten also der Hauptwacht, und die Schildwacht rief ihr ›Wer da?‹ wiewohl sie sah, daß es mein Herr war; dieser wollte nicht antworten, sondern jenem die Ehr lassen, daher stellte sich die Schildwacht mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortet' er auf das letztere ›Wer da?‹: "Der Mann ders Geld gibt!" Wie wir nun bei der Schildwacht vorbeipassierten und ich so hinten nach zog, hörete ich ermeldte Schildwacht, die ein neugeworbener Soldat, und zuvor ihres Handwerks ein wohlhäbiger junger Bauresmann auf dem Vogelsberg gewesen war, diese Wort brummten: "Du magst wohl ein verlogener Kund sein; ›ein Mann ders Geld gibt!‹ Ein Schindhund ders Geld nimmt! das bist du; so viel Gelds hast du mir abgeschweißt, daß ich wollte, der Hagel erschlüg dich, ehe du wieder aus der Stadt kämest." Von dieser Stund an faßte ich die Gedanken, dieser fremde Herr im sammeten Mutzen müsse ein heiliger Mann sein, weil nicht allein keine Flüch an ihm hafteten, sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehr, alles Liebs und alles Gutes erwiesen, er wurde noch dieselbe Nacht fürstlich traktiert, blind voll gesoffen und noch dazu in ein herrlich Bett gelegt.
Folgende Tage gings bei der Musterung bunt über Eck her, ich einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium (zu welchen Ämtern und Verrichtungen man wahrlich keine Kinder nimmt) zu betrügen, welches ich eher als in einer Stund lernete, weil die ganze Kunst nur in fünf und neun bestand, selbige auf einer Trommel zu schlagen, weil ich noch zu klein war, einen Musketierer zu präsentieren. Man staffierte mich zu solchem End mit einem entlehnten Kleid und auch mit einer entlehnten Trommel (denn meine geschürzten Pagehosen taugten nichts zum Handel), ohne Zweifel darum, weil ich selbst entlehnt war, damit passierte ich glücklich durch die Musterung. Demnach man aber meiner Einfalt nicht zugetraute, ein fremden Namen im Sinn zu behalten, auf welchen ich antworten und hervortreten sollte, mußte ich der Simplicius verbleiben, den Zunamen ersetzte der Gouverneur selbsten, und ließ mich Simplicius Simplicissimus in die Roll schreiben, mich also wie ein Hurenkind zum ersten meines Geschlechts zu machen, wiewohl ich seiner eigenen Schwester, seinem Selbstbekenntnis nach, ähnlich sah. Ich behielt auch nachgehends diesen Namen und Zunamen, bis ich den rechten erfuhr, und spielte unter solchem meine Person zu Nutz des Gouverneurs und geringen Schaden der Kron Schweden ziemlich wohl, welches denn alle meine Kriegsdienste sind, die ich derselben mein Lebtag geleistet, derowegen denn ihre Feinde mich deswegen zu neiden kein Ursach haben.

Das 5. Kapitel

Simplicius wird von vier Teufeln in die Höll geführt und mit spanischem Wein traktiert

Als der Commissarius wieder hinweg war, ließ vielgemeldter Pfarrer mich heimlich zu sich in sein Losament kommen, und sagte: "O Simplici, deine Jugend dauret mich, und deine künftige Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden. Höre mein Kind, und wisse gewiß, daß dein Herr dich aller Vernunft zu berauben und zum Narren zu machen entschlossen, maßen er zu solchem End bereits ein Kleid für dich verfertigen läßt, morgen mußt du in diejenige Schul, darin du deine Vernunft verlernen sollst; in derselben wird man dich ohne Zweifel so greulich drillen, daß du, wenn anders Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern, ohne Zweifel zu einem Phantasten werden mußt. Weil aber solches ein mißlich und sorglich Handwerk ist, also hab ich um deines Einsiedlers Frommkeit und um deiner eigenen Unschuld willen aus getreuer christlicher Liebe dir mit Rat und notwendigen guten Mitteln beispringen und gegenwärtige Arznei zustellen wollen; darum folge nun meiner Lehr und nimm dieses Pulver ein, welches dir das Hirn und Gedächtnis dermaßen stärken wird, daß du unverletzt deines Verstands alles leicht überwinden magst: auch hast du hierbei einen Balsam, damit schmiere die Schläf, den Wirbel und das Genick samt den Naslöchern, und diese beiden Stück brauche auf den Abend, wenn du schlafen gehest, sintemal du keine Stund sicher sein wirst, daß du nicht aus dem Bett abgeholet werdest, aber sieh zu, daß niemand dieser meiner Warnung und mitgeteilten Arznei gewahr werde, es möchte sonst dir und mir übel ausschlagen, und wenn man dich in dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, was man dich überreden will, und stelle dich doch, als wenn du alles glaubtest, rede wenig, damit deine Zugeordneten nicht an dir merken, daß sie leer Stroh dreschen, sonsten werden sich deine Plagen verändern, wiewohl ich nit wissen kann, auf was Weis sie mit dir umgehen werden; wenn du aber den Strauß und das Narrenkleid anhaben wirst, so komm wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerm Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott für dich bitten, daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle." Hierauf stellt' er mir gemeldtes Pulver und Sälblein zu, und wandert' damit wieder nach Haus.
Wie der Pfarrer gesagt hatte, also gings. Im ersten Schlaf kamen vier Kerl in schrecklichen Teufelslarven vermummt zu mir ins Zimmer vors Bett, die sprangen herum wie Gaukler und Fastnachtsnarren, einer hatte einen glühenden Hacken, und der ander eine Fackel in Händen, die anderen zween aber wischten über mich her, zogen mich aus dem Bett, tanzten ein Weil mit mir hin und her, und zwangen mir meine Kleider an Leib, ich aber stellte mich, als wenn ich sie für rechte natürliche Teufel gehalten hätte, verführte ein jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerfurchtsamsten Gebärden erscheinen; aber sie verkündigten mir, daß ich mit ihnen fort müßte, hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einer Handzwell, daß ich weder hören, sehen noch schreien konnte: Sie führten mich unterschiedliche Umweg, viel Stiegen auf und ab und endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte, und nachdem sie mir die Handzwell wieder abgebunden, fingen sie an mir in spanischem Wein und Malvasier zuzutrinken. Sie hatten mich gut überreden, ich wäre gestorben und nunmehr im Abgrund der Höllen, weil ich mich mit Fleiß also stellete, als wenn ich alles glaubte, was sie mir vorlogen: "Saufe nur tapfer zu", sagten sie, "weil du doch ewig bei uns bleiben mußt, willst aber nicht ein gut Gesell sein und mitmachen, so mußt du in gegenwärtiges Feur." Die armen Teufel wollten ihre Sprach und Stimm verquanten, damit ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines Herrn Furierschützen waren, doch ließ ichs mich nicht merken, sondern lachte in die Faust, daß diese, so mich zum Narren machen sollten, meine Narren sein mußten. Ich trank meinen Teil mit vom spanischen Wein, sie aber soffen mehr als ich, weil solcher himmlischer Nektar selten an solche Gesellen kommt, maßen ich noch schwören dürfte, daß sie eher voll worden als ich; da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellte ich mich mit Hin- und Hertorkeln, wie ichs neulich an meines Herrn Gästen gesehen hatte; und wollte endlich gar nicht mehr saufen, sondern schlafen, hingegen jagten und stießen sie mich mit ihrem Hacken, den sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken des Kellers herum, daß es sah, als ob sie selbst närrisch worden wären, entweder daß ich mehr trinken oder aufs wenigste nicht schlafen sollte, und wenn ich in solcher Hatz niederfiel, wie ich denn oft mit Fleiß tat, so packten sie mich wieder auf und stellten sich, als wenn sie mich ins Feuer werfen wollten: also ging mirs wie einem Falken dem man wacht, welches mein großes Kreuz war. Ich hätte sie zwar Trunkenheit und Schlafs halber wohl ausgedauret, aber sie verblieben nicht allweg beieinander, sondern lösten sich untereinander ab, darum hätte ich zuletzt den kürzern ziehen müssen: Drei Tag und zwo Nächt hab ich in diesem raucherichten Keller zubracht, welcher kein ander Licht hatte, als was das Feur von sich gab, der Kopf fing mir dahero an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte, daß ich endlich einen Fund ersinnen mußte, mich meiner Qual samt den Peinigern zu entledigen, ich machte es wie der Fuchs, welcher den Hunden ins Gesicht harnt, wenn er ihnen nicht mehr zu entrinnen getraut, denn weil mich eben die Natur trieb, meine Notdurft (s. v.) zu tun, bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen, dergestalt daß ich mit einem unleidenlichen Gestank die Zech bezahlte, also daß auch meine Teufel selbst schier nicht mehr bei mir bleiben konnten; damals legten sie mich in ein Leilach, und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alle innerlichen Glieder samt der Seelen heraus hätten fahren mögen. Wovon ich dermaßen aus mir selber kam und des Gebrauchs meiner Sinnen beraubt wurde, daß ich gleichsam wie tot dalag, ich weiß auch nicht was sie ferners mit mir gemacht haben, so gar war ich allerdings dahin.

Das 6. Kapitel

Simplicius kommt in Himmel, und wird in ein Kalb verwandelt

Als ich wieder zu mir selber kam, befand ich mich nicht mehr in dem öden Keller bei den Teufeln, sondern in einem schönen Saal, unter den Händen dreier der allergarstigsten alten Weiber, so der Erdboden je getragen; ich hielt sie anfänglich, als ich die Augen ein wenig öffnete, für natürliche höllische Geister, hätte ich aber die alten heidnischen Poeten schon gelesen gehabt, so hätte ich sie für die Eumenides oder wenigst die eine eigentlich für die Tisiphone gehalten, welche mich wie den Athamantem meiner Sinn zu berauben aus der Höllen ankommen wäre, weil ich zuvor wohl wußte, daß ich darum da war, zum Narren zu werden: Diese hatte ein paar Augen wie zween Irrwisch, und zwischen denselben eine lange magere Habichtsnas, deren Ende oder Spitz die untere Lefzen allerdings erreichte, nur zween Zähn sah ich in ihrem Maul, sie waren aber so vollkommen, lang, rund und dick, daß sich jeder beinahe der Gestalt nach mit dem Goldfinger, der Farb nach aber sich mit dem Gold selbst hätte vergleichen lassen; in Summa, es war Gebeins genug vorhanden zu einem ganzen Maul voll Zähn, es war aber gar übel ausgeteilt, ihr Angesicht sah wie spanisch Leder, und ihre weißen Haar hingen ihr seltsam zerstrobelt um den Kopf herum, weil man sie erst aus dem Bett geholt hatte; ihre langen Brüst weiß ich nichts anderm zu vergleichen als zweien lummerichten Kuhblasen, denen zwei Drittel vom Blast entgangen, unten hing an jeder ein schwarzbrauner Zapf halb Fingers lang; wahrhaftig ein erschrecklicher Anblick, der zu nichts anderm als für eine treffliche Arznei wider die unsinnige Liebe der geilen Böck hätte dienen mögen, die anderen zwo waren gar nicht schöner, ohne daß dieselben stumpfe Affennäslein, und ihre Kleider etwas ordentlicher angetan hatten: Als ich mich besser erkoberte, sah ich, daß die eine unser Schüsselwäscherin, die anderen zwo aber zweier Furierschützen Weiber waren. Ich stellte mich, als wenn ich mich nicht zu regen vermochte, wie mich denn in Wahrheit auch nicht tanzerte, als diese ehrlichen alten Mütterlein mich splitternackend auszogen und von allem Unrat wie ein junges Kind säuberten. Doch tat mir solches trefflich sanft, sie bezeugten unter währender Arbeit ein große Geduld und treffliches Mitleiden, also daß ich ihnen beinahe offenbart hätte, wie wohl mein Handel noch stünde; doch gedacht ich: "Nein Simplici! vertraue keinem alten Weib, sondern gedenke, du habest Victori genug, wenn du in deiner Jugend drei abgefeimte alte Vetteln, mit denen man den Teufel im weiten Feld fangen möchte, betrügen kannst; du kannst aus dieser Occasion Hoffnung schöpfen, im Alter mehrers zu leisten." Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich Bett, darinnen ich ohngewieget entschlief, sie aber gingen und nahmen ihre Kübel und anderen Sachen, damit sie mich gewaschen hatten, samt meinen Kleidern und allem Unflat mit sich hinweg. Meines Dafürhaltens schlief ich diesen Satz länger als vierundzwanzig Stund, und da ich wieder erwachte, stunden zween schöne geflügelte Knaben vorm Bett, welche mit weißen Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, güldenen Ketten und andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren: einer hatte ein vergüldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und ander Konfekt, der ander aber einen vergüldten Becher in Händen; diese als Engel, dafür sie sich ausgaben, wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das Fegfeur so glücklich überstanden und dem Teufel samt seiner Mutter entgangen, derohalben sollte ich nur begehren, was mein Herz wünschte, sintemal alles, was mir nur beliebte, genug vorhanden wäre, oder doch sonst herbeizuschaffen in ihrer Macht stünde. Mich quälte der Durst, und weil ich den Becher vor mir sah, verlangte ich nur den Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereicht wurde; solches war aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk, welchen ich ohnabgesetzt zu mir nahm und davon wieder entschlief, sobald er bei mir erwarmt.
Den andern Tag erwachte ich wiederum (denn sonst schlief ich noch), befand mich aber nicht mehr im Bett noch in vorigem Saal, sondern in meinem alten Gänskerker, da war abermal eine greuliche Finsternis wie in vorigem Keller, und überdas hatte ich ein Kleid an von Kalbfellen, daran der rauhe Teil auch auswendig gekehrt war, die Hosen waren auf polnisch oder schwäbisch und das Wams noch wohl auf ein närrischere Manier gemacht, oben am Hals stund eine Kappe wie ein Mönchsgugel, die war mir über den Kopf gestreift und mit einem schönen Paar großer Eselsohren geziert. Ich mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich beides am Nest und den Federn sah, was ich für ein Vogel sein sollte: Damals fing ich erst an, in mich selbst zu gehen und auf mein Bestes zu gedenken. Ich setzte mir vor, mich auf das Närrischste zu stellen, als mir immer möglich sein möchte, und daneben mit Geduld zu erharren, wie sich mein Verhängnis weiters anlassen würde.

Das 7. Kapitel

Wie sich Simplicius in diesen bestialischen Stand geschickt

Vermittelst des Lochs, so der tolle Fähnrich hiebevor in die Tür geschnitten, hätte ich mich wohl erledigen können, weil ich aber ein Narr sein sollte, ließ ichs bleiben, und tat nicht allein wie ein Narr, der nicht so witzig ist, von sich selbst herauszugeben, sondern stellte mich gar wie ein hungerig Kalb, das sich nach seiner Mutter sehnet, mein Geplärr wurde auch bald von denjenigen gehört, die dazu bestellt waren; maßen zween Soldaten vor den Gänsstall kamen und fragten, wer darinnen wäre? Ich antwortet: "Ihr Narren, hört ihr denn nicht, daß ein Kalb da ist!" Sie machten den Stall auf, nahmen mich heraus und verwunderten sich, daß ein Kalb sollte reden können! Welches ihnen anstund wie die gezwungenen Aktionen eines neugeworbenen ungeschickten Komödianten, der die Person, die er vertreten soll, nicht wohl agieren kann, also daß ich oft meinte, ich müßte ihnen selbst zum Possen helfen. Sie beratschlagten sich, was sie mit mir machen wollten, und wurden eins, mich dem Gubernator zu verehren, als welcher ihnen, weil ich reden könnte, mehr schenken würde, als ihnen der Metzger für mich bezahlte. Sie fragten mich, wie mein Handel stünde? Ich antwortet: "Liederlich genug." Sie fragten: "Warum?" Ich sagte: "Darum, dieweil hier der Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu sperren. Ihr Kerl müßt wissen, dafern man will, daß ein rechtschaffener Ochs aus mir werden soll, daß man mich auch aufziehen muß, wie einem ehrlichen Stier zustehet." Nach solchem kurzen Diskurs führeten sie mich über die Gaß gegen des Gouverneurs Quartier zu, uns folgte eine große Schar Buben nach, und weil dieselbe ebensowohl als ich das Kälbergeschrei schrien, hätte ein Blinder aus dem Gehör urteilen mögen, man triebe ein Herd Kälber daher, aber dem Gesicht nach sah es einem Haufen so junger als alter Narren gleich.
Also wurde ich von den beiden Soldaten dem Gouverneur präsentiert, gleichsam als ob sie mich erst auf Partei erbeutet hätten, dieselben beschenkte er mit einem Trinkgeld, mir selbst aber versprach er die beste Sach, so ich bei ihm haben sollte. Ich gedachte wie des Goldschmieds Jung und sagte: "Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren, denn wir Kälber können solches nicht erdulden, wenn wir anders wachsen und zu einem Stück Hauptvieh werden sollen." Der Gouverneur vertröstete mich eines Bessern, und dünkte sich gar gescheit sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemacht hätte; hingegen gedacht ich: "Harre mein lieber Herr, ich hab die Prob des Feuers überstanden und bin darin gehärtet worden; jetzt wollen wir probieren, welcher den andern am besten agieren wird können." Indem trieb ein gedehnter Baur sein Vieh zur Tränke, sobald ich das sah, verließ ich den Gouverneur und eilete mit einem Kälbergeplärr den Kühen zu, gleichsam als ob ich an ihnen saugen wollte, diese, als ich zu ihnen kam, entsetzten sich ärger vor mir als vor einem Wolf, wiewohl ich ihrer Art Haar trug, ja sie wurden so schellig und zerstoben dermaßen voneinander, als wenn im Augusto ein Nest voll Hornissen unter sie gelassen worden wäre; also daß sie ihr Herr an selbigem Ort nicht mehr zusammenbringen konnte, welches ein artlichen Spaß abgab. In einem Hui war ein Haufen Volk beieinander, das der Gaukelfuhr zusah, und als mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen, sagte er endlich: "Ein Narr macht ihrer hundert." Ich aber gedachte: "Und eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest."
Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nennete, also nennete ich hingegen auch einen jeden mit einem besonders spöttischen Nachnamen, dieselben fielen mehrenteils der Leut und sonderlich meines Herrn Bedünken nach gar sinnreich, denn ich taufte jedweden nachdem seine Qualitäten erforderten. Summariter davon zu reden, so schätzte mich männiglich für einen ohnweisen Toren, und ich hielt jeglichen für einen gescheiten Narrn. Dieser Gebrauch ist meines Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz zufrieden, und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen.
Obige Kurzweil, die ich mit des Bauren Rindern anstellete, machte uns den kurzen Vormittag noch kürzer, denn es war damals eben um die winterliche Sonnenwende: Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber benebens seltsame Sachen auf die Bahn, und als ich essen sollte, konnte niemand einzige menschliche Speis oder Trank in mich bringen, ich wollte kurzum nur Gras haben, so damals zu bekommen ohnmöglich war. Mein Herr ließ ein paar frische Kalbfell von den Metzgern holen und solche zweien kleinen Knaben über die Köpf streifen: Diese setzte er zu mir an den Tisch, traktierte uns in der ersten Tracht mit Wintersalat und hieß uns wacker zuhauen, auch ließ er ein lebendig Kalb hinbringen und mit Salz zum Salat anfrischen. Ich sah so starr darein, als wenn ich mich darüber verwunderte, aber der Umstand vermahnete mich mitzumachen. "Jawohl", sagten sie, wie sie mich so kaltsinnig sahen, "es ist nichts Neues, wenn Kälber Fleisch, Fisch, Käs, Butter und anders fressen: Was? sie saufen auch zu Zeiten ein guten Rausch! die Bestien wissen nunmehr wohl, was gut ist; ja", sagten sie ferner, "es ist heutigen Tags soweit kommen, daß sich nunmehr ein geringer Unterscheid zwischen ihnen und den Menschen befindet, wolltest du denn allein nicht mitmachen?"
Dieses ließ ich mich um so viel desto ehender überreden, weil mich hungerte, und nicht darum, daß ich hiebevor schon selbst gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schwein, grimmiger als Löwen, geiler als Böck, neidiger als Hund, unbändiger als Pferd, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger als Füchs, gefräßiger als Wölf, närrischer als Affen, und giftiger als Schlangen und Kröten waren, welche dennoch allesamt menschlicher Nahrung genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren, zumalen auch die Unschuld eines Kalbs bei weitem nicht hatten. Ich fütterte mit meinen Mitkälbern, wie solches mein Appetit erforderte, und wenn ein Fremder uns ohnversehens also beieinander zu Tisch hätte sitzen sehen, so hätte er sich ohne Zweifel eingebildet, die alte Circe wäre wieder auferstanden, aus Menschen Tier' zu machen, welche Kunst damals mein Herr konnte und praktizierte. Eben auf den Schlag, wie ich die Mittagsmahlzeit vollbrachte, also wurde ich auch auf den Nachimbiß traktiert; und gleichwie meine Mitesser oder Schmarotzer mit mir zehrten, damit ich auch zehren sollte, also mußten sie auch mit mir zu Bett, wenn mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß ich im Kühestall über Nacht schlief; und das tat ich darum, damit ich diejenigen auch genug narrete, die mich zum Narren zu haben vermeinten: Und machte diesen festen Schluß, daß der grundgütige Gott einem jeden Menschen in seinem Stand zu welchem er ihn berufen, so viel Witz gebe und verleihe, als er zu seiner Selbsterhaltung vonnöten, auch daß sich dannenhero, Doktor hin oder Doktor her, viel vergeblich einbilden, sie seien allein witzig und Hans in allen Gassen, denn hinter den Bergen wohnen auch Leut.

Das 8. Kapitel

Redet von Etlicher wunderbarlichem Gedächtnis, und von Anderer Vergessenheit

Am Morgen als ich erwachte, waren meine beiden verkälberten Schlafgesellen schon fort, derowegen stund ich auch auf, und schlich, als der Adjutant die Schlüssel holete, die Stadt zu öffnen, aus dem Haus zu meinem Pfarrer, demselben erzählte ich alles, wie mirs sowohl im Himmel als in der Höll ergangen. Und wie er sah, daß ich mir ein Gewissen machte, weil ich so viel Leut und sonderlich meinen Herrn betröge, wenn ich mich närrisch stellete, sagte er: "Hierum darfst du dich nicht bekümmern, die närrische Welt will betrogen sein, hat man dir deinen Witz noch übrig gelassen, so gebrauche dich desselben zu deinem Vorteil, bilde dir ein, als ob du gleich dem Phönix vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seiest: Doch wisse dabei, daß du noch nicht über den Graben, sondern mit Gefahr deiner Vernunft in diese Narrenkappe geschloffen bist, die Zeiten sind so wunderlich, daß niemand wissen kann, ob du ohne Verlust deines Lebens wieder herauskommest, man kann geschwind in die Hölle rennen, aber wieder herauszuentrinnen wirds Schnaufens und Bartwischens brauchen, du bist bei weitern noch nicht so gemannet, deiner bevorstehenden Gefahr zu entgehen, wie du dir wohl einbilden möchtest, darum wird dir mehr Vorsichtigkeit und Verstand vonnöten sein, als zu der Zeit, da du noch nicht wußtest, was Verstand oder Unverstand war, bleibe demütig und erwarte in Geduld der künftigen Veränderung."
Sein Diskurs war vorsetzlich so variabel, denn ich bilde mir ein, er habe mir an der Stirn gelesen, daß ich mich groß zu sein bedünkte, weil ich mit so meisterlichem Betrug und feiner Kunst durchgeschloffen; und ich mutmaßete hingegen aus seinem Angesicht, daß er unwillig und meiner überdrüssig worden, denn seine Mienen gabens, und was hatte er von mir? Derowegen verändert ich auch meine Reden, und wußte ihm großen Dank für die herrlichen Mittel, die er mir zu Erhaltung meines Verstands mitgeteilt hatte, ja ich tat unmögliche Promessen, alles, wie meine Schuldigkeit erfordere, wieder dankbarlich zu verschulden: Solches kitzelte ihn, und brachte ihn auch wieder auf eine andre Laun, denn er rühmte gleich darauf seine Arznei trefflich, und erzählte mir, daß Simonides Melicus eine Kunst aufgebracht, die Metrodorus Sceptius nicht ohne große Mühe perfektioniert hätte, vermittelst deren er die Menschen lehren können, daß sie alles, was sie einmal gehöret oder gelesen bei einem Wort nachreden mögen, und solches wäre, sagte er, ohne hauptstärkende Arzneien, deren er mir mitgeteilt, nicht zugangen! "Ja", gedachte ich, "mein lieber Herr Pfarrer, ich habe in deinen eigenen Büchern bei meinem Einsiedel viel anders gelesen, worinnen Sceptii Gedächtnis-Gunst bestehet." Doch war ich so schlau, daß ich nichts sagte, denn wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so bin ich, als ich zum Narren werden sollte, allererst witzig und in meinen Reden behutsamer worden. Er der Pfarrer fuhr fort, und sagte mir, wie Cyrus einen jeden von seinen 30000 Soldaten mit seinem rechten Namen hätte rufen, Lucius Scipio alle Bürger zu Rom bei den ihrigen nennen, und Cyneas Pyrrhi Gesandter, gleich den andern Tag hernach als er gen Rom kommen, aller Ratsherren und Edelleute Namen daselbst ordentlich hersagen können. "Mithridates, der König in Ponto und Bithynia", sagte er, "hatte Völker von zweiundzwanzig Sprachen unter sich, denen er allen in ihrer Zungen Recht sprechen, und mit einem jeden insonderheit, wie Sabell. lib. 10 cap. 9 schreibet, reden konnte. Der gelehrte Griech Charmides sagte einem auswendig, was einer aus den Büchern wissen wollte, die in der ganzen Liberei lagen, wenn er sie schon nur einmal überlesen hatte. Lucius Seneca konnte zweitausend Namen herwieder sagen, wie sie ihm vorgesprochen worden, und wie Ravisius meldet, zweihundert Vers von zweihundert Schülern geredet vom letzten an bis zum ersten hinwiederum erzählen. Esdras, wie Euseb. lib. temp. fulg. lib. 8 cap. 7 schreibet, konnte die fünf Bücher Mosis auswendig, und selbige von Wort zu Wort den Schreibern in die Feder diktieren. Themistocles lernete die persische Sprach in einem Jahr. Crassus konnte in Asia die fünf unterschiedlichen Dialectos der griechischen Sprach ausreden, und seinen Untergebenen darin Recht sprechen. Julius Cäsar las, diktierte und gab zugleich Audienz. Von Aelio Hadriano, Portio Latrone, den Römern und andern will ich nichts melden, sondern nur von dem heiligen Hieronymo sagen, daß er Hebräisch, Chaldäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Arabisch und Lateinisch gekonnt. Der Einsiedel Antonius konnte die ganze Bibel nur vom Hörenlesen auswendig. So schreibt auch Colerus lib. 18 cap. 21 aus Marco Antonio Mureto von einem Korsikaner, welcher 6 000 Menschen-Namen angehöret, und dieselbigen hernach in richtiger Ordnung schnell herwieder gesagt."
"Dieses erzähle ich alles darum", sagte er ferner, "damit du nicht für unmöglich haltest, daß durch Medizin einem Menschen sein Gedächtnis trefflich gestärket und erhalten werden könne, gleichwie es hingegen auch auf mancherlei Weis geschwächt und gar ausgetilgt wird, maßen Plinius lib. 7 cap. 24 schreibet, daß am Menschen nichts so blöd sei, als eben das Gedächtnis, und daß es durch Krankheit, Schrecken, Furcht, Sorg und Bekümmernis entweder ganz verschwinde oder doch einen großen Teil seiner Kraft verliere. Von einem Gelehrten zu Athen wird gelesen, daß er alles was er je studiert gehabt, sogar auch das ABC vergessen, nachdem ein Stein von oben herab auf ihn gefallen. Ein anderer kam durch eine Krankheit dahin, daß er seines Dieners Namen vergaß, und Messala Corvinus wußte seinen eigenen Namen nicht mehr, der doch vorhin ein gut Gedächtnis gehabt. Schramhans schreibst in fasciculo Historiarum fol. 60 (welches aber so aufschneiderisch klinget, als ob es Plinius selbst geschrieben), daß ein Priester aus seiner eigenen Ader Blut getrunken und dadurch schreiben und lesen vergessen, sonst aber sein Gedächtnis unverrückt behalten, und als er übers Jahr hernach eben an selbigem Ort und damaliger Zeit abermal desselbigen Bluts getrunken, hätte er wieder wie zuvor schreiben und lesen können. Zwar ists glaublicher, was Jo. Wierus de praestigiis daemon. lib. 3 cap. 18 schreibet, wenn man Bärenhirn einfresse, daß man dadurch in solche Phantasei und starke Imagination gerate, als ob man selbst zu einem Bären worden wäre, wie er denn solches mit dem Exempel eines spanischen Edelmanns beweiset, der, nachdem er dessen genossen, in den Wildnissen umgelaufen und sich nicht anders eingebildet, als er sei ein Bär. Lieber Simplici, hätte dein Herr diese Kunst gewußt, so dürftest du wohl ehender in einen Bärn, wie die Callisto, als in einen Stier, wie Jupiter, verwandelt worden sein."
Der Pfarrer erzählte mir des Dings noch viel, gab mir wieder etwas von Arznei und instruierte mich wegen meines fernern Verhalts, damit machte ich mich wieder nach Haus und brachte mehr als hundert Buben mit, die mir nachliefen und abermals alle wie Kälber schrien, derowegen lief mein Herr, der eben aufgestanden war, ans Fenster, sah soviel Narren auf einmal und ließ sich belieben, darüber herzlich zu lachen.

Das 9. Kapitel

Ein überzwerches Lob einer schönen Dame

Sobald ich ins Haus kam, mußte ich auch in die Stub, weil adelig Frauenzimmer bei meinem Herrn war, welches seinen neuen Narrn auch gerne hätte sehen und hören mögen. Ich erschien, und stund da wie ein Stumm, dahero diejenige, so ich hiebevor beim Tanz ertappet hatte, Ursach nahm zu sagen: Sie hätte sich sagen lassen, dieses Kalb könne reden, so verspüre sie aber nunmehr, daß es nicht wahr sei. Ich antwortet: "So hab ich hingegen vermeinet, die Affen können nicht reden, höre aber wohl, daß dem auch nicht also sei." "Wie", sagte mein Herr, "vermeinst du denn, diese Damen seien Affen?" Ich antwortet: "Sind sie es nicht, so werden sie es doch bald werden, wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen ein Kalb zu werden, und bins doch!" Mein Herr fragte, woran ich sehe, daß diese Affen werden sollen? Ich antwortet: "Unser Aff trägt seinen Hintern bloß, diese Damen aber allbereit ihre Brüst, denn andere Mägdlein pflegten ja sonst solche zu bedecken." "Schlimmer Vogel", sagte mein Herr, "du bist ein närrisch Kalb, und wie du bist, so redest du, diese lassen billig sehen was sehenswert ist, der Aff aber gehet aus Armut nackend, geschwind bringe wieder ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich karbeitschen und mit Hunden in Gänsstall hetzen, wie man Kälbern tut, die sich nicht zu schicken wissen, laß hören, weißt du auch eine Dam zu loben, wie sichs gebührt?" Hierauf betrachtete ich die Dame von Füßen an bis oben aus, und hinwieder von oben bis unten, sah sie auch so steif und lieblich an, als hätte ich sie heiraten wollen. Endlich sagte ich: "Herr, ich sehe wohl wo der Fehler steckt, der Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört und die Brüst bedecken sollte, unten an dem Rock stehen lassen, darum schleift er so weit hinten hernach, man sollte dem Hudler die Händ abhauen, wenn er nicht besser schneidern kann. Jungfer", sagte ich zu ihr selbst, "schafft ihn ab, wenn er Euch nicht so verschänden soll, und sehet, daß Ihr meines Knans Schneider bekommt, der hieß Meister Paulchen, er hat meiner Meuder, unserer Ann und unserm Ursele so schöne gebrittelte Röck machen können, die unten herum ganz eben gewesen sind, sie haben wohl nicht so im Dreck geschleppt wie Eurer, ja Ihr glaubt nicht, wie er den Huren so schöne Kleider machen können." Mein Herr fragte, ob denn meines Knans Ann und Ursele schöner gewesen, als diese Jungfer? "Ach wohl nein, Herr", sagte ich, "diese Jungfrau hat ja Haar, das ist so gelb wie kleiner Kinderdreck, und ihre Scheitel sind so weiß und so gerad gemacht, als wenn man Säubürsten auf die Haut gekappt hätte, ja ihre Haar sind so hübsch zusammengerollt, daß es siehet, wie hohle Pfeifen, oder als wenn sie auf jeder Seiten ein paar Pfund Lichter oder ein Dutzend Bratwürst hangen hätte: Ach sehet nur, wie hat sie so eine schöne glatte Stirn; ist sie nicht feiner gewölbet als ein fetter Arsbacken und weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen? Immer Schad ists, daß ihre zarte Haut durch das Haarpuder so schlimm bemakelt wird, denn wenns Leut sehen, die es nicht verstehen, dürften sie wohl vermeinen, die Jungfer habe den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe; welches noch größerer Schad wäre für die funklenden Augen, die von Schwärze klarer zwitzern als der Ruß vor meines Knans Ofenloch, welcher so schrecklich glänzete, wenn unser Ann mit einem Strohwisch davorstund, die Stub zu hitzen, als wenn lauter Feuer darin steckte, die ganze Welt anzuzünden: Ihre Backen sind so hübsch rötlich, doch nicht gar so rot als neulich die neuen Nestel waren, damit die schwäbischen Fuhrleut von Ulm ihre Lätz gezieret hatten: Aber die hohe Röte, die sie an den Lefzen hat, übertrifft solche Farb weit, und wenn sie lacht oder redt (ich bitte, der Herr geb nur Achtung darauf) so siehet man zwei Reihen Zähn in ihrem Maul stehen, so schön zeilweis und zuckerähnlich, als wenn sie aus einem Stück von einer weißen Rüben geschnitzelt worden wären: O Wunderbild, ich glaub nicht, daß es einem wehe tut, wenn du einen damit beißest. So ist ihr Hals ja schier so weiß, als eine gestandene Saurmilch, und ihre Brüstlein, die darunter liegen, sind von gleicher Farb und ohn Zweifel so hart anzugreifen wie ein Geißmämm, die von übriger Milch strotzt: Sie sind wohl nicht so schlapp, wie die alten Weiber hatten, die mir neulich den Hintern putzten, da ich in Himmel kam. Ach Herr, sehet doch ihre Händ und Finger an, sie sind ja so subtil, so lang, so gelenk, so geschmeidig, und so schicklich gemacht, natürlich wie die Zigeunerinnen neulich hatten, damit sie einem in Schubsack greifen, wenn sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihren ganzen Leib selbst zu rechnen sein, den ich zwar nicht bloß sehen kann; ist er nicht so zart, schmal und anmutig, als wenn sie acht ganzer Wochen die schnelle Katharina gehabt hätte?" Hierüber erhob sich ein solch Gelächter, daß man mich nicht mehr hören noch ich mehr reden konnte, ging hiemit durch wie ein Holländer, und ließ mich, so lang mirs gefiel, von andern vexiern.

Das 10. Kapitel

Redet von lauter Helden und namhaften Künstlern

Hierauf erfolgte die Mittagsmahlzeit, bei welcher ich mich wieder tapfer gebrauchen ließ, denn ich hatte mir vorgesetzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu strafen, wozu sich denn mein damaliger Stand trefflich schickte; kein Tischgenoß war mir zu gut, ihm sein Laster zu verweisen und aufzurupfen, und wenn sich einer fand, der sichs nicht gefallen ließ, so wurde er entweder noch dazu von andern ausgelacht oder ihm von meinem Herrn vorgehalten, daß sich kein Weiser über einen Narrn zu erzürnen pflege: Den tollen Fähnrich, welcher mein ärgster Feind war, setzte ich gleich auf den Esel. Der erste aber, der mir auf meines Herrn Winken mit Vernunft begegnete, war der Secretarius, denn als ich denselben einen Titel-Schmied nannte, ihn wegen der eiteln Titel auslachte und fragte, wie man der Menschen ersten Vater tituliert hätte? antwortet' er: "Du redest wie ein unvernünftig Kalb, weil du nicht weißt, daß nach unsern ersten Eltern unterschiedliche Leut gelebt, die durch seltene Tugenden, als Weisheit, männliche Heldentaten und Erfindung guter Künste sich und ihr Geschlecht dermaßen geadelt haben, daß sie auch von andern über alle irdischen Ding, ja gar übers Gestirn zu Göttern erhoben worden; wärest du ein Mensch, oder hättest aufs wenigst wie ein Mensch die Historien gelesen, so verstündest du auch den Unterschied, der sich zwischen den Menschen enthält, und würdest dannenhero einem jeden seinen Ehrentitel gern gönnen, sintemal du aber ein Kalb und keiner menschlichen Ehr würdig noch fähig bist, so redest du auch von der Sach wie ein dummes Kalb und mißgönnest dem edlen menschlichen Geschlecht dasjenige, dessen es sich zu erfreuen hat." Ich antwortet: "Ich bin so wohl ein Mensch gewesen als du, hab auch ziemlich viel gelesen, kann dahero urteilen, daß du den Handel entweder nicht recht verstehest oder durch dein Interesse abgehalten wirst, anderst zu reden als du weißt: Sag mir, was sind für herrliche Taten begangen und für löbliche Künste erfunden worden, die genugsam seien, ein ganz Geschlechte etlich hundert Jahr nacheinander, auf Absterben der Helden und Künstler selbst, zu adlen? Ist nicht beides der Helden Stärk, und der Künstler Weisheit und hoher Verstand mit hinweggestorben? Wenn du dies nicht verstehest, und der Eltern Qualitäten auf die Kinder erben, so muß ich dafürhalten, dein Vater sei ein Stockfisch und dein Mutter ein Platteis gewesen." "Ha!" antwort der Secretarius, "wenn es damit wohl ausgericht sein wird, wenn wir einander schänden wollen, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein Knan ein grober Spessarter Baur gewesen, und ob es zwar in deiner Heimat und Geschlecht die größten Knollfinken abgibt, daß du dich annoch noch mehr verringert habest, indem du zu einem unvernünftigen Kalb worden bist." "Da recht", antwortet ich, "das ists was ich behaupten will, daß nämlich der Eltern Tugenden nicht allweg auf die Kinder erben, und daß dahero die Kinder ihrer Eltern Tugendtitel auch nicht allweg würdig seien; mir zwar ists kein Schand, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Fall dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehr habe, wer weiß, ob es nicht Gott gefällt, daß ich auch wieder wie dieser zu einem Menschen, und zwar noch größer werde als mein Knan gewesen? Ich rühme einmal diejenigen, die sich durch eigene Tugenden edel machen." "Nun gesetzt, aber nicht gestanden", sagt' der Secretarius, "daß die Kinder ihrer Eltern Ehrentitel nicht allweg erben sollen, so mußt du doch gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert seien, die sich selbst durch Wohlverhalten edel machen; wenn denn dem also, so folget, daß man die Kinder wegen ihrer Eltern billig ehret, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Wer wollte in Alexandri M(agni) Nachkömmlingen, wenn anders noch einige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherrn herzhafte Tapferkeit im Krieg nicht rühmen. Dieser erwies seine Begierde zu fechten in seiner Jugend mit Weinen, als er noch zu keinen Waffen tüchtig war, besorgend, sein Vater möchte alles gewinnen, und ihm nichts zu bezwingen übrig lassen; hat er nicht noch vor dem dreißigsten Jahr seines Alters die Welt bezwungen und noch ein andere zu bestreiten gewünscht? hat er nicht in einer Schlacht, die er mit den Indianern gehalten, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht anzusehen, als ob er mit lauter Feurflammen umgeben war, so, daß ihn auch die Barbaren vor Furcht streitend verlassen mußten? Wer wollte ihn nicht höher und edler als andere Menschen schätzen, da doch Quintus Curtius von ihm bezeuget, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß nach Bisem und sein toter Leib nach köstlicher Spezerei gerochen: Hier könnte ich auch einführen den Julium Caesarem und den Pompejum, deren der eine über und neben den Victorien, die er in den bürgerlichen Kriegen behauptet, fünfzigmal in offenen Feldschlachten gestritten und 1 152 000 Mann erlegt und totgeschlagen hat, der ander hat neben 940 den Meerräubern abgenommenen Schiffen vom Alpgebirg an bis in das äußerste Hispanien 876 Städt und Flecken eingenommen und überwunden. Den Ruhm Marci Sergii will ich verschweigen und nur ein wenig von dem Lucio Sucio Dentato sagen, welcher Zunftmeister zu Rom war, als Spurius Turpejus und Aulus Eternius Bürgermeister gewesen, dieser ist in 110 Feldschlachten gestanden und hat achtmal diejenigen überwunden, so ihn herausgefordert, er konnte 45 Wundmäler an seinem Leib zeigen, die er alle vor dem Mann und keine rückwärts empfangen, mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen (die sie vornehmlich durch ihre Mannheit erlangt) eingezogen. Des Manlii Capitolini Kriegsehr wäre nicht geringer, wenn er sie im Beschluß seines Lebens nicht selbst verkleinert, denn er konnte auch 33 Wundmäler zeigen, ohn daß er einsmals das Capitolium mit allen Schätzen allein vor den Franzosen erhalten. Wo bleibt der starke Herkules, Theseus und andere, die beinahe beides zu erzählen und ihr unsterbliches Lob zu beschreiben unmöglich! Sollten diese in ihren Nachkömmlingen nicht zu ehren sein?
Ich will aber Wehr und Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden, welche zwar etwas geringer zu sein scheinen, nichts desto weniger aber ihre Meister ganz ruhmreich machen. Was findet sich nur für ein Geschicklichkeit am Zeuxe, welcher durch seinen kunstreichen Kopf und geschickte Hand die Vögel in der Luft betrog; item am Apelle, der eine Venus so natürlich, so schön, so ausbündig und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalet', daß sich auch die Junggesellen darein verliebten. Plutarchus schreibet, daß Archimedes ein groß Schiff mit Kaufmannswaren beladen mitten über den Markt zu Syracusis nur mit einer Hand an einem einzigen Seil dahergezogen, gleich als ob er ein Saumtier an einem Zaum geführt, welches zwanzig Ochsen, geschweige zweihundert deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollte nun dieser rechtschaffene Meister nicht mit einem besondern Ehrentitel, seiner Kunst gemäß, zu begaben sein? Wer wollte nicht vor andern Menschen preisen denjenigen, der dem persischen König Sapor ein gläsernes Werk machte, welches so weit und groß war, daß er mitten in demselben auf dessen Centro sitzen und unter seinen Füßen das Gestirn auf- und niedergehen sehen konnte? Archimedes machte einen Spiegel, damit er der Feinde Kriegsschiff mitten im Meer anzündet': So gedenket auch Ptolemaeus eine wunderliche Art Spiegel, die so viel Angesichter zeigten, als Stund im Tag waren. Welcher wollte den nicht preisen, der die Buchstaben zuerst erfunden? ja wer wollte nicht vielmehr den über alle Künstler erheben, welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei erfunden? Ist Ceres, weil sie den Ackerbau und das Mühlwerk erfunden haben soll, für eine Göttin gehalten worden, warum sollte dann unbillig sein, wenn man andern, ihren Qualitäten gemäß, ihr Lob mit Ehrentiteln berühmt? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsenhirn fassest oder nicht: Es gehet dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnete, weil er es selbst nicht genießen konnte; du bist keiner Ehr fähig, und eben dieser Ursachen halber mißgönnest du solche denjenigen, die solcher wert sind."
Da ich mich so gehetzt sah, antwortet ich: "Die herrlichen Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wenn sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht worden wären. Was ist das aber für ein Lob, welches mit so vielem unschuldig-vergossenem Menschenblut besudelt: und was ist das für ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden ist? Die Künste betreffend, was sinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten? ja sie sind ebenso leer, eitel und unnütz als die Titel selbst, die einem von denselbigen zustehen möchten; denn entweder dienen sie zum Geiz oder zur Wollust oder zur Üppigkeit oder zum Verderben anderer Leut, wie denn die schrecklichen Dinger auch sind, die ich neulich auf den halben Wagen sah; so könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl entbehren, nach Ausspruch und Meinung jenes heiligen Manns, welcher dafür hielt, die ganze weite Welt sei ihm Buchs genug, die Wunder seines Schöpfers zu betrachten und die göttliche Allmacht daraus zu erkennen."

Das 11. Kapitel

Von dem müheseligen und gefährlichen Stand eines Regenten

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen, und sagte: "Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, so verachtest du des Adels Ehrentitel." Ich antwortet: "Herr, wenn ich schon in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, so wollte ich sie doch nicht annehmen!" Mein Herr lachte, und sagte: "Das glaube ich, denn dem Ochsen gehöret Haberstroh; wenn du aber einen hohen Sinn hättest, wie adelige Gemüter haben sollen, so würdest du mit Fleiß nach hohen Ehren und Dignitäten trachten. Ich meinesteils achte es für kein Geringes, wenn mich das Glück über andere erhebt." Ich seufzete und sagte: "Ach, arbeitselige Glückseligkeit! Herr, ich versichere dich, daß du der allerelendste Mensch in ganz Hanau bist." "Wie so? wie so? Kalb", sagte mein Herr, "sag mir doch die Ursach, denn ich befinde solches bei mir nicht." Ich antwortet: "Wenn du nicht weißt und empfindest, daß du Gubernator in Hanau, und mit wie viel Sorgen und Unruhe du deswegen beladen bist, so verblendet dich die allzugroße Begierd der Ehr, deren du genießest, oder du bist eisern und ganz unempfindlich, du hast zwar zu befehlen, und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen; tun sie es aber umsonst? bist du nicht ihrer aller Knecht? mußt du nicht für einen jedweden insonderheit sorgen? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben, und die Konservation dieser Festung liegt dir allein auf dem Hals, du mußt trachten, wie du deinem Gegenteil einen Abbruch tun mögest, und mußt daneben sorgen, daß deine Anschläg nicht verkundschaftet werden; bedürfte es nicht öfters, daß du selber, wie ein gemeiner Knecht, Schildwacht stündest? Überdas mußt du bedacht sein, daß kein Mangel an Geld, Munition, Proviant und Volk im Posten erscheine, deswegen du denn das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in der Kontribution erhalten mußt; schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist rauben, plündern, stehlen, brennen und morden ihre beste Arbeit, sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen und Staden in die Asche gelegt, davon haben sie zwar sich Beuten, du aber eine schwere Verantwortung bei Gott gemachet: Ich lasse sein, daß dir vielleicht der Genuß neben der Ehr auch wohltut, weißt du aber auch, wer solche Schätz, die du etwa sammlest genießen wird? Und gesetzt, daß dir solcher Reichtum verbleibt (so doch mißlich stehet), so mußt du ihn doch in der Welt lassen, und nimmst nichts davon mit dir als die Sünde, dadurch du selbigen erworben hast: Hast du denn das Glück, daß du dir deine Beuten zu nutz machen kannst, so verschwendest du der Armen Schweiß und Blut, die jetzt im Elend Mangel leiden oder gar verderben und Hungers sterben. O wie oft sehe ich, daß deine Gedanken wegen Schwere deines Amts hin und wieder zerstreut sind, und daß hingegen ich und andere Kälber ohn alle Bekümmernis ruhig schlafen; tust du solches nicht, so kostet es deinen Kopf, dafern anders etwas verabsäumet wird, das zu Konservation deiner untergebenen Völker und der Festung hätte observiert werden sollen; schaue, solcher Sorgen bin ich überhoben! Und weil ich weiß, daß ich der Natur einen Tod zu leisten schuldig bin, sorge ich nicht, daß jemand meinen Stall stürmet oder daß ich mit Arbeit um mein Leben scharmützeln müsse, sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsen überhoben, dir aber stellt man ohne Zweifel auf tausendfältige Weis nach, deswegen ist dein ganzes Leben nichts anders als ein immerwährende Sorg und Schlafbrechens, denn du mußt Freund und Feind fürchten, die dich ohn Zweifel, wie du auch andern zu tun gedenkest, entweder um dein Leben oder um dein Geld oder um deine Reputation oder um dein Kommando oder um sonsten etwas zu bringen nachsinnen, der Feind setzt dir öffentlich zu und deine vermeinten Freund beneiden heimlich dein Glück; vor deinen Untergebenen aber bist du auch nicht allerdings versichert. Ich geschweige hier, wie dich täglich deine brennenden Begierden quälen und hin- und widertreiben, wenn du gedenkest, wie du dir einen noch größern Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größern Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tück zu beweisen, ein oder ander Ort zu überrumpeln, und in Summa fast alles zu tun, was andere Leut geheiet und deiner Seelen schädlich, der göttlichen Majestät aber mißfällig ist! Und was das Allerärgste ist, so bist du von deinen Fuchsschwänzern so verwöhnt, daß du dich selbsten nicht kennest, und von ihnen so eingenommen und vergiftet, daß du den gefährlichen Weg, den du gehest, nicht sehen kannst, denn alles was du tust, heißen sie recht, und alle deine Laster werden von ihnen zu lauter Tugenden gemacht und ausgerufen; dein Grimmigkeit ist ihnen eine Gerechtigkeit, und wenn du Land und Leut verderben läßt, so sagen sie, du seist ein braver Soldat, hetzen dich also zu ander Leut Schaden, damit sie deine Gunst behalten und ihre Beutel dabei spicken mögen."
"Du Bärnhäuter", sagte mein Herr, "wer lehret' dich so predigen?" Ich antwortet: "Liebster Herr, sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen; hingegen sehen andere Leut deine Laster gar bald, und urteilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen, sondern finden auch genug in geringen Dingen, daran wenig gelegen, an dir zu tadlen: Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebt? Die Athenienser murmelten wider ihren Simonidem, nur darum daß er zu laut redete; die Thebaner klagten über ihren Paniculum, dieweil er auswarf; die Lakedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit mit niedergeneigtem Haupt daherging; die Römer vermeinten, es stünde dem Scipione gar übel an, daß er im Schlaf so laut schnarchte; es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte; des Julii Caesaris spotteten sie, weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die Uticenser verleumdeten ihren guten Catonem, weil er, wie sie bedünkte, allzu-geizig auf beiden Backen aß; und die Karthaginenser redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Wie dünkt dich nun, mein lieber Herr? vermeinest du wohl noch, daß ich mit einem tauschen sollte, der vielleicht neben zwölf oder dreizehen Tischfreunden, Fuchsschwänzern und Schmarotzern mehr als hundert oder vermutlicher mehr als zehntausend so heimliche als öffentliche Feind, Verleumdet und mißgünstige Neider hat? zudem, was für Glückseligkeit, was für Lust und was für Freud sollte doch ein solch Haupt haben können, unter welches Pfleg, Schutz und Schirm so viel Menschen leben? Ists nicht vonnöten, daß du für alle die Deinigen wachest, für sie sorgest, und eines jeden Klag und Beschwerden anhörest? Wäre solches allein nicht müheselig genug, wenn du schon weder Feinde noch Mißgönner hättest? Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen, und wieviel Beschwerden du doch erträgst; Liebster Herr, was wird doch endlich dein Lohn sein, sage mir, was hast du davon? Wenn du es nicht weißt, so lasse dirs den griechischen Demosthenem sagen, welcher, nachdem er den gemeinen Nutzen und das Recht der Athenienser tapfer und getreulich befördert und beschützt, wider alles Recht und Billigkeit, als einer so ein greuliche Missetat begangen, des Lands verwiesen und in das Elend verjaget ward; dem Socrati ward mit Gift vergeben; dem Hannibal ward von den Seinen so übel gelohnet, daß er elendiglich in der Welt landflüchtig herumschweifen mußte; also geschah dem römischen Camillo; und dergestalt bezahlten die Griechen den Lycurgum und Solonem, deren der eine gesteiniget ward, dem andern aber, nachdem ihm ein Aug ausgestochen, wurde als einem Mörder endlich das Land verwiesen. Darum behalte dein Kommando samt dem Lohn, den du davon haben wirst, du darfst deren keins mit mir teilen, denn wenn alles wohl mit dir abgehet, so hast du aufs wenigste sonst nichts, das du davonbringest, als ein bös Gewissen; wirst du aber dein Gewissen in acht nehmen wollen, so wirst du als ein Untüchtiger beizeiten von deinem Kommando verstoßen werden, nicht anders, als wenn du auch, wie ich, zu einem dummen Kalb worden wärest."

Das 12. Kapitel

Von Verstand und Wissenschaft etlicher unvernünftiger Tier'

Unter währendem meinem Diskurs sah mich jedermann an, und verwunderten sich alle Gegenwärtigen, daß ich solche Reden sollte vorbringen können, welche wie sie vorgaben auch einem verständigen Mann genug wären, wenn er solche so gar ohne allen Vorbedacht hätte vortragen sollen; ich aber machte den Schluß meiner Red, und sagte: ..Darum denn nun, mein liebster Herr, will ich nicht mit dir tauschen; zwar ich bedarfs auch im geringsten nit, denn die Quellen geben mir einen gesunden Trank anstatt deiner köstlichen Wein', und derjenige, der mich zum Kalb werden zu lassen beliebet, wird mir auch die Gewächs des Erdbodens dergestalt zu segnen wissen, daß sie mir wie dem Nabuchodonosore zur Speis und Aufenthalt meines Lebens auch nicht unbequem sein werden; so hat mich die Natur auch mit einem guten Pelz versehen, da dir hingegen oft vor dem Besten ekelt, der Wein deinen Kopf zerreißt, und dich bald in diese oder jene Krankheit wirft."
Mein Herr antwortet': "Ich weiß nicht was ich an dir habe? du bedünkest mich für ein Kalb viel zu verständig zu sein, ich vermeine schier, du seiest unter deiner Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen?" Ich stellte mich zornig, und sagte: "Vermeinet ihr Menschen denn wohl, wir Tiere seien gar Narren? Das dürft ihr euch wohl nicht einbilden! Ich halte dafür, wenn ältere Tier als ich so wohl als ich reden könnten, sie würden euch wohl anders aufschneiden: Wenn ihr vermeint, wir seien so gar dumm, so sagt nur doch, wer die wilden Bloch-Tauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelehret hat, wie sie sich mit Lorbeerblättern purgieren sollen? und die Tauben, Turteltäublein und Hühner mit S. Peters Kraut? Wer lehret Hund und Katzen, daß sie das betaute Gras fressen sollen, wenn sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer die Schildkröt, wie sie die Biß mit Schirling heilen? und den Hirsch, wenn er geschossen, wie er seine Zuflucht zu dem Dictamno oder wilden Polei nehmen solle? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Rauten gebrauchen solle, wenn es mit der Fledermaus oder irgendeiner Schlang kämpfen will? Wer gibt den wilden Schweinen den Efeu, und den Bären den Alraun zu erkennen, und sagt ihnen, daß es gut sei zu ihrer Arznei? Wer hat dem Adler geraten, daß er den Adlerstein suchen und gebrauchen soll, wenn er seine Eier schwerlich legen kann? Und welcher gibt es der Schwalbe zu verstehen, daß sie ihrer jungen blöde Augen mit dem Chelidonio arzneien solle? Wer hat die Schlang instruiert, daß sie soll Fenchel essen, wenn sie ihre Haut abstreifen und ihren dunkeln Augen helfen will? Wer lehret den Storch, sich zu klistieren? den Pelikan, sich Ader zu lassen? und den Bären, wie er sich von den Bienen solle schröpfen lassen? Was, ich dürfte schier sagen, daß ihr Menschen eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habt! Ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir Tier aber nicht! Ein Löw oder Wolf, wenn er zu fett werden will, so fastet er, bis er wieder mager, frisch und gesund wird. Welches Teil handelt nun am weislichsten? Über dieses alles betrachtet das Geflügel unter dem Himmel! betrachtet die unterschiedlichen Gebäue ihrer artlichen Nester, und weil ihnen ihre Arbeit niemand nachmachen kann, so müßt ihr ja bekennen, daß sie beides verständiger und künstlicher sind, als ihr Menschen selbst: Wer sagt den Sommervögeln, wann sie gegen den Frühling zu uns kommen und Junge hecken? und gegen den Herbst, wann sie sich wieder von dannen in die warmen Länder verfügen sollen? Wer unterrichtet sie, daß sie zu solchem End einen Sammelplatz bestimmen müssen? Wer führet sie oder wer weiset ihnen den Weg, oder leihet ihr Menschen vielleicht ihnen euren Seekompaß, damit sie unterwegs nicht irrfahren? Nein, ihr lieben Leut, sie wissen den Weg ohne euch und wie lang sie darauf müssen wandern, auch wann sie von einem und dem andern Ort aufbrechen müssen; bedürfen also weder eures Kompasses noch eures Kalenders. Ferners beschauet die mühsame Spinn, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist! Sehet, ob ihr auch einen einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget? Welcher Jäger oder Fischer hat sie gelehret, wie sie ihr Netz ausspannen, und sich, je nachdem sie sich eines Netzes gebraucht, ihr Wildpret zu belaustern entweder in den hintersten Winkel oder gar in das Zentrum ihres Gewebs setzen solle? Ihr Menschen verwundert euch über den Raben, von welchem Plutarchus bezeugt, daß er so viel Stein in ein Geschirr, so halb voll Wasser gewesen, geworfen, bis das Wasser so weit oben gestanden, daß er bequemlich hab trinken mögen: Was würdet ihr erst tun, wenn ihr bei und unter den Tieren wohnen und ihre übrigen Handlungen, Tun und Lassen ansehen und betrachten würdet; alsdann würdet ihr erst bekennen, daß es sich ansehen lasse, als hätten alle Tier etwas besonderer eigener natürlicher Kräfte und Tugenden in allen ihren Affectionibus und Gemütsneigungen, in der Vorsichtigkeit, Stärk, Mildigkeit, Furchtsamkeit, Rauheit, Lehr und Unterrichtung; es kennet je eines das ander, sie unterscheiden sich vor einander, sie stellen dem nach, so ihnen nützlich, fliehen das schädlich, meiden die Gefahr, sammlen zusammen, was ihnen zu ihrer Nahrung notwendig ist, und betrügen auch bisweilen euch Menschen selbst. Dahero viel alte Philosophi solches ernstlich erwogen, und sich nicht geschämt haben zu fragen und zu disputieren, ob die unvernünftigen Tier nicht auch Verstand hätten? Ich mag aber nichts mehr von diesen Sachen reden, gehet hin zu den Immen, und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann sagt mir euer Meinung wieder."

Das 13. Kapitel

Hält allerlei Sachen in sich, wer sie wissen will, muß es nur selbst lesen oder sich lesen lassen

Hierauf fielen unterschiedliche Urteil über mich, die meines Herrn Tischgenossen gaben, der Secretarius hielt dafür, ich sei für närrisch zu halten, weil ich mich selbst für ein vernünftig Tier schätzte und dargebe, maßen diejenigen, so ein Sparren zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weis zu sein dünkten, die allerartlichsten oder visierlichsten Narren wären: Andere sagten, wenn man mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, oder mich überreden könnte, daß ich wieder zu einem Menschen worden wäre, so würde ich für vernünftig oder witzig genug zu halten sein. Mein Herr selbst sagte: "Ich halte ihn für einen Narrn, weil er jedem die Wahrheit so ungescheut sagt, hingegen sind seine Diskurse so beschaffen, daß solche keinem Narrn zustehen." Und solches alles redeten sie auf Latein, damit ichs nicht verstehen sollte. Er fragte mich, ob ich studiert hätte, als ich noch ein Mensch gewesen? Ich wüßte nicht, was Studieren sei, war mein Antwort, "aber lieber Herr", sagte ich weiters, "sag mir, was Studen für Dinger sind, damit man studieret? Nennest du vielleicht die Kegel so, damit man keglet?" Hierauf antwortet' der tolle Fähnrich: "Wat wolts met deesem Kerl sin, bei hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten, de Tüfel der kühret ut jehme." Dahero nahm mein Herr Ursach, mich zu fragen, sintemal ich denn nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich andern Menschen, zu beten pflege, und in Himmel zu kommen getraue? "Freilich", antwortet ich, "ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seel noch, die wird ja, wie du leichtlich gedenken kannst, nicht in die Höll begehren, vornehmlich weil mirs schon einmal so übel darinnen ergangen; ich bin nur verändert wie vor diesem Nabuchodonosor, und dürfte ich noch wohl zu seiner Zeit wieder zu einem Menschen werden." "Das wünsche ich dir", sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzer: daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihn eine Reu ankommen, weil er mich zu einem Narren zu machen unterstanden. "Aber laß hören", fuhr er weiter fort, "wie pflegst du zu beten?" darauf kniet ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch gen Himmel, und weilen meines Herrn Reu, die ich gemerkt hatte, mir das Herz mit trefflichem Trost berührte, konnte ich auch die Tränen nicht enthalten, bat also dem äußerlichen Ansehen nach mit höchster Andacht, nach gesprochenem Vaterunser, für alles Anliegen der Christenheit, für meine Freund und Feind, und daß mir Gott in dieser Zeitlichkeit also zu leben verleihen wolle, daß ich würdig werden möchte, ihn in ewiger Seligkeit zu loben; maßen mich mein Einsiedel ein solches Gebet mit andächtigen konzipierten Worten gelehret hat. Hiervon fingen etliche weichherzige Zuseher auch beinahe an zu weinen, weil sie ein trefflich Mitleiden mit mir trugen, ja meinem Herrn selbst stunden die Augen voller Wasser.
Nach der Mahlzeit schickte mein Herr nach obgemeldtem Pfarrherrn, dem erzählte er alles, was ich vorgebracht hatte, und gab damit zu verstehen, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decken läge, dieweil ich vor diesem ganz einfältig und unwissend mich erzeigt, nunmehr aber Sachen vorzubringen wisse, daß sich darüber zu verwundern! Der Pfarrer, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, antwortet': Man sollte solches bedacht haben, ehe man mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder Gottes, mit welchen, und bevorab mit so zarter Jugend, nicht wie mit Bestien zu scherzen sei; doch wolle er nimmermehr glauben, daß dem bösen Geist zugelassen worden, sich mit in das Spiel zu mischen, dieweil ich mich jederzeit durch inbrünstiges Gebet Gott befohlen gehabt, sollte ihm aber wider Verhoffen solches verhängt und zugelassen worden sein, so hätte mans bei Gott schwerlich zu verantworten, maßen ohne das beinahe keine größere Sünd sei, als wenn ein Mensch den andern seiner Vernunft berauben und also dem Lob und Dienst Gottes, dazu er vornehmlich erschaffen worden, entziehen wollte: "Ich habe hiebefür Versicherung getan, daß er Witz genug gehabt; daß er sich aber in die Welt nicht schicken können, war die Ursach, daß er bei seinem Vater, einem groben Bauren, und bei eurem Schwager in der Wildnis in aller Einfalt erzogen worden; hätte man sich anfänglich ein wenig mit ihm geduldet, so würde er sich mit der Zeit schon besser angelassen haben, es war eben ein fromm einfältig Kind, das die boshaftige Welt noch nicht kennete, doch zweifle ich gar nicht, daß er nicht wiederum zurechtzubringen sei, wenn man ihm nur die Einbildung benehmen kann und ihn dahin bringt, daß er nicht mehr glaubt, er sei zum Kalb worden: Man lieset von einem, der hat festiglich geglaubt, er sei zu einem irdenen Krug worden, bat dahero die Seinigen, sie sollten ihn wohl in die Höhe stellen, damit er nicht zerstoßen würde; ein anderer bildete sich nicht anders ein, als er sei ein Hahn, dieser krähete in seiner Krankheit Tag und Nacht; noch ein anderer vermeinte nicht anders, als er sei bereits gestorben und wandere als ein Geist herum, wollte derowegen weder Arznei, noch Speis und Trank mehr zu sich nehmen, bis endlich ein kluger Arzt zween Kerl anstellete, die sich auch für Geister ausgaben, daneben aber tapfer zechten, sich zu jenem geselleten und ihn überredeten, daß jetziger Zeit die Geister auch zu essen und zu trinken pflegten, wodurch er denn wieder zurechtgebracht worden. Ich habe selbsten einen kranken Bauren in meiner Pfarr gehabt, als ich denselben besuchte, klagte er mir, daß er auf drei oder vier Ohm Wasser im Leib hätte, wenn solches von ihm wäre, so getraute er wohl wieder gesund zu werden, mit Bitt, ich wollte ihn entweder aufschneiden lassen, damit solches von ihm laufen könnte, oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe austrockne: Darauf sprach ich ihm zu, und überredet ihn, ich könnte das Wasser auf eine andere Manier wohl von ihm bringen, nahm demnach einen Hahn, wie man zu den Wein- oder Bierfässern braucht, band einen Darm daran, und das ander End band ich an den Zapfen eines Bauchzubers, den ich zu solchem End voll Wasser tragen lassen, stellete mich darauf, als wenn ich ihm den Hahn in Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwinden lassen, damit er nicht zerspringen sollte: Hierauf ließ ich das Wasser aus dem Zuber durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuet', nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich tat und in wenig Tagen wieder allerdings zurechtkam. Auf solche Weis ist einem andern geholfen worden, der sich eingebildet, er habe allerhand Pferdgezeug, Zäum und sonst Sachen im Leib, demnach gab sein Doktor eine Purgation ein und legte dergleichen Ding untern Nachtstuhl, also daß der Kerl glauben mußte, solches sei durch den Stuhlgang von ihm kommen. So sagt man auch von einem Phantasten, der geglaubt habe, seine Nas sei so lang, daß sie ihm bis auf den Boden reiche, dem habe man eine Wurst an die Nas gehängt, dieselbe nach und nach bis an die Nas selbst hinweggeschnitten, und als er das Messer an der Nas empfunden, hätte er geschrien, seine Nas sei jetzt wieder in rechter Form; kann also, wie diesen Personen, dem guten Simplicio wohl auch wieder geholfen werden."
"Dieses alles glaubte ich wohl", antwortet' mein Herr, "allein liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nunmehr aber von Sachen zu sagen weiß, solche auch so perfekt dahererzählet, dergleichen man bei älteren, erfahrneren und belesneren Leuten, als er ist, nicht leichtlich finden wird; er hat mir viel Eigenschaften der Tier erzählt, und mein eigene Person so artlich beschrieben, als wenn er sein Lebtag in der Welt gewesen, also daß ich mich darüber verwundern und seine Reden beinahe für ein Orakel oder Warnung Gottes halten muß."
"Herr", antwortet' der Pfarrer, "dieses kann natürlicher Weis wohl sein, ich weiß, daß er wohl belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel gleichsam alle meine Bücher, die ich gehabt und deren zwar nicht wenig gewesen, durchgangen, und weil der Knab ein gut Gedächtnis hat, jetzo aber in seinem Gemüt müßig ist und seiner eigenen Person vergißt, kann er gleich hervorbringen, was er hiebevor ins Hirn gefaßt; ich versehe mich auch, daß er mit der Zeit wieder zurechtzubringen sei." Also setzt' der Pfarrer den Gubernator zwischen Furcht und Hoffnung, er verantwortet' mich und mein Sach auf das beste und bracht mir gute Tag, sich selbst aber ein Zutritt bei meinem Herrn zuwege. Ihr endlicher Schluß war, man sollte noch ein Zeitlang mit mir zusehen; und solches tat der Pfarrer mehr um seines als meines Nutzens wegen, denn mit diesem, daß er so ab- und zuging und sich stellet', als wenn er meinethalben sich bemühet' und große Sorg trug, überkam er des Gubernators Gunst, dahero gab ihm derselbige Dienst und machte ihn bei der Garnison zum Kaplan, welches in so schwerer Zeit kein Geringes war und ich ihm herzlich wohl gönnete.

Das 14. Kapitel

Was Simplicius ferner für ein edel Leben geführt, und wie ihn dessen die Kroaten beraubt, als sie ihn selbst raubten

Von dieser Zeit an besaß ich meines Herrn Gnad, Gunst und Lieb vollkommenlich, dessen ich mich wohl mit Wahrheit rühmen kann; nichts mangelt' mir zu meinem bessern Glück, als daß ich an meinem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte, wiewohl ich solches selbst nicht wußte; so wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihn solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte. Und demnach mein Herr sah, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er mich solche lernen und verdinget' mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff, und ihn um soviel übertraf, weil ich besser als er darein singen konnte: Also dienete ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweil, Ergötzung und Verwunderung. Alle Offizier erzeigten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehrten mich, und das Hausgesind neben den Soldaten wollten mir wohl, weil sie sahen, wie mir mein Herr gewogen war; einer schenkte mir hier, der ander dort, denn sie wußten, daß Schalksnarren oft bei ihren Herren mehr vermögen, als etwas Rechtschaffenes, und dahin hatten auch ihre Geschenk das Absehen, weil mir etliche darum gaben, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte, andere aber eben deswegen, daß ich ihretwegen solches tun sollte; auf welche Weis ich ziemlich Geld zuwegen brachte, welches ich mehrenteils dem Pfarrer wieder zusteckte, weil ich noch nicht wußte, wozu es nutzete. Und gleich wie mich niemand scheel ansehen durfte, also hatte ich auch von nirgends her keine Anfechtung, Sorg oder Bekümmernis; alle meine Gedanken legte ich auf die Musik, und wie ich dem einen und dem andern seine Mängel artlich verweisen möchte; daher wuchs ich auf wie ein Narr im Zwiebelland, und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu; man sah mir in Bälde an, daß ich mich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Buchen, Wurzeln und Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bißlein der rheinische Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug, welches in so elender Zeit für ein große Gnad von Gott zu schätzen war, denn damals stand ganz Teutschland in völligen Kriegsflammen, Hunger und Pestilenz, und Hanau selbst war mit Feinden umlagert, welches alles mich im geringsten nicht kränken konnte. Nach aufgeschlagener Belagerung nahm sich mein Herr vor, mich entweder dem Kardinal Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken, denn ohne daß er hoffte einen großen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß ihm schier ohnmöglich wäre, länger zu ertragen, weil ich ihm seiner verlornen Schwester Gestalt, der ich je länger je ähnlicher würde, in so närrischem Habit täglich vor Augen stellte; solches widerrief ihm der Pfarrer, denn er hielt dafür, die Zeit wäre kommen, in welcher er ein Mirakel tun und mich wieder zu einem vernünftigen Menschen machen wollte; gab demnach dem Gubernator den Rat, er sollte ein paar Kalbfell bereiten und solche andern Knaben antun lassen, hernach ein dritte Person bestellen, die in Gestalt eines Arzts, Propheten oder Landfahrers mich und bemeldte zween Knaben mit seltsamen Zeremonien ausziehe, und verwenden, daß er aus Tieren Menschen und aus Menschen Tiere machen könnte, auf solche Weis könnte ich wohl wieder zurechtgebracht und mir ohne sonderliche große Mühe eingebildet werden, ich sei wie andere mehr wieder zu einem Menschen worden: Als sich der Gubernator solchen Vorschlag belieben ließ, kommuniziert' mir der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredt hätte, und überredet' mich leicht, daß ich meinen Willen darein gab. Aber das neidige Glück wollte mich so leichtlich aus meinem Narrnkleid nicht schliefen, noch mich das herrliche gute Leben länger genießen lassen; denn indem als Gerber und Schneider mit den Kleidern umgingen, die zu dieser Comoedia gehörten, terminierte ich mit etlich andern Knaben vor der Festung auf dem Eis herum; da führt', ich weiß nicht wer, ohnversehens eine Partei Kroaten daher, die uns miteinander anpackten, auf etliche leere Baurenpferd setzten, die sie erst gestohlen hatten, und miteinander davonführten. Zwar stunden sie erstlich im Zweifel, ob sie mich mitnehmen wollten oder nicht? bis endlich einer auf böhmisch sagte: "Mih weme doho blasna sebao, bo wedeme ho gbabo Obersto vi." Dem antwort ein anderer: "Prschis ambambo ano, mi ho nagonie possadeime, wan rosumi niemezki, won bude mit kratock ville sebao." Also mußte ich zu Pferd, und innewerden, daß einen ein einzig unglückliches Stündlein aller Wohlfahrt entsetzen und von allem Glück und Heil dermaßen entfernen kann, daß es einem sein Lebtag nachgehet.

Das 15. Kapitel

Simplicii Reiterleben, und was er bei den Kroaten gesehen und erfahren

Ob nun zwar die Hanauer gleich Lärmen hatten, sich zu Pferd herausließen und die Kroaten mit einem Scharmützel etwas aufhielten und bekümmerten, so mochten sie ihnen jedoch nichts abgewinnen, denn diese leichte War ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie futterten und den Bürgern daselbst die gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlenen Pferd und andere War verkauften, von dannen brachen sie wieder auf, schier ehe es recht Nacht, geschweige wieder Tag worden, gingen schnell durch den Büdinger Wald dem Stift Fulda zu und nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts, denn sie konntens machen wie der Teufel, von welchem man zu sagen pflegt, daß er zugleich laufe und (s. v.) hofiere, und doch nichts am Wege versäume; maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beut ankamen, das wurde alles partiert, ich aber wurde dem Obrist Corpes zuteil.
Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor, die hanauischen Schleckerbißlein hatten sich in schwarzes grobes Brot und mager Rindfleisch, oder wenns wohl abging, in ein Stück gestohlnen Speck verändert; Wein und Bier war mir zu Wasser worden, und ich mußte anstatt des Betts bei den Pferden in der Streu vorliebnehmen; für das Lautenschlagen, das sonst jedermann belustiget, mußte ich zuzeiten, gleich andern Jungen, untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und mich mit Sporen stechen lassen, welches nur ein schlechter Spaß war; für das hanauische Spazierengehen durfte ich mit auf Fourage reiten, Pferd striegeln und denselben ausmisten; das Fouragiern aber ist nichts anders, als daß man mit großer Mühe und Arbeit, auch oft nicht ohne Leib- und Lebensgefahr hinaus auf die Dörfer schweifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt und nimmt was man findt, trillt und verdirbt die Bauren, ja schändet wohl gar ihre Mägd, Weiber und Töchter! Und wenn den armen Baurn das Ding nicht gefallen will, oder sie sich etwa erkühnen dürfen, einen oder den andern Fouragierer über solcher Arbeit auf die Finger zu klopfen, wie es denn damals dergleichen Gäst in Hessen viel gab, so hauet man sie nieder, wenn man sie hat, oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel. Mein Herr hatte kein Weib (wie denn diese Art Krieger keine Weiber mitzuführen pflegen), keinen Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reitknecht und Jungen, welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten, und schämte er sich selbst nicht, ein Roß zu satteln oder demselben Futter vorzuschütten; er schlief allezeit auf Stroh oder auf der bloßen Erd, und bedeckte sich mit seinem Pelzrock, daher sah man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämet', sondern noch dazu lachte, wenn ihm jemand eine herablas; er trug kurze Haupthaar und einen breiten Schweizerbart, welches ihm wohl zu statten kam, weil er sich selbst in Baurenkleider zu verstellen und darin auf Kundschaft auszugehen pflegte. Wiewohl er nun, wie gehöret, keine Grandezza speiset', so wurde er jedoch von den Seinen und andern die ihn kenneten, geehrt, geliebt und gefürchtet; wir waren niemals ruhig, sondern bald hier bald dort; bald fielen wir ein und bald wurde uns eingefallen, so gar war keine Ruhe da, der Hessen Macht zu ringern, hingegen feiret' uns Melander auch nicht, als welcher uns manchen Reuter abjagte und nach Kassel schickte.
Dieses unruhige Leben schmeckte mir ganz nicht, dahero wünscht ich mich oft vergeblich wieder nach Hanau; mein größtes Kreuz war, daß ich mit den Burschen nicht reden konnte, und mich gleichsam von jedwedem hin und wieder stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen mußte; die größte Kurzweil, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf teutsch singen und wie andere Reuterjungen aufblasen mußte, so zwar selten geschah, doch kriegte ich alsdann solche dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernachging, und ich lang genug daran hatte; zuletzt fing ich an, mich des Kochens zu unterwinden und meinem Herrn das Gewehr, darauf er viel hielt, sauber zu halten, weil ich ohne das auf Fourage zu reiten noch nichts nutz war; das schlug mir so trefflich zu, daß ich endlich meines Herrn Gunst erwarb, maßen er mir wieder aus Kalbfellen ein neu Narrenkleid machen lassen, mit viel größern Eselsohren, als ich zuvor getragen; und weil meines Herrn Mund nicht ekelicht war, bedurft ich zu meiner Kochkunst desto weniger Geschicklichkeit; demnach mirs aber zum öftern an Salz, Schmalz und Gewürz mangelte, wurde ich meines Handwerks auch müd, trachtet derowegen Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlangt hatte. Als ich nun solches ins Werk setzen wollte, nahm ich mich an, die Schaf- und Kuhkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, ferne hinwegzuschleifen, damit solche kein so üblen Geruch mehr machten; solches ließ sich der Obriste gefallen, als ich nun damit umging, blieb ich, da es dunkel ward, zuletzt gar aus und entwischt in den nächsten Wald.

Das 16. Kapitel

Simplicius erschnappet ein gute Beut, und wird darauf ein diebischer Waldbruder

Mein Handel und Wesen wurde aber allem Ansehen nach je länger je ärger, ja so schlimm, daß ich mir einbildete, ich sei nur zum Unglück geboren, denn ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, da erhascheten mich etliche Schnapphahnen; diese vermeinten ohn Zweifel, etwas Rechts an mir gefangen zu haben, weil sie bei finsterer Nacht mein närrisch Kleid nicht sahen und mich gleich durch zween aus ihnen an einen gewissen Ort in Wald hineinfahren lassen; als mich diese dahin brachten und es zugleich stockfinster wurde, wollte der Kerl kurzum Geld von mir haben, zu solchem End legte er seine Handschuh samt dem Feurrohr nieder und fing an mich zu visitieren, fragend: "Wer bist du? hast du Geld?" Sobald er aber mein haarig Kleid und die langen Eselsohren an meiner Kappe (die er für Hörner gehalten) begriff und zugleich die hellscheinenden Funken (welche gemeiniglich der Tiere Häut sehen lassen, wenn man sie in der Finstere streichet) gewahr wurde, erschrak er, daß er ineinander fuhr; solches merkete ich gleich, derowegen striegelt ich, ehe er sich wieder erholen oder etwas besinnen konnte, mein Kleid mit beiden Händen dermaßen, daß es schimmerte, als wenn ich inwendig voller brennendem Schwefel gesteckt wäre, und antwortet ihm mit erschrecklicher Stimm: "Der Teufel bin ich, und will dir und deinem Gesellen die Häls umdrehen!" Welches diese zween also erschreckte, daß sie sich alle beide durch Stöck und Stauden so geschwind davontrolleten, als wenn sie das höllisch Feuer gejagt hätte. Die finstere Nacht konnte ihren schnellen Lauf nicht hindern, und ob sie gleich oft an Stöck, Stein, Stämm und Bäum liefen und noch öfter zuhaufen fielen, rafften sie sich doch geschwind wieder auf, solches trieben sie, bis ich keinen mehr hören konnte; ich aber lachte unterdessen so schrecklich, daß es im ganzen Wald erschallete, welches ohne Zweifel in einer solchen finstern Einöde fürchterlich anzuhören war.
Als ich mich nun abwegs machen wollte, strauchelt ich über das Feuerrohr, das nahm ich zu mir, weil ich bereits mit dem Geschoß umzugehen bei den Kroaten gelernet hatte; da ich weiterschritt, stieß ich auch an einen Knappsack, welcher gleich meinem Kleid von Kalbfellen gemacht war, ich hob ihn ebenmäßig auf und fand, daß eine Patrontasche mit Pulver, Blei und aller Zugehör wohl versehen unten daran hing. Ich hängte alles an mich, nahm das Rohr auf die Achsel wie ein Soldat und verbarg mich ohnweit davon in einen dicken Busch, der Meinung, daselbst ein Weil zu schlafen: Aber sobald der Tag anbrach, kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz und suchten das verlorne Feurrohr samt dem Knappsack, ich spitzte die Ohren wie ein Fuchs und hielt mich stiller als eine Maus, wie sie aber nichts fanden, verlachten sie die zween, so von mir entflohen waren: "Pfui ihr feigen Tropfen", sagten sie, ..schämt euch ins Herz hinein, daß ihr euch von einem einzigen Kerl erschrecken, verjagen und das Gewehr nehmen laßt!" Aber der eine schwur, der Teufel sollt ihn holen, wenns nicht der Teufel selbst gewesen sei, er hätte ja die Hörner und seine rauhe Haut wohl begriffen; der ander aber gehob sich gar übel, und sagte: "Es mag der Teufel oder sein Mutter gewesen sein, wenn ich nur meinen Ranzen wieder hätte." Einer von ihnen, welchen ich für den Vornehmsten hielt, antwortet' diesem und sagte: "Was meinst du wohl, daß der Teufel mit deinem Ranzen und dem Feuerrohr machen wollte, ich dürfte mein Hals verwerten, wo nicht der Kerl, den ihr so schändlich entlaufen lassen, beide Stück mit sich genommen." Diesem hielt ein anderer Widerpart und sagte, es könne auch wohl sein, daß seither etliche Bauren da gewesen wären, welche die Sachen gefunden und aufgehoben hätten, solchem wurde endlich von allen Beifall gegeben, und von der ganzen Partei festiglich geglaubt, daß sie den Teufel selbst unter Händen gehabt hätten, vornehmlich weil derjenige, so mich in der Finstere visitieren wollen, nicht allein solches mit grausamen Flüchen bekräftiget', sondern auch die rauhe funkelnde Haut und beide Hörner, als gewisse Wahrzeichen einer teuflischen Eigenschaft, gewaltig zu beschreiben und herauszustreichen wußte. Ich vermeine auch, wenn ich mich unversehens hätte wiederum sehen lassen, daß die ganze Partei entlaufen wäre.
Zuletzt, als sie lang genug gesucht und doch nichts funden hatten, nahmen sie ihren Weg weiters, ich aber machte den Ranzen auf zu frühestücken, und langte im ersten Griff einen Säckel heraus, in welchem dreihundert und etlich sechzig Dukaten waren. Ob ich nun hierüber erfreuet worden, bedarf zwar keines Fragens: Aber der Leser sei versichert, daß mich der Knappsack viel mehr erfreute, weil ich ihn mit Proviant so wohl versehen sah, als diese schöne Summa Golds selbst. Und demnach dergleichen Gesellen bei den gemeinen Soldaten viel zu dünn gesäet zu sein pflegen, daß sie solche mit sich auf Partei schleppen sollten, also machte ich mir die Gedanken, der Kerl müsse dies Geld auf eben derselbigen Partei erst heimlich erschnappt und geschwind zu sich in Ranzen geschoben haben, damit er solches mit den andern nicht partiern dürfe.
Hierauf zehrte ich fröhlich zu Morgen, fand auch bald ein lustig Brünnlein, bei welchem ich mich erquickte, und meine schönen Dukaten zählete. Wenn mirs allbereit das Leben gälte, ich sollte anzeigen, in welchem Land oder Gegend ich mich damals befunden, so könnte ichs nicht; ich blieb anfangs so lang im Wald, als mein Proviant währte, mit welchem ich sparsam Haus hielt, als aber mein Ranzen leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser, da kroch ich bei Nacht in Keller und Küchen und nahm von Essenspeis, was ich fand und tragen mochte, das schleppte ich mit mir in Wald, wo er am allerwildesten war, darinnen führte ich wieder überall ein einsiedlerisch Leben wie hiebevor, ohne daß ich sehr viel stahl und desto weniger betete, auch keine stetige Wohnung hatte, sondern bald hie bald dorthin schweifte. Es kam mir trefflich wohl zustatten, daß es im Anfang des Sommers war, doch konnte ich auch mit meinem Rohr Feuer machen, wenn ich wollte.

Das 17. Kapitel

Wie Simplicius zu den Hexen auf den Tanz gefahren

Unter währendem diesem meinem Umschweifen haben mich hin und wieder in den Wäldern unterschiedliche Baursleut angetroffen, sie sind aber allezeit vor mir geflohen, nicht weiß ich, wars die Ursach, daß sie ohnedas durch den Krieg scheu gemacht, verjagt und niemals recht beständig zu Haus waren; oder ob die Schnapphahnen dasjenige Abenteuer, so ihnen mit mir begegnet', in dem Land ausgesprengt haben? Also daß hernach diese, so mich nachgehends gesehen, ingleichem geglaubt, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend umher, derowegen mußte ich sorgen, das Proviant möchte mir ausgehen, und ich dadurch endlich ins äußerste Verderben kommen, ich wollte denn wieder Wurzeln und Kräuter essen, deren ich nicht mehr gewohnt war. In solchen Gedanken hörte ich zween Holzhauer, so mich höchlich erfreute, ich ging dem Schlag nach, und als ich sie sah, nahm ich ein Hand voll Dukaten aus meinem Säckel, schlich nahe zu ihnen, zeigte ihnen das anziehende Gold, und sagte: "Ihr Herrn, wenn ihr meiner wartet, so will ich euch die Hand voll Gold schenken." Aber sobald sie mich und mein Gold sahen, ebensobald gaben sie auch Fersengeld und ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs und Brotsack liegen, mit solchem versah ich meinen Ranzen wieder, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, mein Lebtag wieder einmal zu Menschen zu kommen.
Nach langem Hin- und Hersinnen gedacht ich: Wer weiß wie dirs noch gehet, hast du doch Geld, und wenn du solches zu guten Leuten in Sicherheit bringest, so kannst du ziemlich lang wohl darum leben; also fiel mir ein, ich sollt's einnähen, derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren, welche die Leut so flüchtig machten, zwei Armbänder, gesellet meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten, tat solche in besagte Armbänder wohl attestieren und oberhalb der Ellenbogen um meine Arm binden. Wie ich nun meinen Schatz dergestalt versichert hatte, fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat was ich bedurfte und erschnappen konnte, und wiewohl ich noch einfältig gewesen, so war ich jedoch so schlau, daß ich niemals, wo ich einst einen Particul geholt, wieder an denselbig Ort kam, dahero war ich sehr glückselig im Stehlen und wurde niemals auf der Mauserei ertappt.
Einsmals zu End des Mai, als ich abermal durch mein gewöhnlich, obzwar verbotenes Mittel meine Nahrung holen wollte und zu dem Ende zu einem Baurnhof gestrichen war, kam ich in die Küchen, merkte aber bald, daß noch Leut auf waren (Nota, wo sich Hund befanden, da kam ich wohl nicht hin), derowegen sperrete ich die eine Küchentür, die in Hof ging, angelweit auf, damit wenn es etwa Gefahr setzte, ich stracks ausreißen könnte; blieb also mausstill sitzen, bis ich erwarten mochte, daß sich die Leut niedergelegt hätten: Unterdessen nahm ich eines Spalts gewahr, den das Küchenschälterlein hatte, welches in die Stuben ging; ich schlich hinzu, zu sehen, ob die Leut nicht bald schlafen gehen wollten? aber meine Hoffnung war nichts, denn sie hatten sich erst angezogen und anstatt des Lichts eine schweflichte blaue Flamm auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänk schmierten und nacheinander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich verwundert mich schrecklich und empfand ein großes Grausen; weil ich aber größerer Erschrecklichkeiten gewohnt war, zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte, achtet ichs nicht sonderlich, vornehmlich weil alles so still herging, sondern verfügte mich, nachdem alles davongefahren war, auch in die Stub, bedachte was ich mitnehmen und wo ich solches suchen wollte, und setzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank schrittlings nieder; ich war aber kaum aufgesessen, da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus, und ließ mein Ranzen und Feurrohr, so ich von mir gelegt hatte, für den Schmierberlohn und so künstliche Salbe dahinten. Das Aufsitzen, Davonfahren und Absteigen geschah gleichsam in einem Nu! denn ich kam, wie mich bedünkte, augenblicklich zu einer großen Schar Volks, es sei denn, daß ich aus Schrecken nicht geacht hab, wie lang ich auf dieser weiten Reis zugebracht; diese tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen, denn sie hatten sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht, mit zusammengekehrten Rücken, wie man die drei Grazien abmalet, also daß sie die Angesichter herauswärts kehrten; der inner Ring bestund etwa in sieben oder acht Personen, der ander hatte wohl noch so viel, der dritte mehr als diese beiden und so fortan, also daß sich in dem äußern Ring über zweihundert Personen befanden; und weil ein Ring oder Kreis um den andern links und die anderen rechts herum tanzten, konnte ich nicht sehen, wieviel sie solcher Ring gemacht, noch was sie in der Mitten, darum sie tanzten, stehen hatten. Es sah eben greulich seltsam aus, weil die Köpf so possierlich durcheinander haspelten. Und gleichwie der Tanz seltsam war, also war auch ihre Musik, auch sang, wie ich vermeinte, ein jeder am Tanz selber drein, welches ein wunderliche Harmoniam abgab; meine Bank die mich hintrug, ließ sich bei den Spielleuten nieder, die außerhalb der Ringe um den Tanz herum stunden, deren etliche hatten anstatt der Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien nichts anders als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie lustig daherpfiffen: etliche hatten Katzen, denen sie in Hintern bliesen und auf dem Schwanz fingerten, das lautet' den Sackpfeifen gleich: andere geigeten auf Roßköpfen wie auf dem besten Diskant, und aber andere schlugen die Harfe auf einem Kuhgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen; so war auch einer vorhanden, der hatte eine Hündin unterm Arm, der leiert' er am Schwanz und fingert' ihr an den Dütten, darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im ganzen Wald erschallete, und wie dieser Tanz bald aus war, fing die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, zu heulen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll und töricht gewesen wären. Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Furcht ich gesteckt.
In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar, der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm, gern so groß als eine Heerpauke, der waren die Därm aus dem Hintern gezogen und wieder zum Maul hineingeschoppt, welches so garstig aussah, daß mich darob kotzerte: "Sieh hin Simplici", sagte er, "ich weiß, daß du ein guter Lautenist bist, laß uns doch ein fein Stückchen hören." Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit Namen nennete, und in solchem Schrecken verstummte ich gar und bildete mir ein, ich läge in einem so schweren Traum, bat derowegen innerlich im Herzen, daß ich doch erwachen möchte, der mit der Krott aber, den ich steif ansah, zog seine Nasen aus und ein wie ein kalekutscher Hahn, und stieß mich endlich auf die Brust, daß ich bald davon erstickte; derowegen fing ich an überlaut zu Gott zu rufen, da verschwand das ganze Heer. In einem Hui wurde es stockfinster und mir so fürchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel und wohl hundert Kreuz vor mich machte.

Das 18. Kapitel

Warum man Simplicio nicht zutrauen soll, daß er sich des großen Messers bediene

Demnach es etliche und zwar auch vornehme gelehrte Leut darunter gibt, die nicht glauben, daß Hexen oder Unholde seien, geschweige daß sie in der Luft hin und wider fahren sollten; also zweifele ich nicht, es werden sich etliche finden, die sagen werden, Simplicius schneide hier mit dem großen Messer auf: Mit denselben begehre ich nun nicht zu fechten, denn weil Aufschneiden keine Kunst, sondern jetziger Zeit fast das gemeineste Handwerk ist, also kann ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte, denn ich müßte ja sonst wohl ein schlechter Tropf sein. Welche aber der Hexen Ausfahren verneinen, die stellen sich nur Simonem den Zauberer vor, welcher vom bösen Geist in die Luft erhaben wurde und auf S. Petri Gebet wieder herunter gefallen. Nicolaus Remigius, welcher ein tapferer, gelehrter und verständiger Mann gewesen und im Herzogtum Lothringen nicht nur ein halb Dutzend Hexen verbrennen lassen, erzählet von Johanne von Hembach, daß ihn seine Mutter, die eine Hex war, im sechzehnten Jahr seines Alters mit sich auf ihre Versammlung genommen, daß er ihnen, weil er hatte lernen pfeifen, beim Tanz aufspielen sollte; zu solchem End stieg er auf einen Baum, pfiff daher und siehet dem Tanz mit Fleiß zu (vielleicht weil ihm alles so wunderlich vorkam). Endlich spricht er: "Behüt lieber Gott, woher kommt so viel närrisch und unsinniges Gesind?" Er hatte aber kaum diese Wort ausgesagt, so fiel er vom Baum herab, verrenkt' eine Schulter und ruft' ihnen um Hilf zu, aber da war niemand als er; wie er dieses nachmals ruchbar machte, hieltens die meisten für ein Fabel, bis man kurz hernach Catharinam Praevotiam Zauberei halber fing, welche auch bei selbigem Tanz gewesen, die bekannte alles wie es hergangen, wiewohl sie von dem gemeinen Geschrei nichts wußte, das Hembach ausgesprengt hatte. Majolus setzet zwei Exempel, von einem Knecht, so sich an sein Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich mit deren Salben geschmiert und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen sind. So sagt man auch von einem Knecht, der frühe aufgestanden und den Wagen geschmiert, weil er aber die unrechte Büchs in der Finstere ertappt, hat sich der Wagen in die Luft erhoben, also daß man ihn wieder herabziehen müssen. Olaus Magnus erzählet in lib. 3 Hist. de gentibus Septentrional. I. cap. 19, daß Hadingus König in Dänemark wieder in sein Königreich, woraus er durch etliche Aufrührer vertrieben worden, fern über das Meer auf des Othini Geist durch die Luft gefahren, welcher sich in ein Pferd verstellt hätte. So ist auch mehr als genugsam bekannt, wasgestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was Torquemadius in seinem Hexamerone von seinem Schulgesellen erzählt, mag bei ihm gelesen werden. Ghirlandus schreibet auch von einem vornehmen Mann, welcher als er gemerkt, daß sich sein Weib salbe, und darauf aus dem Haus fahre, habe er sie einsmals gezwungen, ihn mit sich auf der Zauberer Zusammenkunft zu nehmen; als sie daselbst aßen und kein Salz vorhanden war, habe er dessen begehrt, mit großer Mühe auch erhalten, und darauf gesagt: ›Gott sei gelobt, jetzt kommt das Salz!‹ Darauf die Lichter erloschen und alles verschwunden. Als es nun Tag worden, hat er von den Hirten verstanden, daß er nahend der Stadt Benevento, im Königreich Neapolis, und also wohl hundert Meil von seiner Heimat sei; derowegen ob er wohl reich gewesen, habe er doch nach Haus bettlen müssen, und als er heimkam, gab er alsbald sein Weib für eine Zauberin bei der Obrigkeit an, welche auch verbrennt worden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl keine Zauberer waren, durch die Luft von einem Ort zum andern gefahren, ist aus seiner Histori genugsam bekannt. So hab ich selbst auch eine Frau und eine Magd gekannt, sind aber, als ich dieses schreibe, beide tot, wiewohl der Magd Vater noch im Leben; diese Magd schmierte einsmals auf dem Herd beim Feuer ihrer Frauen die Schuh, und als sie mit einem fertig war und solchen beiseit setzte, den andern auch zu schmieren, fuhr der geschmierte ohnversehens zum Kamin hinaus; diese Geschicht ist aber vertuscht geblieben. Solches alles melde ich nur darum, damit man eigentlich dafürhalte, daß die Zauberinnen und Hexenmeister zu Zeiten leibhaftig auf ihre Versammlungen fahren, und nicht deswegen, daß man mir eben glauben müsse, ich sei wie ich gemeldt hab, auch so dahin gefahren, denn es gilt mir gleich, es mags einer glauben oder nicht, und wers nicht glauben will, der mag einen andern Weg ersinnen, auf welchem ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda (denn ich weiß selbst nicht, wo ich in den Wäldern herumgeschweift hatte) in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.

Das 19. Kapitel

Simplicius wird wieder ein Narr, wie er zuvor einer gewesen

Ich fang meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte mich aufzurichten; zudem zweifelt ich noch, ob mir die erzählten Sachen geträumt hätten oder nicht? und ob ich zwar in ziemlichen Ängsten stak, so war ich doch so kühn zu entschlafen, weil ich gedachte, ich könnte an keinem ärgern Ort als in einem wilden Wald liegen, in welchem ich die meiste Zeit, seit ich von meinem Knan war, zubracht und dahero derselben ziemlich gewohnt hatte. Ungefähr um neun Uhr vormittag war es, als etliche Fouragier kamen, die mich aufweckten, da sah ich erst, daß ich mitten im freien Feld war; diese nahmen mich mit sich zu etlichen Windmühlen, und nachdem sie ihre Früchte allda gemahlen hatten folgends in das Lager vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zuteil ward, der fragte mich, wo ich herkäme, und was für einem Herrn ich zugehörig wäre? Ich erzählte alles haarklein, und weil ich die Kroaten nicht nennen konnte, beschrieb ich ihre Kleidungen und gab Gleichnisse von ihrer Sprach, auch daß ich von denselben Leuten gelaufen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still, und was ich von meiner Luftfahrt und dem Hexentanz erzählete, das hielt man für Einfäll und Narrenteidungen, vornehmlich weil ich auch sonst in meinem Diskurs das Tausend ins Hunderte warf: Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich her (denn ein Narr machet tausend Narren), unter denselben war einer, so das vorig Jahr in Hanau gefangen gewesen und allda Dienst angenommen hatte, folgends aber wieder unter die Kaiserlichen kommen war; dieser kannte mich und sagte gleich: "Hoho, dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!" Der Obrist fragte ihn meinetwegen mehrere Umständ, der Kerl wußte aber nichts weiters von mir, als daß ich wohl auf der Lauten schlagen könnte, item daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment zu Hanau vor der Festung hinweggenommen hätten, sodann, daß mich besagter Kommandant ungern verloren, weil ich gar ein artlicher Narr wäre. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die ziemlich wohl auf der Lauten konnte und deswegen stetig eine nachführte, die ließ sie um ihre Lauten bitten, solche kam und wurde mir präsentiert mit Befehl, ich sollte eins hören lassen; aber meine Meinung war, man sollte mir zuvor etwas zu essen geben, weil ein leerer und ein dicker Bauch, wie die Laut einen hatte, nicht wohl zusammenstimmen würden; solches geschah, und demnach ich mich ziemlich bekröpft und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier verschlucket hatte, ließ ich beides mit der Lauten und meiner Stimme hören was ich konnte, daneben redete ich allerlei untereinander, wie mirs einfiel, so daß ich mit geringer Mühe die Leut dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellte. Der Obriste fragte mich, wo ich weiters hin wollte? und da ich antwortet, daß es mir gleich gelte, wurden wir des Handels eins, daß ich bei ihm bleiben und sein Hofjunker sein sollte. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren hinkommen wären? "Ja", sagte ich, "wenn du wüßtest, wo sie wären, so würden sie dir nicht übel anstehen." Aber ich konnte wohl verschweigen, was sie vermochten, weil all mein Reichtum darin lagen.
Ich wurde in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offiziern sowohl im kursächsischen als kaiserlichen Lager bekannt, sonderlich bei dem Frauenzimmer, welches meine Kappe, Ärmel und abgestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierte, von allerhand Farben, so daß ich schier glaube, daß etliche Stutzer die jetzige Mode davon abgesehen. Was mir aber von den Offizierern an Geld geschenkt wurde, das teilte ich wieder mildiglich mit, denn ich verspendierte alles bei einem Heller, indem ichs mit guten Gesellen in Hamburger und Zerbster Bier, welche Gattungen mir trefflich wohl zuschlugen, versoff; unangesehen ich an allen Orten, wo ich nur hinkam, genug zu schmarotzen hatte.
Als mein Obrister aber ein eigene Lauten für mich überkam, denn er gedachte ewig an mir zu haben, da durft ich nicht mehr in den beiden Lagern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte: Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, denn er war still, verständig, wohlgelehrt, von guter, aber nicht überflüssiger Konversation, und was das Größte gewesen, überaus gottsfürchtig, wohl belesen und voll allerhand Wissenschaften und Künsten; bei ihm mußte ich des Nachts in seinem Zelt schlafen und bei Tag durft ich ihm auch nicht aus den Augen, er war eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, zumal auch sehr reich gewesen, weil er aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden, zumaln auch sein Weib mit Tod abgangen und sein einziger Sohn Armut halber nicht mehr studieren konnte, sondern unter der kursächsischen Armee für einen Musterschreiber dienete, hielt er sich bei diesem Obristen auf und ließ sich für einen Stallmeister gebrauchen, um zu verharren, bis die gefährlichen Kriegsläufte am Elbstrom sich änderten und ihm alsdann die Sonne seines vorigen Glücks wieder scheinen möchte.

Das 20. Kapitel

Ist ziemlich lang, und handelt vom Spielen mit Würfeln, und was dem anhängig

Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war, also konnte er auch die ganze Nacht nicht durchgehend schlafen, solches war ein Ursach, daß er mir in der ersten Wochen hinter die Brief kam und ausdrücklich vernahm, daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete: wie er denn zuvor auch etwas gemerkt und von mir aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf die Physiognomiam verstund. Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein eigen Leben und seltsame Begegnisse allerlei Gedanken, stund auch auf und erzählte danksagungsweis alle Guttaten, die mir mein lieber Gott erwiesen, und alle Gefahren, aus welchen er mich errettet; legte mich hernach wieder nieder mit schweren Seufzern und schlief vollends aus.
Mein Hofmeister hörete alles, tat aber, als wenn er hart schlief, und solches geschah etliche Nächt nacheinander, also daß er sich genugsam versichert hielt, daß ich mehr Verstand hätte als mancher Betagte, der sich viel einbilde; doch redet' er nichts mit mir im Zelt hiervon, weil es zu dünne Wänd hatte und er gewisser Ursachen halber nicht haben wollte, daß noch zur Zeit und ehe er meiner Unschuld versichert wäre, jemand anders dieses Geheimnis wüßte. Einsmals ging ich hinter das Lager spazieren, welches er gern geschehen ließ, damit er Ursach hätte mich zu suchen und also die Gelegenheit bekäme, allein mit mir zu reden: Er fand mich nach Wunsch an einem einsamen Ort, da ich meinen Gedanken Audienz gab, und sagte: "Lieber guter Freund, weil ich dein Bestes zu suchen unterstehe, erfreue ich mich, daß ich hier allein mit dir reden kann; ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch in diesem elenden und verächtlichen Stand nicht zu leben begehrest. Wenn dir nun deine Wohlfahrt lieb ist, auch zu mir als einem ehrlichen Mann dein Vertrauen setzen willst, so kannst du mir deiner Sachen Bewandtnis erzählen, so will ich hingegen, wo möglich, mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwa zu helfen sein möchte, damit du aus deinem Narrnkleid kommest."
Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeigte mich vor übriger Freud nicht anders, als wenn er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner Narrnkapp zu erlösen; und nachdem wir uns auf die Erde gesetzt hatten, erzählte ich ihm mein ganzes Leben, er beschaute meine Händ und verwundert' sich beides über die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle; wollte nur aber durchaus nicht raten, daß ich in Bälde mein Narrnkleid ablegen sollte, weil er, wie er sagte, vermittelst der Chiromantia sah, daß mir mein fatum ein Gefängnis androhe, das Leib- und Lebensgefahr mit sich brächte. Ich bedankte mich seiner guten Neigung und mitgeteilten Rats, und bat Gott, daß er ihm seine Treuherzigkeit belohnen, ihn selber aber, daß er (weil ich von aller Welt verlassen wäre) mein getreuer Freund und Vater sein und bleiben wollte.
Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln turnieret' und alle Schwür mit hunderttausend mal tausend Galleen, Rennschifflein, Tonnen und Stadtgräben voll usw. heraussuchte; der Platz war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut und mit Tischen bestellt, die alle mit Spielern umgeben waren; jede Gesellschaft hatte drei viereckigte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertrauten, weil sie ihr Geld teilen, und solches dem einen geben, dem andern aber nehmen mußten: So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer (Scholderer wollte ich sagen und hätte doch schier Schinder gesagt), dieses Amt war, daß sie Richter sein und zusehen sollten, daß keinem Unrecht geschehe; sie liehen auch Mäntel, Tisch und Würfel her, und wußten deswegen ihr Gebühr so wohl vom Gewinn einzunehmen, daß sie gewöhnlich das meiste Geld erschnappten, doch faselt' es nicht, denn sie verspieltens gemeiniglich wieder, oder wenns gar wohl angelegt wurde, so bekams der Marketender oder der Feldscherer, weil ihnen die Köpf oft gewaltig geflickt wurden.
An diesen närrischen Leuten sah man sein blaues Wunder, weil sie alle zu gewinnen vermeinten, welches doch unmöglich, sie hätten denn aus einer fremden Taschen gesetzt, und ob sie zwar alle diese Hoffnung hatten, so hieß es doch: Viel Köpf, viel Sinn, weil sich jeder Kopf nach seinem Glück sann, denn etliche trafen, etliche fehlten; etliche gewannen, etliche verspielten: derowegen auch etliche fluchten, etliche donnerten; etliche betrogen und andere wurden besäbelt. Dahero lachten die Gewinner, und die Verspieler bissen die Zähn aufeinander; teils verkauften Kleider und was sie sonst lieb hatten, andere aber gewinneten ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche Würfel, andere hingegen wünschten falsche auf den Platz und führten solche unvermerkt ein, die aber andere wieder hinwegwarfen, zerschlugen, mit Zähnen zerrissen und den Scholderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden sich Niederländer, welche man schleifend hineinrollen mußte, diese hatten so spitzige Rücken, darauf sie die Fünfer und Sechser trugen, als wie die mageren Esel darauf man die Soldaten setzt. Andere waren oberländisch, denselben mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man werfen wollte: etliche waren von Hirschhorn, leicht oben und schwer unten gemacht: andere waren mit Quecksilber oder Blei und aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert; etliche hatten spitzige Eck, an andern waren solche gar hinweggeschliffen; teils waren lange Kolben, und teils sahen aus wie breite Schildkrotten. Und alle diese Gattungen waren auf nichts anders als auf Betrug verfertigt, sie taten dasjenige, wozu sie gemacht waren, man mochte sie gleich wippen oder sanft schleichen lassen, da half kein Knüpfens, geschweige jetzt derer, die entweder zween Fünfer oder zween Sechser und im Gegenteil entweder zwei Eß oder zwei Daus hatten: Mit diesen Schelmenbeinern zwackten, laureten und stahlen sie einander ihr Geld ab, welches sie vielleicht auch geraubt oder wenigst mit Leib- und Lebensgefahr oder sonst saurer Mühe und Arbeit erobert hatten.
Als ich nun so dastund und den Spielplatz samt den Spielern in ihrer Torheit betrachtet, sagte mein Hofmeister, wie mir das Wesen gefalle? Ich antwortet: "Daß man so greulich Gott lästert, gefällt mir nicht, im übrigen aber lasse ichs in seinem Wert und Unwert beruhen, als eine Sach die mir unbekannt ist und auf welche ich mich noch nichts verstehe." Hierauf sagte mein Hofmeister ferner: "So wisse, daß dieses der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Lager ist, denn hier sucht man eines andern Geld und verlieret das seinige darüber: Wenn einer nur einen Fuß hiehersetzt, in Meinung zu spielen, so hat er das zehente Gebot schon übertreten, welches will ›Du sollst deines Nächsten Gut nicht begehren!‹ Spielest du und gewinnest, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel, so übertrittest du das siebent und achte Gebot: ja es kann kommen, daß du auch zu einem Mörder an demjenigen wirst, dem du sein Geld abgewonnen hast, wenn nämlich dessen Verlust so groß ist, daß er darüber in Armut, in die äußerste Not und Desperation oder sonst in andere abscheuliche Laster gerät, dafür die Ausred nichts hilft, wenn du sagst: Ich hab das Meinig darangesetzt, und redlich gewonnen; denn du Schalk bist auf den Spielplatz gangen, der Meinung, mit eines andern Schaden reich zu werden: Verspielest du denn, so ists mit der Buß darum nicht ausgericht, daß du des Deinigen entbehren mußt, sondern du hasts, wie der reiche Mann, bei Gott schwerlich zu verantworten, daß du dasjenige so unnütz verschwendet, welches er dir zu dein und der Deinigen Lebensaufenthalt verliehen gehabt! Wer sich auf den Spielplatz begibt zu spielen, derselbe begibt sich in eine Gefahr, darinnen er nicht allein sein Geld, sondern auch sein Leib, Leben, ja was das allerschrecklichste ist, sogar seiner Seelen Seligkeit verlieren kann. Ich sage dir dieses zur Nachricht, liebster Simplici, weil du vorgibst, das Spielen sei dir unbekannt, damit du dich all dein Lebenlang davor hüten sollest."
Ich antwortet: "Liebster Herr, wenn denn das Spielen ein so schrecklich und gefährlich Ding ist, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?" Mein Hofmeister antwortet' mir: "Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizier selbst mitmachen; sondern es geschieht deswegen, weil es die Soldaten nicht mehr lassen wollen, ja auch nicht lassen können, denn wer sich dem Spielen einmal ergeben oder welchen die Gewohnheit oder vielmehr der Spielteufel eingenommen, der wird nach und nach (er gewinne oder verspiele) so verpicht darauf, daß ers weniger lassen kann als den natürlichen Schlaf; wie man denn siehet, daß etliche die ganze Nacht durch und durch raßlen, und für das beste Essen und Trinken hinein spielen, und sollten sie auch ohne Hemd davongehen: Das Spielen ist bereits zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstraf verboten und aus Befehl der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknecht mit gewaffneter Hand öffentlich und mit Gewalt verwehret worden; aber das half alles nichts, denn die Spieler kamen anderwärts in heimlichen Winkeln und hinter den Hecken zusammen, gewannen einander das Geld ab, entzweiten sich und brachen einander die Häls darüber: also daß man solcher Mord- und Todschläg halber und vornehmlich auch, weil mancher sein Gewehr und Pferd, ja sogar sein weniges Kommißbrot verspielte, das Spielen nicht allein wieder öffentlich erlauben, sondern sogar diesen eigenen Platz dazu widmen mußte, damit die Hauptwacht bei der Hand wäre, die allem Unheil, so sich etwa ereignen möchte, vorkäme, welche doch nicht allezeit verhüten kann, daß nicht einer oder der ander auf dem Platz bleibt. Und weil das Spielen des leidigen Teufels eigene Invention ist und ihm nicht wenig einträgt, also hat er auch absonderliche Spielteufel geordnet und in der Welt herumschwärmen, die sonst nichts zu tun haben, als die Menschen zum Spielen anzureizen; diesen ergeben sich unterschiedliche leichtfertige Gesellen durch gewisse Pakte und Bündniss', daß er sie gewinnen lasse; und wird man doch unter zehentausend Spielern selten einen reichen finden, sondern sie sind gewöhnlich im Gegenteil arm und dürftig, weil ihr Gewinn leicht geschätzet und dahero gleich entweder wieder verspielet oder sonst liederlich verschwendet wird. Hiervon ist das allzuwahre, aber sehr erbärmliche Sprichwort entsprungen: Der Teufel verlasse keinen Spieler, er lasse sie aber blutarm werden; denn er raubet ihnen Gut, Mut und Ehr und verläßt sie alsdann nicht mehr, bis er sie endlich auch gar (Gottes unendliche Barmherzigkeit komme ihm denn zuvor) um ihrer Seelen Seligkeit bringt. Ist aber ein Spieler von Natur eines so lustigen Humors und so großmütig, daß er durch kein Unglück oder Verlust zur Melancholei, Unmut und anderen hieraus entspringenden schädlichen Lastern gebracht werden mag, so läßt ihn der arglistige böse Feind deswegen tapfer gewinnen, damit er ihn durch Verschwendung, Hoffart, Fressen, Saufen, Huren und Buben endlich ins Netz bringe."
Ich verkreuzigte und versegnete mich, daß man unter einem christlichen Heer solche Sachen üben ließ, die der Teufel erfunden sollt haben, sonderlich weil augenscheinlich und handgreiflich so viel zeitliche und ewige Schäden und Nachteil daraus folgeten; aber mein Hofmeister sagte, das sei noch nichts was er mir erzählt hätte; wer alles Unheil beschreiben wollte, das aus dem Spielen entstände, der nehme sich eine ohnmögliche Sach vor, weil man sagt, der Wurf, wenn er aus der Hand gangen, sei des Teufels, so sollte ich mir nichts anders einbilden, als daß mit jedem Würfel (wenn er aus des Spielers Hand auf dem Mantel oder Tisch daherrolle) ein kleines Teufelchen daherlaufe, welches ihn regiere und Augen geben lasse, wie es seiner Prinzipalen Interesse erfordere. Dabei sollte ich bedenken, daß sich der Teufel freilich nicht umsonst des Spielens so eifrig annehme, sondern ohne Zweifel seinen trefflichen Gewinn dabei zu schöpfen wisse. "Dabei merke ferner, daß gleichwie neben dem Spielplatz auch einige Schacherer und Juden zu stehen pflegen, die von den Spielern wohlfeil aufkaufen, was sie etwa an Ringen, Kleidern oder Kleinodien gewonnen oder noch zu verspielen versilbern wollen, daß eben also auch allhier die Teufel aufpassen, damit sie bei den abgefertigten Spielern, sie haben gleich gewonnen oder verloren, andere seelenverderbliche Gedanken erregen und hegen; bei den Gewinnern zwar bauet er schreckliche Schlösser in die Luft, bei denen aber so verspielt haben, deren Gemüt ohnedas ganz verwirrt und desto bequemer ist, seine schädlichen Eingebungen anzunehmen, setzet er ohne Zweifel lauter solche Gedanken und Anschläg, die auf nichts anders als das endliche Verderben zielen. Ich versichere dich, Simplici, daß ich willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zu Ruhe komme, da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit dem Spielen unnütz hinbringet; nicht weniger die grausamen Flüch, mit welchen man Gott bei dem Spielen lästert; ich will die Scheltwort erzählen, mit welchen man einander antastet, und viel schreckliche Exempel und Historien mit einbringen, die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen; dabei ich denn die Duell und Totschläg, so Spielens wegen entstanden, nicht vergessen will; ja ich will den Geiz, den Zorn, den Neid, den Eifer, die Falschheit, den Betrug, die Vorteilsucht, den Diebstahl und mit einem Wort alle unsinnigen Torheiten beides der Würfel- und Kartenspieler mit ihren lebendigen Farben dermaßen abmalen und vor Augen stellen, daß diejenigen, die solches Buch nur einmal lesen, ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen sollen, als wenn sie Saumilch (welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit ohnwissend eingibt) gesogen hätten. Und also damit der ganzen Christenheit dartun, daß der liebe Gott von einer einzigen Compagnia Spieler mehr gelästert, als sonst von einer ganzen Armee bedienet werde." Ich lobte seinen Vorsatz und wünschte ihm Gelegenheit, daß er solchen ins Werk setzen möchte.

Das 21. Kapitel

Ist etwas kürzer, und kurzweiliger als das vorige

Mein Hofmeister wurde mir je länger je holder und ich ihm hingegen wiederum, doch hielten wir unsere Vertraulichkeit sehr geheim, ich agierte zwar einen Narrn, brachte aber keine groben Zoten noch Büffelspossen vor, so daß meine Gaben und Aufzüg zwar einfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich als närrisch fielen. Mein Obrister, der ein treffliche Lust zum Waidwerk trug, nahm mich einsmals mit, als er ausspazierte Feldhühner zu fangen mit dem Tyras, welche Invention mir trefflich wohl gefiel; dieweil aber der vorstehende Hund so hitzig war, daß er einzufallen pflegte, ehe man tyrassieren konnte, deswegen wir denn wenig fangen konnten, da gab ich dem Obristen den Rat, er sollte die Hündin mit einem Falken oder Steinadler belegen lassen, wie man mit Pferden und Eseln zu tun pflege, wenn man gerne Maultier hätte, damit die jungen Hund Flügel bekämen, so könnte man alsdann mit denselbigen die Hühner in der Luft fangen. Auch gab ich den Vorschlag, weil es mit Eroberung der Stadt Magdeburg, die wir belagert hielten, so schläferig herging, man sollte ein mächtig langes Seil, so dick als ein halbfüderiges Faß verfertigen, solches um die Stadt ziehen und alle Menschen samt dem Vieh in beiden Lagern daranspannen und dergestalt die Stadt in einem Tag übern Haufen schleifen lassen. Solcher närrischen Tauben und Grillen ersann ich täglich einen Überfluß, weil es meines Handwerks war, so daß man meine Werkstatt nie leer fand: So gab mir auch meines Herrn Schreiber, der ein arger Gast und durchtriebener Schalk war, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem Weg unterhalten wurde, den die Narren zu wandeln pflegen, denn was mich dieser Speivogel überredete, das glaubte ich nicht allein für mich selbsten, sondern teilte es auch andern mit, wenn ich etwa diskurrierte und sich die Sach dahin schickte.
Als ich ihn einsmals fragte, was unser Regimentskaplan für einer sei, weil er mit Kleidungen von andern unterschieden? sagte er: "Es ist der Herr Dicis et non facis, das ist auf teutsch so viel geredt, als ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibt und selbst keine nimmt. Dieser ist den Dieben spinnenfeind, weil sie nicht sagen was sie tun, er aber hingegen sagt, was er nicht tut; so können ihm hingegen die Dieb auch nicht so gar hold sein, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wenn sie die beste Kundschaft mit diesen Leuten haben." Da ich nun nachgehends den guten ehrlichen Pater so nennete, wurde er ausgelacht, ich aber für einen bösen schalkhaftigen Narrn gehalten, und seinetwegen gebaumölt. Ferners überredet' er mich, man hätte die öffentlichen gemeinen Häuser zu Prag hinter der Mauer abgebrochen und verbrennet, davon die Funken und der Staub, wie der Samen eines Unkrauts, in alle Welt zerstoben wäre. Item, es kämen von den Soldaten keine tapferen Helden und herzhaften Kerl in Himmel, sondern lauter einfältige Tropfen, Bärnhäuter und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; sodann keine politische Alamode-Cavalliers und galante Dames, sondern nur geduldige Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen, Betschwestern, arme Bettelhuren, allerhand Auswürfling, die in der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen, und junge Kinder, welche die Bänk überall vollhofierten. Auch log er mir vor, man nenne die Gastgeber nur darum Wirt', weil sie in ihrer Hantierung unter allen Menschen am fleißigsten betrachteten, daß sie entweder Gott oder dem Teufel zuteil würden. Vom Kriegswesen überredte er mich, daß man auch zuzeiten mit güldenen Kuglen schieße, und je kostbarer solche wären, je größeren Schaden pflegten sie zu tun; ja, sagte er, man führet' wohl ehe ganze Kriegsheer mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage an güldenen Ketten gefangen daher! Weiters überredet' er mich von den Weibern, daß mehr als der halbe Teil Hosen trügen, ob man sie schon nicht sehe, und daß viel ihren Männern, wenn sie schon nicht zaubern könnten, noch Göttinnen wären, als Diana gewesen, größere Hörner auf die Köpf gaukelten, als Aktäon getragen; welches ich ihm alles glaubte, so ein dummer Narr war ich.
Hingegen unterhielt mich mein Hofmeister, wenn er allein bei mir war, mit viel einem andern Diskurs; er brachte mich auch in seines Sohns Kundschaft, welcher wie hiebevor gemeldet worden bei der kursächsischen Armee ein Musterschreiber war und weit andere Qualitäten an sich hatte, als meines Obristen Schreiber; dahero mochte ihn mein Obrister nicht allein gerne leiden, sondern er war auch bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandlen und zu seinem Regiments-Secretario zu machen, auf welche Stell obgemeldter sein Schreiber sich auch spitzete.
Mit diesem Musterschreiber, welcher auch wie sein Vater Ulrich Herzbruder hieß, machte ich ein solche Freundschaft, daß wir ewige Brüderschaft zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in Lieb und Leid nimmermehr verlassen wollten: und weil dieses mit Wissen seines Vaters geschah, hielten wir den Bund desto fester und steifer, demnach lag uns nichts härter an, als wie wir meines Narrenkleids mit Ehren loswerden und einander rechtschaffen dienen möchten; welches aber der alte Herzbruder, den ich als meinen Vater ehrete und vor Augen hatte, nicht guthieß, sondern ausdrücklich sagte: Wenn ich in kurzer Zeit meinen Stand änderte, daß mir solches ein schweres Gefängnis und große Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und weil er auch sich selbst und seinem Sohn einen großen bevorstehenden Spott prognostizierte und dahero Ursach zu haben vermeinte, desto vorsichtiger und behutsamer zu leben, also wollte er sich um so viel desto weniger in einer Person Sachen mischen, deren künftige große Gefahr er vor Augen sehen konnte, denn er besorgte, er möchte meines künftigen Unglücks teilhaftig werden, wenn ich mich offenbarte, weil er bereits vorlängst meine Heimlichkeit gewußt und mich gleichsam in- und auswendig gekannt, meine Beschaffenheit aber dem Obristen nicht kundgetan hatte.
Kurz hernach merkte ich noch besser, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schrecklich neidete, weil er besorgte, er möchte vor ihm zu der Sekretariatstell erhoben werden, denn ich sah wohl, wie er zuzeiten griesgramete, wie ihm die Mißgunst so gedrang tat und daß er in schweren Gedanken allezeit seufzete, wenn er entweder den alten oder den jungen Herzbruder ansah; daraus urteilte ich und glaubte ohn allen Zweifel, daß er Kalender machte, wie er ihm ein Bein vorsetzen und zu Fall bringen möchte. Ich kommunizierte meinem Bruder, beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, dasjenige, was ich argwöhnete, damit er sich vor diesem Judasbruder ein wenig vorsehen sollte; er aber nahm es auf die leichte Achsel, Ursach, weil er dem Schreiber sowohl mit der Feder als mit dem Degen mehr als genug überlegen war und dazu noch des Obristen große Gunst und Gnad hinweg hatte.

Das 22. Kapitel

Ein schelmische Diebskunst, einander die Schuh auszutreten

Weil der Gebrauch im Krieg ist, daß man gemeiniglich alte versuchte Soldaten zu Profosen macht, also hatten wir auch einen dergleichen bei unserm Regiment, und zwar einen solchen abgefeimten Erzvogel und Kernböswicht, daß man wohl von ihm sagen konnte, er sei vielmehr als vonnöten erfahren gewesen; denn er war ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern auch überdas ein solcher Gesell, der andere festmachen und noch dazu ganze Eskadronen Reuter ins Feld stellen konnte: sein Bildnis sah natürlich aus, wie uns die Maler und Poeten den Saturnum vorstellen, außer daß er weder Stelzen noch Sensen trug. Ob nun zwar die armen gefangenen Soldaten, so ihm in seine unbarmherzigen Hände kamen, wegen dieser seiner Beschaffenheit und stetigen Gegenwart sich desto unglückseliger schätzten, so waren doch Leute, die gern mit diesem Wenddenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, und je mehr sich sein Neid wider den jungen Herzbruder (der eines sehr fröhlichen Humors war) vermehrte, je fester wuchs die große Vertraulichkeit zwischen ihm und dem Profosen; dahero konnte ich mir gar leichtlich die Rechnung machen, daß die Konjunktion Saturni und Mercurii dem redlichen Herzbruder nichts Guts bedeuten würde.
Eben damals wurde meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht, bei welcher der junge Herzbruder aufzuwarten ersucht ward, und weil er sich aus Höflichkeit gern einstellete, war solches dem Olivier ein erwünschte Gelegenheit, sein Schelmenstück, mit welchem er lang schwanger gangen, auf die Welt zu bringen: Denn als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer vergoldter Tischbecher, welchen er so leichtlich nicht verloren haben wollte, weil er noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäst schon hinwegwaren; der Page sagte zwar, daß er ihn das letzte Mal bei dem Olivier gesehen, er war dessen aber nicht geständig; hierauf wurde der Profos geholet, der Sache Rat zu schaffen, und wurde ihm benebens anbefohlen, wenn er durch seine Kunst den Diebstahl wieder herzu könnte bringen, daß er das Werk so einrichten sollte, damit der Dieb sonst niemand als dem Obristen kund würde, weil noch Offizier von seinem Regiment vorhanden waren, welche er, wenn sich vielleicht einer davon übersehen hätte, nicht gerne zuschanden machen wollte.
Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir auch alle lustig in des Obristen großes Zelt, da der Zauberer die Sach vornahm; da sah je einer den andern an und verlangte zu vernehmen, was es endlich abgeben und wo der verlorne Becher doch herkommen würde: Als er nun etliche Wort gemurmelt hatte, sprangen einem hier, dem andern dort ein zwei drei auch mehr junge Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen und wo sonst die Kleidungen offen waren: Diese wuselten behend in dem Zelt hin und wieder herum, waren alle überaus schön, von mancherlei Farben und jeder auf ein sonderbare Manier gezeichnet, also daß es ein recht lustig Spektakel war, mir aber wurden meine engen kroatischen Kälberhosen so voll junger Hund gegaukelt, daß ich solche abziehen und weil mein Hemd im Wald vorlängst am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte; zuletzt sprang eins dem jungen Herzbruder aus dem Schlitz, welches das allerhurtigste war und ein gülden Halsband anhatte, dieses verschlang alle anderen Hündlein, deren es doch so voll im Zelt herumgrabbelte, daß man vor ihnen keinen Fuß weiters setzen konnte: Wie es nun alle aufgerieben hatte, wurde es selbsten je länger je kleiner, das Halsband aber nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.
Da mußte nun nicht allein der Obriste, sondern auch alle anderen Gegenwärtigen dafürhalten, daß sonst niemand als der junge Herzbruder den Becher gestohlen, derowegen sagte der Obriste zu ihm: "Siehe da, du undankbarer Gast, hab ich dieses Diebsstück, das ich dir nimmermehr zugetraut hätte, mit meinen Guttaten um dich verdienet? Schaue, ich habe dich zu meinem Secretario des morgenden Tags wollen machen, aber nun hast du verdienet, daß ich dich noch heut aufhenken ließe! welches auch ohnfehlbar geschehen sollte, wenn ich deines ehrlichen alten Vaters nicht verschonete; geschwind packe dich aus meinem Lager und lasse dich die Tag deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr sehen!" Er wollte sich entschuldigen, wurde aber nicht gehört, dieweil seine Tat so sonnenklar am Tag lag; und indem er fortging, wurde dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, also daß man genug an ihm zu laben und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte, welcher sagte: Daß ein frommer Vater seines ungeratenen Kinds gar nicht zu entgelten hätte. Also erlangte Olivier durch Hilf des Teufels dasjenige, wonach er vorlängst gerungen, auf einem ehrlichen Weg aber nicht ereilen mögen.

Das 23. Kapitel

Ulrich Herzbruder verkauft sich um hundert Dukaten

Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschicht erfuhr, nahm er ihm auch die Musterschreiberstell und lud ihm eine Pike auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so veracht wurde, daß ihn die Hund hätten anpissen mögen, darum er sich dann oft den Tod wünschete! Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt darüber, daß er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Und demnach er aber sich ohnedas hiebevor selbst prognostiziert hatte, daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müßte (welcher Tag denn nächst vor der Tür war). also erlangte er bei dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen durfte, damit er wegen seiner Verlassenschaft mit ihm reden und seinen letzten Willen eröffnen möchte. Ich wurde bei ihrer Zusammenkunft nicht ausgeschlossen, sondern war der dritte Mitgesell ihres Leids. Da sah ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedürft gegen seinen Vater, weil er seine Art und gute Auferziehung wohl wußte und dahero seiner Unschuld genugsam versichert war: er als ein weiser, verständiger und tiefsinniger Mann ermaß ohnschwer aus den Umständen, daß Olivier seinem Sohn dies Bad durch den Profosen hatte zurichten lassen, was vermochte er aber wider einen Zauberer? von dem er noch Ärgers zu besorgen hatte, wenn er sich anders einiger Rach hatte unterfangen wollen; überdies versah er sich seines Tods und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schand hinter sich lassen sollte: in welchem Stand der Sohn desto weniger zu leben getraute, um wieviel mehr er ohnedas wünschte, vor dem Vater zu sterben. Es war versichert dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich von Herzen weinen mußte! zuletzt war ihr gemeiner einhelliger Schluß, Gott ihre Sach in Geduld heimzustellen, und der Sohn sollte auf Mittel und Weg gedenken, wie er sich von seiner Compagnia loswirken und anderwärts sein Glück suchen könnte; als sie aber die Sach bei dem Licht besahen, da manglets am Geld, mit welchem er sich bei seinem Kapitän loskaufen sollte, und indem sie betrachteten und bejammerten, in was für einem Elend sie die Armut gefangen hielt und alle Hoffnung abschnitt, ihren gegenwärtigen Stand zu verbessern, erinnerte ich mich erst meiner Dukaten, die ich noch in meinen Eselsohren vernähet hatte; fragte derowegen, wieviel sie denn Gelds zu dieser ihrer Notdurft haben müßten? Der junge Herzbruder antwortet': "Wenn einer käme und uns hundert Taler brächte, so getraute ich aus allen meinen Nöten zu kommen." Ich antwortet: "Bruder, wenn dir damit geholfen wird, so hab ein gut Herz, denn ich will dir hundert Dukaten geben." "Ach Bruder", antwortet' er mir hinwiederum, "was ist das? bist du denn ein rechter Narr? oder so leichtfertig, daß du uns in unserer äußersten Trübseligkeit noch scherzest?" "Nein, nein", sagte ich, "ich will dir das Geld herschießen"; streifte darauf mein Wams ab und tat das eine Eselsohr von meinem Arm, öffnete es, und ließ ihn selbst hundert Dukaten daraus zählen und zu sich nehmen, das übrige behielt ich, und sagte: "Hiermit will ich deinem kranken Vater auswarten, wenn er dessen bedarf." Hierauf fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freude nicht was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen und mich darinnen versichern, daß ich an dem alten Herzbruder neben seinem Sohn ein Miterb sein sollte; oder daß sie mich, wenn ihnen Gott wieder zu dem Ihrigen hülfe, um diese Summam samt dem Interesse wiederum mit großem Dank befriedigen wollten: deren ich aber keines annahm, sondern allein mich in ihre beständige Freundschaft befahl. Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu rächen oder darum zu sterben! Aber sein Vater verbot ihm solches und versichert' ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlug, wieder von mir dem Simplicio den Rest kriegen werde; "doch", sagte er, "bin ich dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll." Demnach hielt er uns an, daß wir eidlich zusammen schwuren, einander bis in den Tod zu, lieben und in allen Nöten beizustehen. Der junge Herzbruder aber entledigte sich mit dreißig Reichstalern, dafür ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zweien Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee für einen Freireuter gebrauchen, mir indessen unsern Vater befehlend.

Das 24. Kapitel

Zwo Wahrsagungen werden auf einmal erfüllt

Keiner von meines Obristen Leuten schickte sich besser, dem alten Herzbruder in seiner Krankheit abzuwarten als ich, und weil der Kranke auch mehr als wohl mit mir zufrieden war, so wurde mir auch solches Amt von der Obristin aufgetragen, welche ihm viel Guts erwies, und demnach er neben so guter Pfleg auch wegen seines Sohns sattsam erquickt worden, besserte es sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. Julii fast wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte, doch wollt er sich noch inhalten und krank stellen, bis bemeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsetzte, vorbei wäre: Indessen besuchten ihn allerhand Offizier von beiden Armeen, die ihr künftig Glück und Unglück von ihm wissen wollten, denn weil er ein guter Mathematicus und Nativitäten-Steller, benebens auch ein vortrefflicher Physiognomist und Chiromanticus war, fehlte ihm seine Aussag selten; ja er nennete sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschah, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige Zeit einen gewalttätigen Tod zu leiden angedrohet war. Die Obristin versichert' er, daß sie ihr Kindbett noch im Lager aushalten würde, weil vor Ausgang der sechs Wochen Magdeburg an die Unserigen nicht übergehen würde. Dem falschen Olivier, der sich gar zu täppisch bei ihm zu machen wußte, sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müßte, und daß ich seinen Tod, er geschehe wann er wolle, rächen und seinen Mörder wieder umbringen würde, weswegen mich Olivier folgender Zeit hoch hielt; mir selbsten aber erzählet' er meinen künftigen ganzen Lebenslauf so umständlich, als wenn er schon vollendet und er allezeit bei mir gewesen wäre, welches ich aber wenig achtet und mich jedoch nachgehends vielen Dings erinnert, das er mir zuvor gesagt, nachdem es schon geschehen oder wahr worden, vornehmlich aber warnet' er mich vorm Wasser, weil er besorgte, ich würde meinen Untergang darin leiden.
Als nun der 26. Julii eingetreten war, vermahnet' er mich und einen Fourierschützen (den mir der Obriste auf sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte) ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt lassen. Er lag also allein darinnen und betet' ohn Unterlaß; da es aber um den Nachmittag wurde, kam ein Leutnant aus dem Reuterlager dahergeritten, welcher nach des Obristen Stallmeister fragte; er wurde zu uns und gleich darauf wieder von uns abgewiesen, er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müßte, weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an zu fluchen, mit Donner und Hagel drein zu kollern und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, sollte er abermal die Ehr nicht haben, nur ein einzig Wort mit ihm zu reden; stieg darauf ab und ließ sich nicht verwehren, das Zelt selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihn in die Hand biß, aber ein dichte Maulschelle dafür bekam. Sobald er meinen Alten sah, sagte er: "Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit brauche, ein Wort mit ihm zu reden." "Wohl", antwort der Stallmeister, "was beliebt denn dem Herrn?" "Nichts anders", sagte der Leutnant, "als daß ich den Herrn bitten wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen?" Der Stallmeister antwortet': "Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir vergeben, daß ich demselben für diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren kann, denn weil diese Arbeit viel Rechnens braucht, wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können, wenn Er sich aber bis morgen zu gedulden beliebt, will ich Ihm verhoffentlich genugsame Satisfaktion tun." "Herr", sagte hierauf der Leutnant, "Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand." "Mein Herr", antwort der alte Herzbruder, "dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gerne tun, was der Herr an mich begehret." Der Leutnant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vater vors Bett, streckt' ihm die Hand dar, und sagte: "Herr, ich bitt nur um ein paar Wort, meines Lebens End betreffend, mit Versicherung, wenn solches etwas Böses sein sollte, daß ich des Herrn Red als ein Warnung von Gott annehmen will, um mich desto besser vorzusehen, darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir die Wahrheit nicht verschweigen!" Der redliche Alte antwortet' ihm hierauf kurz, und sagte: "Nun wohlan, so sehe sich der Herr denn wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehenkt werde." "Was, du alter Schelm", sagte der Leutnant, der eben einen rechten Hundssoff hatte, "sollest du einem Kavalier solche Worte vorhalten dürfen?" zog damit von Leder, und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bett zu Tod! Ich und der Fourierschütz ruften alsbald Lärmen und Mordio, also daß alles dem Gewehr zulief, der Leutnant aber machte sich unverweilt auf seinen Schnellfuß, wäre auch ohne Zweifel entritten, wenn nicht eben der Kurfürst in Sachsen mit vielen Pferden persönlich vorbeigeritten wäre und ihn hätte einholen lassen: Als derselbe den Handel vernahm, wendet' er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte nichts anders als dieses: "Das wäre eine schlechte Disziplin in einem kaiserlichen Lager, wenn auch ein Kranker im Bett vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!" Das war ein scharfe Sentenz, und genugsam, den Leutnant um das Leben zu bringen; gestalt ihn unser General alsbald an seinen allerbesten Hals aufhenken ließ.

Das 25. Kapitel

Simplicius wird aus einem Jüngling in ein Jungfrau verwandelt, und bekommt unterschiedliche Buhlschaften

Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle Wahrsagungen zu verwerfen seien, wie etliche Gecken tun, die gar nichts glauben können. So kann man auch hieraus abnehmen, daß der Mensch sein aufgesetztes Ziel schwerlich überschreiten mag, wenn ihm gleich sein Unglück lang oder kurz zuvor durch dergleichen Weissagungen angedeutet worden. Auf die Frag, die sich ereignen möchte, obs einem Menschen nötig, nützlich und gut sei, daß er sich wahrsagen und die Nativität stellen lasse? antworte ich allein dieses, daß mir der alte Herzbruder soviel gesagt habe, daß ich oft gewünschet und noch wünsche, daß er geschwiegen hätte, denn die unglücklichen Fäll, die er mir angezeigt, hab ich niemals umgehen können, und diejenigen die mir noch bevorstehen, machen mir nur vergeblich graue Haar, weil mir besorglich dieselbigen auch wie die vorigen zuhanden gehen werden, ich sehe mich gleich vor denselben vor oder nicht: Was aber die Glücksfälle anbelangt, von denen einem geweissaget wird, davon halte ich, daß sie öfter betrügen oder aufs wenigste den Menschen nicht so wohl gedeihen als die unglückseligen Prophezeihungen: Was half michs, daß mir der alte Herzbruder hoch und teur schwur, ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von niemand anders wußte als von meinem Knan und meiner Meuder, die grobe Baursleut im Spessart waren. Item was halfs den von Wallenstein, Herzogen in Friedland, daß ihm prophezeit wurde, er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönet werden? weiß man nicht, wie er zu Eger eingewieget worden? Mögen derowegen andere ihre Köpf über dieser Frag zerbrechen, ich komme wieder auf meine Histori.
Als ich erzähltermaßen meine beiden Herzbrüder verloren hatte, verleidet' mir das ganze Lager vor Magdeburg, welches ich ohnedas nur eine leinene und stroherne Stadt mit irdenen Mauren zu nennen pflegte. Ich wurde meines Stands so müd und satt, als wenn ichs mit lauter eisernen Kochlöffeln gefressen hätte, einmal, ich gedachte mich nicht mehr von jedermann so foppen zu lassen, sondern meines Narrnkleids loszuwerden und sollte ich gleich Leib und Leben darüber verlieren. Das setzte ich folgendergestalt sehr liederlich ins Werk, weil mir sonst keine bessere Gelegenheit anstehen wollte.
Olivier der Secretarius, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein Hofmeister worden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage zu reiten; als wir nun einsmals in ein groß Dorf kamen, darinnen etliche den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wieder in die Häuser ging, zu suchen was etwa mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte, um welches ich meine Narrnkappe vertauschen könnte; aber ich fand nicht was ich wollte, sondern mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen; ich zog selbiges an, weil ich mich allein sah, und warf das meinig in ein Secret, mir nicht anders einbildend, als daß ich nunmehr aus allen meinen Nöten errettet worden. In diesem Aufzug ging ich über die Gaß gegen etliche Offiziersweiber und macht so enge Schrittlein, als etwa Achilles getan, da ihn seine Mutter dem Lycomedi rekommendierte, ich war aber kaum außer Dach hervorkommen, da mich etliche Fouragierer sahen und besser springen lehrten, denn als sie schrien: "Halt, halt!" lief ich nur desto stärker und kam ehender als sie zu obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie nieder und bat um aller Weiber Ehr und Tugend willen, sie wollten meine Jungferschaft vor diesen geilen Buben beschützen! Allda meine Bitt nicht allein stattfand, sondern ich wurde auch von einer Rittmeisterin für eine Magd angenommen, bei welcher ich mich beholfen bis Magdeburg, item die Werberschanz, auch Havelberg und Perleberg von den Unsern eingenommen worden.
Diese Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib, daß sie mir endlich nach langgehabter Mühe und vergeblicher umschweifender Weitläufigkeit nur allzu teutsch zu verstehen gab, wo sie der Schuh am meisten drücke; ich aber war damals noch viel zu gewissenhaft, tat als wenn ichs nicht merkte und ließ keine anderen Anzeigungen scheinen, als solche, daraus man nichts anders als eine fromme Jungfrau urteilen mochte: Der Rittmeister und sein Knecht lagen in gleichem Spital krank, derowegen befahl er seinem Weib, sie sollte mich besser kleiden lassen, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels nicht schämen dürfte. Sie tat mehr als ihr befohlen war und putzte mich heraus wie ein französische Pupp, welches das Feuer bei allen dreien noch mehr schürete, ja es wurde endlich bei ihnen so groß, daß Herr und Knecht eiferigst von mir begehrten, was ich ihnen nit leisten konnte, und der Frauen selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Zuletzt setzte sich der Rittmeister vor, eine Gelegenheit zu ergreifen, bei der er mit Gewalt von mir haben könnte, was ihm doch zu bekommen unmöglich war, solches merkete sein Weib, und weil sie mich noch endlich zu überwinden verhoffte, verlegte sie ihm alle Päß und lief ihm alle Ränk ab, also daß er vermeinte, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals als Herr und Frau schlafen war, stund der Knecht vor dem Wagen, in welchem ich alle Nacht schlafen mußte, klagte mir seine Lieb mit heißen Tränen und bat ebenso andächtig um Gnad und Barmherzigkeit! Ich aber erzeigte mich härter als ein Stein und gab ihm zu verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehestand bewahren wollte; da er mir nun die Ehe wohl tausendmal anbot und doch nichts anders dagegen vernahm, als daß ich ihn versicherte, daß es unmöglich sei, mich mit ihm zu verehelichen, verzweifelt' er endlich gar oder stellte sich doch aufs wenigst nur so, denn er zog seinen Degen aus, setzte die Spitz an die Brust und den Knopf an Wagen und tat nicht anders, als wenn er sich jetzt erstechen wollte: Ich gedachte, der Teufel ist ein Schelm, sprach ihm derowegen zu und gab ihm Vertröstung, am Morgen frühe einen endlichen Bescheid zu erteilen, davon wurde er content und ging schlafen, ich aber wachte desto länger, dieweil ich meinen seltsamen Stand betrachtete: Ich befand wohl, daß mein Sach in die Länge kein gut tun würde, denn die Rittmeisterin wurde je länger je importuner mit ihren Reizungen, der Rittmeister verwegener mit seinen Zumutungen und der Knecht verzweifelter in seiner beständigen Liebe, ich wußte mir aber darum nicht aus solchem Labyrinth zu helfen. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tag Flöh fangen, nur darum, damit ich ihre alabasterweißen Brüst sehen und ihren zarten Leib genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut hatte, in die Läng zu ertragen schwer fallen wollte; ließ mich dann die Frau zufrieden, so quälte mich der Rittmeister, und wenn ich vor diesen beiden bei Nacht Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht, also daß mich das Weiberkleid viel saurer zu tragen ankam als meine Narrnkapp; damal (aber viel zu spät) gedachte ich fleißig an meines seligen Herzbruders Weissagung und Warnung und bildete mir nichts anders ein, als daß ich schon wirklich in demjenigen Gefängnis, auch Leib- und Lebensgefahr steckte, davon er mir gesagt hatte, denn das Weiberkleid hielt mich gefangen, weil ich darin nicht ausreißen konnte, und der Rittmeister würde übel mit mir gespielet haben, wenn er mich erkannt und einmal bei seiner schönen Frauen über dem Flöhfangen ertappt hätte. Was sollt ich tun? Ich beschloß endlich dieselbe Nacht, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde, denn ich gedachte, "seine Liebsregungen werden sich alsdann legen, und wenn du ihm von deinen Dukaten spendierest, so wird er dir wieder zu einem Mannskleid und also in demselbigen aus allen deinen Nöten helfen." Es wäre wohl ausgesonnen gewesen, wenn nur das Glück gewollt hätte, aber es war mir zuwider.
Mein Hans ließ sich gleich nach Mitternacht tagen, das Jawort zu holen, und fing an am Wagen zu rapplen, als ich eben anfing am allerstärksten zu schlafen; er rief etwas zu laut: "Sabina, Sabina, ach mein Schatz steht auf und halt mir Euer Versprechen!" also daß er den Rittmeister eher als mich damit erweckte, weil er sein Zelt am Wagen stehen hatte; diesem wurde ohne Zweifel grün und gelb vor den Augen, weil ihn die Eifersucht ohnedas zuvor eingenommen, doch kam er nicht heraus unser Tun zu zerstören, sondern stand nur auf, zu sehen wie der Handel ablaufen wollte; zuletzt weckte mich der Knecht mit seiner Importunität und nötigte mich, entweder aus dem Wagen zu ihm zu kommen oder ihn zu mir einzulassen, ich aber schalt ihn aus und fragte, ob er mich denn für eine Hur ansehe? meine gestrige Zusag sei auf den Ehestand gegründet, außer dessen er meiner nicht teilhaftig werden könnte; er antwort, so sollte ich jedennoch aufstehen, weil es anfing' zu tagen, damit ich dem Gesind das Essen beizeiten verfertigen könnte, er wollte Holz und Wasser holen und mir das Feuer zugleich anmachen; ich antwortet: "Wenn du das tun willst, so kann ich desto länger schlafen, gehe nur hin, ich will bald folgen." Weil aber der Narr nicht ablassen wollte, stund ich auf, mehr meine Arbeit zu verrichten, als ihm viel zu hofieren, sintemal wie mich deuchte ihn die gestrige verzweifelte Torheit wieder verlassen hatte. Ich konnte sonst ziemlich wohl für eine Magd im Feld passiern, denn Kochen, Backen und Waschen hatte ich bei den Kroaten gelernet, so pflegen die Soldatenweiber ohnedas im Feld nicht zu spinnen, was ich aber sonst für Frauenzimmerarbeit nicht konnte, als wenn ich etwa die Frau bürsten und Zöpf machen sollte, das übersah mir meine Rittmeisterin gern, denn sie wußte wohl, daß ichs nicht gelernet.
Wie ich nun mit meinem hinter sich gestreiften Ärmeln vom Wagen herabstieg, wurde mein Hans durch meine weißen Arm so heftig inflammiert, daß er sich nicht abbrechen konnte mich zu küssen, und weil ich mich nicht sonderlich wehrte, vermochte es der Rittmeister, vor dessen Augen es geschah, nicht zu erdulden, sondern sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber einen Fang zu geben, aber er ging durch und vergaß das Wiederkommen; der Rittmeister aber sagte zu mir: "Du Bluthur, ich will dich lehren" etc. mehrers konnte er vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wenn er unsinnig gewesen wäre; ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen Alarm erregte, denn beide Armeen, die sächsische und kaiserliche, lagen damals beieinander, weil sich die schwedische unter dem Banier näherte.

Das 26. Kapitel

Wie er für einen Verräter und Zauberer gefangen gehalten wird

Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide Armeen völlig aufbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengesind und dahero die Hatz desto größer und erschrecklicher, die ich auszustehen hatte; sie eileten mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden desto besser zu sättigen, wie denn diese Teufelskinder im Brauch haben, wenn ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird: so folgeten ihnen auch sonst viel Bursch nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen mein Hans auch war, dieser ließ mich nicht aus den Augen und als er sah, daß es mir gelten sollte, wollte er mich mit Gewalt erretten und sollte es seinen Kopf kosten; er bekam Beiständer, weil er sagte, daß ich sein versprochene Braut wäre, diese trugen ein Mitleiden mit mir und ihm und begehrten ihm Hilf zu leisten; solches war aber den Jungen, die besser Recht zu mir zu haben vermeinten und ein so gute Beut nicht aus Händen lassen wollten, allerdings ungelegen, derowegen gedachten sie Gewalt mit Gewalt abzutreiben, da fing man an Stöß auszuteilen von beiden Seiten her, der Zulauf und der Lärmen wurde je länger je größer, also daß es schier einem Turnier gleichsah, in welchem jeder um einer schönen Damen willen das Beste tut. Ihr schrecklich Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als sie mir die Kleider vom Leib gerissen und gesehen hatten, daß ich kein Weibsbild war; seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er vielmehr gefürcht wurde als der Teufel selbst, auch verstoben alle diejenigen, die widereinander Hand angelegt hatten, er informiert' sich der Sach kurz, und indem ich hoffte, er würde mich erretten, nahm er mich dagegen gefangen, weil es ungewöhnlich und fast argwöhnische Sach war, daß sich ein Mannsbild bei einer Armee in Weiberkleidern sollte finden lassen, dergestalt wanderten er und seine Bursch mit mir neben den Regimentern daher (welche alle im Feld stunden und marschieren wollten) der Meinung, mich dem Generalauditor oder Generalgewaltiger zu überliefern; da wir aber bei meines Obristen Regiment vorbei wollten, wurde ich erkannt, angesprochen, schlechthin durch meinen Obristen bekleidet und unserm alten Profosen gefänglich überliefert, welcher mich an Händen und Füß in die Eisen schloß.
Es kam mich gewaltig sauer an, so in Ketten und Banden zu marschiern, so hätt mich auch der Schmalhans trefflich gequält, wenn mir der Secretarius Olivier nicht spendiert hätte, denn ich durfte meine Dukaten, die ich noch bisher davongebracht hatte, nicht an des Tages Licht kommen lassen, ich hätte denn solche miteinander verlieren und mich noch dazu in größere Gefahr stecken wollen. Gedachter Olivier kommunizierte mir noch denselbigen Abend, warum ich so hart gefangen gehalten wurde, und unser Regimentsschultheiß bekam gleich Befehl, mich zu examinieren, damit meine Aussag dem Generalauditor desto eher zugestellt werden möchte, denn man hielt mich nicht allein für einen Kundschaftet und Spionen, sondern auch gar für einen der hexen könnte, dieweil man kurz hernach, als ich von meinem Obristen ausgetreten, einige Zauberinnen verbrennt die bekannt hatten und darauf gestorben wären, daß sie mich auch bei ihrer Generalzusammenkunft gesehen hätten, da sie beieinander gewesen, die Elb auszutrocknen, damit Magdeburg desto eher eingenommen werden könnte. Die Punkte, darauf ich Antwort geben sollte, waren diese:
Erstlich, ob ich nicht studiert hätte oder aufs wenigste Schreibens und Lesens erfahren wäre?
Zweitens, warum ich mich in Gestalt eines Narrn dem Lager vor Magdeburg genähert, da ich doch in des Rittmeisters Diensten sowohl als jetzt witzig genug sei?
Drittens, aus was Ursachen ich mich in Weiberkleider verstehet?
Viertens, ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auf dem Hexentanz befunden?
Wo fünftens mein Vaterland, und wer meine Eltern gewesen seien?
Sechstens, wo ich mich aufgehalten, ehe ich in das Lager vor Magdeburg kommen?
Wo und zu was End ich siebentens die Weiberarbeit, als waschen, backen, kochen etc. gelernet? Item das Lautenschlagen?
Hierauf wollte ich mein ganzes Leben erzählen, damit die Umständ meiner seltsamen Begegnisse alles recht erläutern und diese Fragen mit der Wahrheit fein verständlich unterscheiden könnten; der Regimentsschultheiß war aber nicht so kurios, sondern vom Marschieren müd und verdrossen, derowegen begehrte er nur eine kurze runde Antwort auf das, was gefragt würde. Demnach antwortet ich folgendergestalt, daraus man aber nichts Eigentliches und Gründliches fassen konnte, und zwar
Auf die erste Frag, ich hätte zwar nicht studiert, könnte aber doch Teutsch lesen und schreiben.
Auf die zweite, weil ich kein ander Kleid gehabt, hätte ich wohl im Narrnkleid aufziehen müssen.
Auf die dritte, weil ich meines Narrnkleids müd gewesen und keine Mannskleider haben können.
Auf die vierte, ja, ich sei aber wider meinen Willen hingefahren, könnte aber gleichwohl nicht zaubern.
Auf die fünfte, mein Vaterland sei der Spessart und meine Eltern Bauersleut.
Auf die sechste, zu Hanau bei dem Gubernator, und bei einem Kroaten-Obrist Corpes genannt.
Auf die siebente, bei den Kroaten hab ich waschen, backen und kochen wider meinen Willen müssen lernen, zu Hanau aber das Lautenschlagen, weil ich Lust dazu hatte.
Wie diese meine Aussag geschrieben war, sagte er: "Wie kannst du leugnen und sagen, daß du nicht studiert habest, da du doch, als man dich noch für einen Narrn hielt, einem Priester unter währender Meß auf die Wort ›Domine, non sum dignus‹ auch in Latein geantwort, er dürfte solches nicht sagen, man wisse es zuvor wohl?" "Herr", antwortet ich, "das haben mich damals andere Leut gelehret und mich überredet, es sei ein Gebet, das man bei der Meß sprechen müsse, wenn unser Kaplan den Gottesdienst verrichte." "Ja, ja", sagte der Regimentsschultheiß, "ich sehe dich für den Rechten an, dem man die Zung mit der Folter lösen muß." Ich gedachte: "So helf Gott! wenns deinem närrischen Kopf nach gehet."
Am andern Morgen früh kam Befehl vom Generalauditor an unsern Profosen, daß er mich wohl in acht nehmen sollte, denn er war gesinnt, sobald die Armeen still lägen, mich selbst zu examinieren, auf welchen Fall ich ohne Zweifel an die Folter gemußt hätte, wenn es Gott nicht anders gefügt. In dieser Gefangenschaft dachte ich stetigs an meinen Pfarrer zu Hanau und den verstorbenen alten Herzbruder, weil sie beide wahr gesagt, wie mirs ergehen würde, wenn ich wieder aus meinem Narrnkleid käme.

Das 27. Kapitel

Wie es dem Profosen in der Schlacht bei Wittstock ergangen

Denselben Abend, als wir uns kaum gelagert hatten, wurde ich zum Generalauditor geführt, der hatte meine Aussag samt einem Schreibzeug vor sich und fing an mich besser zu examinieren; ich hingegen erzählte meine Händel, wie sie an sich selbst waren, es wurde mir aber nicht geglaubt und konnte der Generalauditor nicht wissen, ob er einen Narrn oder ausgestochenen Böswicht vor sich hatte, weil Frag und Antwort so artlich fiel und der Handel an sich selbst seltsam war; er hieß mich eine Feder nehmen und schreiben, zu sehen was ich könnte, und ob etwa meine Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus abnehmen möchte? Ich ergriff Feder und Papier so geschicklich, als einer der sich täglich damit übte, und fragte, was ich schreiben sollte? Der Generalauditor (welcher vielleicht unwillig war, weil sich mein Examen tief in die Nacht hinein verzog) antwortet': "Hei schreib: deine Mutter die Hur!" Ich setzte ihm diese Wort dahin, und da sie gelesen wurden, machten sie meinen Handel nur desto schlimmer, denn der Generalauditor sagte, jetzt glaube er erst, daß ich ein rechter Vogel sei; er fragte den Profosen, ob man mich visitiert und ob man nichts von Schriften bei mir funden hätte? Der Profos antwortet': "Nein, was sollt man an ihm visitiern, weil ihn der Rumormeister gleichsam nackend zu uns gebracht." Aber ach! das half nichts, der Profos mußte mich in Gegenwart ihrer aller besuchen, und indem er solches mit Fleiß verrichtet, findet er, o Unglück! meine beiden Eselsohren mit den Dukaten, um meine Arm herumgebracht. Da hieß es: "Was dürfen wir ferner Zeugnis? Dieser Verräter hat ohne Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten auf sich genommen, denn warum sollte sich sonst ein Gescheiter in ein Narrnkleid stecken? oder ein Mannsbild in ein Weiberkleid verstellen? warum vermeint man wohl, zu was End er sonst mit einem so ansehenlichen Stück Geld versehen sei, als etwas Großes zu verrichten? Sagt er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der Lauten schlagen? Was vermeint ihr Herren wohl, was er sonst bei denselben Spitzköpfen für listige Praktiken ins Werk zu setzen begriffen habe? Der nächste Weg ist, daß man morgen mit ihm auf die Folter, und wie ers verdient haben wird, dem Feur zueile, maßen er sich ohnedas bei den Zauberern befunden und nichts Bessers wert ist." Wie mir damals zumut gewesen, kann sich jeder leicht einbilden, ich wußte mich zwar unschuldig und hatte ein starkes Vertrauen zu Gott; aber dennoch sah ich meine Gefahr und bejammerte den Verlust meiner schönen Dukaten, welche der Generalauditor zu sich steckte.
Aber ehe man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk setzte, gerieten die Banierischen den Unserigen in die Haar, gleich anfänglich kämpften die Armeen um den Vorteil und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen die Unserigen stracks verlustigt wurden: Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinter der Battalia, gleichwohl aber waren wir unser Brigade so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen konnten; und als eine schwedische Eskadron auf die unserige traf, waren wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todsgefahr, denn in einem Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen gegeben worden wäre, davon duckten sich die Furchtsamen, als ob sie sich in sich selbst hätten verbergen wollen; diejenigen aber, so Courage hatten und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche ohnverblichen über sich hinstreichen. Im Treffen selbst aber suchte ein jeder seinem Tod mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vorzukommen, das greuliche Schießen, das Geklapper der Harnisch, das Krachen der Piken und das Geschrei beides der Verwundten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen ein erschreckliche Musik! da sah man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, als wollte er die Abscheulichkeit der Verwundten und Toten bedecken, in demselbigen hörete man ein jämmerliches Weheklagen der Sterbenden und ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken, die Pferd selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zu Verteidigung ihrer Herrn je länger je frischer würden, so hitzig erzeugten sie sich in dieser Schuldigkeit, welche sie zu leisten genötiget waren, deren sah man etliche unter ihren Herrn tot daniederfallen, voller Wunden, welche sie unverschuldter Weis zu Vergeltung ihrer getreuen Dienste empfangen hatten; andere fielen um gleicher Ursach willen auf ihre Reuter und hatten also in ihrem Tod die Ehr, daß sie von denjenigen getragen wurden, welche sie in währendem Leben tragen müssen; wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert hatte, entladen worden, verließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei, rissen aus und suchten im weiten Feld ihr erste Freiheit: Die Erde, deren Gewohnheit ist, die Toten zu bedecken, war damals an selbigem Ort selbst mit Toten überstreut, welche auf unterschiedliche Manier gezeichnet waren, Köpf lagen dorten, welche ihre natürlichen Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpf mangleten; etliche hatten grausam- und jämmerlicher Weis das Ingeweid heraus, und andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt; da sah man, wie die entseelten Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen die lebendigen mit fremdem Blut beflossen waren, da lagen abgeschossene Arm, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerles aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten, dort lagen abgelöste Schenkel, welche ob sie wohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer worden waren als sie zuvor gewesen; da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa Summarum, da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick! Die schwedischen Sieger trieben unsere Überwundenen von der Stell, darauf sie so unglücklich gefochten, nachdem sie solche zuvor zertrennt hatten, sie mit ihrer schnellen Verfolgung vollends zerstreuend. Bei welcher Bewandtnis mein Herr Profos mit seinen Gefangenen auch nach der Flucht griff, wiewohl wir mit einziger Gegenwehr um die Überwinder keine Feindseligkeit verdient hatten; und indem er Profos uns mit dem Tod bedrohete und also nötigte samt ihm durchzugehen, jagte der junge Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer Pistoln: "Sehe da, du alter Hund", sagte er, "ists noch Zeit, junge Hündlein zu machen? Ich will dir deine Mühe bezahlen!" Aber der Schuß beschädigt' den Profosen so wenig als einen stählernen Amboß; "Oho bist du der Haar'? sagt' Herzbruder, "ich will dir nicht vergeblich zu Gefallen herkommen sein, du mußt sterben, und wäre dir gleich die Seel angewachsen!" nötigt' darauf einen Musketierer von des Profosen bei sich gehabter Wacht, daß er ihn, dafern er anderst selbst Quartier haben wollte, mit einer Axt zu Tod schlug. Also bekam der Profos seinen Lohn, ich aber wurde von Herzbruder erkannt, welcher mich meiner Ketten und Band entledigen, auf ein Pferd setzen und durch seinen Knecht in Sicherheit führen ließ.

Das 28. Kapitel

Von einer großen Schlacht, in welcher der Triumphator über dem Obsiegen gefangen wird

Gleichwie mich nun meines Erretters Knecht aus fernerer Gefahr führete, also ließ sich sein Herr hingegen erst durch Begierd der Ehr und Beut recht hineintreiben, allermaßen er sich so weit verhauen, daß er gefangen wurde. Demnach die sieghaften Überwinder die Beuten teilten und ihre Toten begruben, mein Herzbruder aber manglete, erbte dessen Rittmeister mich mitsamt seinem Knecht und Pferden, bei welchem ich mich für einen Reuterjungen mußte gebrauchen lassen, wofür ich nichts hatte als diese Promessen, wenn ich mich wohlhielte und ein wenig besser meiner Jugend entginge, daß er mich alsdann aufsetzen, das ist, zu einem Reuter machen wollte, womit ich mich denn also dahin gedulden mußte.
Gleich hernach wurde mein Rittmeister zum Obristleutnant vorgestellt, ich aber bekam das Amt bei ihm, welches David vor alten Zeiten bei dem König Saul vertreten, denn in den Quartieren schlug ich auf der Lauten und im Marschieren mußte ich ihm seinen Küraß nachführen, welches mir ein beschwerliche Sach war; und ob zwar diese Waffen ihren Träger vor feindlichen Püffen zu beschützen erfunden worden, so befand ich jedoch allerdings das Widerspiel, weil mich meine eigenen Jungen, die ich ausheckte, unter ihrem Schutz desto sicherer verfolgten, darunter hatten sie ihren freien Paß, Spaß und Tummelplatz, so daß es das Ansehen hatte, als ob ich den Harnisch ihnen und nicht mir zur Beschützung antrüge, sintemal ich mit meinen Armen nicht darunterkommen und keinen Streif unter sie tun konnte. Ich war auf allerhand Strategemata bedacht, wie ich diese Armada vertilgen möchte, aber ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit sie durchs Feuer (wie in den Backöfen geschieht) noch durchs Wasser oder durch Gift (maßen ich wohl wußte, was das Quecksilber vermochte) auszurotten; viel weniger vermochte ich die Mittel, sie durch ein ander Kleid oder weiße Hemden abzuschaffen, sondern mußte mich mit ihnen schleppen und Leib und Blut zum besten geben; wenn sie mich dann so unter dem Harnisch plagten und nagten, so wischte ich mit einer Pistoln heraus, als ob ich hätte Kuglen mit ihnen wechseln wollen, nahm aber nur den Ladstecken und stieß sie damit von der Kost; endlich erfand ich die Kunst, daß ich einen Pelzfleck darum wickelte und ein artlich Klebgarn für sie zurichtete, wenn ich dann mit dieser Lausangel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, welchen ich miteinander die Häls über das Pferd abstürzte, es mochte aber wenig erklecken.
Einsmals wurde mein Obristleutnant kommandiert, eine Cavalcada mit einer starken Partei nach Westfalen zu tun, und wäre er damals so stark an Reutern gewesen als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschreckt; weil solches aber nicht war, mußte er behutsam gehen, auch solcher Ursachen halber sich in der Gemmer Mark (das ist ein so genannter Wald zwischen Hamm und Soest) heimlich halten; damals wars mit den Meinigen aufs höchste kommen, sie quälten mich so hart mit Minieren, daß ich sorgte, sie möchten sich gar zwischen Fell und Fleisch hineinlogieren. Kein Wunder ists, daß die Brasilianer ihre Läus aus Zorn und Rachgier fressen, weil sie einen so drängen! Einmal, ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden, sondern ging als teils Reuter fütterten, teils schliefen und teils Schildwacht hielten ein wenig beiseits unter einen Baum, meinen Feinden eine Schlacht zu liefern; zu solchem End zog ich den Harnisch aus, unangesehen andere denselben anziehen, wenn sie fechten wollen, und fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter an den Daumen von Blut trieften und voller toter Körper oder vielmehr Bälg hingen; welche ich aber nicht umbringen mochte, die verwies ich ins Elend und ließ sie unter dem Baum herumspazieren. So oft mir diese Rencontre zu Gedächtnis kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben natürlich als ob ich noch mitten in der Schlacht begriffen wäre. Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein eigen Geblüt wüten, vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem henken und radbrechen ließen und auf deren Menge ich oft im freien Feld auf harter Erde sanft gelegen wäre; aber ich fuhr doch in meiner Tyrannei so unbarmherzig fort, daß ich auch nicht gewahr wurde, wie die Kaiserlichen meinen Obristleutnant chargierten, bis sie endlich auch an mich kamen, die armen Läus entsetzten und mich selbst gefangen nahmen; denn diese scheuten meine Mannheit gar nicht, vermittelst deren ich kurz zuvor viel tausend erlegt und den Titel eines Schneiders (sieben auf einen Streich) überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und die beste Beut die er von mir hatte war meines Obristleutnants Küraß, welchen er zu Soest, da er im Quartier lag, dem Kommandanten ziemlich wohl verkaufte. Also wurde er im Krieg mein sechster Herr, weil ich sein Jung sein mußte.

Das 29. Kapitel

Wie es einem frommen Soldaten im Paradeis so wohl erging, ehe er starb, und wie nach dessen Tod der Jäger an seine Stell getreten

Unsere Wirtin, wollte sie nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so mußte sie mich auch davon entledigen; sie machte ihnen den Prozeß kurz und gut, steckt' meine Lumpen in Backofen und brennet' sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife, also daß ich wieder dies Unziefers halber wie in einem Rosengarten lebte, ja es kann niemand glauben, wie mir so wohl war, da ich aus dieser Qual war, in welcher ich etlich Monat wie in einem Ameishaufen gesessen; hingegen hatte ich gleich ein ander Kreuz auf dem Hals, weil mein Herr einer von denjenigen Soldaten war, die in Himmel zu kommen getrauen, er ließ sich glatt an seinem Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind, sein ganze Prosperität bestund in dem was er mit Wachen verdienet' und von seiner wöchentlichen Löhnung erkargte, solches wiewohl es wenig war hub er höher auf als mancher die orientalischen Perlen, einen jeden Blomeiser nähete er in seine Kleider, und damit er deren einige in Vorrat kriegen möchte, mußte ich und sein armes Pferd dran sparen helfen, davon kams, daß ich den treugen Pumpernickel gewaltig beißen und mich mit Wasser oder wenns wohl ging mit dünn Bier behelfen mußte, welches mir ein abgeschmackte Sach war, maßen mir meine Kehl von dem schwarzen trockenen Brot ganz rauh und mein ganzer Leib ganz mager wurde; wollt ich aber besser fressen, so mochte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon inne würde: Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknecht noch Feldscherer bedurft, auch keine Marketender noch Trommelschläger, die den Zapfenstreich getan hätten, denn sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen, wenn er aber irgends hin auf Convoi, Partei oder sonst einen Anschlag kommandiert wurde, so schlendert' er mit dahin wie ein alt Weib am Stecken. Ich glaube auch gänzlich, wenn dieser gute Dragoner solche heroischen Soldatentugenden nicht an sich gehabt, daß er mich auch nicht gefangen bekommen hätte, denn er wäre meinem Obristleutnant nachgerennt. Ich hatte mich keines Kleids bei ihm zu getrösten, weil er selbst über und über zerflickt daherging, gleichsam wie mein Einsiedel; so war sein Sattel und Zeug auch kaum drei Batzen wert und das Pferd von Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwed noch Heß vor seinem dauerhaften Nachjagen zu fürchten hatte.
Solches alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins Paradeis, ein so genanntes Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen, nicht zwar, als wäre er viel nutz dazu gewesen, sondern damit er sich begrasen und wieder montieren sollte, vornehmlich aber auch, weil die Nonnen um einen frommen, gewissenhaften und stillen Kerl gebeten hatten. Also ritt er dahin, und ich ging mit, weil er leider nur ein Pferd hatte: "Potz Glück Simbrecht", (denn er konnte den Namen Simplicius nicht behalten) sagte er unterwegs, "kommen wir in das Paradeis, wie wollen wir fressen!" Ich antwortet: "Der Nam ist ein gut Omen, Gott geb daß der Ort auch so beschaffen sei." "Freilich", sagte er (denn er verstund mich nicht recht), "wenn wir alle Tag zwei Ohmen von dem besten Bier saufen könnten, so wirds uns nicht abgeschlagen, halt dich nur wohl, ich will mir jetzt bald ein braven neuen Mantel machen lassen, alsdann hast du den alten, das gibt dir noch einen guten Rock." Er nennet' ihn recht den alten, denn ich glaub, daß ihm die Schlacht vor Pavia noch gedachte, so gar wetterfarbig und abgeschabt sah er aus, also daß er mich wenig damit erfreute.
Das Paradeis fanden wir, wie wirs begehrten, und noch darüber anstatt der Engel schöne Jungfrauen darinnen welche uns mit Speis und Trank also traktierten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam, denn da setzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schinken und Knackwürst, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte; da lernete ich das schwarze Brot fingerdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wenn ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war und ein gute Kanne Bier daneben stahn hatte, so erquickte ich Leib und Seel und vergaß all meines ausgestandenen Leids. In Summa, dies Paradeis schlug mir so wohl zu, als ob es das rechte gewesen wäre; kein ander Anliegen hatte ich, als daß ich wußte, daß es nicht ewig währen würde, und daß ich so zerlumpt dahergehen mußte.
Aber gleichwie mich das Unglück haufenweis überfiel, da es anfing mich hiebevor zu reiten, also bedünkte mich auch jetzt, das Glück wollte es wieder wett spielen: Denn als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack und in demselben etliche Ellen Scharlach zu einem Mantel, samt rotem Sammet zum Futter, das nahm ich mit und vertauschte es zu Soest mit einem Tuchhändler um gemein grün wollen Tuch zu einem Kleid samt der Ausstaffierung, mit dem Geding, daß er mir solches Kleid auch machen lassen und noch dazu einen neuen Hut aufgeben sollte; und demnach mir nur noch ein Paar neuer Schuh und ein Hemd abging, gab ich dem Krämer die silbernen Knöpf und Galaunen auch, die zu dem Mantel gehörten, wofür er mir dann schaffte, was ich noch brauchte, und mich also nagelneu herausputzte. Also kehrte ich wieder ins Paradeis zu meinem Herrn, welcher gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht gebracht hatte, ja er sagte mir vom Prügeln und hätte ein geringes genommen (wenn er sich nicht geschämt und ihm das Kleid gerecht gewesen wäre) mich auszuziehen und das Kleid selbst zu tragen, wiewohl ich mir eingebildet, gar wohl gehandelt zu haben.
Indessen mußte sich der karge Filz schämen, daß sein Jung besser gekleidet war als er selbsten, derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld von seinem Hauptmann und montierte sich damit aufs beste, mit Versprechen, solches von seinen wöchentlichen Salvaguardi-Geldern wieder zu erstatten, welches er auch fleißig tat, er hätte zwar selbsten noch wohl soviel Mittel gehabt, er war aber viel zu schlau sich anzugreifen, denn hätte ers getan, so wäre ihm die Bärnhaut entgangen, auf welcher er denselbigen Winter im Paradeis liegen konnte, und wäre ein anderer nackender Kerl an seine Statt gesetzt worden, mit der Weis aber mußte ihn der Hauptmann wohl liegen lassen, wollte er anders sein ausgeliehen Geld wieder haben. Von dieser Zeit an hatten wir das allerfaulste Leben von der Welt, in welchem Keglen unser allergrößte Arbeit war, wenn ich meines Dragoners Klepper gestriegelt, gefuttert und getränkt hatte, so trieb ich das Junkernhandwerk und ging spazieren; das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, von der Lippstadt aus mit einem Musketier salvaguardiert, derselbe war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter, und damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir für die lange Weil in allen Gewehren, wovon ich so fix wurde, daß ich mich nicht scheute ihm Bescheid zu tun, wenn er wollte; mein Dragoner aber kegelte anstatt des Fechtens mit ihm, und zwar um nichts anders, als wer über Tisch das meiste Bier aussaugen mußte, damit ging eines jeden Verlust übers Kloster.
Das Stift vermochte ein eigene Wildbahn und hielt dahero auch einen eigenen Jäger, und weil ich auch grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und lernete ihm denselben Herbst und Winter alle seine Künste ab, sonderlich was das kleine Waidwerk anbelangt. Solcher Ursachen halber und weil der Nam Simplicius etwas ungewöhnlich und den gemeinen Leuten vergeßlich oder sonst schwer auszusprechen war, nennete mich jedermann ›dat Jäjerken‹; dabei wurden mir alle Weg und Steg bekannt, welches ich mir hernach trefflich zunutz machte; wenn ich aber wegen üblen Wetters in Wäldern und Feldern nicht herum konnte schwärmen, so las ich allerhand Bücher, die mir des Klosters Verwalter leihete. Sobald aber die adeligen Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimm auch auf der Lauten und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, ermaßen sie auch mein Tun desto genauer, und weil eine ziemliche Leibsproportion und schönes Angesicht dazukam, hielten sie alle mein Sitten, Wesen, Tun und Lassen für adelig, dergestalt nun mußte ich ohnversehens ein sehr beliebter Junker sein, über welchem man sich verwundert', daß er sich bei einem so liederlichen Dragoner behülfe.
Als ich nun solchergestalt denselben Winter in aller Wollust hingebracht hatte, wurde mein Herr abgelöst, welches ihm auf das gute Leben so and tat, daß er darüber erkrankte, und weil auch ein starkes Fieber dazuschlug, zumalen auch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Krieg aufgefangen, dazukamen, machte ers kurz, allermaßen ich in drei Wochen hernach etwas zu begraben hatte; ich machte ihm diese Grabschrift:
Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.
Von Rechts und Gewohnheit wegen hätte der Hauptmann Pferd und Gewehr, der Führer aber die übrige Verlassenschaft zu sich nehmen und erben sollen; weil ich aber damals ein frischer aufgeschossener Jüngling war und Hoffnung gab, ich würde mit der Zeit meinen Mann nicht fürchten, wurde nur alles zu überlassen angeboten, wenn ich mich an meines verstorbenen Herrn Statt unterhalten lassen wollte; ich nahms um so viel desto lieber an, weil mir bekannt, daß mein Herr in seinen alten Hosen ein ziemliche Anzahl Dukaten eingenähet verlassen, an welchen er sein Lebtag zusammengekratzt hatte, und als ich zu solchem End meinen Namen, nämlich Simplicius Simplicissimus angab, der Musterschreiber (welcher Cyriacus genannt war) solchen aber nicht orthographice schreiben konnte, sagte er: "Es ist kein Teufel in der Höll, der also heißt"; und weil ich ihn hierauf geschwind fragte, ob denn einer in der Höll wäre, der Cyriacus hieße? er aber nichts zu antworten wußte, ob er sich schon klug zu sein dünkte, gefiel solches meinem Hauptmann so wohl, daß er gleich im Anfang viel von mir hielt.

Das 30. Kapitel

Wie sich der Jäger angelassen, als er anfing das Soldatenhandwerk zu treiben, daraus ein junger Soldat etwas zu lernen

Weil dem Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihn einer zu sein gedünkte, sah er nicht gern, daß ich ein Soldat worden war, sondern unterstund sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend verwandte und mich für keinen Mann passieren lassen wollte; und als er solches meinem Herrn vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: "Hör Jägerchen, du sollst mein Diener werden." Ich fragte, was denn meine Verrichtungen sein sollten? Er antwort: "Du sollst meiner Pferd helfen warten." "Herr", sagte ich, "wir sind nicht füreinander, ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferd auf mich warten, weil ich aber keinen solchen werde haben können, will ich ein Soldat bleiben." Er sagte: "Dein Bart ist noch viel zu klein!" "O nein", sagte ich, "ich getraue einen Mann zu bestehen der achtzig Jahr alt ist; der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böck hoch ästimiert werden." Er sagte: "Wenn die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch passiern lassen." Ich antwortet: "Das kann in der nächsten Occasion probiert werden", und gab damit zu verstehen, daß ich mich für keinen Stallknecht wollte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben der ich war, und sagte, das Werk würde den Meister loben.
Hierauf wischte ich hinter meines Dragoners alten Hosen her, und nachdem ich dieselben anatomiert hatte, schaffte ich mir aus deren Ingeweid noch ein gut Soldatenpferd und das beste Gewehr so ich kriegen konnte, das mußte mir alles glänzen wie ein Spiegel. Ich ließ mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir der Nam ›Jäger‹ sehr beliebte, mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil mirs zu klein worden, also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein; ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, dahero bekam ich bald Neider und Mißgönner, zwischen denselben und mir setzte es ziemlich empfindliche Wort, und endlich gar Ohrfeigen: Ich hatte aber kaum einem oder drei gewiesen, was ich im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Daneben ließ ich mich beides zu Roß und Fuß aufs Parteigehen gebrauchen, denn ich war wohl beritten und schneller auf den Füßen als einer meinesgleichen, und wenn es etwas mit dem Feind zu tun gab, warf ich mich hervor wie das Bös in einer Wannen und wollte allzeit vorn dran sein, davon wurde ich in kurzer Zeit bei Freunden und Feinden bekannt und so berühmt, daß beide Teil viel von mir hielten, allermaßen mir die gefährlichsten Anschläg zu verrichten und zu solchem End ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden; da fing ich an zuzugreifen wie ein Böhm, und wenn ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offiziern so reiche Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben durfte, weil mir überall durchgeholfen wurde. Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Garnisonen übriggelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war ich gewaltig molest, denn ich lag ihnen mit geringen Parteien bald hier bald dort schier täglich vor den Toren und erhaschte manche gute Beut, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leut von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Eisen und Stahl, davon wurde ich gefürcht wie die Pest und schämten sich dreißig Mann vom Gegenteil nicht, vor mir durchzugehen, wenn sie mich nur mit fünfzehn in der Nähe wußten. Zuletzt kam es dahin, wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, daß ich solches alles verrichten mußte, davon wurde mein Beutel so groß als mein Nam, meine Offizier und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsetzten sich und den Landmann hielt ich durch Furcht und Liebe auf meiner Seiten, denn ich wußte meine Widerwärtigen zu strafen, und die so mir nur den geringsten Dienst taten reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten wieder verspendierte und auf Kundschaften auslegte. Solcher Ursachen halber ging keine Partei, kein Convoi noch keine Reis aus des Gegenteils Posten, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen ward getan, alsdann konjekturiert ich ihr Vorhaben und macht meine Anschläg darauf, und weil ich solche mehrenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk setzte, verwunderte sich jedweder über meine Jugend, so gar, daß mich auch viel Offizier und brave Soldaten vom Gegenteil nur zu sehen wünschten; daneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, also daß sie mich oft mehr kosteten als meine Beuten wert waren, und wenn ich einem vom Gegenteil, sonderlich den Offiziern, ob ich sie schon nicht kannte, ohne Verletzung meiner Pflicht und Herrndienst eine Courtoisie tun konnte, unterließ ichs nicht.
Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Offizien befördert worden, wenns meine Jugend nicht verhindert hätte; denn welcher in solchem Alter, als ich trug, ein Fähnlein haben wollte, mußte ein guter von Adel sein, zudem konnte mich mein Hauptmann nicht befördern, weil keine ledigen Stellen bei seiner Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir mehr als eine melkende Kuh verloren hätte, doch wurde ich ein Gefreiter. Diese Ehr, daß ich alten Soldaten vorgezogen wurde, wiewohl es ein geringe Sach war, und das Lob, das man mir täglich verlieh, waren gleichsam wie Sporn, die mich zu höhern Dingen antrieben: Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen, ja ich konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen: und weil ich sah, daß es mir an Gelegenheit manglete, im Werk zu erweisen was ich für einen Mut trüge, bekümmerte ich mich, daß ich nicht täglich Gelegenheit haben sollte, mich mit dem Gegenteil in Wagen zu üben, ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg oder eine Belagerung wie zu Ostende, und ich Narr gedachte nicht, daß der Krug so lang zum Brunnen gehet, bis er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders, wenn ein junger unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat, denn da folget Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines jungen zween Knecht, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich mir aller Offizierer Neid aufbürdete.

Das 31. Kapitel

Wie der Teufel dem Pfaffen seinen Speck gestohlen und sich der Jäger selbst fängt

Ich muß ein Stücklein oder etliche erzählen, die mir hin und wieder begegnet, ehe ich wieder von meinen Dragonern kam; und ob sie schon nicht von Importanz sein, sind sie doch lustig zu hören, denn ich nahm nicht allein große Ding vor, sondern verschmähet auch die geringen nicht, wenn ich nur mutmaßete, daß ich Ruhm bei den Leuten dadurch erwecken möchte. Mein Hauptmann wurde mit etlich und fünfzig Mann zu Fuß in das Vest von Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag daselbst zu verrichten, und weil wir gedachten, wir würden, ehe wir solchen ins Werk setzen könnten, einen Tag oder etlich uns in den Büschen heimlich halten müssen, nahm jeder auf acht Tag Proviant zu sich; demnach aber die reiche Caravana, der wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankam, ging uns das Brot aus, welches wir nicht rauben durften, wir hätten uns denn selbst verraten und unser Vorhaben zu nichts werden lassen wollen, dahero uns der Hunger gewaltig preßte; so hatte ich auch dies Orts keine Kunden wie anderswo, die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen, derowegen mußten wir, Fütterung zu bekommen, auf andere Mittel bedacht sein, wenn wir anders nicht wieder leer heim wollten. Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich aus der Schul entlaufen und sich unterhalten lassen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die ihm hiebevor seine Eltern zum Besten verordnet, er aber verschmähet und verlassen hatte, und als er so an seine vorigen Speisen gedachte, erinnert' er sich auch seines Schulsacks, bei welchem er solche genossen: "Ach Bruder", sagte er zu mir, "ists nicht eine- Schand, daß ich nicht so viel Künste erstudiert haben soll, vermittelst deren ich mich jetzund füttern könnte, Bruder, ich weiß re vera, wenn ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen dürfte, daß es ein trefflich Convivium bei ihm setzen sollte!" Ich überlief diese Wort ein wenig und ermaß unsern Zustand, und weil diejenigen so Weg und Steg wußten, nicht hinausdurften, denn sie wären sonst erkannt worden, die Unbekannten aber keine Gelegenheit wußten, etwas heimlich zu stehlen oder zu kaufen, also machte ich meinen Anschlag auf unsern Studenten und hielt die Sach dem Hauptmann vor, wiewohl nun dasselbige Gefahr auf sich hatte, so war doch sein Vertrauen so gut zu mir und unsere Sach so schlecht bestellt, daß er darein konsentierte.
Ich verwechselte meine Kleider mit einem andern und zottelt mit meinem Studenten besagtem Dorf zu durch einen weiten Umschweif, wiewohl es nur eine halbe Stund von uns lag, in demselben erkannten wir das nächste Haus bei der Kirch für des Pfarrers Wohnung, weil es auf städtisch gebaut war und an einer Mauer stund, die um den ganzen Pfarrhof ging: Ich hatte meinen Kameraden schon instruiert, was er reden sollte, denn er hatte sein abgeschabt Studentenkleidlein noch an, ich aber gab mich für einen Malergesellen aus, denn ich gedachte, ich würde dieselbe Kunst im Dorf nicht üben dürfen, weil die Bauren nicht bald gemalte Häuser haben. Der geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell ein tiefe lateinische Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, wasgestalt ihn die Soldaten auf der Reis geplündert und aller seiner Zehrung beraubt hätten, bot er ihm selbst ein Stück Butter und Brot neben einem Trunk Bier an, ich aber stellte mich, als ob ich nicht zu ihm gehörte, und sagte, ich wollte im Wirtshaus etwas essen und ihm alsdann rufen, damit wir noch denselben Tag ein Stück Wegs hinter uns legen könnten: Also ging ich dem Wirtshaus zu, mehr auszuspähen was ich dieselbe Nacht holen wollte als meinen Hunger zu stillen, hatte auch das Glück, daß ich unterwegs einen Bauren antraf, der seinen Backofen zukleibte, welcher große Pumpernickel darinnen hatte, die vierundzwanzig Stund da sitzen und ausbacken sollten. Ich machts beim Wirt kurz, weil ich schon wußte wo Brot zu bekommen war, kaufte etliche Stuten (das ist ein so genanntes weiß Brot), solche meinem Hauptmann zu bringen, und da ich in Pfarrhof kam, meinen Kameraden zu mahnen, daß er gehen sollte, hatte er sich auch schon gekröpft und dem Pfarrer gesagt, daß ich ein Maler sei und nach Holland zu wandern vorhabens wäre, meine Kunst daselbsten vollends zu perfektionieren; der Pfarrherr hieß mich sehr willkomm sein und bat mich, mit ihm in die Kirch zu gehen, da er mir etliche Stück weisen wollte, die zu reparieren wären. Damit ich nun das Spiel nicht verderbte, mußte ich folgen: Er führte uns durch die Küchen, und als er das Nachtschloß an der starken eichenen Tür' aufmachte, die auf den Kirchhof ging, o mirum! da sah ich, daß der schwarze Himmel auch schwarz voller Lauten, Flöten und Geigen hing, ich vermeine aber die Schinken, Knackwürst und Speckseiten, die sich im Kamin befanden; diese blickte ich trostmütig an, weil mich bedünkte, als ob sie mit mir lachten, und wünschte sie, aber vergeblich, meinen Kameraden in Wald, denn sie waren so hartnäckig, daß sie mir zu Trotz hangen blieben, da gedachte ich auf Mittel, wie ich sie obgedachtem Backofen voll Brot zugesellen möchte, konnte aber so leicht keines ersinnen, weil, wie obgemeldt, der Pfarrhof ummauret und alle Fenster mit eisernen Gittern genugsam verwahret waren, so lagen auch zween ungeheure große Hund im Hof, welche, wie ich sorgte, bei Nacht gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige hätte stehlen wollen, daran ihnen auch zu Belohnung ihrer getreuen Hut zu nagen gebührte.
Wie wir nun in die Kirch kamen, von den Gemälden allerhand diskurrierten und mir der Pfarrer etliche Stück auszubessern verdingen wollte, ich aber allerhand Ausflücht suchte und meine Wanderschaft verwandte, sagte der Mesner oder Glöckner: "Du Kerl, ich sehe dich ehe für einen verlaufenen Soldatenjungen an als für einen Malergesellen." Ich war solcher Reden nicht mehr gewohnet und sollte sie doch verschmerzen, doch schüttelt ich nur den Kopf ein wenig, und antwortet ihm: "O du Kerl, gib nur nur geschwind Pinsel und Farben her, so will ich dir im Hui einen Narrn dahergemalt haben wie du einer bist." Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und sagte zu uns beiden, es gezieme sich nicht an einem so heiligen Ort einander wahrzusagen; gab damit zu verstehen, daß er uns beiden glaubte, ließ uns noch einen Trunk langen und also dahinziehen. Ich aber ließ mein Herz bei den Knackwürsten.
Wir kamen noch vor Nacht zu unsern Gesellen, da ich meine Kleider und Gewehr wieder nahm, dem Hauptmann meine Verrichtung erzählet und sechs gute Kerl auslas, die das Brot heimtragen sollten helfen; wir kamen um Mitternacht ins Dorf und huben in aller Stille das Brot aus dem Ofen, weil wir einen bei uns hatten, der die Hund bannen konnte, und da wir bei dem Pfarrhof vorüber wollten, konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiters zu passieren; Ich stand einsmals still und betrachtete mit Fleiß, ob nicht in des Pfaffen Küchen zu kommen sein möchte? sah aber keinen andern Eingang als den Kamin, welcher für diesmal meine Tür sein mußte; Wir trugen Brot und Gewehr auf den Kirchhof ins Beinhaus und brachten ein Leiter und Seil aus einer Scheur zuwegen, und weil ich so gut als ein Schornsteinfeger in den Kaminen auf- und absteigen konnte (als welches ich von Jugend auf in den hohlen Bäumen gelernet hatte), stieg ich selbander aufs Dach, welches von hohlen Ziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebaut war: Ich wickelt meine langen Haar über dem Kopf auf einen Büschel zusammen, ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem geliebten Speck, und band einen Schinken nach dem andern und eine Speckseite nach der andern an das Seil, welches der auf dem Dach fein ordentlich zum Dach hinausfischte und den andern in das Beinhäuslein zu tragen gab: Aber potz Unstern! da ich allerdings Feirabend gemacht hatte und wieder übersich wollte, brach eine Stange mit mir, also daß der arme Simplicius herunterfiel und der elende Jäger sich selbst wie in einer Mausfallen gefangen befand: Meine Kameraden auf dem Dach ließen das Seil herunter, mich wieder hinaufzuziehen, aber es zerbrach, ehe sie mich vom Boden brachten. Ich gedachte: ›Nun Jäger, jetzt mußt du eine Hatz ausstehen, in welcher dir selbst, wie dem Aktaeon, das Fell gewaltig zerrissen wird werden‹, denn der Pfarrer war von meinem Fall erwacht und befahl seiner Köchin, alsbald ein Licht anzuzünden: Sie kam im Hemd zu mir in die Küchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben mich, daß sie mich damit rührte; sie griff nach einem Brand, hielt das Licht daran und fing an zu blasen; ich aber blies viel stärker zu als sie selbsten, davon das gute Mensch so erschrak, daß sie Feur und Licht fallen ließ und sich zu ihrem Herrn retirierte; also bekam ich Luft, mich zu bedenken, durch was Mittel ich mir davonhelfen möchte, es wollte mir aber nichts einfallen: Meine Kameraden gaben mir durchs Kamin herunter zu verstehen, daß sie das Haus aufstoßen und mich mit Gewalt herausnehmen wollten, ich gabs ihnen aber nicht zu, sondern befahl, sie sollten ihr Gewehr in acht nehmen und allein den Spring-ins-Feld oben bei dem Kamin lassen und erwarten, ob ich ohne Lärmen und Rumor davonkommen könnte, damit unser Anschlag nicht zu Wasser würde, wofern aber solches nicht sein möchte, sollten sie alsdann ihr Bestes tun; interim schlug der Geistliche selbst ein Licht an, seine Köchin aber erzählte ihm, daß ein greulich Gespenst in der Küchen wäre, welches zween Köpf hätte (denn sie hatte vielleicht meinen Büschel Haar auf dem Kopf gesehen und auch für einen Kopf gehalten), das hörete ich alles, machte mich derowegen mit meinen schmutzigen Händen, darin ich Aschen, Ruß und Kohlen rieb, im Angesieht und an Händen so abscheulich, daß ich ohn Zweifel keinem Engel mehr (wie hiebevor die Klosterfrauen im Paradeis sagten) gleichsah; und der Mesner, wenn ers gesehen, mich wohl für einen geschwinden Maler hätte passieren lassen. Ich fing an in der Küchen schrecklich zu poltern und allerlei Küchengeschirr untereinander zu werfen, der Kesselring geriet mir in die Händ, den hängte ich an den Hals, den Feuerhaken aber behielt ich in den Händen, mich damit auf den Notfall zu wehren; solches ließ sich aber der fromme Pfaff nicht irren, denn er kam mit seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten aber war mit dem Chorrock bewaffnet samt den Stolen und hatte den Sprengel in der einen und ein Buch in der andern Hand, aus demselben fing er an mich zu exerzieren, fragend: Wer ich sei, und was ich da zu schaffen hätte? Weil er mich denn nun für den Teufel selbst hielt, so gedachte ich, es wäre billig, daß ich auch wie der Teufel täte, daß ich mich mit Lügen behülfe, antwortet derowegen: "Ich bin der Teufel, und will dir und deiner Köchin die Häls umdrehen!" Er fuhr mit seinem Exorcismo weiter fort und hielt mir vor, daß ich weder mit ihm noch seiner Köchin nichts zu schaffen hätte, hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo ich herkommen wäre; ich aber antwortet mit ganz fürchterlicher Stimm, daß solches unmöglich sei, wenn ich schon gern wollte. Indessen hatte Spring-ins-Feld, der ein abgefeimter Erzvogel war und kein Latein verstand, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, denn da er hörete, um welche Zeit es in der Küchen war, daß ich mich nämlich für den Teufel ausgab, mich auch der Geistliche also hielt, wixte er wie eine Eul, bellete wie ein Hund, wieherte wie ein Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald durch den Kamin herunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung rammeln, bald wie eine Henne die legen wollte, denn dieser Kerl konnte aller Tier Stimme nachmachen, und wenn er wollte, so natürlich heulen, als ob ein ganzer Haufen Wölf beieinander gewesen wäre. Solches ängstigte den Pfarrer und seine Köchin auf das höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich für den Teufel beschwören ließ, für welchen er mich eigentlich hielt, weil er etwa gelesen oder gehöret hatte, daß sich der Teufel gern in grünen Kleidern sehen lasse.
Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgeben hatten, wurde ich zu allem Glück gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging, nicht eingeschlagen, sondern der Riegel nur vorgeschoben war: Ich schob denselben geschwind zurück, wischte zur Tür hinaus auf den Kirchhof (da ich denn meine Gesellen mit aufgezogenen Hahnen stehen fand) und ließ den Pfaffen Teufel beschwören, so lang er immer wollte. Und demnach Spring-ins-feld mir meinen Hut von dem Dach gebracht, wir auch unser Proviant aufgesackt hatten, gingen wir zu unserer Bursch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten hatten, als daß wir die entlehnte Leiter samt dem Seil wieder hätten heimliefern sollen.
Die ganze Partei erquickte sich mit demjenigen das wir gestohlen hatten, und bekam doch kein einziger den Klucksen davon, so gesegnete Leut waren wir! Auch hatten alle über diese meine Fahrt genugsam zu lachen, nur dem Studenten wollte es nicht gefallen, daß ich den Pfaffen bestohlen, der ihm das Münkelspiel so grandig besteckt hatte, ja er schwur auch hoch und teur, daß er ihm seinen Speck gern bezahlen wollte, wenn er die Mittel nur bei der Hand hätte, und fraß doch nichtsdestoweniger mit, als ob ers verdingt hätte. Also lagen wir noch zween Tag an selbigem Ort und erwarteten diejenigen, denen wir schon so lang aufgepaßt hatten, wir verloren keinen einzigen Mann im Angriff und bekamen doch über dreißig Gefangene und so herrliche Beuten, als ich jemals teilen helfen: Ich hatte doppelt Part, weil ich das Beste getan, das waren drei schöne friesländische Hengst mit Kaufmannswaren beladen, was sie in Eil forttragen möchten, und wenn wir Zeit gehabt, die Beuten recht zu suchen und solche in Salvo zu bringen, so wäre jeder für sein Teil reich genug worden, maßen wir mehr stehen lassen als wir davonbrachten, weil wir mit dem was wir fortbringen konnten, uns in schnellster Eil tummeln mußten, und zwar so retirierten wir uns mehrer Sicherheit halber auf Rehnen, da wir futterten und die Beuten teilten, weil unsers Volks da lag. Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck gestohlen hatte; der Leser mag denken, was ich für einen verwegenen, freveln und ehrgeizigen Kopf hatte, indem mirs nicht genug war, daß ich den frommen Geistlichen bestohlen und so schrecklich geängstiget, sondern ich wollte noch Ehr davon haben; derowegen nahm ich einen Saphir in einen güldenen Ring gefaßt, den ich auf selbiger Partei erschnappt hatte, und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten meinem Pfarrer, mit folgendem Brieflein:
Wohl-Ehrwürdiger, etc. Wenn ich dieser Tagen im Wald noch etwas von Speisen zu leben gehabt hätte, so hätte ich nicht Ursach gehabt, E. Wohl-Ehrw. ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschreckt worden. Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen eingenommen, hoffe derowegen die Vergebung desto ehender: Was aber den Speck selbst anbelangt, so ists billig, daß selbiger bezahlt werde, schicke derohalben anstatt der Bezahlung gegenwärtigen Ring, den diejenigen hergeben, um welcher willen die War ausgenommen werden müssen, mit Bitt, E. Wohl-Ehrw. belieben damit vorlieb zu nehmen; versichere daneben, daß Dieselbe im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen Diener hat an dem, den Dero Mesner für keinen Maler hält, welcher sonst genannt wird
Der Jäger.
Dem Bauren aber, welchem sie den Backofen ausgeleert hatten, schickte die Partei aus gemeiner Beut sechzehn Reichstaler, denn ich hatte sie gelehret, daß sie solchergestalt den Landmann auf ihre Seite bringen müssen, als welche einer Partei oft aus allen Nöten helfen oder hingegen eine andere verraten, verkaufen und um die Häls bringen könnten. Von Rehnen gingen wir auf Münster und von da auf Hamm und heim nach Soest in unser Quartier, allwo ich nach wenig Tagen ein Antwort von dem Pfaffen empfing, die also lautet':
Edler Jäger, etc. Wenn derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen: Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt worden, also ist auch der eingenommene Schrecken desto leichter zu verschmerzen, vornehmlich weil er von einer so berühmten Person wider ihren Willen verursacht worden, deren hiermit allerdings verziehen wird, mit Bitt, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen, bei dem der sich nicht scheuet, den Teufel zu beschwören. Vale.
Also machte ichs aller Orten und überkam dadurch einen großen Ruf, und je mehr ich ausgab und verspendierte, je mehr flossen mir Beuten zu, und bildet ich mir ein, daß ich diesen Ring, wiewohl er bei hundert Reichstaler wert war, gar wohl angelegt hätte. Aber hiermit hat dieses zweite Buch ein Ende.

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