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Giorgio Vasari über Giotto di Bondone

Giotto

Geboren 1266 in Colle Vespignano, gestorben am 8. Januar 1337 zu Florenz

Wenn die Meister der Malkunst der Natur Dank schulden, weil sie immer denen zum Vorbild dient, die das Gute aus ihren besten und schönsten Teilen auswählen und sich ständig bemühen, sie abzuzeichnen und nachzuahmen, so gebührt der gleiche Dank meiner Ansicht nach dem Florentiner Maler Giotto. Denn da durch die Kriegsverheerungen die gute Malerei und Zeichnung lange Zeit völlig verschüttet waren, war er es allein, der durch die Gnade des Himmels die fast erstorbene Kunst zu neuem Leben erweckte und auf solche Höhe brachte, daß sie vorzüglich genannt werden konnte.

Dieser große Mann wurde im Jahre 1266 in dem Dorf Vespignano geboren, etwa vierzehn Meilen von Florenz entfernt. Sein Vater hieß Bondone und war ein schlichter einfacher Landmann, der seinen Sohn mit Namen Giotto nach seinem Vermögen in guten Sitten erzog. Von klein auf zeigte der Knabe in allem, was er tat, große Lebhaftigkeit und einen ungewöhnlich treffenden Verstand, weshalb er nicht nur seinem Vater, sondern allen, die ihn kannten, im Dorf und in dessen Umgegend sehr lieb war. Als er zehn Jahre alt wurde, gab ihm Bondone einige Schafe zu hüten, die er auf seinem Grundbesitz da und dort weiden ließ. Weil ihn seine Neigung zur Zeichenkunst trieb, vergnügte er sich damit, auf Steine, Erde und Sand immer etwas nach der Natur oder was ihm sonst in den Sinn kam zu zeichnen. Da ging eines Tages Cimabue eines Geschäftes halber von Florenz nach Vespignano und fand Giotto, der, während seine Schafe weideten, auf einer glatten Steinplatte mit einem zugespitzten Steine ein Schaf nach dem Leben zeichnete, was ihn niemand gelehrt und was er nur von der Natur gelernt hatte. Cimabue blieb ganz verwundert stehen und fragte ihn, ob er mit ihm kommen und bei ihm bleiben wolle, worauf der Knabe antwortete: wenn sein Vater damit einverstanden sei, würde er es gerne tun. Cimabue erbat ihn darauf von Bondone, und dieser willigte ein, daß er ihn mit sich nach Florenz führe. Dort wurde der Knabe von Cimabue unterrichtet und lernte, von seinen Anlagen unterstützt, nach kurzer Zeit nicht nur den Stil seines Lehrers, sondern ahmte auch die Natur so treu nach, daß er die plumpe griechische Methode ganz verbannte und die neue und gute Kunst der Malerei wiedererweckte. Denn er wies den Weg, lebende Personen gut nach der Natur zu zeichnen, was mehr als zweihundert Jahre nicht geschehen war, oder wenn es auch zuweilen von einem versucht wurde, keinem so schnell und glücklich gelang wie Giotto. Unter anderem malte er in der Kapelle im Palast des Podestà zu Florenz ein Bildnis seines Zeitgenossen und sehr lieben Freundes Dante Alighieri, eines ebenso gefeierten Dichters, wie Giotto zu gleicher Zeit ein berühmter Maler war. In derselben Kapelle befinden sich, vom nämlichen Meister gearbeitet, die Bildnisse des Ser Brunetto Latini, des Lehrers des Dante, und des Herrn Corso Donari, eines wichtigen Mannes jener Zeit. Seine ersten Arbeiten führte Giotto in der Kapelle des Hauptaltars der Badia von Florenz aus. In ihr arbeitete er viel, was für schön galt, besonders eine Verkündigung Mariä, wobei er den Schreck und die Furcht der Jungfrau beim Erscheinen des Engels aufs lebendigste darstellt, da sie vor Angst fliehen möchte. Von Giotto gemalt ist auch das Bild auf dem Hauptaltar jener Kapelle.

In Santa Croce sind vier Kapellen von ihm ausgemalt. In der ersten, in der die Glockenseile hängen und die Ridolfo de' Bardi gehört, ist das Leben des heiligen Franziskus dargestellt. In der zweiten, der Kapelle der Familie Peruzzi, sieht man zwei Begebenheiten aus dem Leben Johannes des Täufers, dem die Kapelle geweiht ist, und zwei Wundergeschichten aus dem Leben des Evangelisten Johannes. In der dritten, der der Giugni, die den Aposteln geweiht ist, sind von der Hand Giottos die Martyrien von vielen Aposteln dargestellt. Und in der vierten, auf der anderen Seite der Kirche nach Norden gelegenen Kapelle der Tosinghi und Spinelli, die der Himmelfahrt Mariä geweiht ist, stellte Giotto Szenen aus dem Leben der Mutter Gottes dar. In der Kapelle der Baroncelli in derselben Kirche ist ein Temperabild von der Hand Giottos, eine Krönung der Maria, wobei er eine große Menge kleiner Figuren und einen Chor von Englein und Heiligen mit unendlicher Mühe ausführte. Auf dieses Werk setzte er in goldenen Buchstaben seinen Namen und die Jahreszahl.

Als diese Arbeiten beendet waren, ging er nach Assisi, wohin ihn Fra Giovanni di Muro della Marca, der damalige General der Ordensbrüder des heiligen Franziskus, berufen hatte. Dort malte er in der Oberkirche auf beiden Seiten zweiunddreißig Darstellungen aus dem Leben und Wirken des heiligen Franz, sechzehn auf jeder Wand, und zwar mit solcher Vollkommenheit, daß er dadurch höchsten Ruhm erlangte. Wirklich zeigt dieses Werk nicht nur eine große Mannigfaltigkeit in den Bewegungen jeder Figur, sondern auch in der Zusammenstellung aller Begebenheiten. Außerdem sieht man sehr schön die Verschiedenheit der Kleidung jener Zeit und manche Nachahmung und Abbildungen von Naturgegenständen. Unter anderem zeichnet sich ein Bild aus, in dem ein Durstiger zur Erde gebeugt mit großem, wirklich bewundernswert deutlichem Verlangen aus einer Quelle trinkt, so daß er fast als lebende Gestalt erscheint.

Als diese Bilder vollendet waren, malte er an dem gleichen Ort in der Unterkirche die oberen Wände an den Seiten des Hauptaltars und die vier Gewölbezwickel, unter denen der Leichnam des heiligen Franziskus ruht, die er alle mit geistvollen und schönen Erfindungen zierte. In diesen Darstellungen ist das Selbstbildnis Giottos sehr gut ausgeführt, und über der Tür zur Sakristei befindet sich von seiner Hand, wiederum in Fresko gemalt, ein heiliger Franziskus, der die Wundmale mit solcher Demut und Freudigkeit empfängt, daß mir dieses Bild unter allen Gemälden Giottos in jener Kirche als das vorzüglichste erscheint.Vasari hat verschiedene Bilder, die der Giotto-Schule entstammen, dem Meister selbst zugeschrieben. Verschiedentlich ist die Autorschaft noch nicht völlig geklärt.

Nachdem er jenen Franziskus vollendet hatte, kehrte er wieder nach Florenz zurück. Dort malte er für Pisa einen heiligen Franziskus auf dem Felsen von Vernia mit größter Sorgfalt. Dabei gab er eine Landschaft mit vielen Bäumen und Felsen, was in jener Zeit etwas Neues war. In der Stellung des heiligen Franziskus, der auf die Knie niedergestürzt die Wundmale empfängt, zeigt sich das glühende Verlangen, sie hinzunehmen, und die unendliche Liebe zu Christus, der von Seraphim umgeben in der Luft schwebt und sie ihm so liebreich bewilligt, daß man es in der Tat nicht besser darstellen könnte. Unter diesem Bild sind drei sehr schöne Darstellungen aus dem Leben desselben Heiligen. Dieses Gemälde wurde Veranlassung, daß die Pisaner Giotto einen Teil der inneren Wände des Campo Santo malen ließen, dessen Bau nach einer Zeichnung des Giovanni Pisano eben vollendet war. Jenes Gebäude war außen ganz mit Marmor verkleidet und mit vielen Kosten durch Bildhauerarbeiten geziert, hatte ein Dach von Blei, innen viele antike Fragmente und heidnische Grabmäler, die von verschiedenen Gegenden der Welt dorthin gebracht worden waren, und sollte nun auch an den Wänden durch herrliche Malereien geschmückt werden. Als daher Giotto nach Pisa kam, malte er am Anfang der einen Wand dieses Friedhofs in sechs großen Freskobildern die Leiden des Hiob. Er beachtete richtig, daß auf der Seite des Gebäudes, auf der er zu arbeiten hatte, der Marmor gegen das Meer gekehrt war und durch die Südostwinde immer feucht sein mußte, wodurch sich, wie meist bei den Backsteinen zu Pisa, eine Art Salzniederschlag entwickelt, der die Farben und Bilder verwischt und aufzehrt. Daher ließ er, damit sein Werk sich so gut als möglich erhalten möchte, überall, wo er in Fresko malen wollte, die Wand mit einer Verkleidung oder einem Bewurf von Kalk, Gips und zerriebenen Backsteinen versehen, so daß sich die Malereien bis heute erhalten haben und noch besser sein würden, wenn nicht die Unachtsamkeit der hierfür Verantwortlichen sie doch von der Nässe hätte beschädigen lassen. In diesen Bildern sieht man viele schöne Gestalten, besonders Landleute, welche dem Hiob die traurige Kunde bringen. Sie könnten nicht deutlicher und besser ihren Kummer zeigen, den sie über die verlorenen Herden und andere Unfälle empfinden. Ebenso ist von wunderbarer Anmut die Figur eines Dieners, der mit einem Fächer neben dem wundkranken und von allen verlassenen Hiob steht. Denn ebenso wie er in allen Teilen schön ist, ist auch die Stellung bewundernswert, in der er mit der einen Hand von dem aussätzigen und übelriechenden Herrn die Fliegen scheucht und mit der anderen sich vorsichtig die Nase zuhält, um den Gestank nicht zu riechen. Auch die anderen Gestalten jener Bilder, die männlichen und weiblichen Köpfe sind sehr schön und die Gewänder ungemein zart gemalt.Die Fresken des Campo Santo mit den Leiden des Hiob heute allgemein dem Daniele da Volterra zugeschrieben, der sie 1371 begonnen hat. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß dieses Werk ihm in jener Stadt und an anderen Orten einen sehr großen Namen gemacht hat. Dadurch wurde Papst Benedikt XI., der einiges im Sankt Peter malen lassen wollte, veranlaßt, einen seiner Hofleute nach Toskana zu schicken, der sehen sollte, was für ein Mann Giotto sei und wie seine Arbeiten ausfielen.Schon Papst Bonifaz VIII. (1294 bis 1303) hatte Giotto nach Rom berufen.

Dieser Hofmann sprach in Siena mit vielen Künstlern und ging, nachdem er Zeichnungen von ihnen erhalten hatte, nach Florenz. Dort trat er eines Morgens in die Werkstatt Giottos, der eben bei der Arbeit saß, eröffnete ihm den Willen des Papstes und erklärte, in welcher Weise dieser sich seiner Kunst bedienen wolle. Endlich bat er um eine kleine Zeichnung, die er Seiner Heiligkeit schicken könne. Giotto, der sehr höflich war, nahm ein Blatt und einen Pinsel mit roter Farbe, legte den Arm fest in die Seite, damit er ihm als Zirkel diene, und zog mit nur einer Handbewegung einen Kreis so scharf und genau, daß er in Erstaunen setzen mußte. Dann verbeugte er sich gegen den Hofmann und sagte: »Da habt Ihr die Zeichnung.« – Sehr erschreckt fragte dieser: »Soll ich keine andere als diese bekommen?« – »Es ist genug und fast zuviel«, antwortete Giotto, »schickt sie mit den übrigen hin, und Ihr sollt sehen, ob sie erkannt wird.« – Der Abgesandte, der wohl sah, daß er sonst nichts erhalten könnte, ging sehr mißvergnügt fort und zweifelte nicht, daß er gefoppt sei. Als er aber dem Papst die Zeichnungen und die Namen der Künstler sandte, schickte er auch die von Giotto und teilte ihm mit, in welcher Weise er den Kreis gezogen hätte, ohne den Arm zu bewegen und ohne Zirkel. Hieran erkannten der Papst und viele sachkundige Hofleute, wie weit Giotto die Maler seiner Zeit übertraf. Als diese Sache bekannt wurde, entstand das Sprichwort: »Du bist runder als das O des Giotto«, das noch heute auf Menschen von grober Art angewandt wird und nicht nur wegen der Begebenheit schön ist, der es seine Entstehung verdankt, sondern mehr noch seiner Bedeutung halber, die im Doppelsinn des Wortes »tondo« liegt, das im Toskanischen einen genauen Kreis bezeichnet und gleichzeitig für Langsamkeit und Plumpheit des Geistes gebraucht wird.

Der Papst also berief Giotto nach Rom, erzeigte ihm viel Ehre und ließ ihn in der Tribüne von Sankt Peter fünf Darstellungen aus dem Leben Christi und das Hauptbild in der Sakristei malen. Giotto führte alles mit solcher Sorgfalt aus, daß nie eine ausgezeichnetere Temperamalerei aus seinen Händen kam. Auch gab ihm der Papst, der sich wohl bedient sah, zur Belohnung sechshundert Dukaten und erwies ihm so viel Gunstbezeigungen, daß in ganz Italien davon die Rede war. Danach ließ ihn der Papst rings an den Wänden der Peterskirche Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament malen. Giotto arbeitete zuerst über der Orgel große Engel in Fresko und viele andere Bilder, die zum Teil in unseren Tagen wiederhergestellt worden sind, zum Teil aber, als man die neuen Mauern baute, zerstört wurden. Von Giotto stammt auch das Schiff in Mosaik über den drei Türen der Vorhalle in Sankt Peter, das wirklich wunderbar ist und mit Recht von allen Kunstkennern gerühmt wird, nicht nur wegen der Zeichnung, sondern auch wegen der Gruppierung der Apostel, die auf verschiedene Weise dem Sturm auf dem Meere entgegenarbeiten. Ein Segel, in das der Wind bläst, ist so schwellend, wie ein wirkliches nicht anders sein könnte, obgleich es sehr schwer ist, mit solchen Glasstückchen die Übergänge von weißem Licht zu tiefen Schatten in einem so großen Segel hervorzubringen. Selbst mit dem Pinsel würde es viel Mühe kosten, es so gut zu malen. Das Lob, das dieser Mosaikarbeit von allen Künstlern gezollt wurde, war wohlverdient.Es ist das Mosaik der sogenannten »Navicella« in der Vorhalle der Peterskirche zu Rom, heute größtenteils Kopie, Reste des Originals im Museo Petriano in Rom.

Hierauf malte Giotto in der Minerva, der Kirche des Predigerordens, auf einer Tafel ein großes Kruzifix in Tempera, das man damals sehr rühmte, und kehrte dann in seine Vaterstadt zurück, nachdem er sechs Jahre fort gewesen war. Aber nicht lange danach, als Benedikt XI. gestorben und Papst Clemens V. in Perugia gewählt worden war, mußte Giotto mit diesem Papst nach Avignon gehen, wohin jener den Hof verlegte, um dort einige Werke zu schaffen. Er verfertigte nicht nur in Avignon, sondern auch an vielen anderen Orten Frankreichs eine Menge schönster Tafeln und Freskomalereien, die dem Papst und dem ganzen Hof sehr gut gefielen. Deshalb wurde er sehr gnädig und reich beschenkt entlassen und kehrte ebenso wohlhabend als geehrt und berühmt nach Hause zurück.

Im Jahre 1322 ging er nach Lucca, nachdem im Jahre vorher sein Freund Dante zu seinem großen Kummer gestorben war, und malte auf Wunsch des Castruccio, des damaligen Gebieters jener Stadt, ein Bild in San Martino, auf dem er einen schwebenden Christus und vier Schutzheilige von Lucca darstellte.

Als Giotto wieder in Florenz war, schrieb König Robert von Neapel an König Karl von Kalabrien, seinen Erstgeborenen, der sich in Florenz aufhielt, er solle ihm um jeden Preis Giotto nach Neapel schicken, er habe den Bau des Nonnenklosters und der Kirche Santa Chiara beendet und wolle nun, daß jener sie mit schönen Malereien verziere.

Giotto, der sich von einem so berühmten und gepriesenen König gerufen sah, begab sich gern in seine Dienste und malte dort in einigen Kapellen jenes Klosters viele Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament. Die Bilder aus der Offenbarung des Johannes, die er in einer jener Kapellen ausführte, sollen Erfindungen von Dante sein, was auch bei seinen berühmten Malereien in Assisi der Fall war, von denen wir oben sprachen. Obgleich Dante in jener Zeit nicht mehr lebte, ist es doch leicht möglich, daß sie sich darüber unterhalten haben, wie dieses häufig unter Freunden geschieht. Doch wir wollen nach Neapel zurückkehren, wo Giotto im Castel dell' Uovo und besonders in der Kapelle vieles malte, das dem König wohl gefiel, der ihn sehr liebte und oft, wenn der Künstler malte, sich mit ihm unterhielt, denn es machte ihm Freude, jenen arbeiten zu sehen und seiner Rede zuzuhören. Giotto, der immer ein Sprichwort oder eine treffliche Antwort bereit hatte, verschaffte ihm doppelte Unterhaltung, indem er mit der Hand malte und gleichzeitig geistvolle Gespräche führte. – »Ich will dich zum ersten Mann von Neapel machen«, sagte Robert einst zu ihm, worauf Giotto antwortete: »Um der Erste in Neapel zu sein, wohne ich schon an der Porta Reale.« Ein andermal sagte der König: »Wenn ich du wäre, würde ich jetzt nicht arbeiten, da es so heiß ist.« – »Ich gewiß nicht«, entgegnete Giotto, »wenn ich Ihr wäre.« – Da nun der Maler dem Könige sehr lieb war, ließ er ihn in einem Saale – den König Alfons I. zerstörte, um das Kastell zu bauen – eine große Menge Malereien verfertigen. Unter anderem sah man dort auch die Bilder vieler berühmter Männer und darunter das eigene Bild Giottos. Einst verlangte der König im Scherz, er solle ihm sein Königreich in einem Gemälde darstellen, worauf Giotto, wie man erzählt, einen gesattelten Esel malte, zu dessen Füßen ein anderer Sattel lag, den er beschnupperte und sich zu wünschen schien. Auf beiden Sätteln waren Krone und Zepter abgebildet. »Deute mir dieses«, sagte der König. – »So ist dein Volk«, antwortete Giotto, »sie wünschen alle Tage einen anderen Herrscher.«

Als Giotto Neapel verließ, um nach Rom zu gehen, hielt er sich in Gaeta auf, wo er in der Nunziata einige Darstellungen aus dem Neuen Testament malen mußte, die nunmehr durch Feuchtigkeit gelitten haben. Nach Vollendung dieses Werkes konnte er es dem Herrn Malatesta nicht verweigern, zunächst noch einige Tage in seinem Dienst in Rom zu bleiben und dann nach Rimini zu gehen, dessen Gebieter Malatesta war. Dort malte er in der Kirche San Francesco viele Bilder, die von Gismondo, dem Sohne Pandolfo Malatestas, der jene ganze Kirche erneuerte, zerstört und niedergerissen wurden. Schließlich kehrte er hochgeehrt und mit einem ziemlich großen Vermögen nach Florenz zurück.

Dort malte er in San Marco einen überlebensgroßen Kruzifixus in Tempera auf Goldgrund und verfertigte einen ähnlichen für Santa Maria Novella, bei der sein Schüler Puccio Capanna mitarbeitete.

Im Jahre 1327 starb Guido Tarlati da Pietramala, der Bischof und Herr von Arezzo, in Massa di Maremma bei seiner Rückkehr von Lucca, wohin er sich zum Besuch des Kaisers begeben hatte. Seine Leiche wurde nach Arezzo gebracht, wo er mit größten Ehren beigesetzt wurde. Piero Saccone aber und Dolfo di Pietramala, der Bruder des Bischofs, beschlossen, ihm ein Marmorgrabmal zu setzen, würdig der Größe eines solchen Mannes, der in geistlichen und weltlichen Dingen ausgezeichnet und das Haupt der Ghibellinen in Toskana gewesen war. Deshalb schrieben sie an Giotto und gaben ihm den Auftrag, die Zeichnung zu einem sehr reichen und möglichst prächtigen Grabmal zu machen. Sie schickten ihm die Maße und baten ihn gleichzeitig, ihnen von den Bildhauern Italiens den zu senden, welchen er für den besten halte; sie würden sich ganz seinem Urteil fügen. Giotto, der immer sehr entgegenkommend war, machte die Zeichnung und schickte sie ihnen. Danach wurde jenes Grabmal ausgeführt.

Nach Beendigung dieser Arbeiten begann er am 9. Juli 1334 den Bau des Glockenturms von Santa Maria del Fiore. Als das Fundament begonnen wurde, kam mit dem ganzen Klerus und dem Magistrat der Bischof der Stadt und legte feierlich den Grundstein. Man setzte den Bau nach einem Modell fort, das in dem damals üblichen deutschen Geschmack gehalten war, und Giotto zeichnete alle Darstellungen, die zu der Verzierung gehörten, wobei er sorgfältig mit weißer, schwarzer und roter Farbe an dem Modell alle Stellen bezeichnete, wohin Steine und Friese kommen sollten. Wenn, wie ich glaube, Lorenzo di Cione Ghiberti richtig berichtet, so verfertigte Giotto nicht nur das Modell zu jenem Turm, sondern auch von den Bildwerken und Reliefs einen Teil jener Darstellungen in Marmor, die die Anfänge aller Künste zeigen.Die plastischen Arbeiten am Glockenturm stammen wohl von der Hand des Andrea Pisano, Giottos Nachfolger als Baumeister, der diese zum Teil nach Skizzen Giottos ausführte. Nach dem Modell Giottos sollte dieser Turm noch eine hohe Spitze oder Pyramide erhalten. Weil dies aber nach dem veralteten deutschen Geschmack war, haben die neueren Baumeister immer geraten, sie wegzulassen; es schien ihnen, der Turm sei ohne sie schöner. Für all diese Dienste wurde Giotto nicht nur zum Bürger von Florenz ernannt, sondern erhielt auch von der Gemeinde jährlich hundert Goldgulden Besoldung, was für jene Zeit etwas Großes war. Jener Bau, über den er die Aufsicht führte, wurde dann von Taddeo Gaddi fortgesetzt, da Giotto nicht lange genug lebte, um ihn beendet zu sehen.

Während dieses Werk vorwärtsschritt, malte er ein Bild für die Nonnen von San Giorgio und führte in der Badia von Florenz im inneren Türbogen der Kirche drei halbe Figuren aus, die man jetzt weiß übertüncht hat, um die Kirche aufzuhellen. Ferner stellte er im großen Saal des Podestà von Florenz auf einem Gemälde die Gemeinde dar, die von vielen beraubt wird, das heißt, er malte sie in der Gestalt eines sitzenden Richters mit dem Zepter in der Hand, über dem Haupt eine gleichwägende Waage als Zeichen seines gerechten Urteils, und vier Tugenden, die ihm Beistand leisten: die Stärke mit dem Mute, die Klugheit mit den Gesetzen, die Gerechtigkeit mit den Waffen und die Mäßigung mit der Rede. Es ist ein schönes Gemälde und eine eigenartige, der Wahrheit nahekommende Erfindung. Hierauf ging er noch einmal nach Padua und malte dort außer vielen Bildern und den Kapellen in der Arena eine Verklärung der Welt, die ihm viel Ehre und großen Nutzen brachte.Das Hauptwerk Giottos, die Fresken in der Kapelle des Enrico Scrovegni auf dem Platz der römischen Arena, daher der Name Cappella dell' Arena..

Auch in Mailand verfertigte er noch einige Malereien, die in jener Stadt verstreut sind und dort bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt werden. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr von dort, das heißt im Jahre 1337, starb er nach Vollendung seiner vielen Meisterwerke, zum aufrichtigen Kummer seiner Mitbürger und aller, die ihn kannten, ja die ihn nur hatten nennen hören. Denn er war nicht nur ein ausgezeichneter Maler, sondern auch ein ebenso guter Christ gewesen. Nach Verdienst wurde er im Tode durch ein feierliches Leichenbegängnis geehrt, da er im Leben von jedermann geliebt worden war, besonders von ausgezeichneten Menschen jedes Standes, unter denen außer Dante auch Petrarca zu nennen ist, der Giotto und seine Kunst hoch verehrte. Der Meister wurde in Santa Maria del Fiore begraben, wo auf der linken Seite, wenn man in die Kirche tritt, ein weißer Marmorstein zum Gedächtnis dieses großen Mannes gesetzt ist.

Er war, wie schon erwähnt, sehr fröhlich und führte gerne witzige und scharfe Reden, die in Florenz in lebhaftem Andenken stehen. Man erzählt auch, Giotto habe in der Zeit, da er noch als Knabe bei Cimabue war, einer Figur seines Meisters eine Fliege so natürlich auf die Nase gemalt, daß Cimabue, als er sich bei seiner Rückkehr an die Arbeit setzte, sie als eine wirkliche Fliege mehrmals mit der Hand fortscheuchen wollte, ehe er des Irrtums gewahr wurde.

Giotto blieb nicht nur durch die Arbeit seiner Hände in lebhaftem Andenken, sondern auch durch die Werke der Schriftsteller jener Zeit, weil er es war, der die wahre Art zu malen wiedergefunden hatte, die lange Jahre verloren gewesen war. Daher wurde durch öffentliches Dekret und auf Verwendung des glorreichen Lorenzo des Älteren von Medici, der mit besonderer Zuneigung die Kunst dieses großen Mannes verehrte, seine Büste in Santa Maria del Fiore aufgestellt. Sie war von dem vortrefflichen Bildhauer Benedetto da Maiano in Marmor gearbeitet und mit einer Inschrift von dem göttlichen Angelo Poliziano versehen, um allen, die sich in irgendeinem Fach auszeichnen, Hoffnung zu geben, daß sie bei anderen Anerkennung finden werden, wie sie Giotto reichlich verdiente und von Lorenzos Güte empfing.

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