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Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Offenbarung 21,3.4

 

Friede sei den Menschen, die bösen Willens sind; und ein Ende sei gesetzt aller Rache und allem Reden von Strafe und Züchtigung. Aller Maßstäbe spotten die Greueltaten, sie stehen jenseits aller menschlichen Fassungskraft, und der Blutzeugen sind gar viele...

Darum, o Gott, wöge nicht mit der Waage der Gerechtigkeit ihre Leiden, daß du sie ihren Henkern zurechnest und von ihnen grauenvolle Rechenschaft forderst, sondern laß es anders gelten.

Schreibe vielmehr allen schlechten Menschen zugut und rechne ihnen an:

all den Mut der anderen, ihre hochgesinnte Würde, die Hoffnung, die sich nicht besiegt gab, und das tapfere Lächeln.

Ein jüdisches Gebet aus dem KZ

 

Verlust

Meinen Namen verloren im Dunkel

Der Tag ist tot Ich sammle die Tränen der Ahnen schreibe sie auf die Klagemauer

Den Namen such ich der mir nicht gehört dem ich gehöre

Ich suche den auferstandenen Tag den verlornen Tempel

Rose Ausländer

 

 

 

Wiederkäuer

Im Übersättigten Hungerjahrhundert Kau ich die Legende Frieden und werde nicht satt

Kann nicht verdauen die Kriege sie liegen mir wie Steine im Magen Grabsteine

Der Frieden liegt mir am Herzen ich kaue kaue das wiederholte Wort und werde nicht satt

Rose Ausländer

 

 

 

Das Kriegsgericht hat mich zum Tode verurteilt. Ich schreibe diese Zeilen wenige Minuten vor dem Sterben. Ich fühle mich gesund, voller Tatkraft, voll unbegrenzter Lebenslust ... Aber es gibt keine Möglichkeit der Rettung. Ich muß sterben. Ich gehe jedoch mit Festigkeit, mit Mut in den Tod, wie es sich für Menschen unseres Schlages gehört. Ich habe 41 Jahre gelebt, 20 davon habe ich der Sache der Armen gewidmet, Mein ganzes Leben lang war ich ein ehrlicher, treuer, unermüdlicher Kämpfer ohne persönliche Interessen. Nie war ich unaufrichtig. Und wie ich gelebt habe, so sterbe ich, da ich weiß, daß unsere Sache gerecht ist, und daß der Sieg unser sein wird. Das Volk wird mich nicht vergessen, wenn bessere Zeiten kommen, Eines Tages wird die Geschichte die Wahrheit erzählen, auch in Bezug auf meine bescheidene Person. Ich sterbe, und ich werde leben.

Brief eines zum Tode Verurteilten

 

 

Etwas ausrichten

Dieses Jahrhundert und meine Versuche,

etwas auszurichten.

Dieser Ballen Papier mit seinem anwachsenden Gewicht.

Unter der Jacke verbarg ich den krassen Herzschlag.

Zeitweise hielten mich Einsilber aufrecht.

Aber die Panik über das letzte Stück Weg

auf Krücken, auf Knien?

Das letzte Stück wird man uns tragen.

Heinz Piontek

 

 

 

Freies Geleit

Da wird ein Ufer zurückbleiben. Oder das End eines Feldwegs.

Noch über letzte Lichter hinaus wird es gehen.

Aufhalten darf uns niemand und nichts!

Da wird sein unser Mund voll Lochens

Die Seele

reiseklar -

Das All nur eine schmale Tür, angelweit offen

Heinz Piontek

 

 

 

Der Einstieg, der Ausstieg

Gott, der Du einstiegst in die Miseren der Welt, der Du ausstiegst aus dem Zirkel von Verblendung, Gewalt und Zerstörung: erleuchte uns, bevor wir zerstrahlt sind! Erbarme Dich, damit die Erde und wir und die nach uns nicht unwiderruflich eigener Gier und Erbarmungslosigkeit zum Opfer fallen.

Unbeirrbarer, stecke uns an mit Deiner Leidenschaft für das Leben.

Kurt Marti

 

 

 

Offen für alles

Heute, am ersten Tag meines restlichen Lebens, erschreck' ich: Was heckt wohl der Tod still für mich aus?

" Laß uns bedenken, daß wir sterben müssen", heißt's in der Bibel. Daran freilich erinnern die Flucht der Zeit, der Altersabbau, die Depressionen mich ohnehin schon.

Warum, barmherziger Gott, füllst Du meine Gedanken und Sinne nicht Tag für Tag mit leuchtender Gegenwart?

Nichts anderes aber erbitt' ich von Dir! Und danach: nichts als Du. Und danach: Du, mein Nichts, offen für alles.

Kurt Marti

 

 

 

das könnte manchen herren so passen wenn mit dem tode alles beglichen die herrschaft der herren die knechtschaft der knechte bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen wenn sie in ewigkeit herren blieben im teuren privatgrab und ihre knechte knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung die anders ganz anders wird als wir dachten es kommt eine auferstehung die ist der aufstand gottes gegen die herren und gegen den herrn aller herren: den tod

Kurt Marti

 

 

Trauerarbeit

Sie wurde nicht einmal achtzehn jahre alt stand auf der schwarz umrandeten karte die feierlichkeit der ieidträger und dein unüberhörbares lachen mitten darin

Oft habt ihr die öffentlichen gebäude beschrieben parolen und zeichen der kämpfenden jetzt sprühen eine freunde für dich . anne wir brauchen dich wer braucht schon autos"

Trauer ist etwas organisieren gegen die kälte gegens vergessen gegen die fakten dein unüberhörbares lachen mitten darin hilft uns beim trauern

Als ich aufblickte in der kapelle nicht auf den sarg unter blumen dort warst du am wenigsten mich umsah bei denen um mich herum die nicht überfahren worden sind die zwölfjährigen mit kinderaugen und die neunzehnjährigen die cool blieben ganz cool alle sahen dir öhnlich anne ich konnte die unterschiede nicht mehr finden alle waren du mit oder ohne tränen

und ich hörte dich losprusten dein unüberhörbares lachen mitten darin deinen widerstand gegen die kälte die glätte die kälte

plötzlich sahen alle dir ähnlich anne

Dorothee Sölle

 

 

 

Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache

Führ mich aus dem lügenhaus wasch meine erziehung ab befreie mich von meiner mutter tochter nimm meinen schutzwall ein schleif meine intelligente burg

Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache

Reinige mich vom verschweigen gib mir die wörter den neben mir zu erreichen erinnere mich an die tränen der kleinen studentin in göttingen wie kann ich reden wenn ich vergessen habe wie man weint

mach mich naß versteck mich nicht mehr

Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache

Zerschlage den hochmut mach mich einfach

laß mich wasser sein das man trinken kann

wie kann ich reden wenn meine tränen nur für

mich sind

nimm mir das private eigentum und den wunsch

danach

gib und ich lerne geben

Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache gib mir das wasser des lebens

Dorothee Sölle

 

 

 

Solo morte sola fide

Krank an der kirche

Morgens fährt mich der pfarrer zum bahnhof durch den herbstlichen nebel wir haben am abend ängste ausgetauscht und miteinander geklagt warum so viele in unserm land in unseren kirchen vom tod allein leben wollen sola morte kommt ihnen das leben aus der tötungskraft wächst ihnen vertrauen die reichweite des tötens nennen sie stärke sola morte bestimmen sie ihr leben

Während der pfarrer langsam zur stadt fährt

durch den herbstlichen nebel

hör ich in seiner stimme

nicht in den worten

die sind noch im tode gefangen

hör ich in seiner stimme

den alten glauben

sola fide

erzählt er mir von der achtzigjährigen frau für den

frieden

von seiner jugendgruppe

im ganzen land leben immer mehr menschen

er nickt hilflos mit dem kopf

und teilt mir doch stärke mit

sola fide

Dorothee Sölle

 

 

 

ich fahr mit dem fahrrad durchs polderland in deiner stille

schreibt mir ein pfarrer aus holland

Werden die kinder auch radfahren und gebete schreiben aus deiner stille

Hinter vielen pfarrern seh ich den tod warten tod einer kirche an der sie kranken

Manche hör ich beten um deine stille von der wir leben ohne andere heimat

Dorothee Sölle

 

 

 

Ich kann dich nicht mitteilen

Ich kann dich nicht mitteilen jesus ich mache mich lächerlich in der riesigen kathedrale dir zu ehren bist du nicht zu finden in der kleinen bar an der ecke bist du ein spinner ein lieber

Meine klugen freunde sagen mir du kommst nicht weiter damit das ist jetzt vorbei du mußt andere mittel finden für dasselbe ziel meine dümmeren freunde sagen mir du mußt mehr geduld haben meine feinde wenn sie wüßten wie mutlos ich bin rieben sich ihre klerikalen finger

Ich kann dich nicht mitteilen jesus du bist zu wenige du bist verbraucht du bringst es nicht du bist allein du bist zweideutig du bist käuflich mit dir schläft jeder bischof

Ich bin wie die stimme eines menschen

der gegen die megaphone anschreit die ganze

nacht

der gegen die läppische musik aus den küsten

spricht

im touristenzentrum

der alte heimatwörter bemüht gegen statistiken

und der den verzweifelten die ihn anrufen

nur die telefonschnur dreht hin und her

Ich kann dich nicht mitteilen jesus ich traue den dümmeren freunden mehr als den klugen weil sie alles teurer bezahlen

Aber ihr trost hilft mir nicht

Dorothee Sölle

 

 

 

Ein Wort

Wenn wir alle ein WORT hätten,

ein genaues WORT, nur ein einziges,

ein WORT in Annahme und Gehorsam

ein Lichterstrahl für den einzigen Namen

jeglichen Dinges

- Erde, Frieden, Freiheit,

heute, morgen, Zukunft, Krieg, Angst -

und wenn wir es alle aussprechen könnten

im selben Sinn, am Ufer eines Flusses,

dann ist es wirklich wahr,

daß die erste Wahrheit die unsrige ist

und daß die große Gefahr aufhört.

Wo aber werden wir das WORT der Menschen

finden,

die liturgische Vokabel,

einmütig von allen,

wie ein Baum eines stattlichen Waldes,

an einem klarem Tag?

Dieses WORT lebt

und wir müssen es ohne Unterlaß suchen

Tag und Nacht, Hoffnung!

Celso Emilio Ferreiro

 

 

Schlage ihn dir aus dem Kopf Kratz mit dem Fingernagel Sein Gesicht das bespeite von den Stellwänden der Geschichte damit es in niemandes Gedächtnis haften bleibe

Denk an die innersten Windungen von Gletschermühlen in denen Felsen ausgetrudelt werden so müßtest du Seinen Namen aushöhlen

Aber frage mich nicht wohin mit dem löslichen Sinkstoff wenn am Ende der Zunge die Schmelzwasser wieder zutage treten und der kleinste Schluck noch nach dem Ganzen schmeckt.

Eva Zeller

 

 

 

Nach dem Tod Gottes

Danach zerreiße ich nicht meine Kleider

Ich rolle mich wieder zusammen Tödliche Augenblicke überlebt man am besten in der Krümmung nach vorn den Kopf auf den Knien Mit der Grimasse des Keimlings wehrlos ohne Fingernägel und Zähne

Wieder angenabelt in der zottigen Höhle

Doch auch so zusammengekrümmt wäre der Wettlauf mit dem Schmerz noch nicht gewonnen Noch nicht gefurcht genug der ebenbildliche Leib Noch nicht verhohlen genug was hatte werden sollen ich will nicht daß es noch zuckt dünnwandig mit durchscheinendem Herzen ich muß weiter zurück

wo nichts mehr frohlockt künstlich und fein bereitet worden zu sein

Aber ich glaube Noch als Stein würfe ich mich in den Riß der mich selber zerreißt

Eva Zeller

 

 

 

Einladung

Langsamer und leichter als alle, im Strom der Eilenden setzte sie die Füße, die Frau drehte sich weich in den Schultern bei jedem Schritt, den Kopf aufrecht, eine Träumende schön und ein Beispiel.

Lächelnd sprach sie im Café

über ihr Leiden an der Hüfte. Warum erschrak ich.

Das Unversehrte, der Maßstab der Schönheit, aber Heil ist ein anderes Wort das von allen gesuchte.

Heinz Kattner

 

 

 

auf unserer seite

sei leise sagst du das kranke wasser schläft sich gesund und seine träume schlagen ans ufer

Mond und fledermäuse halten abstand sagst du und der streifen niemandsland ist ihr geschenk an uns

auf unsere seite fällt ein stern die liebe erhellend und also sagst du ist der himmel auf unserer seite

da neigen sich laub und grünes gras und geben uns frei aufgepflanzt stehen im büchsenlicht die gewehre

auf die erde in deckung drückt dich mein kuss sei leise sag ich wir lieben uns an den wassern von BABYLON

Hildegard Wohlgemuth

 

 

 

Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Zwanzig Autos in einer Minute. Fünf Laster. Ein Schlepper, Ein Pferdefuhrwerk.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist. Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds,

Die Bärenraupe weiß nur, daß jenseits Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich freßbar. Sie hat Lust auf Grün. Man müßte hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen. Zwanzig Autos in der Minute.

Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik. Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk, Geht los und geht und geht und geht und kommt an.

Rudolf Otto Wiemer

 

 

 

Engel

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Sie gehen leise, Sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und häßlich und klein, die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, derEngel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht, und er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht, der Engel,

Er steht im Weg, und er sagt: Nein, der Engel, groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Rudolf Otto Wiemer

 

 

 

Jenseits

I

Wie sie aussehen werden die Engel Vielleicht wie Krähen?

Wie sie uns drüben empfangen Wenn Sie uns empfangen?

Ob es das gibt Ein Du,

Ob wir eine Stimme bekommen glockenrein.

Es heißt doch, es würde gesungen.

Oder die Hölle ist: Der Gesang der Sphären Zu laut.

Ein Kontrollpunkt vielleicht

Mit den Wegweisern der alten Hekate.

Aber wer kann das noch denken Aus-denken Verdammt.

Auf keinen Fall werden dort sein Ausschließlich Bischöfe

Den Krummstab in der Hand

Polonäse Durch die Abstellräume des Himmels.

Vielleicht hat jeder Seine eigene Seligkeit

Eine alte von diesseits

Wir sprechen's nicht aus.

Vielleicht auch umarmen sich Knochengerüste

Röntgenhände spielen mit Röntgenhänden (Man sieht noch die Ringe).

Wo blüht das Fleisch und seine Auferstehung

Wo blüht das auferstandene Fleisch?

Von Geisterschlacht hörte ich reden

Und Flug der Seelen rundum Unaufhörlich rundum.

Ich frage mich

Was heißt Ihm Sommerabend.

Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken,

Blind blindlings Blindekuh

Und Kopf im Sack,

III

Weiter gefragt

Weil Fragen nichts kostet

Nach deinen da oben

Du unten

Gültigen Losungsworten

Nach Deinen Feuerzeichen Totenspielen

Nach Deinen auf den Mauern wehenden

Sträuchern

 

Großmäulig

Unsere toten Geliebten

Fremdgoldenes Zion Noch Deinen fegfeurigen Wartehallen Vertrautes Staubland Nach dem der am Hafen steht Wenn wir kommen wächsern im Einbaum Leichenstarrer Geleitzug Unter der Zunge fromme Münze In die Hände gefaltet Das wir nicht heilig hielten Das Weiter gefragt Weil fragen nichts kostet Kostet doch Kostet viel.

IV

Ich versuche bemühe mich

Um Nichthaus und Nichtland

Um Nichtwort und Nichtwind

Absterben langsam

Der Ranke Erinnerung

Die noch suchte und klopfte

Verdorrt auf den Lippen

Das Fädchen Blut

Sollten wir doch gerichtet werden

Hinaufgerissen

Hinabgestoßen

Sollten da doch die Fürbitter stehen

Ausgeregnet die Flamme

Der Siebenkranz nicht mehr zitternd

Tasten nach einer da ist keine Wand

Hinlegen die Glieder da ist nicht worauf

Da ist keine Sitzordnung

Niemand wird ausgespieen

Niemand zur Rechten

Eintöniger Fall über Fall

Vergessene Wiederkehr

Zuversicht letzte,

Aus uns wird das Schweigen gemacht.

Bedenket die Gnade:

Das Schweigen.

Marie Luise Koschnitz

 

 

 

Die Sprache, die einmal ausschwang, Dich zu loben, Zieht sich zusamme n, singt nicht mehr In unserem Essigmund. Es ist schon viel, Wenn wir die Dinge in Gewahrsa m nehmen, Einsperren in Kästen aus Glas wie Pfauenaug en Und sie betrachten am Feiertag, Irgendwo anders hinter sieben Siegeln Stehen Deine Psalmen neuerdings aufgeschri eben. Landschaft aus Logarithmen, Wälder voll

 

 

Unbekannter. Wurzel der Schöpfung. Gleichung Jüngster Tag.

Zwischen Liebe und Liebe setzt Du das alte Tabu,

Die Furcht vor einer Krankheit ohne Namen,

Deren Erscheinungen sind

Absterben der Glieder,

Atem mit Todesgeruch,

Würgergefühl am Hals.

Ein Ton ist in der Luft Vorüberzug,

Furcht schließt des Sämanns Faust. Der Schoß der

Erde wird winterlich, und in der goldenen Kammer, 0 das Alleinsein Brust an Brust.

Mit denen, die Dich auf die alte Weise

Erkennen wollen, gehst Du unsanft um.

Vor Deinen Altären läßt Du ihr Herz veröden,

In Deinen schönen Tälern schlägst Du sie

Mit Blindheit. Denen, die Dich zu loben

versuchen,

Spülst Du vor die Füße den aufgetriebenen

Leichnam. Denen, die anheben von Deiner Liebe zu reden, Kehrst Du das Wort im Mund um, läßt sie heulen Wie Hunde in der Nacht.

Du willst vielleicht gar nicht, daß von Dir die

Rede sei. Einmal nährtest Du Dich von Fleisch und Blut, Einmal vom Lobspruch. Einmal vom Gesang Der Räder. Aber jetzt vom Schweigen. Unsere blinden Augen sammelst Du ein Und formst daraus den Mondsee des Vergessens. Unsere gelähmten Zungen sind Dir lieber Als die tanzenden Flammen Deines

Pfingstwunders, Sicherer wohnst Du als im Gotteshause Im Liebesschatten der verzagten Stirn.

Marie Luise Koschnitz

 

 

 

Das alte Thema

1.

Ab und zu

Du

Gott noch immer Unbekannter

Berührst uns

Wie der an die Decke

Der Sistina gemalte

Den eben erst

Erschaffenden Adam

Nur mit einem Finger

Da fliegen wir

Für diesen Augenblick

Dir im Konvoi

Da nährst Du uns

Von Kuppe zu Kuppe

Mit dem Mut Deines Anfangs

Wir aus demselben Stoff gemacht

Wie Du

Noch ohne Blutgeruch

Ur-Brandgeruch

Schöpfer Geschöpf

Wir flogen

Liebten uns

Uneingeschränkt

Zum ersten letzten Mal

 

2.

Der alte Brunnen

Noch lange nicht ausgeschöpft

Nicht oft genug

Angegangen

Auf Tagwegen Nachtwegen

Der Schindanger Golgatha

Nicht genug

Masken abgerissen und altem Flitter

Nicht genug

Gedankt

Gedankt wofür

Für Biafra und Indochina

Für die Gaskammern Folterkammern Todeszellen

Für den schäbigen Trost

Die winzige Verheißung

Dafür gedankt?

 

3.

Komm näher mir

Mein armer Bräutigam

Der nichts zustande gebracht hat

In zwei Jahrtausenden

Dem seine Wunden nicht fruchteten

Und die Dornenkrone nicht blühte ...

 

4.

Du Bettler, Bruder, Bruder

Geh in mich ein

Streck deine Arme

In meinen Armen aus

Deine Finger

In meinen Fingern

Erfülle mich

Mit deiner Ungeduld

Die auch Geduld war

Überirdische

Wie man es nimmt

 

5.

Wie man Sie nimmt

Umenschlicher Herr Jesus

Den wir nicht länger anreden

Mit dem vertraulichen Du

Auf jeden Fall haben die Forscher jetzt

Herausbekommen daß Ihr Kreuzestod

Eine Folterung ersten Ranges war

Und äußerst schmerzhaft,

(Von den Schächern spricht

In diesem Zusammenhang keiner)

 

6.

Wenn einer alt ist heißt es Er kriecht zu Kreuze

Aber so ist es nicht

Das Kreuz geht übers Feld

In seinem Rücken schiebt sich ihm

Unter die Schultern

Die Nägel kommen geflogen

Nur

Nicht jeder der leidet ist heilig

 

7.

Noch ein neues Land

Aber ich fürchte mich

Was werde ich sehen

Die alten Hungerbäuche

Und hören die alten

Gehetzten Schritte

Die Schlüge auf nacktes Fleisch

 

8.

Ein neues Land

0 Reiselust und Furcht

Denn wer sagt, daß dort wirklich Frieden ist

Luft zu atmen

Und reine Strände

Swimming in lovely sea?

Die Kinderengel vielleicht

Tragen ihre alten Napolmgesichter

Das stand nicht im Prospekt

Oder doch

Oder doch?

Marie Luise Kaschnitz

 

 

 

Sich weiterquälen

Warum zwingst du mich, Herr, diese Wüste zu durchqueren? Ich quäle mich inmitten der Dornen,

Nur eines Zeichens aber bedarf es von dir, daß die Wüste sich wandelt, daß der blonde Sand und der Horizont und der große, stille Wind nichts Fremdes mehr sind und nichts Zufälliges, sondern ein weites Reich, durch das hindurch ich dich erkenne,

Antoine de Saint-Exupéry

 

 

 

An die Nachgeborenen

1 Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht, Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind?

Es ist wahr: Ich verdiene noch meinen Unterhalt Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, Bin ich verloren).

Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es den Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung

Als da Hunger herrschte,

Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs

Und ich empörte mich mit ihnen.

So verging meine Zeit

Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten Schlafen legte ich mich unter die Mörder Der Liebe pflegte ich achtlos Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. Die Sprache verriet mich dem Schlächter. Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne. Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt

Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht

Auch der finsteren Zeit

Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch: Auch der Haß der Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unsrer Mit Nachsicht.

Bert Brecht

 

 

 

Einer

wird den Ball

aus der Hand der furchtbar

Spielenden nehmen.

Sterne haben ihr eigenes Feuergesetz

und ihre Fruchtbarkeit

ist das Licht

und Schnitter und Ernteleute

sind nicht von hier.

weit draußen

sind ihre Speicher gelagert

auch Stroh

hat einen Augenblick Leuchtkraft

bemalt Einsamkeit.

Einer wird kommen und ihnen das Grün der Frühlingsknospe an den Gebetmantel nähen und als Zeichen gesetzt an die Stirn des Jahrhunderts die Seidenlocke des Kindes.

Hier ist Amen zu sagen diese Krönung der Worte die ins Verborgene zieht und Frieden du großes Augenlid das alle Unruhe verschließt mit deinem himmlischen Wimpernkranz

Du leiseste aller Geburten.

Nelly Sachs

 

 

 

Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn als Musik erlöst der Stein in Landsflucht zieht

und Felsen die als Alp gehockt auf Menschenbrust Schwermutgewichte aus den Adern sprengen

Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn schwarzgeheizte Rache vom Todesengel magnetisch angezogen an seinem Schneerock kalt und still verendet.

Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn Sternenhaftes schwand mit einem Rosenkuß aus Nichts

Nelly Sachs

 

 

 

Die Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends

wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus

dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith

er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod

der Tod ist ein Meister aus Deutschland

er ruft streicht dunkler die Geigen

dann steigt ihr als Rauch in die Luft

dann habt ihr ein Grob in den Wolken

da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags

der Tod ist ein Meister aus Deutschland

wir trinken dich abends und morgens

wir trinken und trinken

der Tod ist ein Meister aus Deutschland

sein Auge ist blau

er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

ein Mann wohnt im Haus

dein goldenes Haar Margarete

er hetzt seine Rüden auf uns

er schenkt uns ein Grab in der Luft

er spielt mit den Schlangen und träumet

der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan

 

 

 

Mandorla

In der Mandel - was steht in der Mandel? Das Nichts. Es steht das Nichts in der Mandel. Da steht es und steht.

Im Nichts - wer steht da? Der König. Da steht der König, der König. Da steht er und steht.

Judenlocke, wirst nicht grau

Und dein Aug - wohin steht dein Auge? Dein Aug steht der Mandel entgegen Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen. Es steht zum König. So steht es und steht.

Menschenlocke, wirst nicht grau. Leere Mandel, königsblau.

Paul Celan

 

 

 

Laß mich nicht sinken

Laß mich nicht sinken, laß die Seele nicht Im Schmerz ermatten, nicht die dumpfe Haft Der Krankheit brechen letzte Glaubenskraft Und nicht die Klagen enden mein Gedicht!

Gewähre unbefleckte Zuversicht, Des Herzens Macht, des Geistes Leidenschaft, Der sich aus Leiden reinste Bilder schafft. Und dankt und feiert, wenn die Form zerbricht!

Laß alle Schmerzen innig sich durchdringen, Den Staub zu Iäutern, eh den Geist er beugt! Geduld ist alles, die am Feuer wacht.

In schweren Nächten wachsen zage Schwingen; Gewähre mir den Sturm, der Dich bezeugt Und überrascht und fortreißt in der Nacht!

Reinhold Schneider

 

 

 

Aus den Sonetten

Allein den Betern kann es noch gelingen, Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten Und diese Welt den richtenden Gewalten Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen; Was sie vereinen wird sich wieder spalten, Was sie erneuern über Nacht veralten, Und was sie stiften Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt

Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,

Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert, Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

Reinhold Schneider

 

 

 

Die himmlische Rechenkunst

Was dem Herzen sich verwehrte, laß es schwinden unbewegt. Allenthalben das Entbehrte wird dir mystisch zugelegt.

Liebt doch Gott die leeren Hände, und der Mangel wird Gewinn. Immerdar enthüllt das Ende sich als strahlender Beginn.

Jeder Schmerz entläßt dich reicher, preise die geweihte Not. Und aus nie geleertem Speicher nährt sich das geheime Brot.

Werner Bergengruen

 

 

 

Nichts gib mir, Gott

Gib unser keinem, Gott, um was wir flehen, Verworrne, die getrübtes Licht beriet! Nein, einen jeden lasse nur geschehen, wie in der Schöpfung alles Ding geschieht, der Flug, der Fall, das Blühen und Verwehen, der Berge Glühn, das Wachsen im Granit, der Lachse Sprung, des Efeus Überstehen, des Mondes Spiegelung im blassen Teich. Nichts gib mir, Gott. Nein, laß mich nur geschehen, dem Stein, dem Laube, den Gestirnen gleich, und gönne mir, mit ihnen einzugehen und mit den Kindern in dein Himmelreich.

Werner Bergengruen

 

 

 

Stufen

Du kennst das Geheimnis der versiegenden Quellen, Gott, du kennst das Geheimnis', Du weißt, warum ein blühendes Land verdorrt, du weißt, warum uralt-heilige Tore sich schließen, du kennst das dunkle Gesetz des fallenden Sterns, und wenn der Ruhm eines ganzen Jahrhunderts erlischt wie eines einzigen Tages vorübervolles Erglänzen, wenn eines Jahrtausends Stimme plötzlich verstummt, als wärs eines kleinen Vogels abendliches Gezwitscher du kennst das Geheimnis, Gott, du kennst das Geheimnis unsrer versiegenden Quellen.

Gertrud von le Fort

 

 

 

Ja zu Gott: ja zum Schicksal und ja zu dir selbst. Wenn das Wirklichkeit wird, dann mag die Seele verwundet werden, aber sie hat die Kraft zu genesen,

Dag Hammarskjöld

 

 

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf' um Stufe heben, reifen. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden; des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

 

 

 

Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb: wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne in dir; das Holz hat lange widerstrebt, der Flamme, die du loderst, zuzustimmen, nun aber nähr' ich dich und brenn in dir. Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen ein Grimm der Hölle nicht von hier. Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen, so sicher nirgend Künftiges zu kaufen um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg. Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt? Erinnerungen reiß ich nicht herein. 0 Leben, Leben: Draußensein, Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

0 Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens:

daß ich Liebe übe, wo man sich haßt;

daß ich verzeihe, wo man sich beleidigt;

daß ich verbinde, wo Streit ist;

daß ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht;

daß ich den Glauben bringe, wo der Zweifel

drückt,

daß ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung

quält,

daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert;

daß ich Freude mache, wo der Kummer wohnt,

Ach Herr, laß du mich trachten: nicht, daß ich getröstet werde, sondern daß ich andere tröste; nicht, daß ich verstanden werde, sondern daß ich andere verstehe; nicht, daß ich geliebt werde, sondern daß ich andere liebe.

Denn wer da hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergißt, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

Aus der Tradition des Franz von Assisi

 

 

 

Wenn Dein Bogen zerbrochen ist und du hast keine Pfeile mehr, dann schieß! Schieß mit deinem ganzen Sein.

Zen

 

 

 

Rabbi Israel Baal Schem-Tov

Eines Tages versuchte der große Rabbi Israel Baal Schem-Tov, berühmt für seine Macht über Himmel und Erde, wieder einmal, den Schöpfer zu zwingen.

Brennend vor Ungeduld, hatte er schon zu wiederholten Malen versucht, den Prüfungen des Exils ein Ende zu machen, diesmal würde es ihm gelingen: Durch die halb geöffnete Tür sollte der Messias eintreten und die Kinder und Greise trösten, die Ihn erwarteten, nur Ihn erwarteten. Das Exil hatte schon allzu lange gedauert, die Menschen sollten nun endlich frohlocken können.

Entrüstet lief Satan zu Gott und protestierte, sich auf die unabänderlichen Gesetze der Geschichte, der Vernunft und vor allem der Gerechtigkeit berufend. Was mischt der Mensch sich ein? Verdient denn die Welt schon die Erlösung? Der Messias darf doch erst kommen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind -sind sie erfüllt?

Und Gott - der doch gleichfalls Gerechtigkeit will mußte anerkennen, daß diese Argumente wohl begründet waren. Lo lkschar dara, die Menschheit war noch nicht reif, den Erlöser zu empfangen. Und weil er gewagt hatte, die Ordnung der Schöpfung umzustoßen, wurde Israel BaalSchem-Tov bestraft: Er wurde auf eine ferne, unbekannte Insel verschlagen, als Gefangener von Räubern und Dämonen. Ihm zur Seite stand nur sein treuer Geführte und Schreiber, Reb Zwi

 

Hersch Soifer. Noch nie hatte dieser seinen Meister so niedergeschlagen, so bedrückt gesehen.

"Rabbi, tut etwas, sagt etwas!"

'Ich kann nicht. Man gehorcht mir nicht mehr."

'Aber Euer geheimes Wissen, Eure göttlichen Gaben? Was ist damit, Rabbi?"

"Vergessen", sagte der Meister. "Verschwunden, zerronnen. All mein Wissen wurde mir genommen. Ich erinnere mich an nichts mehr."

Ersah, wie sein Gefährte in Verzweiflung versank, und dieser herzzerreißende Anblick spornte ihn zur Tat an.

,' Nur Mut", sagte er. 'Noch ist nicht alles verloren. Du bist hier, das ist gut, Du kannst uns retten. Du brauchst nur zu wiederholen, was ich dich gelehrt habe. Ein Gleichnis, ein Gebet. Ein kleiner Brocken meiner Lehre wird genügen,"

Unglücklicherweise hatte auch Reb Zwi-Hersch alles vergesen: gleich seinem Meister hatte er sein Gedüchtnis verloren,

"Du erinnerst dich an nichts?" schrie der BaalSchem.

'Wahrhaftig an nichts?" 'Nichts, Rabbi, außer ... ,' ... außer was?"

'Das Aleph-Beth."

'Also, worauf wartest du noch? Fang an! Schnell!"

Gehorsam wie immer, begann Reb Zwi-Hersch Solfer langsam, schmerzlich, die ersten geheilig

ten Buchstaben herzusagen die alle Mysterien des Alls enthalten:

"Aleph, Beth, Gimmel, Daleth

Dann fingen sie beide noch einmal von vorne an. Und der Baal-Schem sprach das Alphabeth mit solchem Feuer, daß er schließlich in Ekstase verfiel, Und wenn der Baal-Schem in Ekstase war, konnte ihm nichts widerstehen, das ist ja bekannt, Ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden, gelang es ihm, Aufenthaltsort und Umgebung zu wechseln; er zerriß die Ketten, löste den Bann: Meister und Schreiber fanden sich zu Hause wieder, sicher und geborgen, reicher und von noch größerer Sehnsucht verzehrt als zuvor.

Der Messias war nicht gekommen.

Elie Wiesel

 

 

 

Wer glaubt, muß allen Dingen gestorben sein,

dem Guten und dem Bösen,

dem Tod und dem Leben,

der Höll und dem Himmel

und von Herzen bekennen,

daß er aus eigenen Kräften nichts vermag.

Er sieht nichts, sondern ist der finstere Weg.

Er muß von dem gewissen Ufer dieses Lebens

hinüberspringen in den Abgrund,

da kein Fühlen noch Sehen,

noch Fußen noch Stützen ist.

Martin Luther

 

Vorwort - Loccum - Einkehr Stille Gebet - Wer bin ich - Der Tag - Das Jahr - Ich und die anderen - Ich und die Welt - Mein Glaube - Unser Leid unsere Hoffnung - Quellenangaben

Was macht der Albrecht mit dem Fadenkreuz ???

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